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Sulin Sardoschau

In der Debatte um Einwanderung regieren die Emotionen. Die Ökonomin Sulin Sardoschau schaut auf die Zahlen. Was verraten sie über die Einstellung zu Zugewanderten?





brand eins: Frau Sardoschau, wie kommt die Migrationsforschung zu ihren Erkenntnissen?

Sulin Sardoschau: Die gängigste Methode sind Umfragen zu allen möglichen Dimensionen von Einwanderung nach dem Motto: Wie bewerten Sie die Einwanderungspolitik der Bundesregierung? Als wie bedrohlich nehmen Sie bestimmte Einwanderergruppen wahr? Wie hoch schätzen Sie deren ökonomischen oder kulturellen Beitrag ein? Das Problem dabei ist immer: Menschen neigen in Umfragen zu Antworten, die sie als erwünscht einschätzen. Entsprechend intelligent müssen die Fragetechniken sein, um diesen Effekt zumindest zu begrenzen. Der zweite große Ansatz, die Akzeptanz von Migranten zu quantifizieren, ist, tatsächliches Verhalten zu beobachten. Dazu zählen die Wahlergebnisse. Wir Migrationsforscher schauen aber auch genau hin, ob Menschen aus bestimmten Vierteln mit hohem Migrationsanteil wegziehen oder ob Viertel mit kultureller Vielfalt attraktiver sind. Oder ob der Anteil interkultureller Ehen steigt oder sinkt. Daraus lassen sich dann ebenfalls Rückschlüsse ziehen, oft weniger verzerrt.

Und wie messen Sie den wirtschaftlichen Nutzen von Migration?

Die einfachste Methode ist, die Steuereinnahmen durch Einwanderer und bezogene Sozialleistungen gegenzurechnen. Eine 2014 veröffentlichte Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kommt für Deutschland zu einem Saldo von 3300 Euro Gewinn pro Person und Jahr. Auf die gleiche Weise kommt eine andere Studie, die auf der Basis von Eurostat- und OECD-Daten die wirtschaftlichen Effekte von Asylsuchenden in 15 westeuropäischen Staaten untersucht, zu folgendem Ergebnis:

Steigt die Zahl dieser Menschen in einem Land um ein Prozent, wächst im nächsten Jahr das Pro-Kopf-Netto-Steuereinkommen, also Steuereinnahmen minus Sozialleistungen, um 0,11 Prozent. Grundsätzlich steigt der ökonomische Mehrwert mit der Aufenthaltsdauer. Die Beschäftigungsquote der Geflüchteten, die seit 2015 gekommen sind, beträgt jetzt bereits 35 Prozent. Der Anteil der Syrer und Iraker, die Sozialleistungen beziehen, ist zwischen 2016 und 2017, also binnen eines Jahres, um zehn Prozent gesunken. Das sind harte Kennzahlen für steigende ökonomische Integration, die oft nicht wahrgenommen werden.

Die Geflüchteten der vergangenen Jahre sind ein besonders emotional besetztes Thema. Wie steht es um die Wahrnehmung von Eingewanderten insgesamt?

Im Kern gilt auch hier: Wahrnehmung und Realität klaffen weit auseinander. Harvard-Wissenschaftler haben in einigen westlichen Staaten repräsentativ ausgewählte Einheimische raten lassen, wie hoch die Arbeitslosigkeit von Migranten in ihrem Land ist. In dieser Studie schätzten Deutsche die Quote auf 40 Prozent, tatsächlich liegt sie bei 7 Prozent. Sie überschätzten auch den Anteil von Muslimen unter Einwanderern. Geschätzt wird dieser auf 44 Prozent, tatsächlich liegt er bei rund 30 Prozent. Die Bürger hierzulande glauben zudem, dass 34 Prozent der Migranten in Armut leben. Tatsächlich sind es 21 Prozent. Das zeigt, dass es bei diesem Thema großen Aufklärungsbedarf gibt.

Würde die Kenntnis der sozialökonomischen Fakten zu mehr Akzeptanz von Einwanderern führen?

