Schwindelfrei

Gegen Wahrnehmungsstörungen hilft nur, sich die Wirklichkeit genauer anzusehen.





1. Wackelbilder

Mal
lächelt
der
Große
Vorsitzende.
Dann
guckt
er
streng. Kommt ganz darauf an, wie man Mao sieht.

Dafür ist noch nicht einmal eine Gesinnung nötig, die die Welt der Einfachheit halber in Gut und Böse, große Revolutionäre oder mordlustige Tyrannen unterteilt. Die Geschichte, also die Praxis, lehrt ohnehin, dass das eine nicht vom anderen zu trennen ist. Hier ist die Sache noch schlichter.

In den harten Zeiten der Kulturrevolution der Sechzigerjahre wurden in der Volksrepublik China Millionen von Mao-Bildern zu Propagandazwecken in Umlauf gebracht, die mithilfe des sogenannten Lentikulardrucks erstellt worden waren. Das ist eine relativ preiswerte und gleichsam eindrucksvolle Technik, bei der ein Objekt aus mindestens zwei unterschiedlichen Perspektiven fotografiert und gedruckt wird. Wackelt man mit dem Bildchen, dann scheint sich das Ganze zu bewegen. Dreh Mao nach rechts, und er guckt streng, jetzt nach links, und er lacht. Das Wackelbild, so die populäre Bezeichnung für den Lentikulardruck, war damals groß in Mode, und selbst große Künstler wie Andy Warhol haben sich in dieser Technik versucht.

Kleine Lentikulardruckbildchen wurden mit der kapitalistischen Wende der Volksrepublik China zu einem der ersten Massenexportartikel Richtung Westen. Eine Generation, die noch nicht ihren Hochleistungsrechner in der Hosentasche mit sich herumtrug, um damit jederzeit ein Selfie zu machen, war von solch unkomplizierter Technik fasziniert.

Noch irritierender waren die Bilder des niederländischen Grafikers M. C. Escher, der beispielsweise Treppen zeichnete, die es in Wirklichkeit nicht geben konnte, obwohl sie auf dem Bild klar als solche zu erkennen waren. Eschers „unmögliche“ Arbeiten wurden 1985 durch das Buch „Gödel, Escher, Bach“ des amerikanischen Kognitionswissenschaftlers Douglas R. Hofstadter auf der ganzen Welt bekannt. Staunend nahmen die Leute wahr, was Escher zeichnete – was man sehen, aber nicht verstehen konnte.

Die Sehgewohnheiten waren herausgefordert, jene Perspektive, die der amerikanische Schriftsteller und Menschenkenner David Foster Wallace als Standardeinstellung bezeichnete und Psychologen als selektive Wahrnehmung.

2. Schwindelgefühle

Das ist, kurz gesagt, eine Art festgenagelte Sichtweise, die völlig unbeweglich ist, bei der nichts wackelt, sondern die nur zu dem passt, was wir schon kennen – seien es Modelle, Instrumente oder ideelle und persönliche Einstellungen. Die Standardeinstellung ist das, was man kriegt, wenn man nur wahrnimmt, was man schon kennt und was man erwartet, und alles Neue und Fremde ausblendet. Wir suchen nach bekannten Mustern, und wir bekommen sie: die gefährlichen Ausländer, die dummen Provinzler, die faulen Dicken und die schlimme Zukunft.

Die selektive Wahrnehmung macht für uns alles leichter, aber das Ergebnis ist, dass wir bleiben, was wir sind. Dissonanzen blenden wir aus. Das ist keine böse Absicht, sondern von der Evolution so vorgesehen. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt, im Guten wie im Schlechten. Das ist nicht das Problem, sondern dass wir bei alldem so wenig darüber nachdenken, was sonst noch sein könnte.

Wo das unterbleibt, macht sich, wie beim Betrachten von Escher-Bildern, das Gefühl von Unverständnis und Ohnmacht breit. Wer der Welt nicht zuhört, der versteht sie bald nicht mehr. Und dann helfen Fake-News und Selbstbezüglichkeiten ein Weilchen, aber nicht auf Dauer. Bald breitet sich aus, was wir alle gut kennen: ein leichtes Schwindelgefühl.

