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Die Unabhängigkeitserklärung

Lernen wir, uns selbst zu helfen. Und das anderen zu ermöglichen.





1. Der König des Waldes

Es war einmal ein Elch, der sollte König des Waldes werden.

Aber er traute sich nicht so recht.
Er war unerfahren.
Er wusste wenig.
Nichts schien ihm zu gelingen.

Der Tag der Königswahl rückte immer näher, und mit jeder Stunde wurde der Elch ein wenig trauriger. Mit hängendem Kopf trottete er durch den Wald, und gelegentlich begegnete er einem anderen Tier, das weit größere Sorgen hatte als er selbst. Da war ein Hase, der von seinem Bau durch einen Fluss getrennt war – eine unüberwindliche Barriere. Oder eine Amsel, deren Junges eben aus dem Nest gefallen war und jeden Moment vom Fuchs gefressen werden konnte. Und ein Hausschwein in seinem Gehege, das von der großen Freiheit im Wald träumte, aber den Zaun nicht überwinden konnte.

Jedes Tier bat den Elch, ihm zu helfen. Musste er, der König werden sollte, nicht die Probleme im Handumdrehen lösen können?

Aber der Elch sagte immer nur: „Ich weiß es auch nicht. Da musst du dir schon selbst etwas einfallen lassen.“

So dachte der Hase kurz nach und sprang dann auf den Rücken des Elchs, der durch den Fluss schwamm, und erreichte so das andere Ufer mit seinem Bau.

Die Amsel bat den Elch darum, seinen Kopf weit zu senken, damit das Junge sich auf sein Geweih retten konnte.

Und das Schwein fragte den Elch, ob der nicht mal kurz mit seinen kräftigen Hinterbeinen gegen das Gatter treten könne. Das tat er, die Bretter flogen nur so weg, und das Schwein konnte bequem in die Freiheit spazieren. Allen war geholfen, und sie hatten sich dazu alle selbst etwas einfallen lassen.

Der Elch verstand das erst nicht.

Aber die Tiere waren begeistert von ihm und wählten ihn zum König, gerade weil er sie selbst entscheiden ließ und sie dabei unterstützte, so gut er es konnte. Die Tiere im Wald waren keine dummen Untertanen, die in ständiger Furcht vor einem mächtigen Herrscher lebten. Sie waren seine Verbündeten und Mitbürger. Einen besseren König, so riefen sie, könnten sie sich nicht wünschen!

2. Der Ermöglicher

Diese Fabel des schwedischen Kinderbuchautors Ulf Stark ist ein Stück auch für Erwachsene. Sie beschreibt in klaren Bildern das Wesen jeder Zivilgesellschaft und jeder Organisation, die auf Fairness, Respekt und Gleichberechtigung angelegt ist. König Elch ist kein Machthaber, sondern ein Ermöglicher. Das ist jemand, der nicht so tut, als ob er für andere denken könnte, sondern klarmacht: Das ist euer Leben. Lasst euch selber etwas einfallen. Kann ich euch dabei helfen?

Der Elch ist kein übergriffiger Kümmerer. Indem er Freiheiten gewährt und Selbstständigkeit einfordert, hilft er anderen weiterzukommen. Großartig.

Oder?

Die meisten dürften mit der Moral dieser Geschichte schon ein wenig fremdeln. Von Autonomie und Emanzipation, den Grundpfeilern der Unabhängigkeit, wird gern geredet, die Arbeit, die das macht, aber selten getan.

Da musst du dir schon selbst etwas einfallen lassen!

Wieso denn ich?

Im März 2019 wurde die von der OECD durchgeführte Umfrage „Risks That Matter“ veröffentlicht. Welche Sorgen haben die Bürger der Wohlstandsnationen? Es sind Altersarmut und Krankheiten, die die Menschen – durchaus verständlich – fürchten. Manche Ängste, wie die vor hoher Kriminalität, sind angesichts der Realität aber durchaus irrational. Deutsche und Österreicher fürchten sich am meisten davor, Opfer eines Verbrechens zu werden – dabei ist die Kriminalitätsrate in beiden Ländern ausgesprochen niedrig.

