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Der Kampf gegen den Datenmüll

Die Globalisierung verzerrt wichtige Statistiken der Wirtschaft. Forscher gehen deshalb neue Wege, um unsere komplexe Welt verständlich zu machen.




I.

Im April 2017 tritt Wilbur Ross, der Handelsminister der USA, vor einen nur halb gefüllten Raum mit Journalisten, um sich zu beschweren. Ross ist 80 Jahre alt und sieht keinen Tag jünger aus. Er redet langsam. Und an diesem Tag arbeitet sich Ross mit dem Tempo einer Schildkröte durch eine lange Reihe von Anschuldigungen, jede von ihnen mit einer Zahl belegt. Er zählt die Defizite der USA im Handel mit Gütern auf. Eines nach dem anderen.

China, 347 Milliarden US-Dollar.
Japan, 68,9 Milliarden US-Dollar.
Deutschland, 64,9 Milliarden US-Dollar.
Mexiko, 63,2 Milliarden US-Dollar.
Irland, 35,9 Milliarden US-Dollar.
Vietnam, 32 Milliarden US-Dollar.
Italien, 28,5 Milliarden US-Dollar.
Südkorea, 27,7 Milliarden US-Dollar.
Malaysia, 24,8 Milliarden US-Dollar.
Indien, 24,3 Milliarden US-Dollar.

Als er durch ist mit seiner Liste, beschwert er sich über die Welthandelsorganisation (WTO), die die USA unfair behandle. Die implizite Drohung, die er nie aussprechen muss, ist, dass die USA als die größte Volkswirtschaft der Welt aus der WTO aussteigt.

Das Problem: Die Zahlen, die Ross herunterbetet, taugen nichts.

Ungefähr zur gleichen Zeit, in den ersten Monaten des Jahres 2017, fangen zwei Politikwissenschaftler an der Universität in Amsterdam an, einem Verdacht nachzugehen. Daniel Mügge und Lukas Linsi vermuten, dass die wichtigste Sammlung für Handelsstatistiken voller Fehler ist: die Statistiken des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Der IWF erfasst in einer Zahlungsbilanz alle Handelsströme und Finanztransaktionen eines Landes und registriert, woher diese kommen und wohin sie gehen. Die Washingtoner Statistiker erheben die Daten nicht selbst, sondern arbeiten mit dem Material, das sie von den Mitgliedsländern bekommen.

Die Handelsdaten des IWF werden zweimal erhoben: einmal, wenn die Ware ein Land verlässt, und einmal, wenn sie in einem anderen Land ankommt. Wenn ein Auto aus Deutschland in die USA exportiert wird, dann registriert der deutsche Zoll einen Export, der amerikanische einen Import. Und wenn alles stimmt, dann müssten am Ende des Jahres beide Seiten sehr ähnliche Summen in ihren Büchern verzeichnen. Statistiker sprechen in diesem Fall von mirror data, gespiegelten Daten.

Mügge und Linsi stellen fest: Die Spiegelbilder sind oft bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Die Amsterdamer Wissenschaftler schauen sich auch die Zahlen für die USA aus dem Jahr 2014 genauer an (Wilbur Ross hatte die für 2016 in der Pressekonferenz zitiert). Wo die USA ein Handelsdefizit im Warenverkehr mit China von 320 Milliarden US-Dollar angeben, weisen die chinesischen Erhebungen lediglich eines von 251 Milliarden US-Dollar aus. Mit Mexiko kalkulieren die amerikanischen Statistiker ein Defizit von 51 Milliarden. Die Mexikaner errechnen aber ein Defizit, das mehr als doppelt so groß ist. Die USA gehen von einem 33-Milliarden-Dollar-Defizit mit Kanada aus, wohingegen die Kanadier ein dreimal so großes verzeichnen. Die Unterschiede zwischen den deutschen (80 Milliarden US-Dollar Defizit) und amerikanischen Statistiken (72 Milliarden Dollar) sind dagegen fast harmlos.


„Das Ausmaß hat uns überrascht, obwohl wir schon vorher wussten, dass es Probleme mit der Datenqualität gibt“, sagt Mügge, der in Amsterdam Professor für Politische Arithmetik ist. „Gerade weil die Probleme auch bei Ländern auftauchten, deren Behörden eigentlich sehr kompetent in der Datenerfassung sind. Da dachten wir eigentlich, dass die das besser im Griff haben müssten. Haben sie aber nicht.“

Die Abweichungen, die Mügge und Linsi finden, springen hin und her, wie ein Flummi in einem Raum mit niedriger Decke; ohne jedes System, mal zum Vorteil, mal zum Nachteil des Landes, das sie erhoben hat. Einen Hinweis auf gezielte Manipulationen finden die Wissenschaftler aus Amsterdam nicht.

