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Raphael Samuel

Raphael Samuel wurde das Leben geschenkt. Nur wollte er dieses Leben nie haben. Deshalb zieht er nun vor Gericht, um eine Entschädigung zu erstreiten. Er ist ein Provokateur und Sozialreformer zugleich.





• Raphael Samuels Denkschule ist der Antinatalismus, ein Plädoyer für Kinderlosigkeit. In seinen wortgewaltigen Youtube-Videos propagiert der 27-jährige Geschäftsmann aus Mumbai, versteckt hinter einem falschen Rauschebart und einer verspiegelten Sonnenbrille, die allmähliche Entvölkerung des Planeten. Seine aktuelle Provokation: Er verklagt seine Eltern, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben, ohne seine Erlaubnis. Für diese unfreiwillige Abhängigkeit fordert er eine Entschädigung. Er weiß, dass die Klage scheitern wird, sie hat für ihn symbolischen Wert. Er möchte nicht das Kinderkriegen abschaffen, sondern die Kinderlosigkeit als gleichberechtigte Alternative etablieren.

brand eins: Herr Samuel, wie war Ihr bisheriges 27-jähriges Leben?

Raphael Samuel: Ausgezeichnet. Ich hatte eine großartige Kindheit. Meine Eltern sind freie Geister, in ihrem Haus wurde alles infrage gestellt. Vom kleinsten Atom bis zu Gott. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dennoch wären Sie lieber nicht geboren worden?

Absolut.

Warum?

Weil das Leben sinnlos ist. Es führt zu nichts. Egal, was ich auf Erden erreiche, am Ende werde ich sterben. Und auf dem Weg dahin widerfahren mir eine Menge Unannehmlichkeiten. Es hat mehr Vorteile, gar nicht erst lebendig zu werden, als zu leben, zu leiden und dann zu sterben.

Sie verklagen Ihre Eltern, weil die Sie nicht um Ihre Zustimmung gebeten haben. Was hätten Sie geantwortet, wenn Ihre Eltern Sie vor Ihrer Zeugung gefragt hätten?

Ich hätte ihnen klipp und klar gesagt: Schaut euch die Welt an, in der ihr lebt. Diese Welt befindet sich im Verfall, sie wird von euch Menschen kaputtgemacht. Sie geht vor die Hunde. Die Menschheit ist eine Plage, seit Anbeginn ihres Bestehens gibt es Krieg und Mühsal. Leben ist ein ewiger Kampf ums Überleben. Bitte bringt mich da nicht hinein. Außerdem spart ihr eine Menge Geld ohne mich. Ihr spart euch Leid und Schmerz und Sorgen. Ihr lebt ohne mich einfach ein besseres und freieres Leben. Bitte hört nicht auf das, wozu ihr genötigt werdet, sondern durchdenkt diese Entscheidung ernsthaft.

Und was, meinen Sie, wäre die Antwort Ihrer Eltern gewesen?

Sie wären empfänglich für meine Argumente gewesen. Damals hatten sie kein Konzept vom Kinderkriegen. Es war für sie eine logische Folge der Heirat. Man heiratet, man geht morgens aufs Klo, und man kriegt ein Kind. Die Idee, sich willentlich gegen Nachwuchs zu entscheiden, gab es für sie nicht.

Ihre Eltern hatten keine andere Wahl, als Kinder zu bekommen?

Paare ohne Kinder waren in Indien damals eine bemitleidenswerte Abnormalität. In vielen Gesellschaften ist das heute noch so, auch in Indien. Darum geht es mir. Kinderlosigkeit muss eine akzeptierte Alternative sein. Und vielleicht wird sie sogar irgendwann zur Norm.

Welche Rolle spielen die Eltern in diesem Abhängigkeitsverhältnis?

Eltern bekommen Kinder im Grunde nur zu ihrer eigenen Befriedigung. Sie haben bestimmte Bedürfnisse und Wünsche, das ist verständlich. Aber das Problem ist, dass sie sich ein lebendiges Wesen anschaffen und kein Auto. Ich habe ein Problem damit, dass so viele Leute nicht über das Kind als eigenständiges Wesen nachdenken, sondern es nur als einen Schritt in ihrem Leben betrachten. Aber ein Kind ist ein Lebewesen und kein Schritt.

In welche Abhängigkeit wird ein Neugeborenes geworfen?

