Wirtschaftsgeschichte

Die Spiegel-Affäre

Im 17. Jahrhundert hatten die Venezianer ein Monopol auf erstklassige Spiegel – bis sich die Franzosen in den Luxusartikel verliebten.





• Sich selbst zu betrachten war schwierig im 17. Jahrhundert. Gewöhnliche Leute benutzten polierte Stahlplatten, in denen sie ihr Gesicht nur schemenhaft erkannten. Wohlhabende hatten zwar Spiegel, die mehr oder weniger ihren Zweck erfüllten, aber die feinsten, klarsten Spiegel besaßen die wenigsten – sie gelangen nur den Glasern von Venedig. Das rare Luxusprodukt war in Europa und dem Nahen Osten gefragt, die Venezianer verdienten gut daran.

Sie wussten sehr genau, dass ihr Wohlstand auf ihrer Monopolstellung beruhte. Entsprechend groß war die Sorge, jemand könnte das Rezept für die besten Spiegel der Welt stehlen. Um das Geheimnis zu bewahren, entwickelten die Venezianer vielfältige Strategien: Sie verlagerten die Produktion auf die Insel Murano, die in der Lagune Venedigs liegt, abgeschirmt von den neugierigen Blicken Fremder. Sie behandelten die Glasmacher nicht wie Handwerker, sondern hofierten sie wie Künstler. Sie gewährten ihnen Privilegien, zum Beispiel das Recht, in höhere Kreise einzuheiraten. Vorsichtshalber drohten sie ihnen zugleich: Wenn einer sein Wissen Konkurrenten im Ausland verrate, komme seine Familie ins Gefängnis. Falls er nicht freiwillig zurückkehre, werde man jemanden schicken, um ihn umzubringen.

Dann kamen Spiegel in Frankreich in Mode. 1651 gab der Erzbischof von Sens einen Ball, bei dem fünfzig Spiegel aus Venedig den Raum schmückten. Der Dichter Jean Loret beschrieb, wie die Gäste beim Anblick ihrer selbst außer sich gerieten – sie schnitten Grimassen, posierten und lachten. Bald wollte jeder aus der gehobenen Gesellschaft so einen Spiegelsaal haben, kleine Spiegel wurden als Schmuck getragen.

Auch der französische König Ludwig XIV. war verrückt nach dem Statussymbol. Mehr als 500 Exemplare soll er besessen haben, später ließ er im Schloss Versailles den Spiegelsaal errichten. Er setzte Jean-Baptiste Colbert als Finanzminister ein und übertrug ihm auch die Verantwortung für die feinen Künste. Colbert erschrak, als er sah, wie viel Geld die Franzosen für venezianische Spiegel ausgaben. Also beschloss er, in Frankreich eine eigene Manufaktur zu gründen. Dazu beauftragte er 1664 Pierre de Bonzi, den Botschafter in Venedig, dort Spiegelmacher abzuwerben und nach Paris zu bringen. Bonzi antwortete zwar, das sei ein wenig riskant – wer versuche, diese Fachleute abzuwerben, werde ins Meer geworfen. Doch als ergebener Untertan tat er es.

So begann eine kuriose Geschichte um Industriespionage, Rebellion und rohe Gewalt, die die französische Historikerin Sabine Melchior-Bonnet aus Dokumenten der Diplomaten und Briefen rekonstruiert hat und in ihrem Buch „Der Spiegel“ erzählt. Bonzi fand drei Glasmacher: Pietro Rigo, Zuane Dandolo und La Motta. Für viel Geld willigten sie ein, samt ihrem Wissen nach Frankreich zu ziehen. 1665 kamen sie in Paris an, bauten Öfen und richteten eine Werkstatt ein. Wie zu erwarten, war die venezianische Führung erbost: Der Rat der Zehn fand heraus, dass die Franzosen dahintersteckten, und schickten ihren Botschafter in Paris los, um die Abtrünnigen zu suchen. Doch er konnte sie nicht finden.

Schießerei unter Glasern

Den Franzosen gelang es, weitere Glasmacher aus Venedig abzuwerben und nach Paris zu schmuggeln, darunter Antonio della Rivetta, einen Glasermeister. Mit diesem Team war es nun möglich, eine ganze Fabrik aufzubauen. Diese ließ sich nicht mehr im Verborgenen betreiben, der venezianische Botschafter fand die Auswanderer. Er versuchte mit großen Versprechen und noch größeren Drohungen sie zurückzuholen, doch sie ließen sich nicht beeindrucken. 1666 wurde der erste Spiegel fertig.

Finanzminister Colbert war zufrieden mit der Qualität. Ihn ärgerte nur, dass die Venezianer ihr Wissen nicht teilen wollten. Sie weihten die französischen Mitarbeiter nicht vollständig in ihr Geheimnis ein, damit die Franzosen von ihnen abhängig blieben. Sie ließen sich gut bezahlen, wurden divenhaft und hitzköpfig. Es kam zum Streit zwischen La Motta und Rivetta, die Belegschaft teilte sich in zwei Lager. Beide Parteien bewaffneten sich und schossen tatsächlich aufeinander, La Motta wurde an der Schulter verletzt.

Als die Arbeiter nach dem Vorfall einige Tage lang ins Gefängnis kamen, stand die Produktion still. Das kam öfter vor, etwa wenn Glasmacher krank waren oder sich bei der Arbeit verletzt hatten. Einen Venezianer fragten die Franzosen, ob man ihn nicht ersetzen könne, bis sein verwundetes Bein verheilt sei. Nein, antwortete der, seine Tätigkeit sei so anspruchsvoll, dass man im Alter von zwölf Jahren beginnen müsse, sie zu erlernen. Dass so zögerlich produziert wurde, ließ die Franzosen verzweifeln, schließlich hatten sie viel Geld in die Fabrik gesteckt.

Der Glasermeister Rivetta und seine engsten Mitarbeiter gaben schließlich dem Druck aus Venedig nach und kehrten 1667 zurück, man hatte ihnen die Strafen erlassen. Dort wurden sie jedoch als Verräter betrachtet und so schlecht behandelt, dass sie drei Jahre später um Erlaubnis baten, wieder in Frankreich zu arbeiten. Colbert lehnte ab, zu unerfreulich sei die Zusammenarbeit gewesen.

Im selben Jahr passierte in der königlichen Manufaktur etwas Überraschendes: Die französischen Handwerker lösten viele technische Schwierigkeiten, teils durch Erfahrung, teils durch Zufall. Die Qualität der Spiegel verbesserte sich dramatisch – ganz ohne die Hilfe des venezianischen Meisters.

Noch heute steht der Name „Murano“ für hochwertiges Glas, auf der Insel werden zumindest für Touristen noch Vasen und Gläser gefertigt. Doch seine Bedeutung bei der Produktion von Spiegeln verlor Venedig schon um 1685. Die Konkurrenz aus Frankreich war zu stark geworden. ---