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Geschäftsmodelle - Ada Health

Ada Health arbeitet an einer Diagnosemaschine für Krankheiten. Die erste deutsche Krankenkasse setzt darauf, von Investoren haben die Gründer bereits 60 Millionen Euro bekommen.





Was hat Ada zu bieten?

Menschen haben das Bedürfnis, sich über Symptome und Krankheiten zu informieren. Aber medizinische Informationen sind im Web nicht strukturiert und nach Relevanz gewichtet zu finden, selbst Googles Algorithmus ist überfordert. Ada will zuverlässiger sein und sowohl Laien als auch Profis bei der Diagnosefindung unterstützen. Daraus ergeben sich drei Ansätze:

Für Laien hat Ada Health die App Ada entwickelt, mit der man systematisch Symptome beschreiben kann, um so eine Bewertung zu bekommen. Ada stellt keine Diagnosen, sondern listet mögliche Ursachen auf („Gürtelrose – 9 von 10 Personen mit den gleichen Symptomen haben diese Erkrankung“) und gibt Handlungsempfehlungen wie „ärztlichen Rat einholen“.

Ärzten will die Firma einen Navigator durch mehr als 10.000 Krankheitsbilder und mehr als 12.000 Symptome anbieten. Ein Krankheitsbild setzt sich aus 80 bis 100 und im Extremfall bis zu 400 Symptomen zusammen. Damit sind die Grenzen der menschlichen Kognition erreicht. Ada will Gesundheitsexperten auch bei der Diagnose von seltenen Krankheiten unter- stützen, die oft spät erkannt werden.

In Ländern ohne ausgebautes Gesundheitssystem soll die Ada-App die Gesund- heitsfachkräfte vor Ort unterstützen. Ein Drittel der heruntergeladenen sechs Millionen Apps werden dort genutzt, allein Indien verzeichnet mehr als eine Million Downloads.

Wie machen sie das?

Alle drei Produkte bauen auf dem gleichen Diagnosesystem auf. Es besteht einerseits aus einer selbst entwickelten und von Mitarbeitern gepflegten Datenbank medizinischen Wissens und andererseits aus selbst geschriebenen Algorithmen. Ada verlässt sich nicht auf externe Trainingsdaten, sondern investiert selbst in den Aufbau von Wissen.

In die Entwicklung dieses Systems wurden bisher acht Jahre Arbeit investiert. Für jede Zielgruppe müssen die Inhalte aufgearbeitet werden, weil man die Fachsprache in eine für Patienten verständliche Sprache übersetzen muss – und das bisher auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch. Rumänisch, Arabisch und Swahili sind im Aufbau.

Jede Übersetzung eines Begriffs muss auf die Nutzer ausgerichtet werden. So muss die Übersetzung in Swahili nicht nur die Wörter richtig übersetzen, sondern auch den kulturellen Hintergrund und die Wissensbasis der Nutzer einbeziehen.

Ada verlässt sich nach eigenen Angaben nicht allein auf seine lernende Maschine und deren Vorschläge für die Wissensdatenbank, sondern lässt Menschen alle Vorschläge auf Plausibilität überprüfen.

Warum können sie das?

Expertensysteme sind schon lange das Steckenpferd von Martin Hirsch, einem der Gründer. Er forscht dazu seit Jahrzehnten und hatte früh die Idee, bei medizinischen Diagnosen zu helfen. Ein erstes Projekt mit dem Klinikum Großhadern zur Diagnose von Schwindelerkrankungen war erfolgreich – es zeigte sich jedoch bald, dass der Markt zwar wissenschaftlich hochinteressant, aber auch recht unbeweglich ist.

Deshalb entschieden sich die Gründer für den Konsumentenmarkt. 2016, fünf Jahre nach Gründung, kam die App Ada auf den Markt. Inzwischen wurden mehr als elf Millionen Symptom-Analysen vorgenommen. In den App-Stores stehen rund 170.000 Bewertungen mit einem Durchschnitt von 4,7.

Die gute Resonanz sorgte für Aufmerk- samkeit in der Branche. Seit November 2018 bietet die Techniker Krankenkasse (TK) ihren Versicherten Hilfestellungen per Ada an. Sutter Health, ein Gesundheitsdienstleister aus Nordkalifornien, nutzt die App seit Februar 2019 für eine Art Vorprüfung. So sollen Patienten schneller an die richtige Stelle vermittelt werden können.