Woher kommen die Unterschiede dann?

II.

1950 veröffentlichte Oskar Morgenstern, Wirtschaftsprofessor in Princeton und Mitbegründer der Spieltheorie, einen langen Aufsatz über den Umgang mit Wirtschaftsstatistiken. In seinem Beitrag mit dem Titel „Über die Genauigkeit wirtschaftlicher Beobachtungen“ beschwerte er sich darüber, dass kaum jemand in der Lage war, die Daten richtig zu interpretieren. Weder Politiker noch Journalisten, selbst viele Wissenschaftler schienen sich an der Fehlerwahrscheinlichkeit der Erhebungen kaum zu stören. „Die allermeisten ökonomischen Statistiken werden mit einem Anspruch auf Genauigkeit präsentiert, der unerreichbar ist“, schrieb Morgenstern. Sie würden wie unumstößliche Fakten betrachtet, nicht wie fehlerbehaftete Annäherungen an eine komplizierte Wirklichkeit.

Morgenstern beobachtete zudem: Je rascher sich eine Ökonomie wandelt, desto unzuverlässiger werden die Daten. „Über dynamische Prozesse wissen wir notwendigerweise weniger als über Verhältnisse, die sich kaum verändern“, stellte er fest. An dieser nach wie vor aktuellen Einsicht orientieren sich auch Linsi und Mügge bei ihrer Suche nach einer Erklärung.

Seit den Neunzigerjahren hat die Globalisierung die Wirtschaft in den meisten Ländern der Erde tiefgreifend verändert: Das, was früher in einem Land geschah, verteilt sich nun über viele. Kaum ein komplexes Produkt – egal ob Auto, Handy oder Computer – wird noch in einem Land hergestellt. Die einzelnen Arbeitsschritte werden, je nach Spezialisierung, Kompetenz und Lohnniveau, über Regionen und Kontinente, manchmal über die ganze Welt verteilt. Teile werden hin- und hertransportiert, bis das Endprodukt schließlich fertig ist. Der Wert der weltweiten Exporte hat sich seit dem Jahr 1990 nahezu verdreifacht.

Die alten Statistiken scheitern an dieser neuen Komplexität. „Ein sehr simples Beispiel dafür“, so Mügge, „sind die niederländisch-deutschen Handelsdaten. Jedes Jahr sagen die Niederländer, dass sie zwischen 20 und 40 Milliarden Euro mehr an Deutschland exportieren, als die Deutschen in ihren Erhebungen registrieren. Das ist relativ eindeutig eine Folge des Hafens von Rotterdam. Sagen wir, ein Container mit Spielekonsolen soll aus China nach Oberhausen geliefert werden. Der Container kommt in Rotterdam an und wird von da weitertransportiert. Für die Niederländer ist das ein Export nach Deutschland. Sobald die Konsolen aber in Oberhausen ankommen und der Mann von DB Schenker sie in Empfang nimmt, ist das für ihn jedoch nur noch ein Import aus China. Der Zwischenschritt über die Niederlande fällt da einfach unter den Tisch.“ Abweichungen in den Daten entstehen aus lauter kleinen Fehlern wie diesem; aus der Begrenztheit dessen, was der Einzelne überhaupt noch sieht in der langen Kette an Arbeitsschritten.


Das gilt nicht nur für die kaum beachtete niederländisch-deutsche Bilanz, sondern auch für das kontroverseste Ungleichgewicht im Warenhandel, den massiven Überschuss an Waren, den China an die USA liefert. Mügge spricht von einer Illusion, denn eigentlich handle es sich um ein Defizit mit einer ganzen Reihe Länder in Asien. „Die Smartphones, Computer, Tablets werden zwar in China zusammengesetzt, aber die meisten Komponenten kommen woanders her: die Bildschirme aus Taiwan, Prozessoren aus Südkorea. Andere Teile werden aus Singapur und Malaysia geliefert. Trotzdem heißt es: Die Chinesen verdienen sich an uns kaputt. Dabei fließt ein signifikanter Teil des Geldes in Wirklichkeit gar nicht nach China, sondern verteilt sich über ganz Asien.“

In den bilateralen Handelsdaten taucht nur der letzte Schritt auf. Es ist ein bisschen so, als würde man an einem breiten Fluss stehen und nur die letzte Biegung sehen, die er nimmt – und nicht die Nebenflüsse, die ihn anschwellen lassen. Und die Handelsdaten sind nicht die einzigen, die von der Globalisierung zunehmend verzerrt werden.