Aber richtig interessant wird es im Erläuterungstext zur Studie. Dort lesen wir: „Mehr als drei Viertel der Deutschen wünschen sich, dass die Regierung mehr dafür tut, ihre wirtschaftliche und soziale Sicherheit zu gewährleisten.“

Gleichzeitig glauben nur 18 Prozent der befragten Deutschen, dass „die Regierung“ ihre Interessen ausreichend berücksichtigt, wenn es um die „Einführung und Anpassung öffentlicher Leistungszahlungen“ geht. Kurzum: Der Staat soll es richten – und ich hab’ viel zu wenig abbekommen.

Hier offenbart sich die Vorstellung einer offenen Gesellschaft mit festen Bezügen. Versorger, keine Ermöglicher, sollen diese Gesellschaften führen. Für die meisten genügt es, den Schein zu wahren. Dann herrscht allerdings Selbstbetrug statt Selbstbestimmung.

Alle Unabhängigkeit beginnt eben damit, dass man weiß, was für einen richtig ist. Wie sieht es damit aus?

Fangen wir bei der Suche nach einer Antwort mit dem schönen Satz an: Die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Die Kunst besteht allerdings darin, die Leute nicht nur abzuholen, sondern den Transport auch so durchzuführen, dass sie von der damit verbundenen Bewegung gar nichts merken. Nudging, Schubsen, heißt das, ein Konzept, das der – eigentlich – liberale Ökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein geprägt haben. Rein theoretisch ist Nudging eine prima Idee: Statt auf Verbote setzt man auf subtilere Manipulation des Verhaltens. Da steht der Vollwertteller in der Kantine in Augenhöhe und das Schnitzel weiter unten. Statt des Blitzers auf der Autobahn stellt man ein Schild auf, das vor den Folgen von Raserei und Rücksichtslosigkeit warnt. Jeder kennt die Beispiele, sie füllen längst den öffentlichen und immer öfter auch den privaten Raum. Es ist ein ständiges Ermahnen und Erziehen.

Das ergibt Sinn, wenn es sich um eindeutige, wissenschaftlich begründete Schubserei handelt. Aber vieles auf dieser Welt ist nicht eindeutig, klar oder zweifelsfrei. Wo also hört der gut gemeinte Hinweis auf, und wo fängt die übergriffige Manipulation an? „Wo“, fragt der Verhaltensökonom Jan Schnellenbach, „liegt die Grenze zum betreuten Leben?“ Denn was in der Theorie zivil klingt – wir prügeln die Leute nicht zu ihrem Glück – bedeutet in der Praxis schnell: Wir schubsen sie dorthin, wo es uns passt.

Autoritär war gestern, heute ist hintenrum. Politik in Zeiten des Nudgings kommt ohne Hidden Agenda nicht aus. Menschen sollen freiwillig tun, was sie sollen. Sind sie, siehe Umfragen, nicht auch selbst schuld? Und haben es nicht besser verdient? Falsch. Das Recht auf Unabhängigkeit der Bürger und die Pflicht der Regierung, ihnen das zu ermöglichen, sei nicht verhandelbar, sagt Schnellenbach. „Hier hat kaum jemand gelernt, seine Interessen offen zu zeigen. Und deshalb können psychologische und materielle Schwächen ausgenutzt werden, um neue Abhängigkeiten zu erzeugen.“ Die beste Theorie scheitert daran, dass die Leute ihr Recht auf Unabhängigkeit nicht ernst nehmen. Wo man aber nicht gelernt habe, sich selbst etwas einfallen zu lassen, werde Verhaltensökonomie zu „einem Instrument, die Leute perfide zu beeinflussen“, sagt Schnellenbach: „Mit allem, was Politik – und Ideologen – gerade für richtig oder falsch halten, für gesund oder krank, gerecht oder kriminell.“