Das ist eine Wahrnehmungsstörung. Der Mensch, so hat man es in der Antike erkannt, besteht aus drei grundlegenden Elementen: dem Gefühl, dem Verstand und der Empfindung, also dem sinnlichen Wahrnehmen. Dieses dritte Element produziert das, wonach sich heute alle sehnen, Sinn, auf Neudeutsch Purpose. Das ist genau betrachtet nichts weiter als etwas, woran man sich festhalten kann in unsicheren Zeiten, ein wenig Orientierung.

Das sinnliche Wahrnehmen ist also die Erdung von Gefühl und Verstand in der Wirklichkeit. Etwas, das sie verbindet, damit wir die Welt, in der wir leben, auch verstehen.

3. Perspektivwechsel

Wer das will, muss die Perspektive wechseln und dafür erst mal seine Wahrnehmung umstellen, auf schwindelfrei. Das ist nicht so einfach, weil schon das deutsche Wort Wahrnehmung der Sache im Weg steht. Damit man neue Perspektiven erkennt, muss man mit seiner vorhandenen Wahrnehmung brechen – und mit der Illusion der Wahrheit. Das Wort „wahr“ hat in seinem indogermanischen Stamm die Bedeutung von Vertrauen, Treue und Zustimmung, Gemütszustände, die nicht unbedingt nach Veränderung schreien. Hinterfragen, mit dem Kopf wackeln und Perspektiven wechseln passt da irgendwie nicht dazu. Die Sache ist nun die: Schwindelfrei wird man nicht von selbst. Darauf kann man nicht vertrauen, mitmachen oder sagen: Ich bin dabei – ab heute nur noch schwindelfrei.

Man muss das üben. Babys und Bergsteiger wissen das. Selbst die besten Kletterer der Welt beginnen ihre Saison damit, sich stark exponierte Stellen an Wänden zu suchen und dort den Blick nach unten zu üben. Nach einiger Zeit nimmt das Schwindelgefühl ab, irgendwann haben sich Netzhaut, Nervensystem, Gleichgewichtssinn und Gehirn an die neue Aussicht gewöhnt. Kleinkinder, die das Laufen lernen, müssen ihren Gleichgewichtssinn ebenfalls trainieren, bis sie aufrecht und eigenständig gehen können. Unsere Wahrnehmung ist also veränderlich, das ist eine Alltagserfahrung. Nichts muss bleiben, wie es ist.

Bei der Wahrnehmung gilt: Perspektive ist wichtig, aber nicht alles. Wer klettert, braucht nicht nur gutes Training und bestes Material, den Willen, weiterzukommen, sondern auch die Fähigkeit, mit Überraschungen umzugehen.

Diese Kompetenz ist die Summe der Kniffe und Tricks, des Know-hows, um mit Veränderungen fertig zu werden – sie also konstruktiv zu nutzen oder wenigstens nicht durch sie zu Schaden zu kommen. Auch da kann man sich an Profikletterer halten, die mit ausbrechenden Haken, Steinschlägen, Eislawinen und kurzfristigen Wetterwechseln leben müssen.

Wir müssen die Fähigkeit trainieren, unterschiedliche Ereignisse und Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, also alle Seiten des Wackelbildes erkennen zu können.

Die selektive Wahrnehmung hat nie gereicht, sie ist nur der Ruhezustand zwischen den mühsamen Übungen des Dazulernens und kritischen Denkens, ein Sofa für Zeiten der Entspannung. Wer Veränderung will, kann sich aber nicht hinlegen. Man sieht nur in Bewegung, wie die verschiedenen Perspektiven der Wackelbilder.

Dogmatismus und Ideologie sind Wahrnehmungsstörungen. Bei ihnen gilt der indogermanische Sinn des Wortes, also Vertrauen, Treue und Zustimmung: Man vertraut aufs Bekannte, bleibt dem Trott treu und stimmt jeweils der Mehrheitsmeinung zu, die einen gerade umspült – in Firma und Politik, Medien und Gesellschaft, auf Twitter und auf dem Flur.

Der Mainstream ist ein großer, träger Fluss. Wer sich da nicht freischwimmt, wird zu Treibgut. Das ist seit der Antike bekannt und überdies Teil der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Aufklärung. „Esse est percipe“ – Sein ist Wahrnehmen, hat das ihr irischer Vorreiter George Berkeley im 17. Jahrhundert genannt. Schau genau hin, und das heißt: immer wieder. Wahrnehmung ist ein geistiger Dauerauftrag.