III.

An einem Sommertag im Jahr 2016 warten einige Journalisten und Ökonomen in Dublin auf die neuesten Zahlen des Bruttoinlandsprodukts für Irland. Das Ganze ist eigentlich eine vorhersehbare Veranstaltung: Die jüngste Schätzung des Central Statistics Office – dem irischen Gegenstück zum Statistischen Bundesamt – hatte einige Monate zuvor bereits ein hohes Wachstum von 7,8 Prozent vorhergesagt. Als die Statistiker dann schließlich die offiziellen Zahlen präsentieren, ist die Langeweile vorbei. Die irische Wirtschaft, so die Presseerklärung, sei im Jahr 2015 um 26,3 Prozent gewachsen.

Alle im Raum wissen: Das kann nicht sein. Die Zahl ist zu fantastisch. Das ist die Wachstumsrate eines Entwicklungslandes nach einem langen Krieg. Nicht die einer entwickelten Ökonomie. Der irische Finanzminister beeilt sich noch am selben Tag zu versichern, der wirtschaftliche Aufschwung sei „real“, das Leben der Iren verbessere sich wirklich. Doch das überzeugt die Skeptiker nicht.

Der irische Ökonom Colm McCarthy nennt die Zahlen „kompletten Bullshit“. Finanzjournalisten verspotteten die irische Wirtschaft als „Papiertiger“. Und der bekannte amerikanische Ökonom Paul Krugman gibt dem Ganzen den Namen, der hängen bleibt: Leprechaun Economics, Kobold-Ökonomie.

Dabei hatten die Statistiker keine Fehler gemacht. Zumindest fanden die Fachleute von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, die irischen Zahlen „plausibel“. Stattdessen war etwas Gravierenderes als ein Rechenfehler passiert: Das Konzept Bruttoinlandsprodukt (BIP) war an seine Grenzen gekommen.

„Es wird immer schwieriger, die Komplexität der irischen Ökonomie in einer einzelnen Kennzahl wie dem BIP abzubilden“, so eine Gruppe Statistiker von IWF, Eurostat und der irischen Statistikbehörde. Der Hauptgrund: die extreme Globalisierung der irischen Wirtschaft.

Dazu muss man wissen: Das BIP ist die Summe all dessen, was innerhalb der Grenzen eines Landes erwirtschaftet wird. Das war lange Zeit nicht sonderlich kompliziert. Man wusste, ob ein Auto aus den USA kam, ein Toaster aus England, eine Weinflasche aus Frankreich, eine Bohrmaschine aus Deutschland. Es waren greifbare Güter, die einen klaren Ursprung hatten. Heute ist das sehr viel komplizierter.

Anfang des Jahres 2015 kamen keine Fabriken nach Irland, es wurden kaum Arbeitsplätze geschaffen. Stattdessen wechselte etwas Flüchtiges den Ort: Ideen, Konzepte, Patente, Software. „Wir hatten in dem Jahr einen riesigen Zufluss an Wirtschaftsgütern. Das allermeiste davon war geistiges Eigentum“, sagt Michael Connolly von der irischen Statistikbehörde. „Ganze Bilanzen wurden hierher verschoben von einer kleinen Zahl sehr großer Unternehmen. Und weil wir ein kleines Land sind mit einer relativ kleinen Wirtschaft, hat das einen großen Einfluss auf unser BIP.“

Was Connolly aus Datenschutzgründen nicht sagen darf: Der Löwenanteil des unglaublichen Wachstumsschubs ging tatsächlich auf ein einziges Unternehmen zurück. Anfang 2015 verkaufte Apple die Nutzungsrechte für das gesamte geistige Eigentum außerhalb der USA – die Rechte an technischen Innovationen, Handy- und Computerdesigns, Software und Markenrechte – an eine irische Tochterfirma. Es war viel wert. Der irische Wirtschaftswissenschaftler Seamus Coffey vom University College Cork schätzt mithilfe von öffentlichen Daten, dass die Apple-Tochterfirma etwa 250 Milliarden US-Dollar an den Mutterkonzern zahlte. Das geistige Eigentum wurde „on-shore“ gebracht – also nach Irland verlegt. Obwohl die Konzepte, Ideen, Designs und Software anderswo erdacht worden waren, nämlich in Palo Alto, Kalifornien.

