„Siri, das war früher die Fee aus dem Märchen“

Ein Gespräch mit dem Kunsttheoretiker Boris Groys über Weltbilder im Zeitalter von Social Media, Virtual Reality und Algorithmen.




Boris Groys, 72, ist einer der einflussreichsten Medien- und Kunsttheoretiker der Gegenwart. Er studierte Mathematik und Philosophie in Leningrad und gab in der Sowjetunion der Siebzigerjahre illegale Literaturzeitschriften heraus. 1981 verließ er die Sowjetunion. Er lehrte als Gastprofessor unter anderem an der University of Pennsylvania in Philadelphia, an der University of Southern California in Los Angeles und ab 1994 als Professor für Kunstwissenschaft, Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Seit 2005 unterrichtet er als Global Distinguished Professor am College of Arts and Science der New York University. Zuletzt erschienen von Groys die Bücher „Einführung in die Anti-Philosophie“ (Hanser Verlag), „In the Flow“ (Verso Books) und „Kosmismus“ (Matthes & Seitz).

brand eins: Herr Groys, wie verändert sich unsere Wahrnehmung der Welt durch Virtual Reality und Augmented Reality?

Boris Groys: Ich glaube nicht, dass diese Medien unsere Wahrnehmung einschneidend verändern. Was unsere Weltwahrnehmung wirklich verändert, ist Social Media. Man ist konfrontiert mit Milliarden anderen Nutzern. Das ist wie in einem Supermarkt mit einer Milliarde Angeboten. Der einzige Ausweg ist, das zu wählen, was man immer schon kannte.

Man folgt auf Facebook Leuten, die man kennt, man gibt bei Google Suchbegriffe ein, die einem vertraut sind. Das Internet ist kein Fenster zur Welt, es ist ein Spiegel, in dem wir immer nur uns selbst sehen, unsere Interessen, Wünsche, Begehren. Das ist eine vollkommen narzisstische Angelegenheit. Die Algorithmen von Suchmaschinen, Social Media oder E-Commerce stellen mein persönliches Profil her. Durch die Werbung im Internet wird mir nur das angeboten, was diesem Profil entspricht. Das Internet schafft nicht Kommunikation und Austausch, sondern eine Fragmentierung der Gesellschaft, eine Art Autismus.

Ich konnte im Netz Vorträge von Ihnen sehen, die ich nicht kannte.

Aber Sie kannten meinen Namen und vermutlich einige meiner Bücher. In den Achtzigerjahren entwickelten meine Freunde in den USA und Europa eine große Internet-Euphorie. Sie glaubten, jetzt sei die Kommunikation befreit, man könne überall auf der Welt leben und trotzdem an den wichtigen Debatten teilnehmen. Einige von ihnen sind damals sogar nach Neuseeland ausgewandert. Jetzt leben sie alle wieder in Europa und in den USA. Wie in der Renaissance verdichtet sich heute alles in den großen Städten. Der Grund ist, dass das Internet soziale Milieus, persönliche Kontakte und den direkten Austausch eben nicht ersetzen kann. Jenseits dieser kulturellen, intellektuellen, ökonomischen Zentren verlieren Sie nach zwei, drei Monaten den Anschluss, und kein Kontakt im Internet wird Ihnen helfen. Sie werden nicht einmal wissen, wonach Sie fragen müssen.

Eine aktuelle Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass der Empfehlungsalgorithmus des brasilianischen Youtube überproportional oft auf Seiten mit Verschwörungstheorien verweist, was etwa die dortige Präsidentschaftswahl beeinflusst haben soll. Falls das stimmt – wie verzerrt so etwas unsere Wahrnehmung der Welt?

Wenn wir die Welt durch die Medien wahrnehmen, ist der Verdacht, dass die Medien uns manipulieren, geradezu unausweichlich. Das liegt in der Natur der Sache, völlig unabhängig davon, wie seriös die Medien sind, die wir nutzen, ob »Fox News« oder die »New York Times«. Die Medien, die diesen Verdacht bestätigen, indem sie von sich aus Selbstkritik üben und es offenlegen, wenn sie Fehler gemacht haben, erscheinen glaubwürdiger als solche, die das nicht tun. Als ich vor 20 Jahren ein Buch über dieses Misstrauen gegenüber den Medien geschrieben habe (Unter Verdacht – Eine Phänomenologie der Medien. Hanser Verlag, 2000), galt das als etwas zugespitzte, paranoide These. Heute ist das Misstrauen gegen Empfehlungsalgorithmen oder Social Bots ein Allgemeinplatz.

