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Was Wirtschaft treibt

Slowenien summt

Seit Jahrhunderten haben die Menschen in Slowenien eine innige Beziehung zu Bienen. Nun hat das Land das Vermarktungspotenzial erkannt.




• Auf der ganzen Welt sterben die Bienen. Pestizide, Parasiten, Wetterextreme und Monokulturen haben zu so hohen Verlusten geführt, dass man begann, den Wert der kleinen Bestäuber zu eruieren und das beängstigende Bild einer Welt ohne sie zu zeichnen: Keine Äpfel, Kirschen, Erdbeeren, Gurken oder Brokkoli – etwa jeden dritten Bissen Nahrung, den wir zu uns nehmen, verdanken wir den Bienen, schätzen Experten. Die Europäische Union (EU) beziffert die freiwillige Bestäubungsarbeit der Insekten mit einem Wert von 22 Milliarden Euro. Sogar die Literatur beschäftigt sich mit dem Thema, in Dystopien, die vom nahenden Ende der Menschheit erzählen.

Im kleinen Slowenien aber geht es den Bienen noch gut, sie werden sogar regelrecht verehrt. An der Einwohnerzahl bemessen, imkern hier mehr Menschen als in jedem anderen EU-Land – etwa jeder 190. Slowene hat zumindest ein paar Bienenvölker. Gesetze und Initiativen zum Schutz der gefährdeten Insekten zeugen von der aufrichtigen Liebe zu ihnen. Die heimische Krainer Biene, die an das örtliche Klima angepasst ist, steht sogar unter Artenschutz. Inzwischen haben die Slowenen auch das Vermarktungspotenzial der Bienen erkannt. Und beweisen dabei, dass Natur- und Artenschutz nicht im Widerspruch zu erfolgreichem Wirtschaften stehen, sondern dieses sogar erst ermöglichen können. Wie das funktioniert, wissen drei Unternehmer besonders gut:

Die Macherin des Götterweins

Nika Jere hält Abstand, wenn sie die Bienenstöcke ihres Vaters besucht: Sie hat eine Bienenallergie. „Für die Tochter eines Imkers ist das natürlich sehr unpraktisch“, sagt sie. Aber die Marketingstudentin kümmert sich ohnehin am liebsten um den Vertrieb des Honigweins der Familie. „Das Getränk der Götter“ steht auf den von ihr gestalteten Broschüren, die erklären, dass das älteste alkoholische Getränk der Welt ähnlich erzeugt wird wie Wein – nur dass der Zucker, der fermentiert, aus purem Honig stammt.

Obwohl Jere in Österreich studiert, fährt sie jedes Wochenende an den Stadtrand von Ljubljana zu ihrer Familie und parkt ihren Gebrauchtwagen vor der umfunktionierten Garage, in der der Met in mannshohen Gärbottichen erzeugt wird. Süßlich-herb riecht es hier, alle paar Sekunden ist ein leises, lang gezogenes „blubb“ zu hören.


Der Imker Gorazd Trušnovec über den Dächern von Ljubljana

Vor etwa 15 Jahren begann der Vater hier, seine beiden Leidenschaften, Imkern und Wein herstellen, zu vereinen. Nun haben die Jeres das einstige Getränk der Wikinger wieder auferstehen lassen. Kleine Spezialitätenläden, Souvenirshops, die sich auf Honigprodukte spezialisiert haben, und Feinschmeckerlokale, deren Gäste den Wein schätzen, gehören zu den größten Abnehmern. Bereits ein Drittel des eigenen Honigs wird zu halbtrockenem Honigsekt, trockenem Metwein aus Kastanienhonig und süßem Dessertmet fermentiert. Mehrere Tausend Flaschen pro Jahr setzen die Jeres ab, je nach Honigernte und Bedarf. Auszeichnungen aus aller Welt hängen schon im kleinen Verkaufsraum des Familiensitzes, wo es noch Platz für Expan‑ sion gibt. Nika Jeres Traum: „Ein eigener Weinkeller, in dem wir auch Verkostungen anbieten könnten.“

Gerade ist sie mit den Vorbereitungen für eine Weinmesse in Seoul beschäftigt, wo sie nach einem Großabnehmer suchen wird. Bei Verkostungen in der Innenstadt Ljubljanas fiel ihr auf, dass Touristen aus dem ostasiatischen Raum besonders von dem süßen, unbekannten Wein begeistert sind, und auch im vergangenen Jahr war der Met der Familie Jere auf einer internationalen Weinmesse in Hongkong ein voller Erfolg.