Erinnern wir uns: In George Orwells Roman „1984“ führt die Unfähigkeit zum unabhängigen Denken zu Leitsätzen wie „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke.“

3. Gute Abhängigkeiten

Orwell hat seine Worte wie immer mit Bedacht gewählt. Und damit auch eine Parabel auf unser Land geschrieben, in dem Freiheit schon immer gegen Sicherheit ausgespielt wurde, Unabhängigkeit gegen Risikogemeinschaften. Da gibt es dann Leute, die richtige Staats-Junkies sind, die nie genug Stoff kriegen. Und andere, die bei der Vorstellung von einer bedingungslosen Grundsicherung und einem berechenbaren Sozialstaat die Nase rümpfen, als hätten sie etwas Schlechtes gerochen. Der schwedische Märchenwald ist in Sachen Wissensgesellschaft weiter als dieses Land, kein Zweifel.

Es gibt Freiräume, die erst durch Regeln möglich werden. Das versteht man leicht, wenn man sich die StraßenverkehrsOrdnung ansieht. Die gibt es, damit jeder sich bewegen kann, ohne dass es kracht. Im Prinzip funktionieren Gemeinschaften immer so. Freiheit und Sicherheit müssen kein Widerspruch sein, sie sind das Charakteristikum entwickelter Gesellschaften.

Das gilt auch für die Technik, beispielsweise bei Normen, Standards und Betriebssystemen. In der Urzeit des Computers gab es keine einheitlichen Betriebssysteme, was dazu führte, dass man meistens gut damit ausgelastet war, das System des Systems wegen aufrechtzuerhalten. Das ist die Grundlage jeder Bürokratie, also einer Herrschaftsform, die zum Selbstzweck geworden ist.

Man sollte sich davor hüten, den Begriff der Bürokratie mit Ämtern und Behörden gleichzusetzen. Eine gute Verwaltung kann die Unabhängigkeit eines Bürgers enorm erweitern, indem sie ihn von den Mühen des Alltags und den Routinen entlastet. Eine schlechte Verwaltung macht es genau umgekehrt: Sie fordert, drängt, denkt nur an sich und sieht die Bürger als Störfaktor. Diese Beschreibung trifft auch auf Unternehmen zu, in denen es zuweilen nicht besser zugeht.

Eigentlich besteht die Aufgabe der Verwaltung darin, Freiraum für das Wesentliche zu schaffen, den Menschen. Das ist in Ämtern und Konzernen, bei Start-ups und Betriebssystemen ganz ähnlich. Verwaltung und Markt sind damit ebenfalls kein Widerspruch.

Märkte, auf denen kreative Unternehmen nützliche Software anbieten konnten, entstanden erst, als es Betriebssysteme gab, die eine kritische Masse an Benutzern ermöglichten, was wiederum einen guten Wettbewerb um diese Kunden erlaubte. Die Abhängigkeiten vom System sorgten dafür, dass man sich auf das Eigentliche, Wesentliche konzentrieren konnte: auf originelle Problemlösungen.

Das ist die einfache Frage an jede Technologie, der Deal der Moderne: Man geht eine überschaubare Abhängigkeit ein, um mehr Freiräume und Individualität zu bekommen. Aber man sollte das immer im Auge behalten, sich und anderen bewusst machen.

Es geht darum, dass man diese Formel nie vergisst – und das tun wir zu oft. Es ist spielentscheidend, den Unterschied zwischen guter und schlechter Abhängigkeit zu erkennen, immer wieder neu. Denn wir brauchen Verbindlichkeit und Sicherheit, Selbstbestimmung und Risikobereitschaft gleichermaßen.