Eine Global Health Initiative zusammen mit der Bill & Melinda Gates Foundation und der Schweizer Botnar-Stiftung soll helfen, Gesundheitssysteme in ärmeren Ländern zu verbessern. Dort sollen Gesundheitsfachangestellte mit der App direkt unterstützt werden.

Womit verdienen sie Geld?

Das ist nicht ganz so leicht zu sagen, denn Zahlen werden bislang nicht veröffentlicht. Die App ist für Nutzer kostenlos, für die Anwendung von Ada bei Krankenkassen nimmt die Firma Geld. Zudem bekommt sie Unterstützung von Stiftungen, um Ada auch in Ländern mit mittleren und niedrigen Einkommen wie Rumänien oder Tansania etablieren zu können. Überdies hat sich Ada am EU-Forschungsprogramm Horizont 2020 beteiligt.

Klarer ist, wo die Kosten anfallen. So beschäftigt Ada schon mehr als 150 Mitarbeiter an fünf Standorten weltweit. Seit 2011 arbeiten sie am Projekt, um die Wissensdatenbank aufzubauen, ihre eigenen Algorithmen und die nutzerorientierte App zu entwickeln.

Insgesamt hat Ada Health bisher 60 Millionen Euro Investorengelder bekommen. Die ersten Finanzierungsrunden wurden nach Auskunft des Unternehmens durch „wohlhabende Familien aus Deutschland mit einem langfristigen Interesse“ gestemmt. Ende 2017 kamen 40 Millionen Euro dazu. Zu den bestehenden Investoren gesellte sich der June Fund, zu dessen Partnern Philipp Schindler, Googles Chief Business Officer, zählt, Cumberland VC und William Tunstall-Pedoe, dessen Firma Evi die Grundlage für Amazons intelligenten Lautsprecher Alexa gelegt hat.

Wer sind die Gründer?

Hinter Ada Health stecken drei Initiatoren mit unterschiedlichem Hintergrund.

Martin Hirsch ist Humanbiologe und promovierter Neurowissenschaftler, bei Ada arbeitet er als Chief Scientific Officer. Sein Forschungsinteresse gilt der kognitiven Neurowissenschaft, der Wissensrepräsentation und der Entwicklung von Techniken, um die menschliche Entscheidungsfindung zu unterstützen. Er hatte die Vision und ist dafür verantwortlich, wie Ada lernt.

Der Vorstandsvorsitzende Daniel Nathrath ist Jurist und Ökonom. Er hat 20 Jahre Erfahrung in der Gründung und Führung von Internetunternehmen wie zum Beispiel Lycos.

Claire Novorol ist Ärztin und verantwortet als Chief Medical Officer die Zusammenarbeit von Patienten und Ärzten. Sie hat einen Abschluss in Pathologie und Medizin der University of Bristol und einen Doktor in Neurowissenschaften der University of Cambridge.

Neben 40 Ärzten und Medizinredakteuren, die für die Pflege der Wissensdatenbank zuständig sind, hat Ada eigene Forschungsteams und Spezialisten, die das System laufend verbessern.

Wie geht es weiter?

In der Zukunft wird die Gesundheitsversorgung nicht erst in den Warteräumen der Arztpraxen und Kliniken beginnen, sondern auf dem Smartphone. Ada ist dort früh dabei. Für Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, ist diese Zukunft nah. „Ich bin überzeugt“, schrieb er in der Presseerklärung zum Beginn der Kooperation mit Ada, „dass es in zehn Jahren als Kunstfehler gelten wird, Diagnosen zu stellen, ohne ein digitales Expertensystem zu nutzen“.

Dabei entstehen neue ethische Fragen. Wie etwa geht Ada mit selbstmordgefährdeten Personen um, die sich der App anvertrauen (bislang etwa 130.000 Fälle)? Wie geht sie mit den Millionen an sensiblen und nicht überprüften Daten um (Selbsteingabe der Patienten)? Und wie mit den Daten der Gesundheitsexperten, wenn diese beispielsweise auf Epidemien verweisen?

Die Vision der Gründer ist ein Gesundheitssystem mit der Ada-Wissensdatenbank im Hintergrund. Möglich wird das aber erst, wenn Ärzte und Krankenkassen informierte Patienten wollen und diese ihre Daten freiwillig einer App anvertrauen. ---

Patrick Stähler, 50, ist Gründer des Thinktanks Fluidminds und erforscht seit 1997 digitale Geschäftsmodelle. Jan Evers, 51, ist Gründer von Evers & Jung und einer der Köpfe hinter www.gruenderplattform.de