4. Konstruktionen

Auch hier schimmert im Hintergrund M. C. Eschers Treppe durch oder, noch sensationeller und überraschender, ein Vortrag des großen Heinz von Foerster. Der war Physiker, Kybernetiker und Philosoph, in erster Linie aber ein herausragender Kenner von Mensch und Realität. Wobei Letzteres so eine Sache ist. Im Jahr 1973 hielt von Foerster einen Vortrag am Virginia Polytechnic Institute in Blacksburg, USA, dessen schlichter Titel lautete: „Das Konstruieren von Wirklichkeit“. Dieser später zum Essay umgearbeitete Vortrag gilt als Sternstunde des Konstruktivismus – und einer zeitgemäßen Sicht auf Wahrnehmung und ihre Grundlagen. Dabei geht es um eine der Kernfragen aller Unternehmen, Organisationen und Individuen, die nicht nur, aber ganz besonders in der Wissensgesellschaft von größter Bedeutung ist: Wissen wir, was wir wissen? Und woher wissen wir das?

Zuerst erzählt von Foerster die alte Geschichte des Bürgers Jourdain aus Molières Stück „Der Bürger als Edelmann“. Monsieur Jourdain, ein neureicher Geck, will einen Liebesbrief schreiben, kann das aber nicht. So wendet er sich an einen Fachmann, der fragt, wie denn der Brief verfasst sein soll, lieber Lyrik oder Prosa? Jourdain kann beides nicht voneinander unterscheiden, und als sein Ghostwriter ihm erklärt, Prosa, das sei so, wie man spricht, ist er außer sich vor Glück: „Ich spreche Prosa! Meine Güte, so habe ich vierzig Jahre lang Prosa gesprochen, ohne es zu wissen!“

Das finden natürlich alle witzig. Doch Heinz von Foerster fährt gleich fort: Vor nicht langer Zeit sei eine „ähnliche Entdeckung gemacht“ worden, bei der es aber nicht um „Poesie oder Prosa“ gegangen sei, sondern „um die Umwelt“. Da seien einige seiner Freunde ganz entzückt und erstaunt zu ihm gelaufen und hätten ihm von ihrer Entdeckung erzählt: „Es gibt eine Umwelt. Jetzt haben wir unser ganzes Leben in einer Umwelt gelebt, ohne es zu wissen!“

Wieder lachen alle, aber nicht lange, denn von Foerster hat bereits wieder die Wahrnehmungsperspektive geändert: „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung.“ Während das Publikum noch verstört ist, beginnt er damit, diese „freche Behauptung zu belegen“, und zwar Schritt für Schritt, von den Sinnesorganen und ihren Funktionen beginnend bis hin zur Funktionsweise des Gehirns. Am Ende, so legt er sein Ergebnis vor, sei das Nervensystem eben so organisiert – „oder organisiert sich selbst so, dass eine stabile Wirklichkeit entsteht“. Die Wahrnehmung mündet in die Selbstregelung, die Autonomie. Selber zu denken passt ganz gut zu der von der Evolution eingerichteten Selbstorganisation. Und als krönenden Abschluss schlägt von Foerster zwei neue Regeln vor, den sogenannten „ästhetischen Imperativ“: „Willst du erkennen, lerne zu handeln“, dem stets und untrennbar auch ein „ethischer Imperativ“ folgt: „Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen.“

Wer mehr wahrnehmen will, ändert seine Perspektive, lernt und handelt, und das schließt eben ein, dass man sich mit dem, was man heute tut, nicht die Zukunft kaputtmacht. Nachhaltiges Denken und Handeln ist Weiterdenken. So etwas funktioniert nur, wenn man sich Mühe gibt und etwas will. Die Welt, die wir wahrnehmen, ist die, die wir kriegen. Und das sollte man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Deine Realität geht dich was an.

Schau genau.

Abbildung: © Getty Images

3 „Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung.“

5. Sensationen und Selbsttäuschungen

Man kann der Falle der selektiven Wahrnehmung nicht völlig entgehen, aber durch Nachdenken die Dauerschleife durchbrechen. Konstruktiver Zweifel ist dabei hilfreich, genau wie selber zu denken und nicht alles nachzuplappern. Am wichtigsten aber ist die Neugierde. Sie hilft dabei, den heute wieder so beliebten Bestätigungsfehler – die confirmation bias – zu umgehen. Der englische Psychologe Peter Wason hat das in den Sechzigerjahren erforscht. Wir suchen Bestätigung für unsere politische Einstellung und eine Wirklichkeit, die unseren Plänen und Strategien entspricht. Wason wurde von Karl Poppers Idee der Falsifizierung beeinflusst: Suche nicht nach Beweisen für deine Theorie, sondern nach welchen, die ihr widersprechen.