Experimente in den USA und Frankreich haben gezeigt: Die Einstellung zu Einwanderung oder Einwanderungspolitik ändert sich auch dann kaum, wenn Menschen, die faktisch falsche Vorstellungen haben, mit den korrekten Zahlen konfrontiert werden. Offenkundig ist die Ablehnung viel stärker kulturell bedingt als ökonomisch. Reine Information, so ist der Stand der Wissenschaft heute, ändert die Wahrnehmung viel weniger als rational erwartbar.

Was kann die Einstellung zu Einwanderung beeinflussen?

Persönliche Interaktion. Kein Klischee, sondern empirisch gut belegt ist, dass Einheimische in Regionen mit geringem Zuwandereranteil Migration stärker ablehnen als in Regionen oder Städten mit kulturell heterogener Bevölkerung. In Österreich ist zu beobachten, dass die Zustimmung zur rechtspopulistischen FPÖ besonders dort angestiegen ist, wo Flüchtende in großer Zahl über die Grenze gekommen sind, aber nur für kurze Zeit untergebracht waren. In den Regionen, in denen sie dann dauerhaft wohnen, ist die Zustimmung zu rechten Parteien gar nicht oder zumindest weniger stark angestiegen.

Es gibt Studien aus Schweden und Dänemark, die auf das Gegenteil hindeuten. In Orten, in denen besonders viele Asylsuchende untergebracht wurden, stieg die Zustimmung zu Parteien, die Einwanderung strikt begrenzen wollen. Gleichzeitig sank dort die Zustimmung zu einem großzügigen Sozialstaat. Beide ehemals liberale Länder sind ja dann auch auf eine sehr restriktive Einwanderungspolitik umgeschwenkt.

Es gibt in der Migrationsforschung in der Tat auch eine Gegenthese. Die ist angelehnt an Robert Putnams Idee von „bowling alone“. Sie besagt: Je diverser Gesellschaften werden, desto weniger Gemeinschaftsgefühl und Solidarität gibt es. Der soziale Kitt verschwindet. Das wäre ein Erklärungsmuster für die skandinavischen Ergebnisse, das aber nicht zwingend der Interaktionsthese widerspricht.


Sardoschau: „Wahrnehmung und Realität klaffen weit auseinander“

Warum nicht?

Weil die Flüchtlinge in Schweden und Dänemark oft ziemlich abgegrenzt gewohnt haben. Sie durften ähnlich wie in Deutschland während sehr langer Asylverfahren oft nicht arbeiten. Es gab dort also relativ wenig Interaktion. Eine deutsche Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt übrigens, dass die überwiegende Mehrheit nicht die Konkurrenz von Migranten auf dem Arbeitsmarkt fürchtet. Ausgeprägter ist die Ablehnung des Bezugs von Sozialleistungen durch Migranten – besonders unter jenen Deutschen, die selbst Ansprüche darauf haben.

Unter marktliberalen US-Ökonomen wird zurzeit die Idee diskutiert, dass Einwanderer mit Erhalt der Einwanderungsgenehmigung eine Art Eintrittsgeld in ein Land zahlen sollten. Oder für einen bestimmten Zeitraum erhöhte Steuern. Die Einnahmen könnten dann entweder in den Sozialstaat investiert oder direkt an die Bürger ausgezahlt werden, sodass diese von Migration profitieren. Das, so die Idee, könnte die Akzeptanz von Migration steigern.

Das hört sich zunächst interessant oder originell an. Aus ihr spricht auch das Selbstbewusstsein der USA als Magnet für Talente aus aller Welt. Für Deutschland ergibt sie ganz gewiss keinen Sinn.

Warum nicht?

Wir sprechen bislang nur darüber, wie Deutsche Migrantinnen und Migranten wahrnehmen. Ebenso wichtig ist, wie potenzielle Einwanderer Deutschland sehen. Auch das wird hierzulande falsch eingeschätzt. Der vorgeschlagene Migranten-Obolus kann sich nur auf Fachkräfte und Hochqualifizierte beziehen. Nur sie könnten ihn zahlen. In der deutschen Politik herrscht zurzeit die Vorstellung: Wir müssen nur die Regeln für die Fachkräftezuwanderung etwas anpassen, und schon stehen die Hochqualifizierten aus aller Welt Schlange. Das ist eine absurde Selbstüberschätzung. Deutschland steht in harter Konkurrenz um qualifizierte Migrantinnen und Migranten und hat dabei eine Reihe struktureller Nachteile. Dazu gehört, dass Deutsch im Unterschied zu Englisch keine Weltsprache ist. Viele Unternehmen mit Fachkräftebedarf, die berühmten Hidden Champions, sitzen in ländlichen Regionen – und nicht wie in den USA, Kanada oder Australien in Metropolen an der Küste mit einer kulturell vielfältigen Bevölkerung. Deutschland müsste wohl eher darüber nachdenken, qualifizierten Talenten aus aller Welt eine Art Willkommensbonus zu bezahlen.