Der größte Teil des Lebens, selbst die angenehmeren Momente, besteht darin, unerfreulichen Situationen zu entkommen. Du hast Hunger, also isst du, du hast Durst, also trinkst du, du bist dreckig, also badest du. Irgendwas stört immer und erfordert eine Reaktion. Leid in seinen vielen Formen kreist stets über uns wie ein Geier.

So weit zum halb leeren Glas. Was ist mit der Gegenperspektive: Das Leben ist schön, nur hier und da von Leid unterbrochen?

Ohne Frage kann es eine Menge Freude im Leben geben. Aber irgendwann wird man alt, krank und bedürftig. In meinen Augen ist unsere Existenz ein sinnloses Unterfangen, vergebene Mühe. Selbst wenn dein Leben ein einziger Freudenschrei war, was erreichst du damit? Was bleibt davon? Wo ist der Sinn, der Nutzen?

Das ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich für die Umwelt, für Frieden, für Menschlichkeit oder etwas anderes einsetzen, das sie für das Gute halten.

Ein Rockefeller kann die Umwelt schneller kaputtmachen, als tausend Hippies sie wieder aufbauen können. So einfach. Laut dem aktuellen Jahresrückblick von Bill und Melinda Gates werden jedes Jahr zwölf neue Städte in der Größe New Yorks gebaut. Unvorstellbar, wie viel Beton das ist. Wie kann man dagegen anpflanzen?

Make the planet great again – ohne Menschen?

Der Erde ist das alles völlig egal. Für sie sind wir nur eine Art Ausschlag. Die Erde als Ganzes bleibt noch eine Weile bestehen, aber wenn wir nicht aufpassen, löscht sie uns bald aus. Daher sage ich: Lasst uns die Party in Würde verlassen.

Was, wenn Ihnen die Massen folgen? Das wäre die schleichende Auslöschung der Menschheit durch Kinderlosigkeit …

Das wäre herrlich. Wir als Menschheit haben doch eh nichts von Wert erreicht. Nicht für uns, nicht für die Erde. All die Technik, all unsere Erfindungen sind letztlich nur dazu da, die Schäden, die wir angerichtet haben, notdürftig zu flicken, damit wir nicht daran zugrunde gehen.

Es ist immer dasselbe Spiel, Leute werden geboren, führen Kriege, zerstören die Umwelt, gebären neue Leute und so weiter. Selbst wenn dieses Leben zwischenzeitlich mal richtig Spaß macht – wozu? Wenn wir uns auslöschten, wäre das eine bessere Welt.

Sie sprechen davon wie von einer heiligen Pflicht. Sind Sie der Gott der Auslöschung?

Ich wünschte, ich wäre so groß!

In der jüdischen Kabbala ist es die Aufgabe Ihres Namenspatrons Raphael, die Erde zu heilen, um Platz für die Menschen zu schaffen.

Das passt ganz gut. Ich weiß zwar, dass mir die allermeisten Leute nicht zuhören, aber auch wenn ich morgen sterbe, wird mein Anliegen weiter verfolgt. Ich bin mir sicher, dass die Kinderlosigkeit in den kommenden zwanzig Jahren Teil unserer Kultur wird. Die Leute kommen allmählich zu Verstand. Sie kriegen ja mit, dass unsere Ressourcen schwinden, dass sich extreme Wetterereignisse häufen – dass wir einfach zu viele geworden sind.

Der Antinatalismus lebt vor allem in den sozialen Medien auf, zwischen Impfgegnern, Flat-Earthern und anderen. Gibt Ihnen das zu denken?

Antinatalismus gibt es schon sehr lange, im Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, bei den frühen Christen, den Gnostikern. Der aktuelle Boom liegt daran, dass die Folgen der Überbevölkerung heute so evident sind. Selbst für die Reichen. Die können sich zwar besser schützen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch sie mit aller Härte trifft.

Haben sich Ihre Eltern je bei Ihnen für Ihre Existenz entschuldigt?

Ja, sie wissen, dass sie nicht ausreichend darüber nachgedacht haben.

Werfen Sie ihnen das vor?

Nicht persönlich, sie wussten es damals nicht besser. Sie haben mich im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr gut beschützt und erzogen, das war fair.

Trotzdem wollen Sie diese Eltern, die Sie zu einem freien Denker erzogen haben, im kommenden Jahr verklagen.