Erahnten Sie vor 20 Jahren die heutige Fake-News-Welle?

Die Diskussion über Fake-News und Verschwörungstheorien, so wie sie heute geführt wird, ist absurd. Sicher, es kann nicht schaden, wenn Tatsachenbehauptungen stimmen. Aber Fakten zeigen sich nur, wenn man nach ihnen fragt. Keine Frage, keine Auskunft. Wenn man nicht die richtigen Fragen stellt, ist es völlig egal, ob all die Tatsachenbehauptungen über belanglose Angelegenheiten stimmen oder nicht. Am besten kann man die Menschen mit Fakten manipulieren. Wirklichkeit ist das, was wir dafür halten. Das ist nicht neu. Wie man in der Demokratie das Publikum mit Rhetorik beeinflusst und so Wahlen gewinnt, kann man schon bei Platon nachlesen.

Aber Sie behaupten jetzt nicht, dass Verschwörungstheorien eigentlich harmlos sind?

Sie sind vor allem unvermeidlich. In der europäischen Tradition hat man immer geglaubt, dass es hinter der sichtbaren Natur eine andere Wahrheit gibt – Gott. Heute glaubt man, dass hinter den Naturerscheinungen etwa Elementarteilchen, Atome, die Modelle der Stringtheorie stecken, also lauter Phänomene, die wir nicht sehen oder erfahren und oft nicht einmal begreifen können. Hinter dem, was wir sehen, vermuten wir undurchsichtige Kräfte. Das ist die automatische Reaktion auf alles, was wir wahrnehmen. Genau so ist es mit den Medienbildern, die uns umgeben, wie die Natur im Mittelalter die Menschen umgeben hat. Wir glauben, es muss hinter den Medienbildern eine unsichtbare Wahrheit geben. Wie soll man da nicht bei Verschwörungstheorien landen?

Ist die Frage nicht nur, wie ich die Welt wahrnehme, sondern umgekehrt, wie meine Umgebung, Unternehmen oder der Staat mich wahrnehmen? Hat sich das durch Systeme zur Gesichtserkennung, durch die Beobachtung meines Verhaltens im Internet, durch Social-Score-Systeme wie in China verändert?

Absolut. Wie ich wahrgenommen werde, so lebe ich. Und genau da finden die entscheidenden Veränderungen statt. Es gibt Agenturen, die unser Verhalten im Internet beobachten und daraus Persönlichkeitsprofile erstellen, die nicht nur der Werbung, Unternehmen, dem Kommerz dienen, sondern auch der Politik. Dieses Targeting ist für Geheimdienste oder Sicherheitsorgane besonders interessant. Heute kann man nicht mehr in der Masse verschwinden. Früher, im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Massen, wurde man in der Regel nur als Teil größerer Gruppen, als Element der Statistik erfasst. All diese Augen, die jetzt mein Verhalten im Internet und in der physischen Welt beobachten, erfassen mich aber sehr genau als einzelne Person. Das ist neu.

Welche Folgen hat das?

Man weiß nie, mit welchen Kriterien, aufgrund welchen Verhaltens und welcher Datenbasis man sozial vermessen wird. Man weiß nur, dass schlechte Bewertungen gefährlich sind – für die Karriere, für die Kreditwürdigkeit, für die Chancen, eine Wohnung oder einen Job zu bekommen, für das Risiko, öffentlich diskreditiert zu werden, für alles. Also wird man sehr vorsichtig und lebt im Modus des permanenten Selbstmarketings. Verglichen mit diesem sozialen Existenzdruck, war die Stasi gemütlich.

Ist das Ihr Ernst?

Die Stasi war zentral gesteuert, sie hatte klare Vorgaben. Jeder wusste, wie man sich verhalten musste, um keinen Ärger zu bekommen. In New York lebe ich in totaler Ungewissheit bei der Frage, wie ich von wem wahrgenommen werde. Das ändert sich auch permanent. Das erzeugt eine tiefe Verunsicherung und die ständige Sorge um die eigene Reputation, das eigene Aussehen. Der moderne Narziss ist nicht in sein Aussehen verliebt, im Gegenteil. Er ist damit unzufrieden und will es ständig optimieren, nicht um sich zu gefallen, sondern um den anderen zu gefallen. Er ist nicht von Genuss getrieben, sondern von Angst. Als ich anfing, in den USA zu unterrichten, habe ich einer Studentin gesagt, was mir an ihrer Arbeit nicht gefällt. Das war eigentlich keine große Sache. Sie ist vor Panik in Ohnmacht gefallen. Ein Kollege hat mir erklärt, dass sie Angst hatte, nicht zu gefallen, keine gute Note zu bekommen, keinen guten Abschluss, keinen guten Job. Man darf keine Kritik üben, das löst sofort Existenzängste aus. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten an amerikanischen Universitäten extrem verstärkt.

