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Wirtschaftsgeschichte

Die Sonne gefangen

Maria Telkes entwickelte das erste Wohnhaus, das allein durch Solarenergie geheizt wurde.





• Pünktlich zu Heiligabend 1948 konnte die Familie einziehen. Das Dover Sun House in Massachusetts war fertig: das erste Wohnhaus, das ausschließlich mit Solarenergie beheizt wurde. Im »Boston Herald« erschien daraufhin ein Cartoon, der keinen Zweifel daran ließ, wie lächerlich der Zeichner diese Vorstellung fand. Auf einem Bild hatte er einem Haus einen riesigen Trichter aufgesetzt. Man brauche schon ein großes Spielzeug, um in Neuengland genug Sonne zu sammeln, schrieb er dazu – und ließ strömenden Regen in den Trichter laufen.

Dabei funktionierte das System, das die Chemikerin Maria Telkes entwickelt hatte, zumindest eine Zeitlang gut. Auch wenn sich ihre Methode letzten Endes nicht durchsetzte, erregte diese in Wissenschaft, Politik und Medien viel Aufmerksamkeit. Forscher analysierten Telkes’ Erfindung, Politiker waren interessiert, weil man in den Vierzigerjahren in den USA eine Energiekrise fürchtete, und Journalisten zeigten sich mit Überschriften wie diesen verwundert: „Sonnenofen auf Ihrem Dachboden“ schrieben sie oder „Sie hat die Sonne gefangen“.

Maria Telkes wurde 1900 in Budapest geboren und studierte physikalische Chemie. Ihr Leben veränderte sich, als sie 1925 einen ungarischen Verwandten in den USA besuchte, der dort als Diplomat arbeitete. Während ihres Aufenthalts wurde ihr ein Job bei der Cleveland Clinic Foundation angeboten. Sie nahm an, blieb ihr Leben lang in den USA und wurde eine anerkannte Wissenschaftlerin, die in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen wurde.

Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) forschte Telkes später an Solarenergie, das Dover Sun House wurde ihr wichtigstes Projekt. Üblicherweise nutzten die Wissenschaftler für derartige Projekte Wasser als Wärmespeicher. Telkes wollte stattdessen Salz verwenden. Da das Institut von dieser Variante nicht überzeugt war, finanzierte es das Vorhaben nicht. Telkes suchte Sponsoren und fand die Bostoner Bildhauerin Amelia Peabody, die geerbt hatte und das Haus finanzierte. Der Entwurf stammte von der Architektin Eleanor Raymond.

Das obere Stockwerk hatte auf der Südseite eine reine Fensterfront. Sie bestand aus doppelten Scheiben, dazwischen erhitzte sich die Luft. Ventilatoren transportierten die Wärme ins Erdgeschoss. Dort befanden sich Trommeln mit Glaubersalz – das Material konnte die Hitze besser speichern als Wasser. Sobald es bewölkt war und kühler wurde, gab das Salz Wärme ab und heizte das Haus. Zugleich funktionierte das System als Klimaanlage: Wenn es im Sommer heiß war, nahm das Salz Hitze auf und kühlte das Haus.

Obwohl das Gebäude anfangs ein Erfolg war, dämpfte Maria Telkes allzu großen Enthusiasmus: „Man könnte nicht das gleiche Haus erfolgreich an einem anderen Ort bauen, wo Klima, Umgebung und die Bedürfnisse der Bewohner anders sind.“ Jedes Solarhaus müsse an das Umfeld angepasst werden.

Ein Cousin der Entwicklerin lebte mit Frau und Sohn im Dover Sun House. Im März dieses Jahres erzählte jener Sohn, Andrew Nemethy, in einem Artikel im »Globe Magazine« von seiner Kindheit dort. Als er einzog, sei er drei Jahre alt gewesen. Auf Fotos von damals sehe er glücklich aus, schreibt er, im Sonnenlicht spielend vor den riesigen Solarfenstern. So idyllisch bleibt seine Schilderung allerdings nicht: Wenn es wochenlang bewölkt war, sei es so kalt geworden, dass sie bald elektrische Heizlüfter in alle Zimmer gestellt hätten. Kamen Besuchergruppen, um das Haus zu besichtigen, hätten sie die Heizungen in Schränken verstecken müssen. Nach drei Jahren versagte das Heizsystem vollends.

Maria Telkes sei charmant und beeindruckend gewesen, schreibt Nemethy. In Zeitungsberichten wurde sie als lebhaft, unterhaltsam und brillant, aber unnahbar beschrieben. Obwohl ihre Methode nicht dauerhaft Erfolg hatte, wurde Telkes bald „die Sonnenkönigin“ genannt und mit Preisen ausgezeichnet.

Bekannt ist Telkes auch für ein solarbetriebenes Gerät zur Wasseraufbereitung. Sie entwickelte es im Zweiten Weltkrieg und rettete damit viele Soldaten. Schiffbrüchige konnten sich auf Rettungsbooten mit Trinkwasser versorgen.

In den Fünfzigerjahren weckte eine weitere Erfindung Telkes’ große Hoffnungen: Solarkocher. Die Vereinten Nationen wollten es Menschen in armen Ländern erleichtern, sich ressourcenschonend mit Nahrung zu versorgen. In mehreren Regionen, in denen die Öfen getestet wurden, konnte die Bevölkerung nicht allzu viel damit anfangen. Inzwischen haben NGOs und Unternehmen sowohl die Herde weiterentwickelt als auch Kochkulturen besser verstanden.

Ein kleines Publikum weiß die Erfindung heute noch zu schätzen: Fans des Solarkochens. Joseph Radabaugh zum Beispiel nimmt seine Öfen mit auf Festivals und kocht dort für Besucher. In seinem Buch „Heaven’s Flame“ erzählt er von einem Ofen, den er nach dem Vorbild der Erfinderin entwickelte: „Maria Telkes wurde meine Mentorin.“ ---