Ohne Zuwanderung werden Produktivität und Wohlstand sinken. Alle diskutieren über die Kosten der Zuwanderung. Über die Kosten ausbleibender Zuwanderung spricht niemand.

Das scheint angesichts der aktuellen Debatte eher unwahrscheinlich.

Klar. Aber Deutschland könnte zumindest anfangen, Fachkräften bei der Anerkennung ihrer Diplome nicht so viele Steine in den Weg zu legen. Das geschieht selbst dann, wenn diese ein Jobangebot vorliegen haben. Deutsche Sprachkenntnisse als Voraussetzung, überhaupt einen Antrag auf Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung stellen zu können, sind ebenfalls eine hohe Hürde. Das Problem ist: Hochqualifizierte Menschen müssen oft erst Deutsch lernen, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich kommen dürfen. Da bewerben sie sich doch lieber gleich in einem englischsprachigen Einwanderungsland. Erst wenn sie dort aussortiert werden, versuchen sie es hier. Das ist auf Dauer ein Nachteil für Deutschland, denn die demografischen Studien zeigen: Ohne Zuwanderung werden Produktivität und Wohlstand sinken. Alle diskutieren über die Kosten der Zuwanderung. Über die Kosten ausbleibender Zuwanderung spricht niemand.

Warum traut sich das keine Partei, auch nicht die Grünen oder die Linke?

Wenn Bürger den Eindruck haben, dass der Staat die Kontrolle über die Zuwanderung verloren hat, ist ein konstruktiver Diskurs über Einwanderungspolitik nicht mehr möglich. Dann gewinnen die Populisten die Debatten-Hoheit, nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Gleichzeitig haben zurzeit 80 Prozent der Deutschen den Eindruck, dass die deutsche Politik keine schlüssige Vorstellung davon hat, wie das Land langfristig Einwanderung steuern will. Keine Partei traut sich heute zu sagen: Wir brauchen langfristig viel mehr Migration, wenn wir unseren Wohlstand halten wollen. Dabei ist genau das objektiv der Fall. Ich bin davon überzeugt, dass ein optimistisches und konkretes Leitbild für die Migrationspolitik in Deutschland die Akzeptanz für Menschen, die herkommen, höbe. Es würde das Land auch für Talente weltweit attraktiver machen. Dafür müssten allerdings die Geflüchteten, die bereits hier sind, zunächst entstigmatisiert werden.

Was meinen Sie damit?

Die Geflüchteten werden überwiegend als Bittsteller gesehen, von denen möglichst viele wieder gehen sollen, sobald es die Umstände in ihren Heimatländern zulassen. Ein ganz nüchterner Blick auf die Zahlen verrät etwas anderes: Die Geflüchteten sind eine wirtschaftliche Chance. Deutschland sollte sie nutzen und dafür in Integration investieren. Die Akzeptanz stiege durch die zunehmende Interaktion langfristig. Wenn wir stattdessen Geflüchtete weiter stigmatisieren, zahlen wir die sozialen Folgekosten der fehlenden Integration und der Abwanderung der besonders Qualifizierten und Ambitionierten unter ihnen. ---

Sulin Sardoschau, 30,
ist promovierte Ökonomin am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung mit dem Fokus auf angewandte Ökonometrie. Sie hat Internationale Volkswirtschaftslehre und Orientalistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen studiert und anschließend den Master in Empirischer und Theoretischer Ökonomie an der Paris School of Economics abgeschlossen, wo sie auch zu Themen der Migration, politischen Ökonomie und Entwicklungsökonomie promoviert hat. Sardoschau war zeitweise an der Universität Harvard tätig. Außerdem hat sie für die Europäische Kommission und die OECD die internationale Entwicklungskooperation erforscht.