Optische Täuschung





Wir haben es gern einfach. Infografiken können uns helfen, die Welt besser zu verstehen – oder uns in die Irre führen. Sie werden bewusst zur Manipulation eingesetzt, gerade weil wir Aussagen, die wir in Form von Bildern vermittelt bekommen, leichter aufnehmen, länger im Gedächtnis behalten und ihnen mehr vertrauen als Texten. Falsche Bilddarstellungen haben sogar die Weltpolitik geprägt: Der US-Verteidigungsminister Colin Powell überzeugte mithilfe von Infografiken von irakischen Massenvernichtungswaffen im UN-Sicherheitsrat die US-Alliierten, dass ein Einmarsch in das Land zwingend notwendig sei. Die Waffen wurden bekanntlich nie gefunden. Powell bezeichnete den Auftritt später als „Schandfleck meiner Karriere“.

Immer wieder verzerren Infografiken unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit auch unbeabsichtigt, weil sie einfach schlecht gemacht sind. Vier plakative Beispiele zeigen, wie man mit Grafiken verwirren oder lügen kann. Die korrigierten und alternativen Versionen zeigen, was Infografiken eigentlich leisten sollten: die Welt ein wenig aufräumen.

Diese Infografik aus Gabor Steingarts »Morning Briefing« wählt auf beiden Achsen kleine Ausschnitte: Der Wechselkurs beginnt nicht bei null, sondern bei mehr als einem US-Dollar, seine Entwicklung wird nur im Verlauf eines einzelnen Tages gezeigt. So entsteht der Eindruck: Der Euro stürzt ab, der EZB-Chef Mario Draghi reitet Europa ins Unglück. Der Farbverlauf von Blau nach Rot signalisiert, der Weg der EZB führe vom Plus ins Minus, wenn nicht gar vom Himmel in die Hölle. In der Momentaufnahme verfestigt sich dann unter Umständen ein Weltbild, das dem größeren Kontext nicht gerecht wird. Der Effekt wirkt umso stärker, je mehr die Grafik vorhandene Erzählungen, Stereotypen oder Klischees bedient. Infografik kann so zum Verstärker des „confirmation bias“ werden – selektive Informationen verstärken dann selektive Wahrnehmung. Wählt man in Bezug auf den Wechselkurs und den Zeitraum größere Ausschnitte, wird klar: Die Lage ist gar nicht dramatisch.

Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut darin, Flächen intuitiv in ein Größenverhältnis zu setzen. Wir können also schlecht abschätzen, wie klein der linke Kreis im Vergleich zum rechten ist. In dieser Grafik der Vereinten Nationen kommt erschwerend hinzu: Die Größenverhältnisse stimmen nicht. Sie sind offenkundig willkürlich gewählt, um zu signalisieren: Flucht und Einwanderung nehmen stark zu. Die mittlere Grafik zeigt die richtigen Flächenproportionen. Ein einfaches Balkendiagramm wäre aber das beste Mittel, um zu veranschaulichen: Flüchtlings- und Einwandererzahlen sind in einer bestimmten Relation angestiegen, und zwar viel weniger, als die tatsächlich veröffentlichte Grafik suggeriert.

Kurz vor dem Brexit-Referendum erschien diese Balkengrafik in der britischen Boulevardzeitung »Daily Mail«. Die Null-Linie fehlt, der scheinbar entscheidende Ausschnitt wird auf der (senkrechten) Y-Achse gezeigt. So erscheint die Zahl der Brexit-Befürworter viel größer, als sie tatsächlich ist. Eine saubere Balkengrafik beginnt auf der Null-Linie und kann dafür die Skala weglassen. Gibt sie auch die Zahl der Unentschiedenen an, macht sie die Situation noch deutlicher. Man kann der Zeitung allerdings nicht unterstellen, sie habe die Leser gezielt manipuliert – als das Remain-Lager vorn lag, druckte sie die Grafik in gleicher optischer Logik und verzerrte den Eindruck so zugunsten der Brexit-Gegner.

Diese Grafik zum Klimawandel wurde vom konservativ-libertären US-Magazin »National Review« verbreitet. Die visualisierten Daten stimmen grundsätzlich, Quelle ist die Nasa. Eine seriöse Grafik wählt allerdings eine Skalierung auf der Y-Achse, die Wissenschaftler in überwiegender Mehrzahl für relevant erachten, also im Fall des Klimawandels eine Abweichung von einem Grad Celsius. Noch klarer wäre es, die Daten so zu zeigen, wie Klimaforscher mit ihnen arbeiten. Die durchschnittliche Temperatur von 1951 bis 1980 wird als Null-Linie festgelegt, davor war es kälter, danach wärmer.