Zwar exportierte Slowenien 2017 Honig im Wert von 1,4 Millionen Euro, mehr als je zuvor, dennoch haben die dortigen Imker kein Interesse daran, zu Großexporteuren zu werden. Würden die Jeres mit ihren etwa 300 Stöcken in Deutschland gerade noch als professionell durchgehen, so zählt der Familienbetrieb in Slowenien zu den größten Produzenten. Je nach Wetter schwanken die Erträge stark. Wegen starken Niederschlags dieses Frühjahr blieb die Akazienblüte fast zur Gänze aus, im Mai und Juni gab es deshalb solch akuten Pollenmangel, dass die Bienen mit altem Honig gefüttert werden mussten, statt neuen zu erzeugen. „Ein doppeltes Minus“, sagt Jere.

Erträge seien der Familie aber nicht so wichtig wie das Wohlergehen der Bienen. Dieses Anliegen wird auch von der Regierung unterstützt. Die Ausbildung zum Imker wird staatlich gefördert, wie auch Medikamente und Mittel zur Bekämpfung von Milben, die Bienenstöcke befallen. Landesweit verbot man schon 2011 den Einsatz von Insektiziden, die Neonikotinoide enthalten – Pestizide, die für Bienen tödlich und für Menschen krebserregend sein können. Das tat Bienen und Slowenen so gut, dass die EU im vergangenen Jahr nachzog und ein ähnliches Verbot für drei Neonikotinoide beschloss.

Die Liebe zu den Bienen hat in Slowenien eine lange Tradition. Massenhaltung gibt es hier nicht. „Die Beziehung, die wir zu Bienen haben, ist vollkommen anders als in anderen Ländern. Wir fühlen uns mit ihnen zutiefst verbunden“, sagt Jere. Obwohl die Familie Millionen von Bienen hütet, werde jede Einzelne mit Respekt behandelt. Ihr Vater spreche täglich mit ihnen, lobe sie für ihren Fleiß und frage nach ihrem Wohlbefinden. Sonst, versichert sie, würde auch der Met nicht so gut schmecken.

Der geliehene Stadtimker

Sorgfältig stülpt Gorazd Trušnovec seine blau gestreiften Socken über die weite weiße Hose, damit sich keine Biene ins Hosenbein verirrt. Danach bedeckt er Hals, Nacken und Gesicht mit dem Netz seines Imkerhuts und betritt einen Balkon im zehnten Stock eines Wohnblocks. „Tage wie dieser sind die Hölle“, stöhnt der Imker, der wohl zu den bekanntesten der slowenischen Hauptstadt zählt.


Die umfunktionierte Garage mit dem Gärbottich, in dem der Met erzeugt wird


In den Stöcken der Familie Jere fühlen die Bienen sich wohl.

Jedes Frühjahr, wenn sich die Bienen vermehren und es in ihren Stöcken zu eng wird, schwärmt ein Teil aus, um eine neue Kolonie zu gründen. Dabei rasten sie oft in Bäumen, die auch mal auf privaten Balkonen stehen. Und dann wird Trušnovec gerufen, um sie einzusammeln. „Etwa 25.000 Bienen“, schätzt er, als er sich der riesigen Traube nähert, die vom Ast einer eingetopften Lärche hängt. Hinter verschlossener Balkontür beobachtet die pensionierte Mieterin sein Treiben. Aller Wahrscheinlichkeit nach, mutmaßt Trušnovec, sind sie aus einem der Bienenstöcke auf dem Dach der staatlichen Ölfirma Petrol ausgezogen, die nur etwa 500 Meter entfernt liegt.

