Tausche Bildung für Wohnen e.V.

In einem Bildungsprojekt in Duisburg-Marxloh tauschen sich Menschen aus, die im selben Land und doch in unterschiedlichen Welten leben. Dadurch ändern beide Seiten ihre Sicht der Dinge.





• Im Westen von Marxloh gibt es einen Park. Von dort sieht man über den Baumkronen die Schlote einer Kokerei, aus denen Rauch aufsteigt, und silberweiße Türme, die in den Himmel ragen, sie gehören zum Stahlwerk von Thyssen-Krupp. Es sind die Reste einer Vergangenheit, aus der auch die Altbauten hier stammen, die mal nach Wohlstand aussahen, nun aber verfallen sind.

Duisburg ist die zweitärmste Stadt in Deutschland, in Marxloh ist rund jeder Zweite arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger. Auf der breiten Hauptstraße, früher eine der beliebtesten Flanier- und Einkaufsmeilen des Ruhrpotts, reihen sich heute türkische Brautmodeläden und Imbisse aneinander. Von den etwa 20.000 Einwohnern sind mehr als 5000 Kinder, fast 90 Prozent von ihnen sind ausländischer Herkunft.

Kinder sind die Zukunft, aber die aus Marxloh müssen viel dafür tun, um selbst eine gute zu haben. Der Verein „Tausche Bildung für Wohnen“ hilft ihnen dabei. Das Konzept: Junge Erwachsene (Bildungspaten) geben den Kindern Nachhilfe und betreuen sie, auch in den Ferien, dafür wohnen sie umsonst in einer WG. Die Schüler kommen von der ersten Klasse an in die „Tauschbar“, so heißt die Einrichtung, oft für viele Jahre. Die Bildungspaten bleiben meist zwölf Monate. Um ein Kind ihrer Gruppe kümmern sie sich intensiv.

Was haben sie gelernt? An diesem Ort und voneinander?

Emmanuela, 11, genannt Emma, geht in die 5. Klasse des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums. Sie kommt montags und mittwochs zur Nachhilfe, in den Ferien ist sie jeden Tag da. Ihre Familie kommt aus Ghana, seit drei Jahren lebt sie mit ihrer Mutter und ihren drei Brüdern in Marxloh. Ihr Bildungspate war Justin Kern.

„Man kann nicht immer haben, was man will, und man muss sich anstrengen. Das habe ich von Justin gelernt. Ich mag Mathe nicht so und wollte oft etwas anderes machen, wenn ich eine Aufgabe nicht lösen konnte. Er hat mir beigebracht, dass es wichtig ist, erst die Aufgabe zu erledigen.

Ich will Kinderärztin werden. Immer wenn ich bei Ärzten bin, sind sie sehr nett zu mir und helfen mir. Das will ich später auch machen. Ich möchte in Deutschland studieren, am liebsten in Stuttgart, da wohnt mein Papa. Danach würde ich gern im Ausland leben, aber ich weiß noch nicht, wo. In Marxloh will ich nicht bleiben. Es gibt viel Müll in den Straßen und kriminelle Leute. Ich wünsche mir, dass weniger Menschen hier finanzielle Probleme haben und dass die Häuser schön bemalt werden. Die Polizei sollte nicht so oft kommen. Aber ich finde es gut, dass es Angebote für Familien und Kinder gibt und man Spaß haben kann. Ich komme gern her, am liebsten in den Ferien. Da muss ich kein Mathe machen.

Einmal hatten wir hier ein Projekt, wo wir erzählt haben, aus welchen Ländern wir kommen, und haben Gerichte von dort gegessen. Das war toll. Ich fand am besten, dass die anderen mal sehen konnten, wie es ist in einem Land, wo sie noch nie waren und dass sie nicht schlecht darüber reden sollten.“

Justin Kern, 25, war während seines Bundesfreiwilligendienstes Bildungspate. Er kommt aus Merseburg, Sachsen-Anhalt. Zuvor arbeitete er als Fachkraft für Schutz und Sicherheit in einem Flüchtlingsheim.

„Von Emma habe ich gelernt, dass man andere nicht danach beurteilen sollte, wie sie nach außen wirken. Sie will Ärztin werden, das hätte ich nicht vermutet. Denn sie quatscht sehr gern und ist nicht immer konzentriert. Aber hinter ihrer Verspieltheit verbirgt sich eine große Ernsthaftigkeit. Seit ich sie kenne, bin ich sicher, dass sie sich durchbeißen und das schaffen wird.

Für mich war das hier am Anfang eine große Umstellung. Ich komme aus einer Kleinstadt im Osten, da gab es kaum Migranten, hier gibt es kaum Deutsche. Aber es ist eine gute Erfahrung, mal ans andere Ufer zu schwimmen und in der Unterzahl zu sein.

Hier in der Nähe ist ein Platz, wo alle hinkommen, um Fußball zu spielen oder sich zu unterhalten. Ich fand es bereichernd zu sehen, wie junge und alte Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern so friedlich miteinander leben können.