Das ist mühsam, das legt sich quer mit Leidenschaft und Missionstrieb, ist aber – vorausgesetzt, man ist an so etwas interessiert – der einzige vernünftige Pfad zur Realität. Die Kunden sind nicht so, wie wir sie gern hätten. Die Märkte machen nicht das, was wir wollen. Die Wissenschaft lässt sich nicht nach Belieben und auf Dauer biegen. Und jede Konstruktion, die in zu krassem Widerspruch zu dem steht, was ist, fällt früher oder später in sich zusammen. Deshalb ist es sehr klug, kritisch zu zweifeln und nicht in die selbst gestellten Fallen zu tappen.

Dafür braucht man keinen Drang zur Selbstbestätigung, sondern echtes Selbstbewusstsein, verbunden mit der Neugier, was wirklich ist.

In Zeiten der Veränderung ist von „Bewusstseinserweiterung“ die Rede, das war etwa um das bewegte Jahr 1968 eine viel zitierte Phrase. Man las Aldous Huxley, Autor des dystopischen Bestsellers „Schöne neue Welt“. Sein Essay „Die Pforten der Wahrnehmung“ (The Doors of Perception) erreichte wegen des darin abgehandelten bewusstseinserweiternden Umgangs mit Drogen nicht nur unter Dauerbekifften rasch Kultstatus. Huxley ging es um die Erweiterung des Verstehens der Welt. Wie viele Intellektuelle seiner Generation misstraute er der herkömmlichen, „evolutionären“ Wahrnehmung. Bei der lerne der Mensch nichts dazu, stattdessen führe sie zu Weltkriegen und Tyranneien. Huxley führte das auf die Begrenztheit des menschlichen Denkens zurück.

Er nahm an, dass alle Menschen im Grunde genommen alles wissen. Das Gehirn aber sei, anders als die übliche Vorstellung, kein Denkwerkzeug, sondern ein strenger Zensor, der dafür sorge, dass wir angesichts der Fülle des Wissens nicht verrückt werden. Das gelte für alles, was im Gehirn ist, wie auch das, was an Eindrücken aus der Umwelt an uns herangetragen wird.

Der Pförtner der Wahrnehmung, das Gehirn, war ein harter Hund, der das Innen und Außen streng regulierte. Bewusstseinsverändernde Drogen sollten diese Kontrolle aufheben, die Enge der eigenen Wahrnehmung überwinden. Das alles klingt schon ein wenig durchgeknallt, hat aber einen nüchternen Kern. Huxleys Ausführungen sind ein Gedankenexperiment. Dass alle Menschen alles wissen, bedeutet darin nichts anderes, als dass wir, zumindest potenziell, alles, was auf dieser Welt geschieht, auch wissen könnten.

Man kann die Welt der Wahrnehmungen auch so beschreiben: Es gibt jene „Perzeption“, die Gesamtheit der Sinneseindrücke, die uns bei der Kontrolle der Umwelt unterstützen, etwa dabei, beim Fahrradfahren nicht an eine Hausecke zu krachen. Doch Wahrnehmungen sind zugleich auch etwas, das unsere Neugierde herausfordert, Reize aufnimmt, um dazuzulernen. Und wozu sonst brauchte man eine „bessere Wahrnehmung“ und Bewusstseinserweiterung? Dazulernen heißt, Alternativen zu denken zu dem, was ist. Das entspricht dem ethischen Imperativ von Heinz von Foerster: „Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen.“ Denkalternativen sind Innovationen.

Das sagt sich leicht. Tatsächlich läuft gerade ganz etwas anderes. Wir lernen nur extrem langsam dazu. Wir handeln erst recht nicht gern so, dass weitere Möglichkeiten entstehen. In Zeiten der Veränderung verstärkt sich die selektive Wahrnehmung. Vereinfachung, Lagerdenken und das Setzen immer engerer Rahmen sind bewusstseinsreduzierende Drogen. Eines der gefährlichsten Suchtmittel ist das, was Sozialforscher Framing nennen. Bei einem Text liest man „zwischen den Zeilen“ und interpretiert seine Inhalte so, dass sie stimmig sind mit der eigenen Position. Auf dem Markt der Manipulationen lässt sich diese Einstellung hervorragend nutzen. Man bedient die Leute mit ihren eigenen Vorurteilen. Beim Framing, so definierte der Politikwissenschaftler Robert Entmann vor mehr als 25 Jahren, nehme man dann „einige Aspekte einer wahrgenommenen Realität“ und hebe sie so hervor, dass nur „eine bestimmte Problemdefinition, kausale Interpretation, moralische Bewertung und/oder Handlungsempfehlung für den beschriebenen Gegenstand gefördert wird“.