4. Arbeitslos

Die Sicherheit ist Voraussetzung für mutiges Handeln. Wenn immer alles auf der Kippe steht, es bei jeder Entscheidung gleich um Leben und Tod geht, bewegt sich bald gar nichts mehr. Eine Gesellschaft in Angst verhält sich wie der Einzelne: Sie zieht den Kopf ein. Sie hilft sich nicht selbst. Sie versucht, über den Tag zu kommen. Sie entwickelt sich nicht, sie tut nichts mehr.

Im Jahr 1958 erschien Hannah Arendts „The Human Condition“, auf Deutsch „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“. Darin hat die große Denkerin ihr Modell vom tätigen Menschen gezeichnet. Die erste Komponente ist die der Arbeit – bei Arendt das, was man tun muss, um zu überleben.

Arbeit dient der Befriedigung der Grundbedürfnisse.Diese Grundbedürfnisse bleiben während unseres ganzen Lebens. Arbeit ist damit pure Abhängigkeit, der man nicht zu entkommen scheint. Alles, was diesem Reich der Notwendigkeiten zugehörig ist, gehört für Arendt auf die niedrigste Stufe des Tätigseins.

Wer die Entwicklungsgeschichte so begreift, erkennt schnell, dass Menschen diese lästige Abhängigkeit immer loswerden wollten. Warum sollte man auch mit Dingen, die sich wiederholen, seine Zeit verplempern? Lagern wir das besser mal aus.

Genau das führt zur nächsten Entwicklungsstufe, dem Herstellen, wie es Arendt nennt. Dazu gehören, einfach gesagt, Kunst, Kultur, Technik, Wissen, Prozesse, all das, was Menschen tun, um der Abhängigkeit von der Arbeit zu entgehen, wenn nicht sogar – wie bei der zu diesem Bereich gehörenden Automatisierung – sie nahezu vollständig aufzugeben. Beide Bereiche, die Arbeit und das Herstellen, sind miteinander verzahnt.

Man kann in der Arbeitsgesellschaft, in der wir leben, den Unterschied kaum noch bemerken. Aber er ist wichtig. Aller Fortschritt ist letztlich nichts anderes als die Summe des Herstellens, je routinierter wir darin sind, desto unwichtiger wird die Arbeit, die existenzielle Abhängigkeit. Dass sich in der Industrie- und Konsumgesellschaft beides bis zur Unkenntlichkeit verflochten hat, ist keineswegs normal.

Die meisten Menschen arbeiten heute, um zu konsumieren. Dabei wäre die richtige Option, wie Hannah Arendt fand, die Tätigkeitswelt auf die dritte und wichtigste Stufe zu stellen, die des persönlichen Handelns und Entscheidens. Selbstbestimmung bedeutet, so wenigen Zwängen wie möglich ausgesetzt zu sein. Das hat nicht nur weitgehende persönliche, soziale und kulturelle Folgen. Es bedeutet auch das Ende der Abhängigkeit von Arbeit an sich.

Für viele Menschen aber bedeutet es erst einmal Verlust. Messerscharf erkannte Arendt: Der Arbeitsgesellschaft ist die Arbeit ausgegangen, „also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht“. Künftig muss man sich selbst etwas einfallen lassen, sonst fällt man in die alte Abhängigkeit zurück. Bleibt im Hamsterrad. Ein Arbeits-Junkie.

5. Bedingungslos

Mehr als 60 Jahre nach der Veröffentlichung dieses Klassikers kann keine Rede davon sein, dass das allgemein verstanden worden wäre. Ein Beispiel dafür lieferte die Debatte um das finnische Experiment zum Grundeinkommen, die zu Beginn des Jahres 2019 geführt wurde. In den meisten deutschsprachigen Medien wurde das Ergebnis der Forscher mit unverhohlener Genugtuung aufgenommen.

Hatten wir es nicht gleich gesagt?

