Teil II

Was wurde aus …

Geschichten, von denen sich unsere Leser Fortsetzungen wünschten.



Texte: Ruth Fulterer
Fotografie: Olivier Hess

Die Platzhirsche verkennen gute Einfälle häufiger mal. Zum Beispiel die selbsthärtende Knetmasse, mit der man ausfransende Kabel kitten und Plastikteile am Kühlschrank ersetzen kann. Als die irische Designerin Jane Ní Dhulchaointigh ihre Idee vor mehr als zehn Jahren bei Konzernen präsentierte, hatte keiner Interesse – auch Beiersdorf nicht. Also liehen sich die Erfinderin und ihre Partner 100.000 Pfund und entwickelten ihr Produkt auf eigene Faust.

Ní Dhulchaointigh wurde mehrfach ausgezeichnet, im Jahr 2017 hatte sie 70 Angestellte und zehn Millionen Knetpäckchen verkauft. Als 2018 eine sicher geglaubte Finanzierung platzte, bekam Beiersdorf eine zweite Chance und kaufte Sugru – es ist jetzt Teil von Tesa. --- 

Originalartikel der Ausgabe 07/2014

Eine junge Irin hat eine bunte Silikonmasse entwickelt, die Bildschirme an der Küchenwand befestigt, Skistöcke handlicher und Wanderschuhe wasserdicht macht. Und ihre Kunden suchen nach immer neuen Anwendungen.

Artikel lesen

Texte: Andreas Molitor
Fotografie: Nadine Bracht

Man kann Jesko Bode nicht vorwerfen, dass er nicht alles versucht hätte. Doch am Ende blieb ein Scherbenhaufen: eine stillgelegte Fabrik, entlassene Mitarbeiter, eine traditionsreiche Marke weniger. Zweimal innerhalb eines Jahres war der Karl Seeger Lederwarenmanufaktur in Offenbach das Geld ausgegangen. Nach der ersten Insolvenz im Sommer 2010 hatte Bode noch einmal einen Neustart versucht, mit knapp der Hälfte der bisherigen Belegschaft, aber ein Jahr später war dann endgültig Schluss. „Eine fürchterliche Geschichte“, die ihn „viel Geld, Nerven und Herzblut“ gekostet habe, sagte Bode damals.

Dabei hatte es anderthalb Jahre zuvor noch nach dem glanzvollen Comeback einer alteingesessenen Nobelmarke ausgesehen. Bode, Rechtsanwalt und Chef einer familieneigenen Beteiligungsgesellschaft aus Lübeck, hatte die Lederwarenmanufaktur vom Luxusartikelhersteller Montblanc gekauft – obwohl er keinerlei Erfahrung in der Branche hatte. Er wollte zurück zu den Wurzeln der Marke: hochklassig, elitär, zeitlos, zurückhaltend, puristisch. In Rekordzeit entstand eine neue Kollektion, die auch jüngere Menschen erreichen sollte. Bode sprach damals von einer „Gratwanderung“: Wie gewinnt man neue Kunden, die bereit sind, 2500 Euro für eine Aktentasche auszugeben, ohne die traditionelle Klientel zu vergrätzen? „In anderthalb Jahren wollen wir so weit sein, dass wir kein Geld mehr verbrennen“, sagte Bode. Das war im Januar 2010. Schon ein halbes Jahr später musste er zum ersten Mal Insolvenz anmelden.

Im Nachhinein war es eine fast aussichtslose Mission. Jesko Bode hätte enorme Summen in eine Revitalisierungskampagne für die Marke stecken müssen, die zehn Jahre lang vom Markt verschwunden war, weil die Produkte unter Montblanc firmierten. Die Insolvenzverwalterin schätzte den Bedarf auf mindestens 1,5 Millionen Euro. Das Geld hatte Bode nicht. Zudem gab es noch Auseinandersetzungen um ausstehende Zahlungen des Alteigentümers. Als man sich schließlich auf einen Vergleich geeinigt hatte, war es für die Offenbacher Manufaktur und ihre Mitarbeiter zu spät. ---

Originalartikel der Ausgabe 02/2010

Seeger stand für große Handwerkskunst und feinste Aktentaschen. Bis der Eigentümer Montblanc die Marke sterben ließ. Nun ist ein mutiger Investor dabei, sie wiederzubeleben. Die Geschichte einer Gratwanderung.

Artikel lesen

Text: Harald Willenbrock
Fotografie: André Hemstadt & Tine Reimer

„Plant Städte für Menschen“, forderte der Kopenhagener Stadtplaner. Dieser Appell ist seitdem weltweit populär geworden. Entsprechend gefragt ist Gehls Fachwissen. Sein Büro ist von damals 35 auf heute 75 Mitarbeiter mit insgesamt rund 120 Projekten in aller Welt gewachsen. Einige spektakuläre haben sie jüngst abgeschlossen:

Sydney: Bau einer Straßenbahn und fußgängerfreundliche Umgestaltung der drei Kilometer langen Hauptverkehrsader George Street.

Buenos Aires: Entwicklungsstrategie für die argentinische Hauptstadt – inklusive eines Masterplans zur Verbesserung der Lebensbedingungen in dem Armenviertel Barrio 31 mit 40 000 Einwohnern.

Schanghai: Umgestaltung der 28 Kilometer langen Promenade am Huangpu-Fluss.

