Trudi, die den Kleinen hilft

Unter den mehr als 1000 Themen, die uns für diese Ausgabe vorgeschlagen wurden, war eines das mit Abstand beliebteste: 16 Leute empfahlen uns Gertrud Hansels „Schule für Unternehmer“. Klar, dass wir zu ihr hingefahren sind.




• In der Redaktion kam der Verdacht auf, dass Frau Hansel ihre Kunden gebeten haben könnte, sie als Thema zu empfehlen. Aber was änderte das? Die Kunden hätten der Bitte nicht nachkommen müssen. Stattdessen schwärmten sie von „der Trudi, die den Kleinen dabei hilft, den großen Sprung zu schaffen“.

Trudi? Der Name irritierte, und auch der erste Blick auf ihre Homepage, auf der eine Blondine mit Blümchenbluse und Perlmuttkette um den Hals zu sehen ist und ein Kurs mit dem Titel „Glückliche Zukunft“ angekündigt wird, ließ nicht auf eine brandeins-Geschichte schließen. Man konnte sich Trudi Hansel aus Friedberg bei Augsburg als betuchte Ehefrau vorstellen, die seit dem Auszug der Kinder nicht mehr weiß, was sie mit sich anfangen soll, und dann die Idee hat, Coach zu werden. Aber warum sind ihre Kunden dann solche Fans? Einer schrieb, dass er schon seit mehreren Jahren zu ihr in die Schule gehe.

In ihrem kleinen Büro im Gewerbegebiet von Friedberg-Derching, eine Tagesreise von der Redaktion in Hamburg entfernt, kommt dem Besucher ein Hund entgegen, der genauso freundlich wirkt wie Lassie aus der berühmten Fernseh-Serie. „Das ist der Felix“, sagt Gertrud Hansel in bayerischem Akzent. Nach der Begrüßung lässt sie sich auf einen Bürostuhl nieder und tauscht ihre Wanderschuhe gegen etwas elegantere Stiefeletten aus. „Ich war eben noch mit Felix auf dem Feld“, erklärt sie und bietet dem Besucher Wurstsemmeln an.

Was qualifiziert Sie als Lehrerin für Unternehmer?

„Verschiedene Dinge. Mein Wissen und sicher auch meine Persönlichkeit. Aber am wichtigsten sind meine Erfahrungen.“

Dann beginnt sie aus ihrem Leben zu erzählen und überrascht mit jedem Satz, bis von den Vorurteilen des Besuchers nichts mehr übrig bleibt.

Gertrud Hansel, heute 57, absolviert nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung, heiratet früh, kriegt früh zwei Kinder. Als ihr Mann sich als Bauleiter und Hausverwalter selbstständig macht, erledigt sie für ihn ein paar Stunden am Tag die Büroarbeit. Irgendwann befriedigt sie das nicht mehr, sie beginnt mit 29 an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Schwaben Betriebswirtschaftslehre zu studieren – immer abends, nachdem sie mit den Kindern Hausaufgaben und für den Mann die Buchführung gemacht hat. „Das war schon wild“, sagt sie, „aber ich liebe diese BWL-Sachen, eine ordentliche Kalkulation oder die Analyse eines Organigramms finde ich super.“ Sie ist 34, hat das Studium beendet, und die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, als sie einen neuen Job anfängt – in der Existenzgründungsberatung der Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (BFZ) in Augsburg. Sie berät ausschließlich Frauen, wird aber zunehmend unzufrieden, weil sie sieht, dass ihre Klientinnen unter ihren Möglichkeiten bleiben und sie nicht genügend Spielraum hat, ihnen wirklich weiterzuhelfen. Sie bildet sich fort zum systemischen Coach, lernt Kommunikationstechniken und macht sich dann als Beraterin zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung, Businessplan und Strategieplanung selbstständig.

Oft wird sie von Institutionen wie der Industrie- und Handelskammer oder der BFZ gebucht, was eine gewisse Sicherheit mit sich bringt, aber auch schlechte Bezahlung. Das stört sie lange nicht allzu sehr, doch dann passiert das, was ihrem Leben eine krasse Wendung gibt: Die Firma ihres Mannes geht pleite, die Ehe zerbricht, er rutscht in die private Insolvenz, und sie hat, weil sie für manches persönlich gebürgt hat, plötzlich mehr als 100 000 Euro Schulden. Heute sagt sie: „Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn alles den Bach runtergeht. Ich weiß aber auch, dass selbst aus der schlimmsten Krise wieder ein Weg herausführt.“

Sie verspürt damals zum ersten Mal Druck, richtig viel Geld zu verdienen. So viel, dass sie davon leben, ihre Kinder in der Ausbildung finanziell unterstützen und nebenbei die Schulden abbauen kann. Weil das Gehalt, das sie als kaufmännische Angestellte verdienen könnte, nicht reichen würde, gründet sie in dieser Situation im Jahr 2007 die Schule für Unternehmer – und arbeitet sieben Tage die Woche.

