Prototyp – Idee sucht Geld

Werde Backenzahn!

Wir könnten auf natürliche Weise zu einem neuen Gebiss kommen. Die Information dazu schlummert in uns. Eine Forscherin aus Berlin will sie zum Leben erwecken.



© Jennifer Rosowski


• Ein faszinierendes Phänomen brachte Jennifer Rosowski zu ihrem Forschungsthema: „In seltenen Fällen bildet sich bei älteren Menschen, die schon lange keine Zähne mehr haben, ein kompletter dritter Zahnsatz“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet für Medizinische Biotechnologie der TU Berlin. Das führte zu der Erkenntnis: „Der Mensch könnte lebenslang Zähne bilden. Die Information dazu ist im Kiefer hinterlegt.“

Im Laufe der Evolution hat unser Organismus verlernt, neue Zähne auszubilden. Rosowski will diese Fähigkeit wiedererwecken. Die Forscherin schrieb ihre Diplomarbeit über nachwachsende Knorpel und beschäftigte sich dann mit dem Wachstumsmechanismus von Zähnen, der dem von Haaren, Federn oder Nägeln gleicht.

Dazu nutzt sie gespendete Weisheitszähne, die ihr von der Berliner Charité zur Verfügung gestellt werden, isoliert daraus bestimmte Zellen und kultiviert diese – erst als Zellrasen in einer Kulturschale, später frei schwimmend in einer Flüssigkeit. „Die isolierten Zellen wissen ohne ihr gewohntes Umfeld nicht mehr, was sie sind“, sagt Rosowski. „In ihnen schlummert zwar noch die Information, dass sie mal Zahnzellen waren, aber sie verfallen in eine Art Regenerationsmodus und beginnen, sich sehr schnell zu teilen.“ Losgelöst von der Kulturschale, bilden sie selbstständig dreidimensionale Strukturen, und es entsteht ein sogenannter Zell-Ball. „Kondensieren“ nennt Rosowski diesen Prozess. Der Zell-Ball soll später in den Kiefer gepflanzt werden. Dort erhält er die Information: Werde Backenzahn, oder werde Schneidezahn!

© Technische Universität Berlin
© Technische Universität Berlin

Der Mechanismus funktioniert, das haben andere Forscher bereits in Tierversuchen bewiesen. Die Übertragung auf den Menschen ist aber schwierig und wäre nur mit embryonalen Stammzellen möglich, was in Deutschland verboten ist. Es besteht zudem die Gefahr einer Abstoßungsreaktion. Und: „Aus diesen Zellen kann alles Mögliche entstehen“, sagt Rosowski. „Auch eine Tumorzelle.“

Die Forscherin will aus diesem Grund körpereigene Zahnzellen nutzen. Ihr schwebt eine Kooperation mit Zahnbanken vor – ähnlich wie bei Nabelschnüren. Gezogene Zähne werden eingefroren, um daraus bei Bedarf neue Zähne zu züchten.

Die Methode der Kondensation der Zahnzellen hat sich die TU Berlin als Patent schützen lassen – in Europa und den USA. Mehr Geld wollte man nicht investieren. Also hat Rosowski mit ein paar Mitstreitern private Mittel gesammelt und selbst die Patente für China, Singapur und Russland eingereicht. In drei bis fünf Jahren will sie die Methode mithilfe eines Investors zur Marktreife bringen. ---

Zahn-Forschungsprojekt
Fachbereich Medizinische Biotechnologie der Technischen Universität Berlin
Jennifer Rosowski, Leitung: Professor Roland Lauster

Kontakt: rosowski@tu-berlin.de