Märklin

Die Traditionsmarke Märklin setzt nach schwierigen Jahren auf eine Zangenstrategie: Sowohl unter den Jüngsten als auch bei den Älteren sollen neue Kunden gewonnen werden.




• Florian Sieber, 34, führt mit sichtlichem Besitzerstolz durch die Fabrik im schwäbischen Göppingen, wo sowohl mit modernen CNC-Maschinen als auch viel Handarbeit unter anderem kleinste Schräubchen für Lokomotiven hergestellt werden. Zum Beispiel für den Märklin-Klassiker namens Krokodil, eine grün lackierte Güterlok, die sich dank gelenkigem Mittelteil durch die Kurven schlängeln kann. Hier wird mit heiligem Ernst an Spielzeug gearbeitet. Und der Besucher denkt sich, dass bei der großen Deutschen Bahn womöglich auch manches besser liefe, würde dort ähnlich akribisch gewerkelt.

Bei Märklin steht man allerdings auch vor Herausforderungen. Die klassischen Kunden – ältere Herren, die sich wie der Bundesinnenminister Horst Seehofer in den Hobbykeller zurückziehen, um dort als Alleinregent die Weichen zu stellen – sterben aus. Und die Jugend interessiert sich eher für Computerspiele.

Dem setzt Sieber, seit 2013 als geschäftsführender Gesellschafter für Marketing und Vertrieb zuständig, eine Zangenstrategie entgegen. Zum einen versucht man mit der gerade überarbeiteten Premium-Marke Märklin 1 – aufwendig produzierte Loks im Maßstab 1 zu 32 – eine neue Klientel anzusprechen: solvente Leute, die nicht unbedingt Eisenbahn spielen, aber sich gern ein Sammlerobjekt für ein paar Tausend Euro ins Regal stellen. Für den speziellen Look sind in Abweichung vom Märklin-Originalitäts-Credo bestimmte Teile zum Beispiel in Messing gearbeitet, um sie hervorzuheben. Sieber spricht von „hochästhetischen Produkten für eine design- und technikverliebte Kundschaft“. Wer eine solche Dampflok qualmen lassen will, braucht dazu keine Schienen zu verlegen, sondern kann einen Rollenprüfstand nutzen und das Gefährt dort mit seinem Smartphone in Betrieb nehmen. Am anderen Ende der Preis-Skala bietet das Unternehmen mit der Einsteigermarke My World Eisenbahnen für Kinder von drei bis sechs Jahren an, die so robust sind, dass Vati keine Angst vor Schäden haben muss. Je früher die Kundschaft an die Marke herangeführt wird, so das Kalkül, desto besser.

Auch am Markenauftritt vor Ort feilen Sieber und seine Leute: Auf dem Firmengelände wird gerade eine Original-Dampflok aufgearbeitet und soll dann in einer riesigen Spielzeugschachtel präsentiert werden. Außerdem entsteht dort ein Märklineum genanntes Museum mit großer Modelleisenbahn-Anlage. Die Macher des Miniatur Wunderlandes in Hamburg haben bewiesen, dass man mit Modell-Welten viele Besucher anziehen kann. In Göppingen funktioniert das auch: Zu den alle zwei Jahre stattfindenden Märklin-Tagen kommen Zehntausende. Für Sieber der Beleg dafür, „dass die Marke nicht nur für technische Perfektion, sondern auch für Emotionen steht“. ---

Theodor Friedrich Wilhelm Märklin gründet 1859 in Göppingen eine Firma, die zunächst Puppenküchenzubehör und später weitere Spielzeuge herstellt. 1891 präsentieren die Söhne des Gründers bei der Leipziger Frühjahrsmesse erstmals eine Spielzeugeisenbahn mit Schienen in Form einer Acht. Und setzen dann die Normierung der Spurweiten der Modellbahnen durch, sodass Produkte verschiedener Hersteller kombinierbar werden. Märklin selbst verwendet damals die Spur 1: Loks, Züge und Schienen im Maßstab 1 zu 32. Die Modelleisenbahn wird zum wichtigsten Produkt für das Unternehmen. Zum Erfolg tragen wesentlich kleine Eisenbahnen der Spur H0 (Maßstab 1 zu 87) bei: Sie sind günstig zu haben und nehmen wenig Platz weg. In den Sechzigerjahren zählt Märklin zu den größten Anbietern weltweit. Nach der Jahrtausendwende sinken die Umsätze, und die Verluste häufen sich. 2006 übernimmt die britische Finanzgruppe Kingsbridge das Traditionsunternehmen, drei Jahre später – zum 150. Jubiläum – ist es pleite. Doch das Geschäft läuft unter dem Insolvenzverwalter Michael Pluta weiter. Im März 2013 übernimmt Michael Sieber, einer der Gründer des Spielzeugherstellers Simba-Dickie (Bobby Car, Schuco), gemeinsam mit seinem Sohn Florian die Firma, und der bringt Märklin wieder auf die Spur. Die Marke ist die glanzvollste und komplexeste im Spielzeug-Imperium der Familie.

Gebr. Märklin & Cie. GmbH

Mitarbeiter weltweit: 1200
Umsatz (im Geschäftsjahr 18/19): rund 112 Mio. Euro
Gewinn: k. A.