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Kooperation

Wenn zwei kooperieren, wollen beide gewinnen. Wie das klappt, lehrt uns die Natur: Die Symbiose ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Meistens jedenfalls.





• Unternehmen kooperieren auf vielfältige Weise. Ein Autokonzern arbeitet mit Betrieben zusammen, die ihm Bauteile liefern, ein Supermarkt mit einem Reisebüro. Tiere und Pflanzen können das seit je – und oft sogar besser.

Wenn zwei Arten allein nicht weiterkommen, gehen sie eine Kooperation ein. Einige werfen ihre Kompetenzen zusammen und gehen gemeinsam auf Nahrungssuche. Andere teilen ihr Zuhause im Austausch gegen Hausmeisterdienste. Dritte fusionieren, um als neuer hybrider Organismus auch steinige Geschäftsfelder beackern zu können. Manche dieser symbiotischen Beziehungen polieren nur ein wenig die Bilanz auf. Andere sind lebensnotwendig. Und das Prinzip der feindlichen Übernahme gibt es auch.

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Ich hänge ein bisschen ab, sagt die Hardwick-Wollfledermaus und taucht in die fleischfressende Kannenpflanze ein. Ein parasitenfreies Hotelzimmer mit stabilem Raumklima, was will man mehr, um ein Schläfchen zu halten? Natürlich liegt die Vermutung auf der Hand, es könnte sich um eine Falle handeln und das Ganze für die Fledermaus böse enden. Denn unten auf dem Grund der kannenförmigen Pflanze wartet schon der Verdauungssaft. In diesem Fall aber wissen alle Beteiligten, was sie tun.

Die Fledermaus klammert sich oberhalb der Flüssigkeit fest, sodass keine Gefahr besteht, aus Versehen verdaut zu werden. Es wurden sogar schon Mütter mit Kindern in einer Kanne entdeckt. Die Fledermaus ist andererseits auch kein Mietnomade, der den Vermieter prellt. Die Pflanze lockt das Tier sogar gezielt an: Einige Kannenpflanzenarten weisen eine besondere Struktur auf, die den Schall der Fledermäuse stark reflektiert. So finden sich Hotel und Gast. Die Fledermaus bezahlt, indem sie ihren nährstoffreichen Kot dalässt.

Tier und Pflanze hängen zwar nicht voneinander ab, aber schöner haben sie es, wenn sie zusammenarbeiten: Das Tier bekommt einen Platz zum Ausruhen. Die Pflanze wird mit Nährstoffen entlohnt. Man fühlt sich an Couchsurfing-Modelle erinnert, und wenn die richtigen Leute von dieser Symbiose erfahren, dürfte das nächste Start-up startklar sein: Bed for Breakfast. Der eine stellt das Bett, der andere besorgt das Frühstück.

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Die „Eier-Security“ ist ein Joint Venture zweier ungleicher Partner: Das große Nilkrokodil und der kleine Wellentriel – ein Vogel aus der Familie der Regenpfeiferartigen – bleiben voneinander unabhängig, arbeiten aber bei der Bewachung ihres Nachwuchses eng zusammen. Dass Vögel und Krokodile gut miteinander können, vermuteten schon Herodot und Aristoteles. Beide beschrieben, dass der Regenpfeifer das Krokodil von Parasiten befreie, selbst dessen Gaumen. Nun fehlt für diese berühmte Symbiose, die dem Vogel angeblich Nahrung beschert, während das Krokodil Zahnpflege erfährt, allerdings der Nachweis. Belegt ist dagegen jene andere Kooperation von Krokodil und Vogel: Der Wellentriel brütet direkt neben der Echse. Kommt ein Waran dem Krokodilgelege zu nahe, während es unbewacht ist, pfeift der Vogel das Muttertier herbei. Umgekehrt bewacht das Krokodil die Eier des Wellentriels. Und frisst ihn freundlicherweise auch nicht auf.

3

Es ist nicht so, dass der Honigdachs – eigentlich ein Marder – nicht auch allein zurechtkäme. Er frisst alles, was ihm unterkommt: Vogeleier, Mäuse, Frösche. Er entreißt sogar Giftschlangen ihre Beute und nimmt es auch mit größeren Tieren auf. Aber um an seine Leibspeise zu kommen, geht er eine Partnerschaft mit dem Honiganzeiger ein. Der Spechtvogel, der Interesse an Bienenlarven und Waben hat, betätigt sich als Informant – er weiß, wo sich ein Bienennest befindet. Er lockt den Marder, der den Honig fressen will, durch lautes Rufen an, bis der ihm folgt und das Nest aufbricht. Es lebe die Sharing Economy.