Dieses geistige Eigentum liegt nicht einfach nur in einem Postfach. Es wird genutzt, ist produktiv und erschafft Dinge. In der irischen Wirtschaftsstatistik hat es die Gestalt einer riesigen, immateriellen Fabrik. Die eingebürgerten Patente und Designs werden in der Produktion jedes iPhones, jedes MacBooks, jeder iWatch genutzt. Die irische Tochterfirma von Apple erteilt mit ihnen Aufträge an Hersteller in Asien. In den Statistiken gilt die materielle Produktion als der billigste, mithin der unwichtigste Teil. Der meiste Wert entsteht durch das geistige Eigentum der Firma. Es wird – zumindest auf dem Papier – aus Irland zugeliefert. Zwei Drittel der internationalen Einnahmen von Apple werden mit geistigem Eigentum in Irland erwirtschaftet; obwohl dort nur vier Prozent der Mitarbeiter sitzen und nur ein Prozent der Kunden.

In den irischen Statistiken taucht dieser Reichtum ab 2015 überall auf: Er führt dazu, dass sich Exporteinnahmen in Irland ansammeln, ohne dass Güter das Land verlassen. Der Wert der irischen Exporte, die zuvor etwa 30 Milliarden Euro im Jahr betragen hatten, stieg innerhalb eines Jahres um 15 Milliarden an. Der Wert der Kapitalanlagen im Land nahm plötzlich um 300 Milliarden Euro zu, ein Sprung von 40 Prozent. Und weil die irische Apple-Tochter den Kauf der Rechte durch Schulden finanziert hatte, wuchs die Summe der Auslandsschulden irischer Unternehmen um fast das Vierfache. Neben Apple leisteten wohl auch einige weitere amerikanische Digitalkonzerne kleinere Beiträge zum sprunghaften Wirtschaftswachstum: Microsoft, Facebook und Google.

Das Bild, das in der Folge in den Wirtschaftsstatistiken entstand, war das einer großen Transformation. Ungefähr so hätten die Daten wohl ausgesehen, wenn General Motors im Jahr 1970 auf einen Schlag seine gesamte Autoproduktion beispielsweise nach Belgien verlagert hätte.

Die Iren aber merkten davon nichts. Die Arbeitslosigkeit im Land ging nicht zurück. Der Lebensstandard stieg nicht merkbar. Nicht einmal die Steuereinnahmen schossen in die Höhe, weil die irische Apple-Tochter hohe Schulden aufgenommen hat, um dem Mutterkonzern die Nutzungsrechte abzukaufen.

Irland ist dabei nur der Extremfall in einer Entwicklung, die sich überall abspielt. Forscher des amerikanischen National Bureau of Economic Research fanden heraus, dass im Jahr 2012 nicht nur das irische BIP um 14 Prozent geringer ausgefallen wäre, hätte man die Profite amerikanischer Großkonzerne herausgerechnet, die schließlich wieder in die USA zurückgeführt wurden. Sondern dass auch das niederländische BIP mindestens 10 Prozent zu hoch angesetzt war, das luxemburgische um mindestens 43 Prozent, das schweizerische um immerhin 2 Prozent, das britische um 1 Prozent.

Michael Connolly sagt: „Letztlich sieht man bei uns nur deutlicher, was im Rest der Welt ebenfalls geschieht. Wir haben einfach eine relativ kleine, globalisierte Wirtschaft mit einigen sehr großen internationalen Unternehmen.“

Die Frage ist: Wie können die Statistiker die Globalisierung in den Griff bekommen?

IV.

Die OECD in Paris, der Zusammenschluss der wichtigsten Industrienationen, ist eine internationale Organisation, die ein bisschen an einen Oktopus erinnert: mit vielen Armen, die unabhängig voneinander zu agieren scheinen. Die OECD beschäftigt sich mit Ungleichheit, mit Armutsbekämpfung, mit Handels- und Steuerpolitik und mit Bildung – der berühmte Pisa-Test stammt von dort. Vor allem aber ist sie eine Organisation, die Daten sammelt, wo sie nur kann.

