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Berlin Allesandersplatz

Seit zehn Jahren steht das Haus der Statistik im Herzen der Hauptstadt leer. Doch eine Künstlerinitiative kämpft dafür, dort Raum für alle zu schaffen – mit Erfolg.





Leona Lynen erklärt Bürgern, wie sie hier mitbestimmen können

• Harry Sachs hat sich getarnt: graue Cargohose, gelbe Warnweste, blauer Helm. Es ist Mittwoch, der 16. September 2015, sieben Uhr morgens, als der Künstler, der nun aussieht wie ein Bauarbeiter, einen Lastwagen parkt. Auf der Ladefläche ist eine Arbeitsbühne befestigt. Mit dieser fährt Sachs an der Fassade des elfstöckigen Gebäudes hinauf und hängt ein Plakat auf. Die Aktion ist illegal, doch weder die Passanten noch ein Sicherheitsmann schöpfen Verdacht, als sie auf dem Plakat lesen: „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales. Gefördert von Berlin, EU und der Bundesregierung.“ Nur Harry Sachs ist nah genug, um zu erkennen, dass das „ö“ in „gefördert“ in Wirklichkeit ein „o“ ist.

Am selben Tag um 13 Uhr steht Sachs vor der Weltzeituhr am Alexanderplatz, zu der Kundgebung hat er Journalisten eingeladen. Er ruft in sein Megafon, dass die Stadt an Großinvestoren verkauft werde, dass für Künstler kein Raum bleibe und es gerade am Alexanderplatz nur um Kommerz und nicht um Begegnung gehe. „Wir brauchen einen Ort, der sich diesem Shopping- und Hochglanzquartier mit einem Stück Lebenskultur entgegenstellt, einen Ort für alle“, ruft er. „Und wir haben diesen Ort gefunden.“

Sachs führt die Zuhörer ein paar Schritte weit vor das Hochhaus, an dem er das Plakat aufgehängt hat. Es ist das Haus der Statistik. Er gibt ein paar Minuten lang Interviews, als die Polizei die nicht angemeldete Kundgebung beendet. „Wir fordern nur, was realistisch ist“, ruft er. „Aufbauen statt abreißen.“ – „Wir finden ja auch gut, wofür Sie sich einsetzen“, sagen die Beamten, „aber wir müssen jetzt durchgreifen.“ Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Am folgenden Tag wird das Plakat beschlagnahmt.

Die Protestaktion steht für eine große Frage: Wem gehört die Stadt? Wie wollen wir den öffentlichen Raum nutzen? Lassen wir die Gentrifizierung geschehen? So wird der Prozess bezeichnet, in dem ehemals einfache, bürgerliche Stadtviertel hip werden – in der Folge steigen meist die Mieten, die ursprünglichen Bewohner werden verdrängt und bislang freie oder gemeinschaftlich genutzte Flächen interessant für eine kommerzielle Nutzung.

Eine derartige Entwicklung beobachten Sachs und seine Mitstreiter auch in Berlin-Mitte. Bis zu 375.000 Menschen eilen jeden Tag über den Alex – eher nicht, um dort zu verweilen, sondern um einzukaufen oder umzusteigen. Für Kulturschaffende wie ihn sei im Viertel kaum noch Platz, sagt Sachs. Ungewöhnlich ist, dass es ihm und seinen Verbündeten nun offenbar gelungen ist, diesen Prozess konstruktiv zu stören.


Harry Sachs zeigt Besuchern das Haus der Statistik von innen – bald beginnt die Renovierung. Derzeit ist das Gebäude verkommen und völlig ausgeschlachtet.

Das Haus der Statistik, ein riesiger freier Raum nahe des Alexanderplatzes in der Otto-Braun-Straße 70–72, hat 40.000 Quadratmeter Fläche, ist ein Komplex aus sechs Gebäudeteilen und steht seit zehn Jahren leer. Die Fassade bröckelt, „Stop Wars“ hat jemand ganz oben hingepinselt, in allen Etagen fehlen die Fensterscheiben.

Einst nutzte die Zentralverwaltung für Statistik der DDR das Gebäude, Baujahr 1970, unter anderem, um die Fünfjahrespläne der SED-Regierung auszuarbeiten. Nach der Wiedervereinigung diente das Haus unter anderem als Zweigstelle des Statistischen Bundesamtes. Weil das Gebäude immer weiter verfiel, mussten 2008 alle Mieter ausziehen. Inzwischen zieht es nur noch Sprayer, Obdachlose und Vögel hierher. Als Christian Hanke 2015 auf Facebook von der Plakataktion las, kommentierte er: „Eine tolle Idee.“ Der damalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte setzte sich für gemeinwohlorientierte Räume in der Berliner Innenstadt ein. Doch gegen die politische Linie des Landes Berlin, eigene Immobilien zu verkaufen, war schwer anzukommen. Die Künstlerinitiative kam ihm deshalb gerade recht.