Ja, aber nur auf eine Rupie, etwas mehr als ein Eurocent. Ich möchte einen Präzedenzfall schaffen.

Stimmen Ihre Eltern Ihnen zu, dass sie Sie nur zum eigenen Spaß bekommen haben?

Absolut. Das sind rational denkende Leute. Wenn man es nüchtern durchdenkt, muss man zu dem Schluss kommen, dass Eltern Kinder zum eigenen Nutzen bekommen, sei er gesellschaftlicher, biologischer oder ökonomischer Natur. Es gibt keine sinnvolle Argumentation für ein Kind um seiner selbst willen.

Waren Sie die erhoffte Freude für Ihre Eltern?

Oh nein, ich habe ihnen oft das Leben zur Hölle gemacht. Aber ich war auch einigermaßen vernünftig, ich habe ihnen sicher ein gewisses Maß an Freude bereitet.

Ihre Eltern sind beide Anwälte. Haben sie das Gefühl, erzieherisch versagt zu haben? Nicht weil ihr Kind undankbar ist, sondern weil es mit seiner Klage vor Gericht so wenig Chancen haben wird?

Das müssen sie aushalten. Ich berufe mich auf das Recht auf Leben. Durch meine Geburt wurde mir dieses Recht aufgezwungen. Damals konnte ich meine Zustimmung nicht geben. Wenn ich sie heute verweigere, fordere ich eine Entschädigung von denen, die mir dieses Recht aufgezwungen haben.

Nach deutschem Recht kann eine Schenkung widerrufen werden, wenn grober Undank vorliegt, der Beschenkte sich also sehr undankbar verhält. Diese Bedingungen könnten Sie erfüllen, allerdings kann die Schenkung nur binnen eines Jahres und auch nur vom Schenker, nicht vom Beschenkten zurückgefordert werden. Wie stehen Ihre Chancen im indischen Recht?

Ich gehe auch hier von einem klaren Nein aus. In diesem Fall ziehe ich vor das oberste Gericht Indiens und trage einige Forderungen von öffentlichem Interesse vor. Zum Beispiel, dass Menschen mit mehr als zwei Kindern kein öffentliches Amt bekleiden sollten oder dass es als Belästigung gewertet werden soll, wenn eine Frau mehr als einmal gefragt wird, wann sie endlich schwanger wird. Ich möchte damit einen überfälligen kulturellen Wandel anstoßen. Zurzeit warte ich noch auf die Antwort des Justizministeriums, auf dessen Grundlage ich meine erste Klage formulieren kann.

Werden Sie Ihre Eltern um Rechtsbeistand bitten?

Unbedingt. Die haben mir schon viel geholfen. Sie wissen, dass ich verlieren werde. Aber ich bringe manche Leute damit zum Nachdenken. Es ist eine Frage des Perspektivwechsels. In Indien gelten Eltern vielerorts noch als unfehlbare Gottheiten, die man nicht infrage stellen kann.

Kocht Ihre Mutter noch für Sie?

Und wie! Wir haben ein ausgezeichnetes Verhältnis. Ich wohne fast nebenan.

Belegen Sie Ihre Eltern nicht schon mit der Höchststrafe, indem Sie ihnen die Enkel verwehren?

Nein. Selbst meine Großmutter ist damit einverstanden und versteht mein Anliegen. Sie raten mir sogar vom Heiraten ab und sagen: Chill einfach, genieße dein Leben.

Hätten Ihre Eltern gern dieses Leben geführt, das sie Ihnen nun ermöglichen?

Viele Frauen erzählen mir, dass sie keine Kinder bekommen hätten, wenn das zu ihrer Zeit akzeptiert worden wäre. Sowohl meine Mutter als auch meine Großmutter hätten im Rückblick lieber keine Kinder bekommen. Nur wenige können das so offen zugeben. Wenn die Fehlentscheidung deines Lebens in Fleisch und Blut vor dir steht, ist es sehr schwer, sie nicht zu verteidigen.

In Ihren Videos verkleiden Sie sich mit Bart und Sonnenbrille. Schämen Sie sich für Ihre Thesen, oder werden Sie bedroht?