Bis heute hat sie mehr als 2000 Menschen beraten – einzeln und in Gruppen. Die Kunden kommen längst nicht mehr nur aus der Region. Es sind Unternehmer und Freiberufler, die nicht wissen, wie sie ihr Geschäft auf ein höheres Niveau bringen können; vom Wachstum überforderte Mittelständler.

Einer von ihnen ist der Gebäudereinigungsmeister Claudius Eder. Mit 24 machte er sich selbstständig, wuchs, stellte erste Leute ein, gewann die Ausschreibung für die Reinigung großer Neubauten. „Wie man Mitarbeiter führt oder einen Betrieb strukturiert, habe ich nie gelernt“, sagt er. Coaching hielt er für Hokuspokus. Trotzdem lief er eines Tages bei Gertrud Hansel auf. „Der Leidensdruck war zu groß geworden“, sagt er. „Ich hatte damals drei Kinder, aber sah sie fast nie. Ich kam nachts um eins nach Hause und verließ um halb fünf wieder das Haus, um mit anzupacken in einem der Bauten.“ Er verschliss sich und seine zehn Mitarbeiter, die Ehefrau drohte ihn zu verlassen.

Coaches gibt es viele, aber solche, die wie Getrud Hansel Betriebsführung und das Persönliche kombinieren, sind rar. Ihr Mann, sagt sie, sei ein genialer Bauleiter gewesen, der sich jedoch so gut wie nie um Strategie und Kalkulation gekümmert habe. Ihren Kunden gehe es oft genauso. „Viele arbeiten bis zum Umfallen, nehmen sich keine Zeit für Organisatorisches.“ Es gab schon Unternehmer, die sie mit einer großen Ikea-Tüte nach Hause schickte, um die ungeöffnete Post zu holen. „Ich weiß, wie überforderte Unternehmer ticken.“

Der Gebäudereiniger Eder bekam bei Hansel erst ein Einzelcoaching für die Krisenberatung, dann nahm er gleich zweimal am Unternehmertraining teil, das sich jeweils über ein gutes halbes Jahr zog. „Ich hatte zuerst Bedenken, weil man da in einer Gruppe ist und ich befürchtete, dass da lauter verschiedene Typen mit ganz anderen Problemen sitzen. Dann stellte ich fest, dass die anderen zu 99 Prozent die gleichen Themen haben. Das hat mir einen richtigen Kick gegeben.“ Inzwischen macht er mit mehr als 100 Mitarbeitern einen Umsatz von rund zwei Millionen Euro.

Für die Entwicklung vom Selbstständigen zum Unternehmer mit mehreren Mitarbeitern brauche es einen „Mindshift“, sagt Hansel. „Der passiert bei mir.“ Das Wichtigste sei dabei der Austausch der Teilnehmer untereinander.

„Kommen Sie mit“, sagt Hansel und fährt mit dem Aufzug ein paar Stockwerke höher, wo sie einen Raum für ihre Unternehmertrainings hat. Im Schnitt bietet sie 1,5 Kurse pro Jahr an, die bestehen aus 15 Seminartagen und kosten pro Person 5900 Euro. Zehn Leute sind diesmal da, darunter ein Filmproduzent und eine Sachbuchautorin aus Augsburg, ein Baumpfleger und ein Architekt aus München sowie ein Taschenhersteller aus Köln. Bis eben haben sie still für sich allein gearbeitet. Jetzt sitzen sie im Kreis, erzählen einer nach dem anderen, was sie sich von dem Modul Businessplan versprechen, das heute ansteht. In der Mitte räkelt sich Felix auf dem Teppich. Ungefähr so stellt man sich eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker vor, nur dass keiner sagt: „Ich habe getrunken, weil …“, sondern: „Ich habe meine Zielgruppe aus dem Blick verloren“ oder: „Ich traue mich nicht, einen höheren Preis zu nehmen.“

Wenn man die Szenerie eine Stunde lang verfolgt und sieht, wie vertraut die Teilnehmer einander sind, versteht man, warum viele von Hansels Kunden seit Jahren bei ihr sind, sich mit ihrer Gruppe zweimal im Jahr zum dreitägigen Aufbautraining in einem Hotel oder einer Selbstversorger-Hütte treffen. Es geht nicht primär um den Lernstoff. Hansels Schule ist ein Ort, an dem Menschen, die im Alltag Chefs sind und sich als souveräne Macher geben müssen, die Maske fallen lassen.

„Frau Hansel hat die Gabe, in kürzester Zeit den Raum für große Offenheit zu schaffen“, sagt eine ihrer Kundinnen. Das gelingt, weil sie viel von sich preisgibt. Selbst die Maske fallen lässt. So gesehen klingt auch ihr Name gar nicht mehr so trutschig. „Ich habe häufiger überlegt, ob ich mich im Unternehmertraining nicht lieber Gertrud nennen lassen soll. Das klingt seriöser“, sagt sie. Und ergänzt: „Aber Gertrud, das bin ich einfach nicht. Ich war immer schon die Trudi.“ ---

PS: Sie hat tatsächlich einige ihrer Kunden gebeten, uns zu schreiben.