Vor ein paar Monaten ist die Schwester einer Schülerin von mir aus dem Fenster gefallen und gestorben. Sie war noch ein Baby. Bei ihrer Beerdigung stand ich anfangs etwas verloren herum. Das haben die Männer der Familie, die am Sarg standen, bemerkt und mich zu ihnen geholt. Sie haben mir erklärt, wie ich ein muslimisches Gebet sprechen kann. Natürlich war das sehr traurig, aber ich fand es schön, dass ich der Verstorbenen so die letzte Ehre erweisen konnte. Generell hat es mich überrascht, wie offen und schnell ich hier aufgenommen wurde. Ich hatte schon Vorurteile, wenn ich ehrlich bin. Manche haben sich bestätigt, etwa dass Frauen aus arabischen Ländern oft nicht gleichberechtigt behandelt werden. Aber die meisten wurden widerlegt. Ich dachte zum Beispiel, dass arabische Menschen gern unter sich bleiben. Es hilft, wenn man die Dinge selbst erlebt und sich nicht auf die Urteile anderer verlassen muss, die oft in Schubladen denken, wenn es um Fremdes geht.

Ich habe meine Sicht auf vieles verändert. Mir ist klar geworden, dass jeder Mensch eine Geschichte hat, wegen der er so ist, wie er ist. Und ich habe in dem Jahr viel über den Begriff Normalität nachgedacht. Ich glaube, wir sollten das, was wir normal finden, öfter hinterfragen. Außerdem habe ich gelernt, dass man andere einfach darauf ansprechen kann, warum sie etwas anders sehen oder tun, als es in Deutschland üblich ist.

Wir wollen den Kindern nicht nur in der Schule helfen, sondern auch soziale Umgangsformen beibringen. Am schwierigsten zu vermitteln fand ich Respekt. Wie soll man sich den verschaffen, wenn die Kinder ihn nur in Form von körperlicher Gewalt von den Eltern kennen? Anweisungen nehmen sie oft nicht ernst. Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass jeder Mensch Respekt verdient. Und dass Humor das Leben leichter macht.

Vielen Kindern wird zu Hause und in der Schule das Gefühl gegeben, dass sie nichts können und nichts wert sind. Aber gerade in Marxloh sollte man ihnen Mut machen, dass sie alles schaffen können. Viele wollen ja von hier weg.

Ich möchte nun eine Ausbildung zum Erzieher machen und in einem Jugendheim arbeiten. Ich war als Kind oft allein, wenn ich nicht bei meinen Großeltern war. Meine Mutter ist Lkw-Fahrerin, mein Vater war immer auf Montage. Meine Eltern haben mich zu vielen Sachen gedrängt, auch zu meiner letzten Ausbildung. Jetzt entscheide ich selbst, was richtig für mich ist. Ich bin selbstbewusster geworden.“

Razma, 16, geht in die 9. Klasse des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums. Sie ist mit ihren Eltern, einem älteren Bruder und drei jüngeren Schwestern vor vier Jahren aus Afghanistan geflohen. Seitdem lebt sie in Marxloh und kommt zur Nachhilfe.

„Ich habe Schwierigkeiten in Englisch und Mathe und manchmal in Physik und Bio, wenn schwierige Wörter vorkommen und ich nicht verstehe, worum es in dem Text geht. Am Anfang wusste ich nicht, wo ich anfangen soll mit Lernen, ich war sehr planlos. Michelle hat mir gezeigt, wie ich das, was ich lernen muss, auf Zetteln zusammenfassen kann und wie ich mir einen Plan mache, wann ich was lerne. Das hat mir sehr geholfen. Und sie hat immer gesagt: Gib nicht auf, du schaffst das!

Michelle macht alles ruhig und mit einem Lächeln. Ich war oft aggressiv, wenn die Kinder hier laut waren, und habe geschrien, dass sie leise sein sollen. Jetzt bleibe ich ruhig, das habe ich mir abgeschaut.

Mein Ziel ist, mein Abitur zu schaffen und danach zu studieren. Ich will Lehrerin werden und, wenn es geht, nebenher als Krankenschwester arbeiten. Nur im Büro sein, das möchte ich nicht. Ich will viele Menschen kennenlernen und ihnen helfen.

In Afghanistan war Krieg, und ich habe mir immer gewünscht, an einem Ort zu leben, wo Frieden ist. Ich mag Deutschland sehr. Hier ist es sicher, und ich finde die Regeln und Gesetze gut. Auch die Schule. Es ist nicht so chaotisch, und Schüler werden nicht geschlagen. Früher durften meine Mutter und ich das Haus nicht ohne meinen Vater oder meinen Onkel verlassen. Ich war in der Schule und sonst fast nur zu Hause. In Deutschland haben Frauen dieselben Rechte wie Männer, das ist gerecht. Hier kann man alles erreichen.

In Afghanistan wusste ich nicht, was in anderen Ländern los ist. In Marxloh habe ich schon viele Menschen kennengelernt und gehört, was sie erlebt haben. Ich finde es wichtig, dass man mit anderen redet – auch wenn man mal nicht weiterweiß. So findet man Wege und Lösungen.“

Michelle Adam, 20, war während ihres Bundesfreiwilligendienstes Bildungspatin. Sie kommt ursprünglich aus Oldenburg, Ende August hat sie eine Ausbildung als Erzieherin angefangen.

