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Leserbriefe

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Leserbriefe zum Artikel „Risikogruppe: Freiberufler“ in der Ausgabe 09/2019



Thomas Kimmich,
München
Danke, danke, danke! Es ist das erste Mal in 25 Jahren, dass jemand öffentlich und gut recherchiert positiv Stellung nimmt für die Leistungsträger dieser Gesellschaft. Es ist für mich wirklich ein ganz besonderer und einmaliger Moment!

Kai Müller,
München
Bitte nennt doch das Kind beim Namen! Es geht schlicht um Schwarzarbeit. Leute werden unter Umgehung von Abgaben beschäftigt. Man darf gerne auch Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch erwähnen – dazu auch Tarife und Mindestlohn. In einem öffentlich verbreiteten Text sollte die wichtige Information nicht fehlen, dass es darum geht, die gesetzliche Garantie all dieser Errungenschaften für alle abzuschaffen. Es bleibt den Arbeitgebern freigestellt, nur noch Menschen einzustellen, die zum Beispiel keine Krankenversicherung wünschen. Das wegzulassen macht meines Erachtens Ihre journalistische Arbeit arg fragwürdig.

Monika Rapka,
Stuttgart
Christian Lindner sagte über die Fridays-for-Future-Bewegung, diese sollte den Klimaschutz den Profis überlassen – gleichzeitig gaben die Scientists for Future den Kindern und Jugendlichen recht. Ich als Freiberuflerin könnte es ähnlich formulieren: Ich möchte endlich mal von Profis regiert werden und nicht von machtgetriebenen Nichtswissern. Deutschland hat nicht umsonst eine der niedrigsten Gründungsraten im Vergleich zu anderen Ländern. Uns werden so viele Steine in den Weg gelegt, wir haben ein kompliziertes und teures Rechtssystem, ein ungerechtes Steuersystem und ein (schon lange) nicht mehr funktionierendes Sozialversicherungssystem. Würden die Politiker endlich mal ihre Arbeit machen, für die wir alle sie bezahlen, und diese Systeme auf Vordermann bringen, hätten sie keine Zeit, in Bereichen Schaden anzurichten, von denen sie keine Ahnung haben. Beispiel Rentenversicherung: Ich bin nicht RV-pflichtig und muss immer aufpassen, nicht zu viele Aufträge zu haben, die unter die RV-Pflicht fallen könnten (so genau weiß das eigentlich keiner). Dabei würden sich vielleicht mehr Freiberufler auch in der GRV versichern, wenn die Beiträge nicht so hoch für uns wären und der freiwillige Eintritt nicht unumkehrbar. Ich überlege, eine Firma im Ausland zu gründen und darüber abzurechnen.

Knud Werner,
Leipzig
In Ihrem sehr lesenswerten Artikel zum Thema Freiberufler und Scheinselbstständigkeit weisen Sie auf die Möglichkeit der Gründung einer GmbH als Lösung hin. Ich selber habe 2003 eine GmbH & Co. KG gegründet, um der Scheinselbstständigkeit vorzubeugen – langfristig leider erfolglos. Meine besten und wichtigsten Kunden haben in diesem Jahr die Zusammenarbeit eingestellt, mit dem Hinweis auf die unsichere Rechtslage. Die Befürchtung war, dass auch kleine Unternehmen – insbesondere solche ohne eine nennenswerte Zahl an Angestellten – früher oder später und dann vermutlich sogar rückwirkend, als „scheinselbstständig“ eingestuft werden. Mein Hinweis auf die Rechtslage wurde zwar zur Kenntnis genommen, hatte jedoch keine Änderung der Einschätzung durch meine Kunden zur Folge. Meine Unternehmung befindet sich nun in Liquidation, und ich selber strebe eine Festanstellung an. Das mit dem Berufsverbot ist in der Tat ein Gedanke, der auch von mir hätte stammen können.

Ringo Arndt,
Eilenburg
Ich bin selbstständiger Handwerker und habe mich auf Badezimmer für Einzelhaushalte spezialisiert. Nachdem ich einen Hausmeister als Subunternehmer beschäftigt hatte, wurde von der DRV festgestellt, dass dieser abhängig beschäftigt war. Da im Handwerk keine brauchbaren Helfer zu finden sind, habe ich nun zum 1. Oktober einen Arbeitsvertrag unterschrieben und gebe auf. Aus meiner Sicht gibt es den normalen Aufbau eines Handwerksunternehmens nicht mehr, da ein Wachsen vom Einzelunternehmen zu einem größeren Unternehmen nur mit einem kaum tragbaren Risiko verbunden ist.

Stefan Schwager,
Fürstenfeldbruck
Zwei Dinge fallen mir dazu ein: 1) Den Schaden, der dadurch verursacht wird, werden die Steuerzahler tragen. Denn Regierungen reagieren nicht, sobald zukünftiger Schaden erkennbar ist, sondern erst dann, wenn der Schaden eingetreten ist (vermutlich könnte man diese Behauptung sogar wissenschaftlich beweisen). Irgendwann in der Zukunft wird es also ein „Sofortprogramm“ geben, um abgewanderte IT-Experten wieder zurückzuholen. Wie heute beim 3-Milliarden-KI-Experten-Programm, wo bereits abgewanderte KI-Experten mit Professorenstellen zurückgelockt werden sollen. 2) Wer heute einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag über X Euro brutto abschließt und sein Nettogehalt steuerpflichtig verkonsumiert, sorgt mit seiner Unterschrift dafür, dass der Staat letztendlich etwa 80 Prozent von X bekommt (Sozialversicherung + Einkommenssteuer + Konsumsteuern). Je höher das Einkommen, desto besser der Prozentsatz. Jeder kann das nachrechnen, natürlich auch die Experten, die sich täglich mit Staatseinnahmen beschäftigen. Ein sozialversicherungspflichtiger Arbeitsvertrag lässt die Staatskasse richtig klingeln. Mehr steckt meines Erachtens nicht dahinter.