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Manchen potenziellen Geschäftspartnern eilt ein schlechter Ruf voraus. Es gibt Investoren, die ein Unternehmen wie Mehlmottenlarven zerfressen, bis nur noch das Gerüst steht. Oder die wie Blutsauger die Renditeforderungen hochtreiben, bis alle Angestellten sich grau und fahl gearbeitet haben. So jemanden holt man sich nicht gern ins Boot. Aber eine gewisse Offenheit auch für übel beleumundete Partner sollte man sich bewahren – es kann sein, dass ihr Einstieg den ganzen Betrieb rettet. Das Süßgras Dichanthelium lanuginosum und der Pilz Curvularia protuberata wissen das. Sie existieren in ihrer Symbiose nur, weil sie die Killerapplikation eines Anbieters nutzen, der eigentlich im Ruf steht, Systeme zum Absturz zu bringen: ein Virus. In den Böden des Yellowstone-Nationalparks ist es bis zu 65 Grad Celsius warm. Dem Pilz würde es zu heiß, würde er nicht in den Wurzeln, Halmen, Blättern und Samen des Grases leben. Auch das Gras würde in der Hitze eingehen, gäbe es den Pilz nicht. Forscher haben entdeckt, dass die Symbiose nur funktioniert, weil der Pilz von dem Virus befallen ist. Als sie einen virusfreien Pilz ins Gras setzten, ging es ein. Infizierten sie den Pilz wieder, überlebte es. Ein Beispiel für eine gelungene Dreiecksbeziehung.

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Wenn zwei Firmen fusionieren, entsteht eine dritte. Flechten sind das Ergebnis einer Fusion von Pilz und einzelliger Grün- oder Blaualge. Sie verbinden das Beste aus zwei Lebensformen, sodass sie selbst an unwirtlichen Orten leben können – unter der Wüstensonne wie in der Antarktis. Sie erobern sich als Pioniere einen neuen Lebensraum. Im Rahmen der Kooperation liefert die Alge dem Pilz per Fotosynthese Nährstoffe, die er allein dort nicht fände. Der Pilz wiederum speichert Wasser und sorgt dafür, dass die Alge nicht austrocknet. Der so entstehende neue Organismus – die Flechte – löst das Gestein, auf dem er siedelt, langsam auf. So kann er zu einem auf Dauer angelegten Traditionsunternehmen heranwachsen.

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Tiefe Wasser mögen still sein, aber vor allem sind sie dunkel. Deshalb lockt das Tiefseeanglerfischweibchen Beute mit seiner über dem Kopf hängenden Laterne an – kleine Fische fühlen sich davon angezogen. Haben sie bemerkt, dass hinter der Laterne ein riesiges Maul lauert, ist es auch schon zu spät. Der große Fisch macht das Licht allerdings nicht selbst, sondern es entsteht in Zusammenarbeit mit Bakterien. Im Prinzip handelt es sich um das Modell „Jobben gegen Kost und Logis“: Die Bakterien wohnen im Tiefseeanglerfisch. Und sind dort als untermietende Hausmeister für die Lichtanlage zuständig.

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Bläulingsraupen und Ameisen verstehen sich insgesamt nicht schlecht. Die Raupe des Silbergrünen Bläulings etwa gibt ein süßes Sekret ab, das die Ameisen fressen, und genießt dafür bis zur Verpuppung deren Schutz. Der Weg von einer Partnerschaft zu einer feindlichen Übernahme ist aber nicht weit, wenn es um Rotgelbe Knotenameisen und den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling geht. Dessen Raupe will im Ameisenbau über den Winter kommen und verschafft sich mit einem Trick Zugang, der an das Trojanische Pferd erinnert: Sie sondert über eine Drüse Botenstoffe ab, die die Knotenameisen glauben lassen, es handle sich um den eigenen Nachwuchs, und so schleppen sie das Findelkind in ihren Bau. Was aber tut die Raupe dort? Sie frisst die Larven der Ameisen.

Riskant bleibt das Ganze auch für den Bläuling. Sobald er geschlüpft ist, ist er enttarnt und muss zusehen, dass er Land gewinnt. Schafft er das nicht, endet die Kooperation in einem Verlustgeschäft für beide: Raupe frisst Larven. Ameisen fressen Schmetterling. ---