Trušnovec kennt die Stöcke der Firma, weil er sie selbst betreut. Als Leiter und Initiator des Projekts „Rent a Hive“ vermietet er Bienenstöcke samt Betreuung. Gedacht war das Konzept für private Imker, Anklang fand es aber vor allem bei privaten Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen mit großzügigen Balkonen und Dachflächen. So helfen nicht nur sie den Bienen, sondern die Bienen helfen auch ihnen, indem sie deren Image aufwerten.

Firmen wie Petrol und das Institut für Stadtplanung verschenken den eigenen Honig an Kunden, das Hotel Park serviert ihn am Frühstücksbüfett. Selbst der Premierminister Marjan Šarec lässt Bienen am Balkon seines Amtssitzes von Trušnovec betreuen. Den Honig hat Šarec bereits an Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping verschenkt, verpackt in eine braune Schachtel mit goldenem Druck und roter Schleife.

„Durch die Bienen bin ich in die höchsten Kreise der Gesellschaft aufgestiegen“, sagt Trušnovec. 300 Stadtimker gibt es in Ljubljana bereits, Tendenz steigend. Weltweit liegt urbane Imkerei so stark im Trend, dass Städte wie London und Paris bangen, mit den wenigen Grünflächen nicht alle Bienen ernähren zu können. Die Tiere den Hungertod sterben zu lassen kommt in Ljubljana nicht infrage. Obwohl mit 65.000 Bäumen und rund 75 Prozent Grünfläche eine der grünsten Städte weltweit, lässt man hier nur noch Bäume, Sträucher und Blumen pflanzen, deren Pollen den Bienen als Nahrung dienen. Linden und Kastanien zum Beispiel, aber auch Sonnenblumen und Kräuter wie Minze und Salbei.

Um die Bienen auf dem Balkon einzufangen, zieht Trušnovec einen umfunktionierten Farbeimer vom Baumarkt seitlich über den Lärchenast, wischt den gesamten Pfropf samt Königin mit einem kleinen Besen hinein und schließt die Insekten mit dem orangefarbenen Deckel ein. Behutsam geht er dabei vor, gestochen wird er fast nie. Die heimische Krainer Biene, erklärt er, gelte als die friedlichste aller Bienenarten. Deshalb sei sie besonders geeignet für Großstädte und beliebt bei Imkern.

Trušnovec nimmt den Hut ab und atmet tief durch. Mit dem Farbeimer im Kofferraum seines Kombis wird er nun den ganzen Tag durch Ljubljana fahren, um ausgeschwärmte Bienen einzusammeln. Vorerst werden sie im Garten seines Wohnhauses unterkommen. Die Nachbarn, mit denen er sich die kleine Grünfläche teilt, habe er nicht um Erlaubnis gefragt, als er mit dem Imkern anfing. „Ich habe keine Probleme erwartet, weil uns Slowenen das Imkern heilig ist.“ Mittlerweile gedeihen nicht nur die Johannisbeeren und die Kirschen besonders gut, ein Nachbar hat nun selbst mit der Imkerei begonnen. Unter Trušnovecs Anleitung, versteht sich.


Danijel Oblak und sein Restaurant

Der kulinarische Geschichtenerzähler

Bei Danijel Oblak klingelt schon den ganzen Tag das Telefon. In der Fußgängerzone Ljubljanas, genau gegenüber des St.-Nikolaus-Doms, führt er das gehobene Restaurant „Gostilna Pri Kolovratu“, das traditionelle slowenische Gerichte serviert. Dieses Frühjahr hat er ein weiteres Restaurant eröffnet, in dem beliebten Ausflugsort Bled, der an schönen Tagen mehrere Tausend Touristen anzieht. Seitdem klingle das Telefon noch öfter, sagt er.