Das Experiment, bei dem 2000 Bürger zwei Jahre lang einen Betrag von 560 Euro im Monat bedingungslos erhalten hatten, hätte, so konnte man vom »Spiegel« abwärts lesen, eben nicht dazu geführt, dass die Menschen schneller wieder in Lohnarbeit gekommen wären – als sei es darum gegangen.

Die finnische Sozialministerin Pirrko Mattila hat das von Anfang an zeitlich begrenzte Projekt ganz anders verstanden als der deutsche Vollerwerbs-Mainstream aller Parteien und Lager. Es bedeutete, so zitiert sie der NDR-Korrespondent Carsten Schmiester, dass „das Experiment einen positiven Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden der Teilnehmer hatte (…). Ihre Zuversicht, dass sie die eigene Zukunft und die wirtschaftliche Situation selbst beeinflussen können, wurde gestärkt.“

Aber die Menschen, die Hannah Arendt beschrieb und vor denen sie warnte, wollen nichts von Zuversicht hören, von Freiheit, von Möglichkeiten. Denn: Wir müssen schließlich auch arbeiten gehen. Uns bleibt auch nichts anderes übrig. Wir müssen uns auch unterordnen. Mitmachen. Das gefällt uns auch nicht.

Zuversicht ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Hartz-IV-Kultur hier angerichtet hat. Zuversicht ist, wenn man sich selbst etwas einfallen lassen kann, wenn man genug Luft hat, um sich zu organisieren, neu auszurichten, mit anderen zu kooperieren – um seine Lage zu verbessern und nicht in der Zwangsjacke der Notwendigkeiten, der ewigen Angst ausgeliefert zu sein, seinen Job, seine Wohnung, seine Existenz zu verlieren.

Die nächste Krise bahnt sich an, und es wird nicht das Geringste unternommen, um die Bürger zu ermutigen, ihnen als Ermöglicher zur Seite zu stehen. Nicht nur die Infrastruktur in diesem Land ist marode. Zuversicht ist eine harte Währung in Zeiten radikaler Veränderung. Nichts braucht man mehr als sie.

Menschen, die zuversichtlich sind und daran glauben, dass sie sich selbst etwas einfallen lassen können, und denen man wenigstens eine Basis dafür ermöglicht, sind in der Lage, mit Veränderungen zurechtzukommen. Das Ende des Experiments, so fasst Korrespondent Schmiester zusammen, sei vor allen Dingen „ein harter Schlag für Leute, die sich nicht mehr so einfach selbst helfen können“. Jetzt, so zitiert er eine Teilnehmerin des Grundeinkommen-Versuches, werde man wieder „wie Abschaum behandelt wie vor zwei Jahren“, bevor das Experiment startete: „Um alles muss man betteln.“

Der Freiheitsgrad einer Gesellschaft lässt sich gut daran erkennen, wie sie mit Schwächeren umgeht. Dabei hat der Ruf nach Unabhängigkeit nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, im Gegenteil. Gleichgültigkeit entsteht gerade in den industriellen Massengesellschaften, in denen sich so viele anpassen und einordnen, auf das eigene Denken verzichten – und damit auf die Möglichkeit, mehr Freiräume zu erhalten und anderen dabei zu helfen, weiterzukommen. Man kann das eine nicht vom anderen trennen. Wer von oben Hilfe erfleht, wird sich unterwerfen müssen.

6. Selbstbestimmung

Unabhängigkeit ist ein ganz unpathetischer Vorgang.

Das Wort Freiheit, vielfach gebogen und gebeugt, eignet sich nur bedingt dafür, diesen Zustand zu beschreiben. Unabhängigkeit ist, was nach Abraham Maslows berühmter Bedürfnispyramide zur höchsten Stufe menschlicher Entwicklung führt, der Selbstverwirklichung.

