Was wäre, wenn …

Ein Szenario.





• Ob Dracula oder Peter Pan, Dorian Gray oder der „Highlander“ Connor MacLeod – es gibt zahllose Geschichten und Mythen über die Unsterblichkeit. Die Idee, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und ewig zu leben, fasziniert die Menschen seit je. Aktuell wird vor allem im Silicon Valley daran gearbeitet, das Altern abzuschaffen. Die Ideen reichen von Blutwäsche über das Aussortieren von Zellen, die sich nicht mehr selbst erneuern, bis zum Hochladen unseres Bewusstseins in die Cloud. Noch ist nichts davon annähernd marktreif. Doch was wäre, wenn es der Menschheit wirklich gelänge, den Alterungsprozess zu besiegen, und wir ewig leben könnten?

Die Überbevölkerung ist das erste Problem, das einem einfällt, wenn man dieses Szenario durchspielt: Eine zentrale Aufgabe des Todes ist es, Platz zu machen für Neues.

John K. Davis, Philosophieprofessor an der California State University in Fullerton und Autor des Buchs „New Methuselahs – Ethics of Life Extension“ hat ausgerechnet, was passierte, wenn Menschen 150 Jahre alt würden und jede Frau zwei Kinder bekäme, eines mit 25 und eines mit 75. In gut 100 Jahren würde sich die Bevölkerung verdreifachen. „Nur ein geringfügiger Anstieg der Lebenserwartung würde schon zu einer Überbevölkerungskrise führen“, so Davis.

In einem zweiten Szenario berechnet er, was passierte, wenn die Lebenserwartung 1000 Jahre betrüge, dafür aber nur jede zweite Frau ein Kind gebären dürfte. In diesem Fall gäbe es nach einem Anstieg der Bevölkerungszahl ein Plateau und nach 850 Jahren sogar wieder einen Rückgang.

Ursula Müller-Werdan, Direktorin der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin an der Berliner Charité und Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie, macht sich in Sachen Überbevölkerung wenig Sorgen: „Bei einer utopisch verlängerten Lebensspanne wäre die Frage, ob mit der Lebenszeit der Menschen im selben Maß dann auch das Alter zunehmen würde, bis zu dem sie zeugungsfähig oder fruchtbar sind“, sagt sie. „In einem solchen Kontext glaube ich an eine Selbstregulation, also dass es die Gesellschaft hinbekäme, durch Gesetzgebung oder bestimmte Standards und Konventionen einen Weg zu finden, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen.“

Selbst wenn es gelänge, das Altern aufzuhalten, stürben außerdem immer noch Menschen durch Unfälle, Mord oder Suizid. Die Bestatterbranche, die in Deutschland rund zwei Milliarden Euro pro Jahr umsetzt, würde also nicht komplett überflüssig. Ebenso wie die Friedhöfe (allein in Berlin 1105 Hektar Fläche) oder das Geschäft der Tageszeitungen mit Todesanzeigen müsste sie sich jedoch stark verkleinern. Je seltener Todesfälle werden, desto schockierender und schmerzhafter werden sie für die Hinterbliebenen. „Wir sehen diesen Trend bereits jetzt“, sagt Müller-Werdan von der Charité. „Mozart beispielsweise musste vier von seinen sechs Kindern zu Grabe tragen. Das war damals sehr häufig, der Tod war allgegenwärtig – heute ist er etwas Ungewöhnliches und der Umgang mit ihm daher ein ganz anderer.“

Wenn die Menschen ihre gewonnenen Lebensjahre zu einem Großteil gesund und bis ins hohe Alter leistungsfähiger verbringen, könnte eine Verlängerung des Lebens große gesellschaftliche Vorteile bringen. So sieht es zumindest Gregory Stock, Bioethiker und ehemaliger Direktor des Programms für Medizin, Technik und Gesellschaft an der University of California Los Angeles. Er sagt, dass eine erhöhte Lebenserwartung „die Chance bietet, Fehler wiedergutzumachen, uns zu langfristigerem Denken motiviert und die Kosten des Gesundheitswesens senkt, wenn die teuren Krankheitsjahre des Alters erst später einsetzen. Außerdem würde die Produktivität steigen, wenn sich unsere leistungsfähige Zeit verlängert.“

Andere Stimmen warnen hingegen vor einem Verlust des Lebenssinns: Warum sollte man etwas erreichen, etwas lernen, etwas wagen, wenn dazu auch noch im nächsten Jahr, im nächsten Jahrzehnt oder nächsten Jahrhundert Zeit ist, so die Befürchtung. In einem Arbeitspapier des Bioethikrats des damaligen US-Präsidenten George W. Bush schrieb der Bioethiker Leon Kass von der Universität Chicago 2003: „Die bloße Erfahrung, ein Leben zu leben und sich selbst dabei zu verbrauchen, trägt zu unserem Gefühl von Leistung und Vollendung bei. Zu unserem Gefühl, dass es einen Sinn hat, dass die Zeit vergeht und wir uns durch sie hindurchbewegen.“

Selbst wenn wir lernten, auch ein zeitlich unbefristetes Leben als sinnvoll zu empfinden, würde sich unsere Arbeitswelt massiv verändern. Menschen müssten länger in ihren gewählten Berufen verweilen und würden sich dadurch mehr Wissen und Erfahrung aneignen, womöglich aber im Laufe der Zeit Neugier und Begeisterung verlieren. Eine weitere Gefahr wäre, dass Unternehmen, Organisationen und politische Institutionen sich nicht weiterentwickeln, weil statt eines regelmäßigen Zustroms neuer Ideen und Talente eine kleine Gruppe auf ewig an der Spitze verharrt und den Kurs bestimmt.

Einige Stimmen befürchten sogar, dass keinerlei sozialer Fortschritt mehr möglich wäre: Hätten die Menschen des 18. Jahrhunderts ewig gelebt, hätten wir heute noch keine Frauenrechte, aber immer noch Sklaverei. Denn nur durch das Wegsterben der Älteren können sich die Ansichten und Ideale der Jüngeren durchsetzen, so die Argumentation.

Auch unser Konzept von Familie dürfte sich entscheidend verändern: Je nach Fruchtbarkeit wären Eltern denkbar, die 100 Jahre älter sind als ihre Kinder, oder Geschwister, deren Alter Jahrzehnte auseinanderliegt. „Schon jetzt sehen wir, dass es durch die gestiegene Lebenserwartung normaler geworden ist, dass Menschen im Laufe ihres Lebens mehrere Partner haben“, sagt Müller-Werdan. „Wenn sich dann auch noch die Fortpflanzungsfähigkeit über einen größeren Zeitraum ausdehnen ließe, dann würden wir sicherlich bisher ungekannte Familienkonstellationen und ein neues Soziogramm sehen.“

In den vergangenen 150 Jahren hat die moderne Medizin dazu geführt, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland ungefähr verdoppelt hat. Wie weit sie sich noch ausdehnen lässt, ist umstritten: Manche Forscher sagen, dass genetisch bedingt bei spätestens 115 bis 120 Jahren Schluss sein wird, andere sind davon überzeugt, dass es keine solche Grenze gibt.

Mindestens genauso umstritten ist, ob ein ewiges Leben wirklich wünschenswert wäre. Die Schriftstellerin Susan Ertz sah es so: „Millionen sehnen sich nach Unsterblichkeit“, schrieb sie. „Und wissen noch nicht einmal an einem verregneten Sonntagnachmittag etwas mit sich anzufangen.“ ---