6. Fakten-Fakes

An diesem Spiel beteiligen sich nahezu alle: Politiker, Medien, NGOs, Lobbys und Interessengruppen. Die Grenzen zwischen bewusster Manipulation der Wahrnehmung anderer und einer eigenen Wahrnehmungsstörung sind dabei nicht immer klar zu ziehen. Das Framing gehört, wie auch das Nudging (siehe auch „Ich finde es ganz nett, so manipuliert zu werden“, Seite 70), zu den neuen manipulativen Sozialtechniken, die die Wahrnehmung trüben und die Weltsicht gefährlich verengen.

In einem engen Rahmen kann sich nur ein beengter Verstand entwickeln. Drogen helfen nicht. Das einzige bewusstseinserweiternde Mittel, um mehr zu sehen, ist kritisches Denken, Fragen, Verstehen, Zweifeln.

Ein schweres Gewerbe, eben weil man seine eigene Wahrnehmung auf den Prüfstand stellen muss.

Thomas Perry, Markt- und Sozialforscher und Geschäftsführer der Mannheimer Q-Agentur für Forschung, tut das, und damit macht er sich nicht nur Freunde in seiner Branche. Seit Jahren kritisiert Perry den „leichtgläubigen, gefährlichen Umgang mit Daten in der Politik, in den Medien und unter Managern“. Die Big-Data-Welle, die mit den diversen Künstliche-Intelligenz-Moden seit Jahren durch die Welt rolle, habe den „Zahlenfetischismus noch verstärkt“.

Darunter versteht er „alle falschen Wahrnehmungen und Interpretationen von Daten“. Das sei „Unsinn, der Schaden anrichtet“ (siehe auch „Optische Täuschung“, Seite 60).

Ein Erbe der Aufklärung, im Guten wie im Schlechten, ist der Umgang mit Daten und Fakten. Solange man auch sie kritisch und immer wieder konstruktiv zweifelnd abwägt, ist alles gut – doch nicht, wenn sie als Glaubenssätze missverstanden werden. „Rationalität und Evidenz sind wichtige Instrumente“, sagt Thomas Perry, „aber man muss eben auch gelernt haben, mit ihnen umzugehen, sie richtig zu interpretieren und Schlüsse und Zusammenhänge daraus ableiten zu können.“

Doch das Werkzeug der exakten, technischen Beschreibung habe sich längst verselbstständigt. Die meisten Leute kann man mit Zahlen und Daten überzeugen, weil das kulturell gelernt ist. Kaum jemand überlegt noch, was sie bedeuten und wie sie zustande gekommen sind. „Bei Umfragen suggerieren die Daten Meinungs- und Mehrheitsverhältnisse, die es einfach nicht gibt“, sagt Perry, „bei Statistiken verzerren sie seit Jahrzehnten die Wahrnehmung auf die Welt.“

Damit lässt sich trefflich die Wahrnehmung manipulieren, und zwar nicht nur bei den Leuten, die sich mit Zahlen von Haus aus etwas schwertun, sagt Perry: „Ein Betriebswirt versteht die Zahlenwelt der Bilanzen in seiner Branche. Aber versteht er auch Meinungsumfragen und die Aussagen der Marktforschung?“ Sind die aktuellen Quartalszahlen mit den gleichen Mitteln zu verstehen wie eine politische Trendumfrage? Nein. Aber sie werden so behandelt. Was daraus entsteht, sei ein „neuer Aberglaube, der Datenmüll produziert, der dann aber für die Wahrheit gehalten wird – und damit bauen viele Entscheidungen auf einer falschen Grundlage“, ist Perry überzeugt.

Die Welt und die Gesellschaft werden so zum Wackelbild. Es gewinnt derjenige, der mit Zahlen und Daten am besten tricksen kann. Das sorgt aber auch für falsche Informationen, wie Perry weiß. „Es geht ja nicht um simple Messungen, wie groß bin ich oder was zeigt die Waage an, sondern um die soziale und kulturelle Interpretation der Ergebnisse.“ Das sind die Zahlen, die uns anleiten und unsere Entscheidungen beeinflussen.