Doch natürlich ist auch dieser Begriff jahrzehntelang diskreditiert worden, als spinnerte Idee, ganz so wie das bedingungslose Grundeinkommen. Dabei geht es um einen zutiefst rationalen Vorgang. Wer ihn ins Romantische, Pathetische abschiebt, ins Reich der puren Gutmenschelei, der irrt nicht nur bei der Zuordnung. Unabhängigkeit ist Autonomie, das, was die alten Griechen unter Selbstgesetzgebung verstanden.

Und Autonomie, ein großes Wort, bedeutet in seinem griechischen Ursprung so viel wie Selbstbestimmung. Dabei geht es um nichts weiter als das Recht des Individuums, sein eigenes Leben zu leben, zu entscheiden und zu handeln, wie es das für richtig hält.

Das ist die bedeutendste Konstante aller Bemühungen um ein besseres Leben in der Geschichte der Menschheit, und alle, ausnahmslos alle Werkzeuge, Ideen, Methoden, Prozesse und Kulturen sind diesem Leitmotiv untergeordnet.

Das Gegenteil davon ist die Heteromonie, die Fremdbestimmung. Die Spannungen zwischen beidem bestimmen Politik und Leben, Wirtschaft und Kultur – das hat der Philosoph Immanuel Kant, der Schutzheilige des Selberdenkens, klar beschrieben. Diese Auseinandersetzung ist der Kern der Themen, die uns seit Jahren immer stärker beschäftigen; auch weil der Konflikt zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung so oft verdrängt wird. Ganz gleich, wer wie laut nach Hilfe von oben ruft – mehr Freiräume wollen sie alle. Konflikte, die verdrängt werden, gehen nie einfach weg. Sie holen sich nur Verstärkung.

Was geschieht? Mehr Wohlstand und mehr Möglichkeiten führen zu mehr Lust auf Freiheit. Das merkt man an unzähligen kleinen Bewegungen, bei denen Mitarbeiter mehr Autonomie im eigenen Arbeitsbereich fordern, Bürger mehr Rechte, mehr Abgrenzung und Offenheit, je nachdem. Es sind nicht mehr die hinnehmenden Untertanen, die hier leben, sondern Leute, die der Fremdbestimmung Paroli bieten.

Mit der Selbstbestimmung und der persönlichen Unabhängigkeit ist es wie mit der Demokratie: Sie werden von den meisten Leuten gemocht, solange sie nur Lippenbekenntnisse sind. Doch in der Realität wird die Sache kompliziert. Wie viele autonome Menschen verträgt ein Unternehmen, eine Gesellschaft? Wie viel Freiheit halten wir aus?

Wer immer über dieses Thema nachdachte, kam schnell an diesen Punkt. Grundsätzlich ringen die Menschen um mehr Selbstbestimmung. Aber sie müssen Kompromisse mit der Fremdbestimmung eingehen, zu denen auch die Regeln gehören, von denen weiter oben die Rede war, die guten Abhängigkeiten, über die man sich im Idealfall gemeinsam mit anderen einigt.

Der französische Philosoph Michel Foucault hat dieses Ringen sogar als typisch abendländische Kulturform bezeichnet. Das Streben nach Individualität ist jedenfalls eine Trademark des Westens. Dass in diesem Windschatten Demokratie und Menschenrechte letztlich besser gedeihen als in Systemen, die Unabhängigkeit schon im Ansatz für falsch halten, sollte man eigentlich nicht noch einmal extra sagen müssen.

7. Das System

Für den Soziologen Georg Vobruba, emeritierter Professor an der Universität Leipzig, ist die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Unabhängigkeit und Abhängigkeit eine der wichtigsten unserer Zeit: „Dabei geht es nicht darum, sich der Illusion hinzugeben, wir könnten vollkommen autonom sein, vollkommen selbstbestimmt und unabhängig. Es geht um Autonomiegewinne, mehr Freiraum.“ Genau das unterscheidet den Menschen in der Moderne von seinen Vorfahren: Es geht nicht um die beste Anpassung, die Unterwerfung unter ein Schicksal, sondern um ein ständiges Verhandeln um bessere, weil selbstbestimmte und selbst gewählte Lebensbedingungen.

