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Zu schön, um falsch zu sein

Wenn man sich das Fiktive nur gut genug ausdenkt, kann es wahr werden – wie ein Ort, ein Name und ein Präsident zeigen.





Ein beliebtes Reiseziel, das nicht existiert

Als man sich noch nicht von Satellitenbildern helfen lassen konnte, war es aufwendig, Landkarten zu zeichnen. Umso verlockender, einfach zu übernehmen, was andere schon mühsam ausgemessen hatten. Deshalb versuchten Kartografen ihre Arbeit mit einem Trick vor Raubkopierern zu schützen: Sie zeichneten fiktive Orte in Landkarten ein, sogenannte Paper Towns. Wenn tatsächlich jemand das Werk kopierte, konnten die Urheber die Schummler anhand der Paper Towns überführen.

Die Kartografen Otto G. Lindberg und Ernest Alpers trugen 1925 in ihre Karte des Bundesstaats New York den fiktiven Ort Agloe ein, der Name war zusammengewürfelt aus den Anfangsbuchstaben ihrer Namen. Als der Verlag Rand McNally einige Jahre später Karten veröffentlichte, auf denen es Agloe gab, schien klar: Hier war kopiert worden. Lindberg und Alpers klagten wegen Urheberrechtsverletzung, verloren den Prozess aber, denn die Anwälte von Rand McNally hatten zu ihrem Glück herausgefunden: Agloe existierte inzwischen wirklich.

1930 hatte ein Mann den Ortsnamen auf der Karte entdeckt und seine Fischerhütte dort Agloe Fishing Lodge genannt. Auch ein Gemischtwarenladen machte auf, der Agloe General Store. In den Fünfzigerjahren konnte man sogar Postkarten kaufen, auf denen grüne Hügel, ein Bach und ein Häuschen zu sehen sind, die Fischerhütte. Darüber steht: Agloe Lodge on the Beaverkill. Bis in die Neunzigerjahre war der Ort in Karten eingezeichnet. Auch Google nahm ihn in Maps auf, löschte ihn aber 2014 wieder.

Heute existieren weder Fischerhütte noch Laden, auch sonst gibt es in Agloe offenbar nichts, und doch ist der Ort als Reiseziel sehr beliebt. Das liegt an einem Buch: 2008 erschien der Jugendroman „Paper Towns“ von John Green, der in Agloe spielt.

Seitdem reisen Fans dorthin und filmen sich gegenseitig dabei, wie sie im Nichts zwischen Wald und Wiese die Ortschaft suchen. Einer präsentiert in seinem Video auf Youtube eine Ruine, die er für einen Überrest des Ladens hält. Ein anderer hat irgendwann dort, wo er meinte, den Ort gefunden zu haben, ein freundliches Schild angebracht: „Willkommen in Agloe, Heimat des Agloe General Store. Besuchen Sie uns bald wieder.“

Hätte der Volksmund sagen können

Die Berliner geben den Bauten ihrer Stadt bekanntlich Namen, die sie lustig finden. Die Kongresshalle nennen sie „Schwangere Auster“, die Kuppel des Reichstags „Eierwärmer“ und das Kanzleramt „Bundeswaschmaschine“. Eines Tages regte sich der Journalist Andreas Kopietz so sehr über diesen angeblichen Volksmund auf, der doch nur von „Tourismusagenten oder sonst wem“ erfunden sei, dass er sich einen Scherz ausdachte – und der verselbstständigte sich.

Am Abend des 16. Februar 2009 sei das Fernsehprogramm langweilig gewesen und er selbst schon beim zweiten Glas Rotwein, schreibt Kopietz später in der »Frankfurter Rundschau« und der »Berliner Zeitung«. So sei es passiert, dass er den Wikipedia-Eintrag zur Karl-Marx-Allee um einen Satz ergänzte: „Wegen der charakteristischen Keramikfliesen wurde die Straße zu DDR-Zeiten im Volksmund auch ,Stalins Badezimmer‘ genannt.“ Kurz habe er gezögert, aber dann „hatte ich um 21.13 Uhr mein Weinglas schon versehentlich auf die Enter-Taste gestellt“.

Mitarbeiter von Wikipedia prüfen die Beiträge, bevor diese veröffentlicht werden. In diesem Fall versagte das Kontrollsystem, der Artikel wurde für glaubwürdig befunden und erschien. Bald übernahmen Tourismusfirmen und Stadtführer den Begriff, es folgten Blogs und Zeitungen. Selbst die von Medienrechtlern entwickelte Plattform Wiki-Watch stufte den Artikel als „zuverlässige Quelle“ ein. Auch in der »Berliner Zeitung« wurde der Begriff erwähnt, woraufhin sich ein Leser beschwerte. Ihm sei die Bezeichnung neu.