Im November 2018 sitzt Christian Hanke in einem Café im Wedding. Zehn Jahre war er Bürgermeister, bis die SPD 2016 die Wahl verlor. Wenn er von seiner Amtszeit erzählt, schwingt Bedauern mit – darüber, dass das Flair des experimentellen Berlins verloren gegangen sei. Heute arbeitet Hanke wieder in seinem früheren Beruf als Lehrer. „Das ist meine Therapie, um von der Politik loszukommen.“

Die Künstler hätten ihn damals tief beeindruckt, erzählt er. „Als ich mich mit ihnen traf, legten sie konkrete Zahlen auf den Tisch. Die hatten sich Gedanken über den möglichen Wert des Gebäudes gemacht und sich mit sozialen Einrichtungen vernetzt.“

Die Initiative wollte ein Gemeinschaftsprojekt schaffen: soziale Einrichtungen, Flüchtlinge, Obdachlose, Kultur – Gruppen, für die es in der Stadt eng wurde, sollten hier einen Raum finden. Bürgermeister Hanke nannte die Pläne eine „einmalige Chance“ für den Alexanderplatz. „Damals hoffte ich, die Gentrifizierung aufhalten zu können.“ In den Künstlern fand er Verbündete. Hanke sagt: „Ohne die Plakataktion wäre das Projekt nicht möglich gewesen.“ Die Initiative sagt: „Christian Hanke war unser Türöffner.“

Dass der damalige Bezirksbürgermeister allein durch seine Position kaum etwas bewirken konnte, hatte auch mit den komplizierten Besitzverhältnissen zu tun. Das Haus der Statistik gehörte dem Bund und lag damit außerhalb Hankes politischer Wirkungsmacht. Verwaltet wurde das Gebäude von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Das Grundstück selbst dagegen gehört dem Land Berlin.

Bestärkt von der Initiative, begann Hanke, in der Bezirksverordnetenversammlung und im Berliner Senat Überzeugungsarbeit zu leisten. Da das Grundstück dem Land Berlin gehöre, sei die Bima in einer schlechten Verhandlungsposition, argumentierte er. „Die Bima stand auch unter politischem Druck, weil in der damaligen Großen Koalition in Berlin die Erkenntnis gereift war, man sollte besser doch nicht alles zum Höchstpreis verkaufen“, sagt Hanke.

Wie ein guter Rohbau

Er und die Künstler überredeten den damaligen Finanzsenator zu einem Gespräch. Er wollte ein Finanzierungskonzept sehen. „Da haben wir gejubelt“, erzählt Hanke. Architekten legten eine Kostenkalkulation vor. Sie zeigten, dass Abreißen nicht billiger sein würde als Renovieren. Der Stahlskelettbau des Gebäudes sei wie ein guter Rohbau, der mit neuen Fassaden versehen werden könne.

Daraufhin argumentierte Berlin vor dem Bund, dass die eigene Verwaltung Flächen brauche, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Mit Erfolg: Im Rahmen des Hauptstadtfinanzierungsvertrages stellte der Bund dem Land 2017 das Ensemble für 57 Millionen Euro zur Verfügung. Die Finanzverwaltung plante, auf dem Gelände einen ihrer Betriebe unterzubringen und das Rathaus Mitte, dessen Mietvertrag 2028 ausläuft. Allerdings: Für Kultur war nur wenig Platz vorgesehen. Sachs und seine Mitstreiter kämpften weiter.

Schließlich einigt man sich: Die Initiative der Künstler bekommt 20 Prozent aus den Bestandsgebäuden. Die zwei Flachbauten sollen abgerissen werden, an ihrer Stelle ist ein Neubau geplant. 23 Prozent dieses Neubaus soll die Initiative nutzen können, zusätzlich sollen dort Wohnungen entstehen, und das künftige Rathaus Mitte wird dort einziehen. Christian Hanke sagt heute: „Das ist zwar kein selbstverwaltetes Objekt, wie wir es uns damals vorgestellt haben. Aber die Bürger haben sich mehr Platz erkämpft als ursprünglich erhofft.“ Harry Sachs und seine Initiative haben genug Raum, um ihre Pläne umzusetzen.

