Social Media

Der Anti-Star

Wer Berater fragt, was zu tun ist, um in den sozialen Medien erfolgreich zu sein, bekommt garantiert den wunderbar konkreten Tipp: Sei authentisch! Nur: Wie geht das?





• Nicht groß nachdenken und einfach drauflosposten? Mit der Kamera seinen ganz normalen Alltag filmen und das Ganze dann auf Youtube stellen? Soll das der Schlüssel zum Erfolg sein? Authentizität kommt von dem griechischen Wort authentikós und bedeutet: echt, den Tatsachen entsprechend und deshalb glaubwürdig. Eine Person gilt als authentisch, wenn sie sich gemäß ihrem wahren Selbst verhält, statt sich irgendeinem Gruppenzwang zu unterwerfen.

Einen unverstellten Blick auf fremde Personen bekommt man im echten Leben nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum Reality-Shows im Fernsehen zunächst so großes Interesse weckten: Formate wie „Big Brother“ versprachen Einblicke, die einem normalerweise verwehrt bleiben; ebenso die Webcams in den Wohnzimmern der Selbstdarstellungs-Pioniere in den Anfängen des Internets. Das Problem: Bald wollte keiner mehr zuschauen, denn die unfrisierte Sicht auf gewöhnliche Leute war todlangweilig.

Dass sich die Menschen in den sozialen Medien geben sollen, wie sie wirklich sind, kann mit dem Ruf nach Authentizität also nicht gemeint sein. Was dann?

Eine Antwort findet man bei Emma Chamberlain, der laut US-Magazin »The Atlantic« „wichtigsten Youtuberin heute“. Sie ist 18 Jahre alt, stammt aus San Bruno in Kalifornien. Die Highschool hat sie vorzeitig abgebrochen, da war sie in den Social-Media-Kanälen schon ein Star. Auf Youtube hat sie aktuell 8,4 Millionen Abonnenten, auf Instagram 8 Millionen Follower, bei Twitter 2,5 Millionen.

Allein durch Youtube heimst sie Schätzungen zufolge jährlich mindestens eine Million Dollar an Werbegeldern ein. Ihre Auftritte bei der Fashion Week in Paris und New York, ihr Shop mit Fan-Artikeln und ihr Nummer-1-Podcast spülen weiteres Geld in die Kasse.

Das Geheimnis ihres Erfolgs? „Emma Chamberlain hat sich einen Namen gemacht, indem sie all das ist, was Social Media sonst nicht ist: roh, real, ungefiltert“, heißt es in einem Porträt der amerikanischen »Marie Claire«. Sie sei das Gegenmittel zur perfekt polierten Influencer-Kultur. Auf den Begriff gebracht: authentisch. Stimmt das?

In ihren rund zehnminütigen Videos sieht man eine dampfplaudernde junge Frau bei sinnlosen Teenager-Aktionen. Einmal, es ist mitten in der Nacht, fährt sie in ihrem Auto ziellos durch Los Angeles, besorgt sich in einem Coffeeshop einen Iced Latte und einen Donut, macht Halt an der berühmten pinkfarbenen Wand, die zum Laden des Designers Paul Smith gehört, und besucht einen Supermarkt. Wenn sie mal nicht redet, rülpst sie, zieht am Strohhalm oder rührt mit dem Finger im Ohr – die dabei entstehenden Laute sind so aufdringlich, dass offenkundig am Sound nachgearbeitet wurde.

Ein anderes Video zeigt sie mit Freunden bei einem Roadtrip nach Las Vegas. „I have to piss badly“, sagt sie einmal, um dann den Zuschauer mit aufs Klo eines Fast-Food-Mexikaners zu nehmen.

Chamberlain ist also vor allem anti. Eine Reaktion auf die Youtube-Promis, die sich ganz bewusst vom ursprünglichen Anarcho-Charakter der Plattform losgesagt haben und sich nun mithilfe professioneller Filmtechnik möglichst perfekt darzustellen versuchen. Statt sich selbst ins beste Licht zu rücken, thematisiert sie mit Vorliebe, was andere lieber verbergen: ihre Pickel, ihren Durchfall, das Blut, das ihr am Bein runterläuft, weil sie einen Tampon vergessen hat. Auch Schnitte und Filter, die normalerweise dazu dienen, Videos unterhaltsamer beziehungsweise die Darsteller attraktiver zu machen, wirken vollkommen willkürlich eingesetzt. Wie eine Parodie.

All das sind natürlich Stilmittel. Inszenierte Authentizität. Frauen, die in Büchern oder auf der Bühne mit unappetitlichen Mitteln einen Gegenentwurf zur glatt gebügelten Hochglanz-Ästhetik von People-Magazinen schufen, gab es schon zuvor: Charlotte Roche etwa, Stefanie Sargnagel oder die Band Schnipo Schranke. Aber anders als diese nutzt Chamberlain ihre Obszönitäten zur Selbstdarstellung – und trifft bei ihrer Fangemeinde einen Nerv.

Eine Influencer-Expertin erklärt es gegenüber dem »Atlantic« so: „Millennials verwenden Social Media für eine Aneinanderreihung von Höhepunkten. Für die Generation Z ist es eher Ausdruck von: „Hey, das ist, was ich gerade mache und wie ich gerade aussehe.“

Hinter der Inszenierung steckt viel Arbeit. Für jeden zehnminütigen Ausschnitt aus ihrem Leben braucht Emma Chamberlain laut eigener Aussage 20 bis 30 Stunden. ---

Martin Fehrensen ist Autor vom Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.