Teil III

Was wurde aus …

Geschichten, von denen sich unsere Leser Fortsetzungen wünschten.



Text: Dirk Böttcher
Fotografie: Michael Hudler

Die Menschheit braucht wegen zunehmender Resistenzen dringend neue Antibiotika, doch für die Pharmakonzerne ist dieses Geschäft nicht lukrativ. Mit Bluthochdrucksenkern, Diabetes- oder Krebstherapien erzielen sie höhere Umsätze. Hinzu kommt: Neue Antibiotika sollten möglichst selten eingesetzt werden, damit sich nicht zu schnell Resistenzen bilden – die Unternehmen wollen aber möglichst viel verkaufen. Ein typischer Fall von Marktversagen.

Es sind vor allem kleinere Firmen, die neue Antibiotika enwickeln, so wie Bioversys aus Basel. Der Mitgründer und Vorstandschef Marc Gitzinger, 38, kann seit 2015 einige Erfolge vorweisen: Ein Antibiotikum gegen Tuberkulose ist in der Entwicklung, den Pharmagiganten GlaxoSmithKline (GSK) gewann man dafür als Partner. Für ein Molekül, das bei Bakterien die Bildung von Toxinen genetisch ausschalten und damit ganz neue Therapieansätze ermöglichen soll, erhielten die Schweizer eine Förderung von fast vier Millionen Dollar durch die globale Forschungsinitiative Carb-X. Diese unterstützt weltweit Antibiotika-Projekte in der Frühphase. Bei Erreichen der vereinbarten Ziele erhöht sich die Summe auf fast neun Millionen Dollar.

„Und wir entwickeln drei weitere Wirkstoffe“, sagt Gitzinger. Die Pipeline ist voll. Eigentlich ist alles gut. Eigentlich.

Aber die Wirkstoffe befinden sich noch im frühen Stadium der Erforschung. Bis zur Zulassung müssen noch die ungleich teureren klinischen Phasen II und III bewältigt werden. „Dafür ist es derzeit unglaublich schwer, das nötige Kapital zu beschaffen“, so Gitzinger.

Selbst wenn es ihm gelingen sollte, das Geld aufzutreiben, bliebe die Zukunft der Firma ungewiss, wie das Schicksal von Achaogen aus den USA zeigt. Das Unternehmen erhielt 2018 die Zulassung für ein neues Antibiotikum – und ging dann pleite. Die Ärzte setzten das neue Medikament kaum ein, um es als Reserve aufzusparen. Achaogen nahm im Jahr der Zulassung 800.000 Dollar ein – bei Entwicklungs- und Vermarktungskosten im unteren dreistelligen Millionenbereich.

Womit man wieder beim Thema Marktversagen ist. Um das zu verhindern, gibt es einige Ideen: etwa, die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs mit einer Lizenzgebühr zu vergüten und den Einsatz dann von Institutionen wie der WHO koordinieren zu lassen. Bislang ist aber noch unklar, wie hoch diese Summe sein soll – diskutiert werden eine Milliarde bis fünf Milliarden Euro – und woher das Geld kommen soll.

Gitzinger propagiert als Vizepräsident der Initiative Beam Alliance, einer europäischen Interessenvertretung kleiner forschender Pharmafirmen im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen, ein anderes Modell: „Jedes Unternehmen erhält für einen neuen zugelassenen Wirkstoff einen Voucher für ein Jahr Marktexklusivität.“ Die Unternehmen können diesen Gutschein selbst nutzen oder auch an andere Firmen verkaufen, die mit dem Voucher ihre Produkte länger exklusiv vermarkten könnten. Kleine Firmen wie Bioversys könnten so mit Marktvorteilen handeln und wären nicht auf den Absatz großer Arzneimengen angewiesen.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Weltweit verschwinden dringend benötigte Wirkstoffe nach der ersten klinischen Phase wieder in den Schubladen, da niemand das Risiko einer Weiterentwicklung und Zulassung eingehen mag.

Die Resistenzen bei Antibiotika nehmen unterdessen zu: Lagen die Raten in den Neunzigerjahren in Krankenhäusern bei 10 bis 15 Prozent, sind es heute mehr als 60 Prozent. In Europa sterben jährlich rund 33.000 Menschen an Infektionen durch multiresistente Keime. Trotzdem sinkt die Zahl der Unternehmen in der Antibiotika-Forschung – 1990 waren es fast fünfmal so viele wie heute. Gitzinger will mit Bioversys aber auf jeden Fall weitermachen – „wir sind auch resistent“. --- 

 

Geschätzte Zahl der derzeit weltweit in der klinischen Entwicklung (Phase I) befindlichen neuen Antibiotika: 42

Durchschnittlicher Anteil von in Phase I getes- teten Wirkstoffen gegen Infektionskrankheiten, die später als Medikament auch zugelassen werden, in Prozent: 20

Zahl der Top-25-Pharmakonzerne, die heute noch an neuen Antibiotika forschen: 4

Von der UN geschätzte Zahl der jährlichen Toten durch antibiotikaresistente Infektionskrank- heiten ab dem Jahr 2050, wenn keine neuen Antibiotika entwickelt werden, in Millionen: 10

Summe, die der britische Ökonom Jim O’Neill weltweit und pro Jahr für ausreichend hält, um genügend neue Antibiotika zu entwickeln, in Millionen Euro: 3500

Summe, die die deutsche Regierung bis 2028 insgesamt jährlich für den Kampf gegen multiresistente Keime bereitstellen will, in Millionen Euro: 50

Originalartikel der Ausgabe 11/2015

Bei der Entwicklung von Antibiotika versagt die Logik der Ökonomie. Das ist bedrohlich für die gesamte Menschheit. Wie löst man das Dilemma?

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