„Die Haltung, leer stehende Gebäude nach Möglichkeit noch zu nutzen, finde ich richtig“, sagt Tim Rieniets, Professor für Stadt- und Raumentwicklung an der Leibniz Universität Hannover. „Die Bauwirtschaft ist der größte Ressourcenfresser überhaupt. Es wird immer lieber abgerissen, als zu sanieren, weil sich so risikofreier planen lässt.“ Das Haus der Statistik sei auch ein gutes Beispiel dafür, wie Bezirkspolitik von bürgerschaftlichem Engagement profitiere. „Kunst- und Kulturschaffende haben einen politischen Prozess in Gang gesetzt, mit dem Ergebnis, dass alle an einem Tisch sitzen. Die Politik scheint verstanden zu haben, dass sie Bürgerschaftsinitiativen in die Stadtentwicklung einbeziehen muss.“

Ein Pavillon am Fuße des DDR-Baus, „Werkstatt Haus der Statistik“ steht über dem Eingang. In dem Raum sitzt Leona Lynen, 30 Jahre alt, vor ihrem Laptop und plant ein Nachbarschaftsfest. Früher spürte die Stadtforscherin Projekte in ganz Europa auf, die durch Bürgerinitiativen entstanden sind. Heute erklärt sie den Bürgern, wie sich das Haus der Statistik in der Vergangenheit entwickelt hat – und wie sie dessen Zukunft mitbestimmen können.

An dem Projekt sind fünf Kooperationspartner beteiligt, die alle mitreden: der Bezirk, das Land, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM), die Berliner Immobilienmanagement GmbH und die Initiative, die sich zur Genossenschaft „Zusammenkunft“ formiert hat und die Bürger vertritt. In einem Werkstattverfahren soll gemeinsam mit Bürgern die künftige Nutzung der Gebäude ausgehandelt werden.

Noch im Frühjahr soll das Konzept stehen, das als Grundlage für einen Bebauungsplan dienen wird. Im Gespräch sind eine Kita, eine Obdachlosenhilfe, ein Seniorentreff und gastronomische Angebote. Die ersten Mieter werden demnach im Jahr 2023 einziehen. Bis die neuen Gebäude stehen, wird das alte für kulturelle und soziale Projekte geöffnet. „Das Haus der Statistik soll Modellcharakter haben“, sagt Lynen – die Wohnungen etwa sollen auch mit geringem Einkommen bezahlbar sein.

Das Gebäude mit der Aufschrift „Stop Wars“ will vor allem die Initiative entwickeln. Deshalb verteilt Harry Sachs heute gelbe Warnwesten. Eine Statikerin, die Mitarbeiterin eines Kulturfestivals und Mitglieder der Initiative stehen im Hof und blicken erwartungsvoll durch die Fenster, als Sachs die Tür zum Haus der Statistik aufschließt. Seit ein paar Tagen hat er einen eigenen Schlüssel.

Gemeinsam Tauben betreuen

Mit einer Taschenlampe weist Sachs den Weg. Kalter Wind pfeift durch die unwirtlichen Gänge. Die Innenwände sind mit Löchern übersät, Glassplitter liegen auf dem Boden, die Kabelschächte an den Decken sind leer, fast alle Heizungen herausgerissen. Sachs erklärt: „Die Leute haben sich hier jahrelang bedient. Das Haus wurde regelrecht ausgeschlachtet.“ Die Fenster seien dagegen ganz offiziell entfernt worden. „Obdachlose sollen sich hier anscheinend nicht wohlfühlen.“

Trotzdem stolpert man ständig über leere Bierdosen, zerbrochene Sektflaschen oder zurückgelassene Kleider. Die menschlichen Hinterlassenschaften in manchen Ecken und sogar an Wänden nehmen die Gäste stillschweigend zur Kenntnis, während sie durch die Räume laufen. In einem Raum mit vergilbten Gardinen bleiben sie stehen. „Bibliothek“ steht an der Tür. Auf dem grau gemusterten Teppich liegt eine tote Taube. „Das hier ist Europas größter Taubenschlag“, sagt Sachs und zeigt nach oben in den Skelettbau. „In den Zwischendecken bauen die Tiere ihre Nester. Sie holen sich ihren Lebensraum zurück.“ Er klettert eine verrostete Treppe hoch und stößt eine Eisentür auf: „Hier auf dem Dach schwebt uns ein Projekt mit Taubentürmen vor. Junge Flüchtlinge und ältere Menschen aus der Nachbarschaft könnten hier zusammenkommen und die Tiere betreuen.“

Die Statikerin wippt, um den Boden zu testen. „Eine After-Work-Party mit 400 Leuten wird hier aber schwierig“, sagt sie. An anderen Stellen urteilt sie: „Noch relativ stabil.“ Die Gruppe ist im nächsten Bau angekommen. „Die Räume hier eignen sich für Ausstellungen, Kunstprojekte und Konzerte“, sagt Sachs. Die Festival-Mitarbeiterin nickt zufrieden.

Einen Namen für all das, was hier entstehen soll, hat die Initiative jedenfalls schon gefunden: Allesandersplatz. ---