Im März 2011 habe er ein schlechtes Gewissen bekommen, schreibt Andreas Kopietz, und Stalins Badezimmer aus Wikipedia gelöscht. Doch der Begriff ließ sich nicht mehr entfernen, zumindest nicht länger als zweieinhalb Stunden. Denn dann machte ein Wikipedia-Mitarbeiter die Änderung rückgängig, Stalins Badezimmer war Wirklichkeit geworden.

Nachdem der Autor den Irrtum öffentlich gemacht hatte, verschwand der Eintrag zwar aus Wikipedia und den meisten Stadtführern. Auf manchen Websites jedoch gibt es Stalins Badezimmer noch heute. Es ist einfach zu schön, um falsch zu sein.

Plötzlich Präsident

Die ukrainische Fernsehserie „Diener des Volkes“ ist ein Märchen. Es beginnt mit der Wutrede des Geschichtslehrers Wassili Goloborodko: Nach dem Unterricht schimpft er im Klassenzimmer über die idiotischen, korrupten Politiker des Landes, die sich doch nur selbst bereicherten. Zwar ist nur der Hausmeister im Raum, doch ein Schüler filmt den Lehrer durch ein Fenster und stellt das Video online. Daraufhin dauert es nur ein paar Tage, bis Herren in Anzügen an der Wohnungstür von Goloborodko klingeln. Er steht im Unterhemd da und schaut verdutzt, als sie ihm verkünden, er möge ab sofort regieren – wegen seiner zornigen Rede sei er zum neuen Präsidenten gewählt worden.

Seit 2015 sahen die Ukrainer dem Geschichtslehrer dabei zu, wie er als Präsident naiv, aber engagiert gegen Korruption und für eine ehrliche Politik kämpfte. Sie waren begeistert, die Serie hatte enorm hohe Einschaltquoten. Auf Youtube wurden einzelne Folgen mehr als elf Millionen Mal angeklickt.

Der Komiker, der den Geschichtslehrer spielte, erkannte, dass er für ein ganzes Volk zur perfekten Projektionsfläche geworden war. Da beschloss Wladimir Selenski, seine Rolle in die Wirklichkeit zu überführen. Als Schauspieler ist er in der Ukraine schon lange beliebt, als Mitgründer der erfolgreichen Film- und Fernsehproduktion Kwartal 95 hat er Einfluss, zum Beispiel auf das Fernsehprogramm: Am vergangenen Silvesterabend, kurz vor der Neujahrsansprache des damaligen Präsidenten Petro Poroschenko, wandte Selenski sich im Fernsehen an seine Mitbürger. Er wolle im Land etwas ändern und trete deshalb bei den Präsidentschaftswahlen an. Darüber hinaus gründete er eine Partei, die er genauso nannte wie die Serie: Diener des Volkes. Im Wahlkampf schickte er fast täglich Videos in die Welt, in denen er in die Kamera sprach. Auf Instagram folgen ihm inzwischen mehr als acht Millionen Abonnenten.

Selenski trug selbst dazu bei, Fiktion und Realität zu verschmelzen: Im Wahlkampf ließ er vor seiner Show den Trailer zur dritten Staffel der Serie abspielen. Darin ist er in der Rolle des Präsidenten zu sehen, wie er in einem fiktiven Interview über seine fiktiven Ziele spricht: Frieden im Donbass und die Rückeroberung der annektierten Krim.

Man könnte den Ukrainern kaum einen Vorwurf machen, wenn sie hin und wieder durcheinanderkämen mit Serie und Wirklichkeit. Seit vier Jahren verfolgen sie jede Entscheidung des Präsidenten, sind immer live dabei. Nach dem Amtsantritt etwa soll Selenski, nein, Goloborodko, mit Statussymbolen ausgestattet werden. Er bekommt teure Uhren angeboten, von denen er sich eine aussuchen soll. Doch er lehnt ab. Im Vorspann der Serie sieht man, wie er morgens mit dem Fahrrad zum Regieren fährt. Wer so bescheiden lebt, wird sich auch als Politiker nicht bereichern! Und ob der edle Politiker nun Goloborodko heißt wie die Serienfigur oder Selenski wie der Darsteller, was spielt das für eine Rolle? Am 20. Mai 2019 jedenfalls trat Selenski seinen Dienst als Präsident der Ukraine an. Ja genau, der Geschichtslehrer. ---