Geschäftsmodelle

Online Marketing Rockstars: Von der Nische auf die große Bühne

Die IT-Messe Cebit ist Geschichte, aber das OMR-Festival klettert von Besucherrekord zu Besucherrekord. Wie das gelingt? Mit einem Geschäftsmodell als Medien- statt als Messeunternehmen.





Was hat OMR zu bieten?

OMR (Online Marketing Rockstars) ist eine Plattform rund um Onlinemarketing. Mit dem OMR-Festival fing 2011 alles an, inzwischen ist daraus ein Medienhaus mit Podcasts, Blogs und Studien geworden, ein Bildungsanbieter für Seminare und digitale Lerneinheiten sowie eine Jobvermittlung. Zum Festival trafen sich in Hamburg jüngst an zwei Tagen mehr als 52 000 Teilnehmer, um mehr als 150 Masterclasses zu besuchen, Speakern und Popstars zuzuhören und auf den Partys zu netzwerken – alles rund um digitales Marketing.

Alexander Nix war hier 2017 auf der Bühne, nachdem er mit Cambridge Analytica in den jüngsten US-amerikanischen Wahlkampf eingegriffen und mehr oder weniger legal mit Microtargeting im sozialen Netz versucht hatte, Trump nach vorn zu pushen. 2019 kam der Weltbestseller-Autor Yuval Noa Harari („Eine kurze Geschichte der Menschheit“) und wenig später die Electronic-Dance-Band Scooter (30 Millionen verkaufte Tonträger). OMR scheut keinen Aufwand, Stars in das Event zu integrieren und mit mehr als 900 Helfern und 70 Lastwagen ein messeunübliches Ambiente zu schaffen.

OMR bietet den weichen Teil der digitalen Transformation an – nicht die Hardware, wie ursprünglich die Cebit, sondern Inhalte, Know-how und Austausch für eine spezielle Zielgruppe.

Wie machen sie das?

Vor allem mit einem professionellen und bis heute auf 90 Personen angewachsenen Team. Und mit einem klugen Marketing-Trick: Dieses Event nennt sich nicht Messe, sondern Festival. Mit diesem Versprechen gelingt es, so unterschiedliche Zielgruppen wie Daten-Analysten, Unternehmer und Werber für ein Event zu begeistern.

Von herkömmlichen Messeanbietern unterscheidet OMR aber noch mehr: Während diese Quadratmeter verkaufen und auf Medienkooperationen setzen, um an interessante Inhalte zu kommen, schafft OMR den Content selbst und verbreitet ihn ganzjährig auf allen Kanälen.

Trends werden früh analysiert und selbst ausprobiert. So entsteht um ein Event ein Medienunternehmen mit modernen Informationsformaten, die die eigene Datenbasis, das Know-how und das Netzwerk ständig erweitern: „Wir schreiben jeden Tag einen Artikel, jeden Monat eine Studie, jede Woche einen Podcast und schaffen damit die Voraussetzungen für das Festival“, sagt Philipp Westermeyer, Mitgründer und Geschäftsführer der Firma.

Und die Wertschöpfung funktioniert auch andersherum: So war Alexander Nix zuerst auf dem Festival, seine Rede wurde über Youtube rund 90 000 Mal geschaut und von Netflix in diesem Jahr für eine Dokumentation genutzt, die wiederum die Festival-Bilder weltweit ausstrahlt.

Warum können sie das?

Westermeyer legt großen Wert auf die Unternehmenskultur. Das fange schon im Büro an: „Ich versuche das Still-day-one-Motto zu leben. An den Räumen ändert sich ständig etwas, auch damit deutlich wird: Unsere Firma ist nie fertig.“

Das Organigramm ist entlang der Produkte (Events, Podcast, Studien, Jobs) aufgebaut, daneben gibt es Verantwortliche für neue Projekte (Business Development). Das Wort Hierarchie mag man nicht, aber es gibt für jedes Produkt den Head of und einen allgegenwärtigen Chef Westermeyer. „Philipp redet gern mit und kümmert sich auch mal um den Newsletter, weil er ihn perfekt haben will“, beschreibt ihn eine Mitarbeiterin. Eine typische Start-up-Kultur – mit einem starken Chef.

Der ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Szene-Star aufgestiegen, dem das »Hamburger Abendblatt« ein eigenes Personality-Magazin widmete und der seit vier Jahren Gastgeber in seinem wöchentlichen Podcast ist. Wie ein DJ mischt Westermeyer dort Marketing-Know-how und allgemeine Business-Weisheiten mit den persönlichen Geschichten der Gäste – 45 000 Menschen hören wöchentlich zu. Das OMR-Team kann durch Klick-Raten und Zuhördauer erfahren, welche Gäste wie gut ankommen – und wer für das nächste Festival eingeladen werden sollte.