Wird man angesichts der Ängste paranoid?

Ich sehe den anderen an und verdächtige ihn, dass er mich verdächtigt, dass ich ihn nicht so toll finde. Das beschreibt Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Ich habe keine Evidenz, ich kann nicht wirklich wissen, wie die anderen mich wahrnehmen. Sie sind höflich, aber vielleicht verachten sie mich. Dieser Verdacht, die Angst vor dem bedrohlichen Urteil der anderen, regiert die Konkurrenzgesellschaft. Um nicht verrückt zu werden, muss man verstehen, dass das, was die anderen über mich denken, nicht die Wahrheit über meine Person ist. Es ist fiktiv und sagt mehr über den Beobachter aus als über den Beobachteten. Das sind immer kulturelle Konstruktionen.

War das nicht immer so?

Je weiter sich eine Gesellschaft in Richtung Personalisierung, Vereinzelung und individueller Konkurrenz entwickelt, desto stärker werden diese Ängste. Ich biete der Gesellschaft ein Bild von mir, aber ich kann dieses Bild kaum kontrollieren. Von den anderen beobachtet zu werden wird nicht nur durch Digitalisierung komplizierter, sondern auch durch die Konflikte der Identitätspolitik. Wie wird man als weißer Mann, als schwarze Frau, als Homosexuelle, als Einwanderer wahrgenommen, wie wird mein Verhalten interpretiert? Nur eines ist gefährlicher, als beobachtet zu werden: nicht beobachtet und nicht beachtet zu werden. Deshalb wird der Kampf um Anerkennung, darum, überhaupt wahrgenommen zu werden, so erbittert geführt, in den USA sehr viel erbitterter als in Europa.


Ein Mann mit starken Thesen: Boris Groys in New York

Die deutsche Firma Precire will individuelle Persönlichkeitsprofile auf der Grundlage von Sprachdaten erstellen, mit Bewertungen wie „selbstorganisiert“, „ausgeglichen“ oder „autonomiebedürftig“. Unternehmen setzen das ein, um Bewerber zu prüfen. Können mich solche Programme besser, vielleicht auch fairer bewerten als Menschen?

Das weiß ich nicht. Aber das Beispiel zeigt, dass die Techniken, mit denen die Gesellschaft den Einzelnen beobachtet, immer raffinierter werden und dafür enorme Ressourcen eingesetzt werden. Auch verglichen damit war die Stasi amateurhaft. Aber man muss auch sagen: Alle diese neuen Techniken sind von Menschen gemacht – keine Programme ohne Programmierer.

Zurück zum Anfang unseres Gesprächs: Mit einer Virtual-Reality-Brille begebe ich mich in ein komplett simuliertes Universum, egal ob in einem Computerspiel, einem militärischen Training oder einer Kunst-Installation. Der Reiz besteht darin, dass das Erleben der Umgebung kaum von der Wahrnehmung der echten Wirklichkeit zu unterscheiden ist. Weshalb bezweifeln Sie, dass das ein Einschnitt in der Geschichte der menschlichen Wahrnehmung ist?

Weil die Kunst schon immer alternative Welten geschaffen hat. Wenn ich einen Roman lese oder ins Kino gehe, erlebe ich eine andere Realität. Wenn ich mit einer Virtual-Reality-Brille „World of Warcraft“ spiele, mache ich nichts anderes. Ich verlasse die Wirklichkeit, in der ich lebe, und gehe in eine andere Welt. Aber ich weiß die ganze Zeit, dass ich irgendwann in die Realität des eigenen Alltags zurückmuss. Ich glaube nicht, dass ein Computerspiel meine Wahrnehmung der Wirklichkeit verändert.