Das klingt nach einem guten Plan. Es bedarf aber einer gewissen Eigenleistung, ungefähr wie die, die im Wald des Königs Elch herrscht: ein ausgewogenes Verhältnis aus Selbermachen und Ermöglichen.

Gemütlicher als Selbermachen war von jeher das Klagen und Zetern, beispielsweise über „ein System, das es mir unmöglich macht, mehr Freiräume und Autonomiegewinne für mich zu erlangen“, sagt Vobruba. Die Leute, so sagt der Professor, hätten alle furchtbar gern mehr Unabhängigkeit, aber dann heiße es, das „böse System lässt mich nicht“. Er, so Vobruba, frage dann stets: „Wie sieht denn ,das System‘ aus, was hat es denn zu Ihnen ,gesagt‘?“

Machen wir uns nichts vor: Viele Menschen klagen über einen Zustand, in dem sie es sich bequem eingerichtet haben. Verschwörungstheorien wie die vom System, das mich nicht lässt, legitimieren meist den Alltag, den man nicht überwinden will.

Das gilt zumindest für Menschen, die, mit gutem Erbe, materiell ordentlich ausgestattet in einer Demokratie leben, die den Namen auch verdient. Selbstverständlich wird auch dort versucht, Fremdbestimmung auszuüben. Doch im Großen und Ganzen ist man für seine Freiräume selbst verantwortlich. Verschwörungstheorien, wie sie unter Bessergebildeten durchaus üblich seien, so Georg Vobruba, helfen da nicht weiter. „Niemand ist schuld daran, wenn man ohne Not seine Abhängigkeit kultiviert.“

Das Wort Not ist wichtig. Es geht nicht um gefühlte Fremdbestimmung, um eingeredete Abhängigkeiten, sondern um echte, um Handfestes, um Materielles also. Wer kein Geld für die Miete und elementare Bedürfnisse hat, der ist definitiv abhängig. Für den ist die Selbstbestimmungsdiskussion kein Thema, zu weit oben, in jenem Milieu, das aber die politischen und kulturellen Diskussionen bestimmt.

8. Zuversicht

Hier wird klar, was das Wichtige am Begriff „bedingungslos“ ist. Er hat eine Bedingung, nämlich die, mit dem Geld für die materielle Grundausstattung mehr Unabhängigkeit zu erlangen. Und diese Unabhängigkeit zur Selbstbestimmung zu nutzen.

Das ist kein Luxus, das ist die Voraussetzung für ein besseres Leben. Für Vobruba ist das der Grund, warum man auch weiterhin über das Grundeinkommen reden muss und wird – „da gibt es kein Entrinnen“.

Denn hier verbinden sich all die Fragen, Dinge und Angelegenheiten, die mit der materiellen Grundsicherung, der grundlegenden Unabhängigkeit zu tun haben. Die alten Arbeiterbildungseinrichtungen des 19. Jahrhunderts hatten recht: „Bildung ist die Ultima Ratio“, sagt Vobruba. Das haben wir schon oft gehört, und jedes Mal macht das Mühe. Aber leichter ist das Richtige nicht zu haben. Um es zu erreichen, braucht man diese komische Zuversicht, von der die finnische Sozialministerin sprach, dieses in Deutschland so unbekannte und ein wenig merkwürdige Ding.

Zuversicht gewinnt man, weil man sieht, dass man Luft hat, dass man atmen, sich entwickeln kann, vielleicht anfangs nur ein wenig. Das ist der Weg, der zu mehr Freiheiten führt, zum Zweifeln, Lernen, Ermöglichen. Lasst euch selbst etwas einfallen.

Von da an ist immer Unabhängigkeitstag. ---