In Kopenhagen, dessen Umbau der 83-Jährige maßgeblich mitgestaltet hat, nimmt die Zahl der Radfahrer derweil weiter zu: Der Anteil derjenigen, die zu Arbeit und Ausbildung radeln, liegt bei 49 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschlands Fahrradhauptstadt Münster sind es lediglich rund ein Drittel. --- 

Originalartikel der Ausgabe 12/2014

Jan Gehl ist der Mann hinter dem Boom seiner Heimatstadt Kopenhagen, dem Umbau Moskaus und der Wiederbelebung Manhattans. Früher wurde er belächelt. Heute gilt er als einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt. Dabei stellt er nur eine einfache Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

Artikel lesen

Texte: Jens Bergmann
Fotografie: Albrecht Fuchs

Dieter Wettig ist seinen Prinzipien treu geblieben: wenig Ballast, viel Leben – und immer scharf rechnen.

Er macht gerade Urlaub in Japan und freut sich über das Interesse an ihm nach so langer Zeit. Wir hatten vor 15 Jahren über das persönliche Rückbauprogramm des Arztes berichtet. Der damals 48-Jährige hatte seine Praxis für Allgemeinmedizin radikal geschrumpft, um sich ohne Angestellte allein um seine Patienten zu kümmern, Kosten zu sparen und mehr Freizeit zu haben.

Diesen Weg ging er konsequent weiter. Noch im selben Jahr stockte er seine Beiträge ans Ärztliche Versorgungswerk für zehn Jahre um jeweils 10.000 Euro auf, um mit 60 in Rente gehen zu können. Dann verkauften er und seine Frau ihre Immobilien in Wiesbaden, trennten sich von zwei Dritteln ihres Besitzstands („eine große Befreiung“) und zogen in zwei gegenüberliegende 50-Quadratmeter-Wohnungen in der Genossenschaft Möckernkiez in Berlin-Kreuzberg – um der Tochter seiner Frau, deren Mann und den mittlerweile zwei Enkeln nahe zu sein.

Wettig kommt mit seiner Rente gut aus, auch weil er nebenbei in geringem Umfang als ärztlicher Gutachter arbeitet. Nicht zuletzt deshalb kann er sich manches Extra wie den Japan-Urlaub leisten. Dort ist er nun schon zum zweiten Mal, im vergangenen Jahr brachte er einen Glücksbringer für seine hochschwangere Stieftochter mit. Und der erfüllte seinen Zweck: Weil die Hebamme im Stau feststeckte, musste die Mutter ihr Kind allein zur Welt bringen. Alles ging gut. Nun ist Wettig mit dem Talisman nach Japan zurückgekehrt, der – so will es das Ritual – im Asakusa-Tempel in Tokio verbrannt werden muss.

Man darf sich Dieter Wettig als glücklichen Menschen vorstellen. ---

Originalartikel der Ausgabe 05/2004

Der Wiesbadener Allgemeinmediziner Dieter Wettig hatte irgendwann keine Lust mehr, für seinen Apparat zu arbeiten. Und verordnete seiner Praxis eine radikale Diät.

Artikel lesen

Texte: Andreas Molitor
Fotografie: Evelyn Dragan

Wie er das geschafft hat, ein Ökonomiestudium in weniger als der Regelstudienzeit? „Nun ja“, meint Robert Kasperan amüsiert, „hier in Bernkastel-Kues hat man kaum eine andere Wahl, als sich auf sein Studium zu konzentrieren. Es gibt halt nicht an jeder Ecke ein Kino oder eine hippe Bar.“

Kürzlich konnte sich der 22-Jährige als erster Absolvent des Ökonomie-Bachelor-Studiums an der Cusanus-Hochschule im rheinland-pfälzischen Weinort Bernkastel-Kues feiern lassen. Mit zehn Kommilitonen hatte Kasperan vor drei Jahren den ersten Bachelor-Studiengang an der 2015 gegründeten privaten Hochschule begonnen – von der sich manche fragten, ob sie denn die ersten Jahre überhaupt überstehen würde.

Die Skepsis gegenüber der Neugründung hatte auch etwas mit dem damaligen Auftreten der Cusanus-Initiatoren zu tun. Mit Furor verfochten sie ihre Fundamentalkritik am etablierten Wissenschaftsbetrieb. Silja Graupe, Mitgründerin und derzeitige Vizepräsidentin der Hochschule, wollte die „Monokultur des ökonomischen Denkens aufbrechen – weg von der Lehrbuchwissenschaft, die die Studierenden in nicht hinterfragte mathematische Scheinwelten entführt und dann lehrt, die daraus gezogenen Erkenntnisse nahezu unbewusst auf die reale Welt anzuwenden“.

„Der Feind steht draußen – das war Teil des Gründungsnarrativs“, sagt Silja Graupe heute, „das haben wir jetzt gar nicht mehr nötig.“ Die Cusanus-Hochschule sei mittlerweile etabliert als ein Ort, wo Ökonomie anders gedacht werde. Neben dem Master-Studiengang mit rund 20 Studenten beginnt jährlich im Herbst rund ein Dutzend Bachelor-Studenten seine akademische Laufbahn in Bernkastel-Kues. Die Studiengebühren konnten deutlich gesenkt werden – von 480 Euro (Bachelor) und 600 Euro (Master) auf 300 Euro monatlich. Stipendien mindern die finanzielle Last für jene, die sich auch das nicht leisten können.

Allerdings gibt es auch Dinge, die auf der Strecke blieben: Der eigenständige Studiengang Philosophie wurde eingestellt – wegen mangelnder Nachfrage. Zuletzt hatten sich, so Silja Graupe, drei Studenten eingeschrieben. ---

Originalartikel der Ausgabe 06/2016

Die Cusanus Hochschule versteht sich als eine ganz andere, freie und offene Universität. Sie übt den Widerspruch – und muss auch selbst lernen, damit umzugehen.

Artikel lesen

Teil I  |  Teil II  | Teil III  |  Teil IV  |  Teil V