Zeitreise ins Analoge

Unser Autor schaut melancholisch zurück auf zehn verloren gegangene Sinneseindrücke.




• Manchmal versinken wir für einen Moment in der Vergangenheit. Schon ein Geschmack, eine Tonfolge, ein Geruch genügen, und wir tauchen ein in eine Welt, die es nicht mehr gibt. Wir sind plötzlich wieder Menschen, die nichtstuend auf die Bahn warten, unerreichbar für die Welt abtauchen und sich jedes Mal bewusst dafür entscheiden können, online zu gehen. Hier sind zehn solcher Sinneseindrücke aus dem Analogzeitalter.

Der Gesang des Modems

Tuut dudadadidudadadididi titiiiiiiuiiiiiiuiiuii chrchrchrchrchrrnrnrp schhhnonchrcchrsch hhchridiuuuiuiiiiip schhhchidiuuiuiiiii tshchrchrchr chrchrchrchrchrchrchrchr.

Wer Ende der Neunziger ins Internet gegangen ist, wird den Klang eines Modems nicht vergessen. Die Telefonleitung war blockiert, damit dieser blinkende Kasten mit einem anderen Kasten irgendwo seinen Gesang austauschen konnte.

Man hört es dem Anbahnungs-Sound an: Die Technik des 21. Jahrhunderts versuchte sich einen Weg durch die Kupferleitungen des 20. Jahrhunderts zu bahnen. Wählton, Nummer wählen, Handschlag mit Pieptönen. Für uns war es wie Walgesang. Die Hymne der frühen Digitalisierung, im Museum of Endangered Sounds kann man sie noch hören (http://savethesounds.info/). Heute herrscht: Stille.

Der Geschmack des Bleistifts

Wir taten merkwürdige Dinge, wenn es darum ging, Stress abzubauen. Vor allem kauten wir auf Bleistiften. Manche genüsslich, andere eher hektisch. Unsere Stifte zeugten von verrichteter Denkarbeit. Erst blätterte der Lack ab, dann splitterte das Holz. Der Geschmack war fast süß. Dann wurde es bitter. Kein Wunder: Die Bleistiftmine besteht aus einer Paste, in der Graphit und Ton enthalten sind. Gesund war das nie. Nicht selten bohrten sich Splitter in die Zunge. Dem Bleistift sei Dank: An Bissspuren des Homo sapiens wird es Archäologen einer fernen Zukunft nicht fehlen. Welche Enttäuschung, als ich jüngst in einen Stift mit der typischen schwarz-gelben Streifenoptik biss. Er sah aus wie ein Bleistift, bediente aber nur einen Touchscreen, widerstand den Zähnen. Und schmeckte nach Kunststoff.

Der Textmarker im Kleinanzeigenblatt

Sie hießen »Zweite Hand«, »SperrMüll« oder »Revier Markt«. Wir gaben Geld aus für ein Blatt, in dem nur Anzeigen zu finden waren. Seit 1983 erschien die »Zweite Hand« in Berlin als „Wochenzeitung für kostenlose private Kleinanzeigen“. Dort gedruckt zu werden war der einfachste Zugang zu Massenmedien. Alles, was man tun musste: den Coupon ausfüllen und ans Postfach 191767 in 1 Berlin 19 schicken. Es schien wie Magie. In dem Blatt las man: „Rainer sucht immer noch Kursbuch Nr. 1–11“ und „Lieber Franz-Josef, die Tage in Saarbrücken waren wunderbar, leider zu kurz …“ Die besten Anzeigen wurden mit Textmarker umkringelt. Die »Zweite Hand« erschien bis zu dreimal in der Woche, so viel Krempel hatten die Berliner loszuwerden. Und obwohl Craigslist, Shpock und Ebay den Kleinanzeigenmarkt umkrempelten, hielt sie sich tapfer und wurde bis ins Jahr 2013 gedruckt. Nach der hundertsten Enttäuschung auf Ebay ist heute wieder Sperrmüll oder die Fahrt zum Recyclinghof die bequemste Art des Loswerdens.