„Das ist eine Kulturfrage“, sagt Thomas Perry, „wir müssen aufhören, den Zahlen und Daten blind zu vertrauen. Wir müssen lernen zu fragen, wem sie nützen, was sie bedeuten, welche Qualität sie haben.“ Es brauche, so schlug er vor Jahren schon vor, einen „TÜV für Daten, der der Entwicklung in der Wissensgesellschaft auch standhält“. Lernen, was nur „Datenmüll“ ist, und richtiges Interpretieren gehören zur Allgemeinbildung des 21. Jahrhunderts.

7. Neuvermessung

Wer sich ein falsches Abbild der Wirklichkeit macht, der bastelt sich auch eine wirre Zukunft. Dann zeigt sich schnell, dass Paul Watzlawicks berühmte Paraphrase „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ nichts mit Beliebigkeit zu tun hat. Sie ist im Gegenteil ein dringender Appell, die Augen für andere Wirklichkeiten offen zu halten. Unsere Wahrnehmung muss sich mit unseren Weltbildern beschäftigen.

Natürlich auch in der Ökonomie. Davon ist Thomas Straubhaar, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg, überzeugt. In seinem neuen Buch „Die Stunde der Optimisten – So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft“, beschwört er die Abkehr von den alten Glaubenssätzen. „Was wir jetzt lernen müssen, ist, die Fehler von früher nicht weiterzubetreiben oder in anderer Form zu wiederholen. Wie wir die Welt wahrnehmen, ist dabei entscheidend“, sagt er. Die Zeit des reinen Quantifizierens ist vorbei, die neue Qualität heißt Wertschätzung statt Wertschöpfung.

Straubhaar plädiert wie Perry dafür, die alten Modelle und Messmethoden ins Museum zu verfrachten. „Das Bruttoinlandsprodukt kann als Maßstab des Erfolgs einer Wirtschaft nicht mehr angewandt werden. Wenn wir aber so tun, nehmen wir die Welt falsch wahr – und auch unsere Bedürfnisse, und darunter leiden wir zunehmend.“ Es gehe um eine „Neuvermessung der Welt“, des Großen und Ganzen also, nicht nur der Ökonomie. „Wir müssen uns wieder ehrlich machen“, sagt er. Das Bild wackelt ohnehin gewaltig, etwa wenn viele Ökonomen mit ihren alten Sehwerkzeugen eine Produktivitätsverlangsamung erkennen. Ein Wahrnehmungsfehler, so Straubhaar, „weil die etwa die neuen Effekte des Internets gar nicht mit erfassen. Was tut das Netz für Bildung, für eine ökonomische Dynamik? Oder, was den Umgang miteinander angeht: Wie berechnet man Wertschätzung und Respekt? Ist das nichts wert?“, fragt der Professor.

Vielleicht doch. Wir schauen möglicherweise nur falsch auf die Welt. Und die ist besser als ihr Ruf. Wir nehmen sie nur mit mieselsüchtigen Instrumenten wahr. „Unser Pessimismus ist ein Messfehler“, glaubt Straubhaar. Die alte Wahrnehmung führt in die Irre, sie erzeugt Illusionen und hält die Welt von gestern für die einzig mögliche Wirklichkeit. Die Kompassnadel spielt verrückt, weiß auch Straubhaar: „Systembewahrer, wohin man sieht. Aber wir müssen offen und überraschungsfähig bleiben.“

Es ist so und nicht anders: Strengt euch gefälligst an. Schaut genau hin. Macht es euch nicht so leicht. Und sucht nach Neuem, nicht nach Bestätigung.

Wahrnehmungsstörungen behebt man nur mit Nachdenken. David Foster Wallace wusste, dass man auch mit einer beschränkten Wahrnehmung, der „Standardeinstellung“, leben kann, das machen viele so: „Wenn Sie aber wirklich zu denken gelernt haben und aufmerksam sein können, dann wissen Sie, dass Sie eine Wahl haben. (…) Im Vollsinn des Wortes wahr ist nur, dass es Ihre Entscheidung ist, wie Sie die Dinge sehen wollen.“

Das ist, so darf man ergänzen, die einzig schwindelfreie Position. ---