© Marcel Urlaub

Kay Voges

Der Regisseur Kay Voges ist der Medienkünstler des deutschen Theaters: Seine Inszenierungen irritieren unsere Sehgewohnheiten.




• Theater ist immer auch eine Schule der Wahrnehmung: Wir sehen zu, wie auf der Bühne eine Welt entsteht. In den Inszenierungen des Regisseurs Kay Voges entstehen gleich mehrere Parallelwelten. „Im Theater kann man ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass das, was für einen sichtbar ist, nicht die einzige Realität ist“, sagt er über seine Arbeit. „Andere Leute erleben vielleicht eine ganz andere Wirklichkeit. Im Theater kann man diese anderen Wirklichkeiten betreten. Unser Blick auf die Welt ist nur einer von vielen möglichen. Das Theater eröffnet Räume für viele unterschiedliche Perspektiven.“

Voges, seit 2010 Intendant am Schauspiel Dortmund, macht aus seinen Theaterproduktionen große Multimedia-Installationen. Kein anderer Theaterregisseur reagiert so konsequent auf den von Medienreizen begleiteten Alltag. Er treibt das ins Extrem, bis die physische Präsenz der Schauspieler von der Flut der medialen Bildwelten kaum noch zu unterscheiden ist.

Seine Inszenierungen wirken oft wie Variationen einer Beobachtung des Dramatikers Heiner Müller: „Das Verschwinden der Welt in den Bildern“. In diesem Overkill der visuellen Reize weiß man irgendwann nicht mehr so genau, was eigentlich real ist. Der Zuschauer kann sich im Theater von Kay Voges selbst dabei beobachten, wie in der Wahrnehmung und dem Verarbeiten der Außenreize unsere Vorstellung von Wirklichkeit entsteht.

Die Stadt der Blinden (Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 2019, nach dem gleichnamigen Roman von José Saramago)

Eine Seuche sorgt für Angst und Schrecken: Die Erkrankten erblinden, sie werden in Lagern interniert. Das Publikum sieht diese Menschen auf der Bühne. Voges verwandelt die apokalyptische Szenerie in einen live gedrehten, in den Bühnenraum projizierten Film, der das grausame Geschehen in ästhetische Bilder verwandelt – eine Kritikerin sprach in der »Taz« von „albtraumhaft schönen Tableaux vivants“. Voges zeige „hier eine stumme Pietà, dort ein verlorenes Kauern, hier eine verzweifelte Sexszene, dort einen exzessiven Tanz“. Im zweiten Teil des Abends herrscht Dunkelheit, in der kurz grell beleuchtete Horrorszenen aufblitzen. Es wirkt, als wären jetzt auch die Zuschauer in der Nacht der Blindheit gefangen. (Bild vorige Seiten und oben)

Die Borderline Prozession (Schauspiel Dortmund, 2016)

Die Inszenierung, die Kay Voges berühmt gemacht hat. Sie überfordert die Zuschauer mit einem systematischen Overkill des simultanen Bühnengeschehens. Das Publikum sitzt und geht um ein riesiges Bühnen-Rondell mit einer langen Zimmerflucht, Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad, Dachterrasse, Fitnesskeller. Die Rückseite des Rondells zeigt die Tristesse des Stadtraums, eine Bushaltestelle, einen Parkplatz, einen Kiosk. Das Alltagsleben geht in diesem Setting ins Gewalttätige und Gespenstische über – Normalität als Albtraum. Unzählige Videoscreens verdoppeln das Geschehen, vermischt mit aktuellen und historischen Nachrichtenbildern, Filmzitaten, Texten von Dante bis Charles Bukowski, von Brecht bis Donald Trump, Beatles-Songs und Bibelstellen – ein Delirium der Bilder und ein visuell-akustischer Bewusstseinsstrom. (Bild oben und links)

Das 1. Evangelium (Schauspiel Stuttgart, 2018)

Ein überforderter Regisseur dreht einen Film über die Kreuzigung Jesus. Man sieht gleichzeitig die Dreharbeiten und Passagen des fertigen Films – sozusagen das Making-of christlicher Ikonografie. Voges und seinem Kameramann Voxi Bärenklau gelingen opulente Bilder, sie flackern pathetisch ausgeleuchtet auf den diversen Leinwänden über und neben der Bühne. Der erlesene Sakral-Trash wird von hektischem Gewusel am Filmset konterkariert: Die Herstellung der Fiktion ist harte Arbeit. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass man dem, was der Kinofilm zeigt, nicht unbedingt trauen kann. Kinoreklame („Paradise“), eine Bar, eine Krankenstation, ein Wohnwagen gehören auf der verwinkelten und vollgestellten Drehbühne zum Inventar. Besonders lustig wird es, wenn die Erzähl-Ebenen ineinanderkippen und der Darsteller des Pontius Pilatus über die Verlogenheit des Filmgeschäftes klagt.

Die Parallelwelt (Berlin Ensemble / Schauspiel Dortmund, 2018)

Ausgangspunkt dieser Inszenierung, deren Aufführungen gleichzeitig an zwei Theatern stattfinden, war für Kay Voges eine Frage: „Was bedeutet es, im digitalen Zeitalter Theater zu machen? Theater ist ein Ort, an dem Menschen Raum und Zeit miteinander teilen. Aber die Begriffe von Raum und Zeit müssen angesichts der Digitalisierung neu definiert werden. Unser Körper ist an einem Ort, aber die Kommunikation, unsere Handlungen und ihre Folgen sind davon unabhängig.“ Eine einfache Geschichte: Geburt, Kindheit, erste Liebe, Hochzeit, Trennung, Alter und Tod eines Menschen. In Berlin wird sie von Anfang bis Ende in sieben Szenen gezeigt. In Dortmund genau in umgekehrter Reihenfolge, aber sonst identisch. Über eine Standleitung werden in einer Live-Übertragung Szenen der Parallel-Inszenierung zugeschaltet – Theater als eigenes Raum-Zeit-Kontinuum.