Das Zupfen des Verkäufers

„Der muss so sitzen“, sagte der Verkäufer in der Herrenabteilung. Die Schulterpolster des Sakkos standen schräg. Aus Boxen erklang ein Hintergrundmusikprogramm, mit Titeln, die es nur im Herrenmodenkaufhaus gab. Und dann kam ganz sicher die Geste: Mit einer geradlinigen Bewegung zupfte der Verkäufer das Sakko zurecht, ein Lupfen-Zupfen-Zerren, immer etwas zu fest, keinen Widerspruch duldend. Dazu der triumphierende Blick hin zur Einkaufsbegleitung. Danach schien jedes Kleidungsstück zu passen. Dieses Zupfen der Verkäufer, es stirbt aus. „Unterschreiben Sie bitte“, sagt der DHL-Bote, wenn das Zalando-Paket kommt. Und man wünscht sich die Geste, ein Lupfen-Zupfen-Zerren. Allein für den kurzen Moment der Sicherheit, dass es dieses eine Mal sitzt.

Die Falten im Stadtplan

„Falk-Faltung“ stand außen drauf. Drinnen gab es wegen der speziellen Falttechnik einige Löcher. Die seit 1983 patentierten Stadtpläne waren mal sehr nützlich. In einem komplexen Verfahren gefaltet, ließen sie sich sogar in einer vollen U-Bahn benutzen. Der Falk-Plan München war mein treuer Begleiter bei der Wohnungssuche vor dem Studium. Die Adressen mussten telefonisch erfragt, im Straßenverzeichnis einem blauen Planquadrat zugeordnet und mit einem Kugelschreiber-Kreuz markiert werden. Dann konnte mit dem beigehefteten U-Bahn-Plan die Anfahrt geplant werden. Am Ende waren es Dutzende Kreuze, jedes ein Misserfolg.

Wer es verstand, das Straßenverzeichnis zu lesen und die Laschen richtig übereinanderzulegen, konnte sich eine Stadt im Handumdrehen erschließen. Nicht zu empfehlen war dagegen, den gesamten Plan in der U-Bahn zu entfalten, man verhedderte sich damit unweigerlich. Alles vorbei. Seit es selbst in U-Bahnen freies WLAN gibt, lotst einen Google Maps durch die Großstädte.

Das Knistern von Spinnenpapier

Das aufgeklappte Fotoalbum zeigte immer nur eine Seite. Während über der anderen ein Spinnennetz lag. Wollte man den Großvater sehen, musste man das Transparentpapier aus Pergamin mit geprägtem Spinnennetzmuster (oder Leinenprägung) zur Seite schieben. Das Knistern sorgte für eine besondere Spannung. In Wahrheit sollte das Papier lediglich verhindern, dass die Gelatineschicht auf Fotos mit den darin eingebetteten Silbersalzen zusammenklebte, wenn sie aufeinanderlagen.

Im industriell gebundenen Buch mit Digitalfotos ist Spinnenpapier nicht mehr notwendig. Man erwartet dort ohnehin keine Geheimnisse, weil all die Bilder zuvor bereits auf Instagram zu sehen waren.

Das Leiern der Musikkassetten

Eine Zeitlang stand der Karton mit den Kassetten noch im Keller, irgendwann war er weg. Und mit ihm das Leiern. Pumuckl leierte, Karlsson vom Dach leierte. Und später leierten Queen und Nirvana. Die Zeile „Hello, hello, hello, how low“ schien mir von Kurt Cobain eigens als Tribut an den leiernden Kassettenrekorder gesungen. Auf den Verpackungen der Kassetten mochten tolle Dinge wie Dolby-B-Rauschunterdrückung stehen. Die Tonqualität war miserabel.

Das Band muss sich mit einer Geschwindigkeit von 47,625 Millimetern pro Sekunde über ein Filzplättchen am Tonkopf vorbeibewegen. Eine Präzision, die die Kassettenrekorder meines Lebens nie wirklich erreicht haben.