„Razma ist erst ein paar Jahre hier, aber sie spricht schon sehr gut Deutsch, und wenn sie Schwierigkeiten in der Schule hat, schafft sie es immer wieder, ihre Noten zu verbessern. Dass ein junges Mädchen, das so viel hinter sich hat, so zielstrebig ist und schon so viel erreicht hat, das hat mich sehr beeindruckt. Und es ist für mich ein Ansporn, genauso zielstrebig zu sein und mich wie sie nie entmutigen zu lassen.

Man muss für alles im Leben kämpfen, man darf nicht erwarten, dass einem alles zugeflogen kommt. Das habe ich generell von den Kindern hier gelernt. Ich hatte in der Schule oft Probleme, mich zum Lernen zu motivieren. Razma hat sogar immer auf die Spielzeit am Anfang verzichtet, damit sie genug Zeit dafür hat.

Die ersten Wochen waren sehr hart für mich. Ich komme aus einer Kleinstadt, Marxloh ist da ein extremer Kontrast. Viele haben mich vorher gefragt, ob das nicht zu gefährlich ist. Ich habe so viel Schlechtes gehört, aber hatte nie das Gefühl, dass ich hier Angst haben muss. Im Ort gibt es sehr nette Menschen und tolle Kinder. Als ich einmal im Urlaub war, hat eine Schülerin die anderen jeden Tag gefragt, wann ich zurückkomme. Als ich wieder da war, habe ich sie umarmt. Darüber hat sie sich so gefreut! Und sie hat gesagt, dass sie mich vermisst hat.


Impressionen aus dem Ferienprogramm

Die Kinder waren teilweise sehr laut und haben überhaupt nicht auf einen gehört. Für mich war es oft schwierig, bei ihnen durchzukommen. Ich bin von meinem Wesen her eher ruhig. In dem Jahr musste ich lernen, auch mal strenger und lauter zu sein.

Normalerweise kommt man mit Menschen, die gebrochenes Deutsch sprechen, selten ins Gespräch. Nur weil jemand nicht fließend spricht, heißt das aber nicht, dass man sich nicht mit-einander unterhalten kann. Austausch funktioniert auch so. Es war wichtig für mich, das zu erleben.“ ---

„Integration funktioniert nur, wenn beide Seiten sich aufeinander zubewegen. Deswegen wollen wir junge Menschen an einen Ort holen, an den sie sich sonst nicht verirren würden.“ (Christine Bleks)

Christine Bleks, 38, gründete 2012 den Verein „Tausche Bildung für Wohnen“ mit ihrem damaligen Geschäftspartner. Seitdem ist das Projekt mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. Jüngst ehrte das Bundesfamilienministerium Lena Wiewell, eine ehemalige Bildungspatin, die 2017 den geschäftsführenden Vorstand übernommen hat, für besonderes bürgerschaftliches Engagement. Weil das Angebot so gut angenommen wird, ist der Verein seit diesem Jahr auch in Gelsenkirchen-Ückendorf aktiv. Das Konzept funktioniert also gut. Dennoch hat der Verein große Schwierigkeiten, das Projekt zu finanzieren.

„Unsere Idee war, dass wir uns zu 60 bis 70 Prozent mit den Geldern finanzieren können, die den Kindern, denen wir helfen, aus den Bildungs- und Teilhabeleistungen zustehen“, sagt Bleks. „Wir wollten ein Sozialunternehmen sein, das nicht nur von Spenden und Stiftungen abhängig ist.“ Im Laufe der Jahre habe sich aber gezeigt, dass der bürokratische Aufwand, diese Gelder zu beantragen und zu erhalten, so immens ist, dass der Verein dazu eine Vollzeitkraft einstellen müsste. Die kann er nicht bezahlen. Deshalb werden die beiden Standorte derzeit fast ausschließlich mit Spenden- und Stiftungsgeldern am Leben gehalten. Stiftungen schließen die Förderung von Personalkosten häufig aus. Die Mitarbeiter in den Einrichtungen seien jedoch der größte finanzielle Posten, sagt Bleks.

Im Gegenzug dafür, dass sie die Räumlichkeiten renovieren, hat die katholische Kirche dem Verein die Immobilie der „Tauschbar“ in Marxloh für ein paar Jahre zur Verfügung gestellt. In den Sommerferien haben die Kinder und Bildungspaten in einer Nebenstraße eine baufällige Wohnung renoviert, die der Verein ebenfalls mietfrei von einer örtlichen Wohnungsbaugesellschaft erhält. Dort soll eine neue WG entstehen. Die Wohnung, in der die Bildungspaten bislang lebten, war Eigentum des Vereins. Wegen der finanziellen Probleme hat er sie verkauft. Weil das Geld trotzdem nicht reichte, hat Christine Bleks sich selbst entlassen, die Geschäftsführung auf eine halbe Stelle reduziert und zwei Mitarbeitern gekündigt. Bleks versucht derzeit, ein alternatives Geschäftsmodell zu entwickeln.