Maren Müller-Pentz,
Hamburg
Was spricht mir dieser Artikel aus der Seele! Ich bin selbst seit einem Jahr Freelancer und nun von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) als scheinselbstständig eingestuft worden. Das Statusfeststellungsverfahren habe ich selbst angestoßen, weil ich mich weiter in der DRV freiwillig versichern wollte. Ich fühle mich so machtlos gegenüber dieser Entscheidung. Meinen regelmäßigen Job bei einem traditionsreichen Hamburger Unternehmen bin ich los. Ich hatte weitere Kunden und einen Projektvertrag on top – das alles nützte nichts. Es war sogar so, dass mein Kunde aus Sorge von mir verlangte, dass ich umgehend vor Ablauf meines Vertrages meinen Platz räumen sollte. Nun stehen mein Ex-Kunde und ich des DRV-Urteils wegen sogar vor Gericht, trotz der davor wirklich guten Zusammenarbeit. Ich verstehe, dass es um den Schutz der Geringverdienenden geht. Aber in Fällen wie meinem ist dieses Verfahren falsch. Mein Kunde und ich werden nun Strafe zahlen müssen, rückwirkend gelte ich als Mitarbeiter. Die Höhe meiner Kosten sind für mich noch nicht einschätzbar. Ich habe daran gedacht, gegen den Bescheid der DRV Einspruch zu erheben – doch wie wahrscheinlich ist es zu gewinnen? Ich überlege nun, mich aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus wieder fest anstellen zu lassen. Bleiben Sie bitte an dem Thema dran! Da muss sich etwas ändern.

 

Ingenieur
Trotz eigentlicher Arbeitsunfähigkeit habe ich mich nicht in die soziale Hängematte begeben – und nachdem ich unsere Existenz mit viel Mühe wieder gesichert hatte, hätte der Staat diese Existenz beinahe wieder verhindert, statt mich zu unterstützen. Den aktuellen Stand empfinde ich als unerträglich und skandalös: Es besteht keine Möglichkeit, sich rechtssicher vorzubereiten bzw. aufzustellen, wodurch der Auftraggeber und ich selbst ohne Verschulden potenziell kriminalisiert werden.

Coach
Ich bin 48 Jahre alt und seit 13 Jahren selbstständig. Als Coach für agile Methoden bin ich Freiberufler mit Leib und Seele, weil ich als Berater für Management und Teams positive Veränderungen anstoßen und begleiten kann. Als Externer werde ich dabei als unparteiisch wahrgenommen, was für den Erfolg meiner Arbeit wichtig ist. Aufgrund der Rechtsunsicherheit bzgl. meines Status als Freiberufler verliere ich oft Aufträge, weil meine Kunden Angst vor teuren Rechtsfolgen und Image-Verlusten haben, wenn ich so arbeite, wie es am meisten Sinn macht: vor Ort für die Dauer meines Auftrages (meist mehrere Monate bis zu einem oder zwei Jahren), integriert in die Organisation, die zu verändern ich angetreten bin. Das geht nicht aus dem Elfenbeinturm heraus, ich möchte die Prozesse und die tägliche Arbeit verstehen, sonst kann ich nichts verbessern. Die Kunden wollen meine Hilfe, trauen sich aber oft nicht, mich zu beauftragen. Modelle über Arbeitnehmerüberlassung lehne ich strikt ab, denn ich bin Unternehmer und möchte kein Scheinangestellter sein!

Wirtschaftsingenieur
Viele meiner Kunden haben Angst bekommen, mit Freiberuflern zu arbeiten. Das geht sogar so weit, dass Consultants nach 30 Monaten rausgeschmissen werden und sechs Monate Pause einlegen müssen. Danach sind sie für den Auftraggeber oft gar nicht mehr verfügbar. Der Effekt ist eine sinkende Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen, hohe Zusatzkosten, sinkende Steuereinnahmen. Es könnte so einfach sein, wenn man eine Einkommensgrenze für die Scheinselbstständigkeit festlegte.
Jeder, der mehr als zum Beispiel 50 000 Euro Gewinn im Jahr macht, sollte generell nicht als scheinselbstständig gelten dürfen. Bei der privaten Krankenversicherung geht das doch auch, warum nicht hier? Es ist de facto einfacher geworden, einen Freiberufler aus dem Ausland zu beschäftigen, als das Projekt mit deutschen Freiberuflern zu realisieren. Dies soll übrigens nicht davon ablenken, dass es zum Beispiel auf dem Bau durchaus Scheinselbstständige gibt, die besser fest angestellt wären und bei denen die aktuellen Kriterien für Scheinselbstständigkeit durchaus angebracht sind. Ich wage aber zu behaupten, dass diese die oben aufgeführte Gewinngrenze in den seltensten Fällen überschreiten.