Elektromagnetisch und analog aufgezeichneter Ton ist aus Nerd-Perspektive faszinierend. Aus Anwendersicht war die Kassette eher eine Enttäuschung, Mixtapes einmal ausgenommen. In Afrika und Teilen Asiens lebt sie noch, die Kassettentechnik. Und vielleicht im Westen wieder auf: Das Analyseunternehmen Nielsen Music meldet, dass im Jahr 2017 in den Vereinigten Staaten 35 Prozent mehr Kompaktkassetten verkauft wurden als im Jahr zuvor. In Großbritannien waren es sogar 112 Prozent. Und auch in Deutschland gibt es Band-Nostalgiker: Auf Maschinen aus den Achtzigern stellt Tape Muzik, eine kleine Firma aus Leipzig, wieder Leer- und Musikkassetten in Kleinstauflage her. Nur: Wie überspielt man Spotify auf MC?

Der Geruch von Entwickler

Schwarzer Bühnenmolton verhüllte die Tür zur Küche, das Esszimmer wurde zur Dunkelkammer. Der Vergrößerer summte. In bunte Plastikwannen kippten wir die Chemie aus schwarzen Flaschen mit der Aufschrift „Tetenal Neofin“. Nicht das Fotografieren, das Entwickeln machte den Reiz aus. Es war wie Alchemie, dem Film der Kamera erst Negative, dann Abzüge zu entlocken. Mischen, schütteln, wässern: Die Dunkelkammer war mein bester Chemielehrer.

Der Entwickler war das Reduktionsmittel, auf das die belichteten Silberhalogenidkristalle anders reagierten als die unbelichteten. Auch wenn die Abzüge nie bleibende Qualität hatten. Der säuerlich-herbe Geruch der Nächte in der Dunkelkammer blieb mir in der Nase. Nach Abenden in der Dunkelkammer lag ein Pelz auf der Zunge.

Irgendwann kam die Digitalkamera, die Fotochemie wanderte noch zwei Umzüge mit. Auch Tetenal, eine der ältesten Fotofirmen der Welt, strauchelte wegen der Digitalisierung. Im Frühjahr kam es zum Neustart: Eine neu gegründete GmbH hat die Fotochemie-Formelsammlung aus 172 Jahren übernommen. Wie war noch mal das Mischverhältnis?

Die Enge der Telefonzelle

Sie war gelb, rundlich, allgegenwärtig und hieß offiziell Telefonhäuschen 78 (TelH78). Stets hatte ich 20 Pfennig in der Federmappe, um in Notfällen meine Eltern anzurufen. Meist müffelte es in der TelH78 aus Zeiten der Deutschen Bundespost. Nach dem Schweiß gestresster Telefonate. Nach Zigarettenrauch. Manchmal nach Urin. Nicht Münzmangel, vor allem der Geruch und die Enge waren ein Grund, sich kurz zu fassen.

Der Kaufhauserpresser Arno Funke alias Dagobert verschaffte der Telefonzelle Mitte der Neunzigerjahre noch ein letztes Mal große Aufmerksamkeit, als er mit Anrufen aus wechselnden Zellen die Polizei narrte. Seine Vorliebe für Kartentelefone im Süden von Berlin wurde ihm dann zum Verhängnis.

Die letzte gelbe TelH78-Zelle stand bis zum vergangenen Herbst in Bayern im Wallfahrtsort St. Bartholomä. Als der Umsatz pro Monat unter 50 Euro sank, demontierte die Deutsche Telekom die Zelle. Kann nicht mehr lange dauern, bis sie im Katalog des Nostalgie-Warenhauses Manufactum als persönlicher Meditationsraum auftaucht.

Der Geruch von Antiquariaten

Eine Kollegin war jüngst in einem Antiquariat. Nicht um ein Buch zu kaufen, sondern weil sie einen passenden Hintergrund für eine Instagram-Story suchte. Gerochen habe es dort nicht mehr, sagt sie. Früher roch es in Antiquariaten modrig, nach organischem Material, das von Schimmelpilzen, Bakterien und anderen Kleinstlebewesen langsam zersetzt wird. Dazu mischte sich die säuerliche Note des alten Buchleims.

Heute wird das antiquarische Geschäft zu großen Teilen auf digitalen Marktplätzen abgewickelt. Und die Bücher riechen anders, leicht künstlich. Das liegt am Papier. Es besteht nicht mehr nur aus natürlichen Fasern, sondern bis zu 30 Prozent aus synthetischen Füllstoffen. Dank ihnen bleibt Papier noch nach Jahren weich, glatt und geschmeidig. Aber weniger lebendig. ---