„Dass Simulation dem Training dient, der Vorbereitung auf den Ernstfall, ist nicht neu. Man lernt immer mit Übungen, und eine Übung ist immer fiktiv.“

Wenn mein Leben langweilig ist, kann es attraktiv sein, viel Zeit in diesen alternativen Welten zu verbringen. Können sie sich irgendwann realer anfühlen als die Realität, in der ich lebe?

Keine Frage. Ich bin bei Netflix und Amazon Prime, ich genieße die Serien genau aus diesem Grund. Seit meiner Kindheit lese ich gern Romane, letztlich um der Wirklichkeit zu entfliehen. Das hat Marx Opium fürs Volk genannt. Man kann dieses Opium genießen, auch wenn es, wie Marx glaubt, den Süchtigen davon abhält, die richtigen Fragen hinsichtlich seiner realen Existenz in der Welt zu stellen.

Bei Marx ist die Religion das Opium fürs Volk, nicht Dostojewski, Tarantino-Filme oder World of Warcraft.

Das sind alles nur säkulare Varianten der Religion. Christentum bedeutet, dass man in die Kirche geht, einen anderen Raum mit anderen Gesetzen betritt und das Glück der Vereinigung mit Gott erlebt. Dann geht man zurück in sein Leben, und alles ist wie vorher. Kirche, Kino, Computerspiele – das sind immer Drogenerfahrungen, um dem eigenen Leben zu entkommen und andere, intensivere, aufregendere Wahrnehmungen zu machen. Ernst Jünger hat dazu etwas Interessantes gesagt. Er glaubte, dass nach dem Krieg der Religionen und dem Krieg der Kulturen der Krieg der Drogen kommt.

Biertrinker gegen Opiumraucher gegen Romanleser gegen Leistungsdrogen-Doper gegen Computerspieler?

Ja, vielleicht. Wie bei Kultur und Religion geht es auch hier um Arten, die Welt wahrzunehmen oder ihr zu entkommen.

Angeblich sagen manche Kinder, Siri von Apple sei ihre beste Freundin. Die US Army trainiert Kampfeinsätze mit Simulationen wie in einem Computerspiel. Verschmilzt da die Wahrnehmung der echten Wirklichkeit mit der Simulation?

Was heute Siri ist, war früher die Fee aus dem Märchen oder die Heilige, mit der die Gläubigen gesprochen haben, ein imaginäres Gegenüber. Dass Simulation dem Training dient, der Vorbereitung auf den Ernstfall wie in der US Army, ist auch nicht neu. Ich habe in meiner Jugend viele Romane gelesen, oft geht es dabei um menschliche Beziehungen, um Liebesbeziehungen. Auch das ist ein Training der Wahrnehmung. In meinem Leben habe ich selten Situationen erlebt, die ich nicht schon aus den Romanen kannte. Die heutige Jugend trainiert für ihr Liebesleben wahrscheinlich mit Filmen, aber der Vorgang ist der gleiche. Man lernt immer mit Übungen, und eine Übung ist immer fiktiv. Aber auch das setzt voraus, dass man Wirklichkeit und Fiktion nicht miteinander verwechselt.

Sie schreiben, die Kunst-Avantgarde der Zwanzigerjahre wollte „neue Umgebungen für die Menschen erschaffen und sie dadurch verändern“. Solche neuen Umgebungen für unsere Wahrnehmung realisieren heute Computerspiele mit Virtual-Reality-Brillen – nur dass es dabei nicht um einen neuen Menschen, sondern um Vergnügen geht.

Die radikalen Avantgarden, die russischen Konstruktivisten, die Futuristen in Italien, Bauhaus in Deutschland wollten genau das Gegenteil. Kunst sollte nicht mehr Parallelwelten als Drogenerfahrung anbieten, sondern in das alltägliche Leben eingreifen. Das Leben selbst wird zum Kunstwerk. Le Corbusier sagte, man sollte Paris abreißen und eine Stadt der Zukunft bauen. Genau das hat Stalin mit einem ganzen Land realisiert. Er hat die Utopien der Kunst-Avantgarde verwirklicht, vielleicht etwas anders, als es sich die Künstler vorgestellt hatten. Ich habe bis zu meinem 34. Lebensjahr in der Sowjetunion gelebt. Man konnte nicht einfach die Augen schließen und glauben, so verschwinde der Sozialismus. Es war ein Leben in einem vorgegebenen Modell, man konnte nicht entscheiden, ob man in dieses Spiel eintritt oder es beendet. Davon träumten die Avantgardisten: ein Spiel zu schaffen, das man nicht verlassen kann. ---