Weder noch. Ich halte auch Vorträge und gebe Seminare zum Thema. Da trage ich keinen Bart, das wäre auch viel zu warm. Auf Facebook bin ich mit meinem echten Gesicht und Namen. Es ging mir nur um den Schockeffekt. Die Leute sollten erst stutzen, dann zuhören. Außerdem fungiert meine Verkleidung wie ein Türsteher: Wer sich von meinem Aussehen abschrecken lässt, der interessiert mich nicht. Wer aber zuhört, obwohl ich komisch daherkomme, der ist ein wertvoller Zuhörer.

Auch seitens konservativer oder radikaler Kräfte in Indien gibt es keinen Druck?

Bisher nicht. Auch unsere Regierung zeigt einen Wandel. Bisher hatten sie in ihren Werbeclips immer Familien mit zwei Kindern dargestellt, heute ist es nur noch eins. Auch in konservativen Kreisen gibt es ein Bewusstsein für Überbevölkerung. Mit genügend Fingerspitzengefühl kann ich alle auf meine Seite bringen.

Was ist größer, Ihr Pessimismus dem Leben gegenüber oder Ihr Optimismus im Glauben an den Erfolg Ihrer Argumente?

Ich muss es versuchen, was soll ich sonst machen? Seit ich die Videos mache, ist mein Postfach voll mit Liebe. Frauen aus der ganzen Welt bedanken sich bei mir.

Ist Ihr Publikum vorwiegend weiblich?

Zumindest bekomme ich von Frauen den meisten Dank. Auf ihnen lastet der größte gesellschaftliche Druck. Es ist immer die Frau, die gefragt wird, wann es endlich Nachwuchs gibt. In jedem Land. Mir schreiben auch Frauen aus Deutschland.

Seit wann stellen Sie Ihre Existenz infrage?

Als ich fünf Jahre alt war, habe ich meinen Vater bei einem Streit gefragt, warum er mich überhaupt gemacht hat. Darauf hatte er keine Antwort. Dabei war das doch eine so einfache und fundamentale Frage. Es war mir ein völliges Rätsel, wie man keine Begründung für meine Existenz haben konnte.

Eine Frage, die sich wohl die meisten Menschen mal gestellt haben. Spätestens in der Pubertät.

Aber fast jeder belässt es bei der unbefriedigenden Antwort. Ich nicht.

Sie haben Ihre Gefühlslagen und Weltsichten aus der Pubertät ins Erwachsenenalter gerettet, ist das eine Errungenschaft?

Warum bin ich hier? Das ist ein wichtiger Gedankenfunke. Im Lauf des Lebens mit all seinen Unwägbarkeiten verlieren viele diesen Funken, weil sie damit beschäftigt sind, den Erwartungen gerecht zu werden, eine Familie zu gründen, Karriere zu machen, Status zu erwerben. Sie akzeptieren lieber die Gegebenheiten, als ständig alles infrage zu stellen. Wenn man diesen Funken aber immer wieder entfacht, dann gewöhnt sich das Hirn ans kritische Denken.

Ist das ein wünschenswertes Leben, in dem man sich auf nichts verlassen kann und alles ständig hinterfragt? Das klingt sehr anstrengend.

Mein Leben hat dadurch sehr gewonnen. Heute kann ich tun und lassen, was ich will. Wenn ich morgen keine Lust aufs Arbeiten habe, dann gehe ich spazieren. Das hat meine Lebensqualität enorm gesteigert. Ich habe keine Angst vor den Konsequenzen.

Auch nicht vor der letzten Konsequenz? Letztlich kann uns nur der Tod vor den Abhängigkeiten des Lebens retten …

Im Grunde warte ich auf den Tod. Wenn er morgen kommt, freue ich mich, wenn er morgen nicht kommt, kein Problem, ich komme auch mit dem Leben klar.

Warum begrüßen Sie den Tod?

Welche Wahl habe ich denn? Der Tod wird kommen. Für jeden von uns. Und wenn ich das sicher weiß, dann wäre es doch schlau, eine positive Haltung zu ihm zu entwickeln. Die allermeisten Menschen leben ihr Leben nicht im Bewusstsein des Todes. Sie sind sich der Einzigartigkeit des Lebens im Alltag nicht bewusst. Sie leben, als ginge alles ewig so weiter. Dabei ist nichts so gewiss wie die Endlichkeit unseres Seins.

Ich möchte mein Leben nicht damit vergeuden, mich zu ärgern. Niemand sollte das. ---