Zwei Jahre sind vergangen seit der Eröffnung des Kolovratu, aber schon früh zeichnete sich ab, dass das Lokal dank seiner traditionellen Speisen besonders bei Touristen Erfolg hat: Frtalja, ein pikantes Omelette, Lammkeulen mit Marktgemüse, slowenische Strudel, der Met der Jeres und natürlich Honig von lokalen Imkern, mit dem mariniert und verfeinert wird.

Besonders beliebt ist das Honig-Panna-Cotta. „Auf der Karte erklären wir, warum der Honig besonders ist und wie wir das Dessert kreiert haben. Das macht die Leute so neugierig, dass sie es fast immer bestellen“, sagt Oblak. Zudem ist es sein Beitrag zum Honig-Pfad. Initiiert von der Stadt, führt dieser kulinarische Spaziergang Touristen durch Märkte, an denen Honig verkostet wird, zu Stadtimkern und in die Sonderausstellung zur Geschichte der Imkerei im Ethnografischen Museum. Auf dem Weg kommen sie auch vorbei an historischen Gebäuden, unter anderem einer Bank, über deren Eingang eine vergoldete Biene prangt – eine Einladung an die Bevölkerung, ihr Geld so fleißig zur Bank zu tragen, wie Bienen den Blütenstaub abliefern. Am Ende des Spaziergangs wird den Teilnehmern im Kolovratu das Honig-Panna-Cotta serviert.

Landesweit gibt es schon mehr als 40 Orte, an denen Touristen im Zusammenhang mit Bienen oder Honig etwas erleben können. Gerade hat die dritte Generation von Bienentourismusführern die Ausbildung absolviert. Diese werden die Besucher zu Imkerei-Workshops und Honigverkostungen begleiten, ihnen zeigen, wo sie sich mit Honig massieren lassen können, und sie werden sie in traditionelle slowenische Bienenhäuser führen. Vermutlich ist es auch den Insekten zu verdanken, dass sich die Zahl der Touristen in Slowenien fast verdoppelt hat – innerhalb nur eines Jahrzehnts. Von etwa 2,6 Millionen 2007 auf fast fünf Millionen 2017.

Bei den Urlaubern ist das Kolovratu besonders beliebt, das gehobene, aber bezahlbare Abendessen anbietet, in einem mehrere Jahrhunderte alten Gewölbe. Oblak möchte mit dem Restaurant auch eine vertane Chance in der Vergangenheit wiedergutmachen. Früher, erzählt er, habe er in Irland gelebt, sich vom Tellerwäscher zum stellvertretenden Restaurantmanager hochgearbeitet, ehe er in dem kleinen Städtchen Sligo im schroffen Norden ein eigenes Lokal eröffnete. In dem denkmalgeschützten Gebäude, das er mietete, hatte Literaturnobelpreisträger William Yeats seine Kindheit verbracht. Im Nachhinein betrachtet, hätte man die Geschichte des Hauses kulinarisch verpacken sollen, sagt Oblak. „Aber wir führten ein italienisches Restaurant, in dem wir auch frittierten Käse mit Pommes frites servierten.“

Jetzt, mit seinen Restaurants in Ljubljana und Bled, soll alles anders werden. Vergangenen November organisierte Oblak sogar einen Themenabend im Kolovratu, an dem die Bienen und ihr Honig im Mittelpunkt standen: Während ein Ethnograf über die Bedeutung der Bienen in Slowenien referierte, servierte der Kellner Frtalja mit Akazienhonig als Vorspeise, Entenbrust mit Honigkruste als Hauptgang und das berühmte Panna Cotta als Dessert. Begleitet wurde der Abend mit dem Met der Jeres.

Auch im neuen Lokal in Bled überlegt Oblak, Bienen für die Vermarktung zu nutzen, das Grundstück sei groß genug, um ein paar Stöcke aufzustellen. Die Touristen würden dann noch lieber einkehren, könnten die Bienen begutachten und danach lokale Spezialitäten mit Honig genießen, überlegt Oblak. „Die Menschen bestellen ja nicht nur das Essen“, sagt er. „Sie bestellen die Geschichte der Bienen.“ ---