Nadim Ahmad, ein grau melierter Brite, leitet dort die Abteilung für Handelsstatistiken. Er arbeitet seit 19 Jahren für die OECD und redet druckreif. Er lacht grimmig, als man ihn nach den Verzerrungen in den Handelsdaten fragt, die die Amsterdamer Politikwissenschaftler so überrascht hatten: „Das ist für uns nichts Neues. Diese Daten waren schon immer – wahrscheinlich seitdem sie das erste Mal erhoben wurden – voller Asymmetrien. Allerdings haben die Effekte der Globalisierung sie möglicherweise vergrößert. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir das Problem nicht mehr ignorieren können.“

Es gibt wohl kaum jemanden, der über die Probleme mit den Handelsdaten so gut Bescheid weiß wie Ahmad. Seine Abteilung versucht seit mehr als drei Jahren, das Problem zu lösen. Die OECD-Statistiker gehen auf der Suche nach den gröbsten Fehlern systematisch die Zahlenreihen durch. Wenn zwei Länder große Unterschiede bei der Erfassung der gegenseitigen Handelsströme aufweisen, lädt Ahmad Statistiker aus beiden Nationen ein. Er zeigt ihnen, wie groß die Differenzen sind. Wenn die OECD-Statistiker ahnen, wo das Problem liegt, geben sie auch gleich einen Lösungsvorschlag mit. Und dann hofft Ahmad, dass die Länder untereinander eine Lösung finden. In langsamen, mühsamen Diskussionen werden die Fehler so einzeln ausgemerzt.

Das klappt nicht immer auf Anhieb. Ahmad drückt es mit perfektem Understatement aus: „Die Feststellung von Asymmetrien führt nicht immer zu sofortigem Handeln. Wenn es zum Beispiel grundsätzliche Unterschiede darin gibt, wie die Daten erhoben werden, dann lassen sich die Gegensätze nicht einfach auflösen.“ Dort, wo sich Fehler nicht ohne Weiteres finden lassen, versuchen die OECD-Statistiker zumindest, die Daten nach Zuverlässigkeit zu gewichten: Die Zahlen eines Landes, das über die gesamten Handelsdaten hinweg große Asymmetrien ausweist, werden weniger stark gewichtet als andere. Das ist, wie Ahmad zugibt, kein perfekter Weg, aber immerhin ein informierter Umgang mit der Unsicherheit.

Marcel Timmer, ein niederländischer Forscher, der an der Universität Groningen eine der weltweit umfangreichsten Datenbanken für Ökonomie betreibt, sagt über die Arbeit von Ahmad und dessen Team: „Was die machen, findet in einer ganz neuen Liga statt. Deren Datenqualität ist jetzt schon viel besser als überall sonst.“

Die Ambitionen bei der OECD gehen über die Eliminierung einiger Messfehler hinaus. Ahmads Team bereitet die Handelsdaten ganz neu auf. In einer Datenbank, die den etwas sperrigen Titel „Trade in Value-Added“ trägt, werden Handelsflüsse über mehrere Länder und 36 verschiedene Industrien verfolgt – von „Chemikalien und pharmazeutischen Produkten“, „elektronischen Geräten“ und „Kunst, Unterhaltung und andere Dienstleistungen“ ist alles dabei.

Ahmad sagt: „Wir wollen – ja, wir müssen – globale Handelsströme viel besser verstehen. Wie verlaufen sie über Ländergrenzen hinweg? Wie viele Stationen nehmen sie? Wer ist in letzter Konsequenz von wem im Handel abhängig? Welchen Nutzen haben die einzelnen Länder davon? Wie viel verdienen sie an ihrem Schritt in der Wertschöpfungskette?“

Ahmad und seine Kollegen versuchen, alle Verästelungen eines globalen Handelsstroms in den Blick zu bekommen – und nicht nur die letzte Biegung. Die Zahlen sind nicht aktuell, die Version vom vergangenen Jahr reicht bis ins Jahr 2015 zurück. Dafür ist die Qualität überdurchschnittlich hoch.

Und die OECD ist nicht die einzige Organisation, die nach neuen Lösungen sucht.

V.