Womit verdienen sie Geld?

Aus zwölf Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr sollen nach Auskunft von Philipp Isfort (kaufmännische Leitung) 2019 voraussichtlich rund zwanzig Millionen Euro werden. Investitionen und Wachstum werden aus eigenen Mitteln finanziert. „Wir haben nie Geld verloren und sind aus dem Cash-Flow, aber auch durch Gehalts- und Verdienstverzicht gewachsen“ sagt Westermeyer. Die Ziele ähneln denen des typischen deutschen Mittelstands: „In die richtigen Strukturen, vor allem in Personal zu investieren. Und inhabergeführt zu bleiben.“

Für das Festival gibt es ein differenziertes Preismodell: Zuletzt 45.000 Menschen bezahlten 40 Euro für eine Tageskarte inklusive Messe und Bühnen. Rund 7500 Besucher zahlten 449 Euro für das Gesamtpaket inklusive der Konferenz sowie Konzerten, Masterclasses und Bewirtung. Diese Unternehmensangaben addieren sich auf mehr als fünf Millionen Euro und wohl die Hälfte des Festival-Umsatzes. Dazu kommt das Geschäft mit Ausstellern und Sponsoren. Das Festival macht immer noch mehr als die Hälfte des Umsatzes aus, aber die anderen Erlösquellen holen auf. Mit dem Erfolg des eigenen Podcasts als Verkaufsargument werden inzwischen 30 Podcasts für Kunden produziert und weitere 20 vermarktet. Jede Abteilung hat einen eigenen Business- und Wachstumsplan entwickelt. Jeweils werden andere spezifische Ertragsmodelle gefunden, die online und offline sowie Freemium und Premium verbinden.

Wer sind die Gründer?

Philipp Westermeyer war Vorstandsassistent eines Medienunternehmens und weiß, wie Großunternehmen funktionieren. Als Mehrheitsgesellschafter ohne Fremd-Investoren kann er leichter als ein Manager in einem Konzern Neues ausprobieren.

Vor der Gründung von OMR hatte er bereits mit seinen zwei Partnern zwei Onlinemarketing-Unternehmen gegründet und verkauft. Er ist vielfältig interessiert, aber nicht zuletzt auch kaufmännisch motiviert.

Westermeyer hält die Mehrheit an der Ramp 106 GmbH, die das Unternehmen betreibt, und ist verantwortlich für die Inhalte. Die anderen Anteile gehören dem technischen Leiter Tobias Schlottke und Christian Müller, beide waren schon bei den Vorgänger-Unternehmen als Mitgründer dabei. Ebenso wichtig für den Erfolg sind langjährige OMRler wie „der erste Mitarbeiter“ Jasper Ramm. Er leitet das Event-Team, sitzt im größten Raum und sorgt dafür, dass aus einer drögen Messehalle ein Festival-Ort wird.

Westermeyers wichtigste Eigenschaft ist wohl die Freude am Netzwerken und der Spaß an dem, was er tut. „Leute treffen, Zusammenhänge verstehen“, sagt er, „das sind für einen neugierigen Typen wie mich so die Sachen money can’t buy.“

Wie geht es weiter?

Onlinemarketing war zur Zeit der Gründung von OMR ein Nischenthema für Nerds. Darauf zu setzen und mit Begriffen wie „Rockstars“ der neuen Berufsgruppe Selbstbewusstsein zu vermitteln war sicher einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Heute ist das Thema Onlinemarketing in der Mitte der Gesellschaft angekommen und interessiert so unterschiedliche Gruppen wie Modeunternehmen, Künstler und Politiker. Das verschafft OMR weiter steigende Reichweite, Nachfrage und Werbeplatz – aber auch mehr Wettbewerber.

OMR will deshalb die Zielgruppe erweitern und hat die gesamte Digitalwirtschaft im Blick. Das wollen zwar alle, aber OMR hat einen eigenen Tribe (Marketingsprech für Stamm oder Netzwerk aus Kunden und Unterstützern), der loyal als Multiplikator dient, sowie eine große Datenbasis von Besuchern, Kunden und Nutzern.

Und darüber hinaus? Philipp Westermeyer hat aktuell keine Vorbildunternehmen im Medienbereich. Aber er ist sich bewusst, das OMR aus der Nische raus ist und jetzt zur Verbesserung drängen-der Themen beitragen kann und vielleicht auch muss, um relevant zu bleiben. Der CO2-Fußabdruck ist ein Thema, das ihn umtreibt. Jetzt sucht er nach einem Hebel. ---