Nach dem sprunghaften Anstieg des BIPs setzt sich in Irland eine kleine Gruppe zu einer Krisensitzung zusammen: Es sind Mitarbeiter des Finanzministeriums, der Zentralbank und der Statistikbehörde. Sie sind sich einig, dass das BIP bei den entscheidenden Fragen für Irland nicht mehr aussagekräftig ist. Und sie beschließen schließlich eine beispiellose Neuerung: eine neue Kennzahl. Mit ihr wollen sie die Effekte der Globalisierung aus den Statistiken herausrechnen. Sie soll, wie Michael Connolly von der irischen Statistikbehörde betont, das BIP nur ergänzen. Es ist dennoch ein drastischer Schritt.

Als Basis nehmen die Statistiker das Bruttonationaleinkommen, das, anders als das Bruttoinlandsprodukt, all das, was von ausländischen Firmen in einem Land produziert wird, herausrechnet. Das Bruttonationaleinkommen misst also nur die Leistung der Firmen, die sich in irischer Hand befinden. Die irischen Statistiken modifizieren es zusätzlich, um wirklich alle indirekten Effekte der Globalisierung auf die Zahlen auszuschließen. In dem neuen Index tauchen weder die Scheinprofite von Google, Apple und Microsoft in Irland auf, noch jene der internationalen Flugzeug-Leasing-Industrie, die in Dublin stationiert ist und die Flugzeuge auf der ganzen Welt betreibt, die häufig nie irischen Luftraum berührt haben.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Das modifizierte Nationaleinkommen Irlands ist fast 36 Prozent oder 97 Milliarden Euro geringer als das BIP. 176 statt 273 Milliarden Euro im Jahr 2016. Aber die Statistiker sind dennoch zufrieden. „Die Zahl gibt uns ein sehr viel realistischeres Bild davon, wie es der irischen Wirtschaft ohne die internationalen Großkonzerne geht“, sagt Michael Connolly. „Wir verstehen so besser, wie das Land dasteht, wie viele Schulden wir aufnehmen können, all das können wir nun klarer sehen.“ Die Deformationen, die durch das geistige Eigentum der Großkonzerne entstehen, sind so zumindest klarer sichtbar. Das ist, aus Connollys Sicht, alles, was er tun kann.

Nadim Ahmad von der OECD sagt, dass seine Organisation es gerade in der Frage des geistigen Eigentums nicht allen recht machen könne. Weil es nicht seine Aufgabe sei, infrage zu stellen, dass Ideen ein Ort, eine Nationalität zugewiesen wird. Dass Patente ihre Heimat wechseln können. Er gibt ein einfaches Beispiel: „Ich schreibe in England ein Buch. Die Tantiemen werden erst dort dem BIP zugerechnet. Dann ziehe ich nach Spanien um. Und sobald ich das tue, werden die Tantiemen dem spanischen BIP zugeschlagen. Es handelt sich schließlich tatsächlich um eine neue ökonomische Realität, dass ich nun in Spanien lebe. Der Wechsel ist legitim und sollte auch so festgehalten werden. Unabhängig davon, wo das Werk ursprünglich erschaffen wurde.“

Nun sind Umzüge bei multinationalen Unternehmen mit Zehntausenden Mitarbeitern auf der ganzen Welt weniger eindeutig festzustellen als bei einem Schriftsteller. Aber das zentrale Problem für Ahmad besteht darin, dass das Konzept des geistigen Eigentums nicht einfach aus der Welt zu schaffen ist. Die OECD kann es nicht ignorieren.

„Es gibt Verzerrungen, die durch den derzeitigen Stellenwert von geistigem Eigentum unvermeidbar geworden sind“, sagt Ahmad. „Unsere Aufgabe besteht darin, sie sichtbar zu machen. Wir müssen dabei helfen, die Daten verständlich zu machen und zu interpretieren. Wenn man zum Beispiel die Daten im Fall des irischen Wirtschaftswachstums herunterbricht, dann sieht man, dass der Wachstumsschub in nur einem ganz bestimmten Teil der Wirtschaft seinen Ursprung hatte. Dass es multinationale Firmen waren, die in Irland ihr Hauptquartier haben und die ihr Einkommen vor allem aus der Nutzung geistigen Eigentums beziehen.“

Nadim Ahmad und seine Kollegen können Fehler beheben. Und Verzerrungen – da, wo sie unvermeidlich sind – erklären, statt sie zu ignorieren. Seine Hoffnung ist, eine komplexer gewordene Welt verständlicher zu machen. ---