Fotoimpex

Als alle dachten, die analoge Fotografie sei tot, ging es für Mirko Böddeckers Firma Fotoimpex erst richtig los.





brand eins: Herr Böddecker, in den Neunzigerjahren hatten Sie Ihren ersten Laden in Berlin, in dem Sie all das verkauften, was man für die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie braucht. Es waren gleichzeitig die Jahre, in denen die Digitalfotografie den Markt eroberte. Hat Ihnen das Angst gemacht?

Mirko Böddecker: Nein. Angst hatte ich eigentlich nie. Damals war ich jung, gerade mal Mitte 20. Ich habe noch studiert und hatte in meinem Laden vielleicht fünf Leute eingestellt. Wir waren alle befreundet, das war alles ein großer Spaß.

Große Hersteller wie Fotokemika oder Agfa mussten in diesen Jahren Insolvenz anmelden.

Aber mein Geschäft ist ja immer gut gelaufen. Das war total verrückt. Während der Markt zusammengebrochen ist, hatten wir teilweise 50-prozentige Wachstumsraten. Die Kunden standen Schlange vor dem Laden, so groß war die Nachfrage. Andere Firmen haben damals den Kopf in den Sand gesteckt. Sie dachten, jetzt ist es vorbei. Und ich habe gesagt: Dann lasst mir den Markt.

In den Nullerjahren bekamen auch Ihre Lieferanten Schwierigkeiten. Wie haben Sie reagiert?

Mir wurde in dieser Zeit immer klarer, dass ich selbst in die Produktion gehen muss, wenn ich mit meinem Geschäft weiter erfolgreich sein möchte. Deshalb habe ich mir 2002 vorsorglich die Rechte an der Marke Adox gesichert, die Agfa hat auslaufen lassen. Als Agfa drei Jahre später einging, wusste ich, dass ich nun wirklich in die Produktion einsteigen musste. Plötzlich ging bei Agfa keiner mehr ans Telefon. Dann stand in der Zeitung, dass die Firma insolvent sei – und die Verwerter kamen und verkauften alles. Ich bin damals durch die leeren Fabrikhallen gelaufen und habe geguckt, was ich gebrauchen könnte. Ich konnte sogar ganze Räume mit Inhalt erwerben. Irgendwann musste ich das Ganze natürlich auch abholen. Da war klar, ich brauche nicht nur einen Laden, sondern eine Produktionsstätte, eine Fabrik, wo ich zumindest lagern kann, was ich eingekauft hatte. So bin ich nach und nach in die Produktion reingerutscht.

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 1 – Qualitäts-Check in der Produktionsstätte in Bad Saarow. Filme werden schwach belichtet und auf Kratzer geprüft

2 – Dieser Adox-Film eignet sich laut Beschreibung besonders gut für Stadtlandschaften und Reisefotografie

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3 – Um die Jahrtausendwende gab das Unternehmen Fotoimpex noch Kataloge heraus, heute werden die Produkte auf der Website vorgestellt. Die Titelbilder fotografierte Mirko Böddecker meist selbst mit seiner Nikon (4)

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5 und 6 – Mit Aufnahmen wie diesen präsentierte die Firma Adox in den Fünfzigerjahren Produkte wie Fotopapier und Filme. Das Bild von dem Jungen entstand mit einem damals neuartigen, besonders feinkörnigen Film

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Meine Bekannten haben mich für verrückt erklärt. Erst sagten sie: Wer macht denn heute noch Schwarz-Weiß-Fotografie? Alle Fotos sind doch jetzt bunt. Dann kam die Digitalfotografie, und es hieß: Wer fotografiert denn noch analog? Hätte ich auf diese Stimmen gehört, hätte ich jetzt einen kleinen Fotoladen mit zwei Mitarbeitern. Man muss in die Nische gehen! Ich fand es immer spannend, ein antizyklisches Geschäft zu betreiben.

Was fasziniert Sie an der analogen Fotografie?

Der ganze Prozess, nicht nur das Fotografieren, sondern das Entwickeln, die Arbeit in der Dunkelkammer. Aber als Schüler war mein Taschengeld zu knapp, um das teure Fotopapier der westlichen Hersteller zu kaufen. Schnell habe ich mitbekommen, dass es in Ostdeutschland deutlich günstigeres Papier zu kaufen gibt, welches über Kleinanzeigen in der Zeitung verkauft wurde. Das haben mir Besucher erzählt, die vor der Rückkehr in den Westen noch schnell ihr Ostgeld loswerden wollten und davon das Fotopapier kauften. In Westdeutschland kostete Agfa-Papier zehnnal so viel wie das Papier in der DDR. So habe ich angefangen, nicht nur für mich selbst das Fotopapier aus dem Osten zu kaufen, sondern es auch an Freunde weiterzuverkaufen.

Dann kam die Wende …

… und mein kleines Geschäft hatte sich zunächst erübrigt – bis ich auf die Idee kam, in Kroatien, Polen, Ungarn oder Rumänien Filme und Fotopapier zu kaufen. Mit der Abfindung von meinem Zivildienst habe ich mir für tausend Mark einen VW-Bus gekauft und bin zu den Fabriken gefahren. Zum Glück hatte meine Wohnung in Berlin damals sehr hohe Decken, sicherlich drei Meter hoch. Dort habe ich für die Lagerung des Fotopapiers einen zweiten Boden eingezogen. Über Inserate, Fotoflohmärkte und Fotobörsen habe ich die Fotomaterialien in ganz Deutschland vertrieben. Es war immer der gleiche Rhythmus: Eine Woche lang bin ich auf Einkaufstour in den Osten gefahren, um danach über die Fotobörsen zu tingeln, das Papier zu verkaufen und Kataloge und Flyer zu verteilen. Das war der Beginn von Fotoimpex.

Heute haben Sie eine Wachstumsrate von jährlich bis zu 25 Prozent.

Ja, dieses Jahr waren wir schon im Oktober bei plus 15 Prozent, und das Weihnachtsgeschäft hat erst begonnen.

Woher kommt der Hype?

Früher gehörten meine Kunden zum großen Teil zur älteren Generation. Das waren die, die mich anriefen und ihre Bestellungen aufgaben oder die wollten, dass ich ihnen per Post einen Katalog schicke, weil sie mit dem Internet nichts anfangen konnten. Diese Kunden bediene ich natürlich immer noch – aber was neu ist, sind die Jungen: Digital Natives, die in einer Zeit aufwachsen, in der es viele gute Bilder gibt. Gleichzeitig wollen sie aber erfahren, wie man wirklich fotografiert. Polaroids zum Beispiel erleben gerade ein riesiges Survival.

Haben Sie noch Zeit, selbst zu fotografieren?

Ja, schon. Nur eine Dunkelkammer in meiner Wohnung fehlt leider bis heute. Aber ich reise viel – und dort fotografiere ich ständig. Neulich war ich zum Beispiel in China.

Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe unseren Vertriebsleiter getroffen. Chinas Markt ist unsere Zukunft. Nächste Woche sind wir beide in Florenz, dann bringt er das Orderbuch mit. Ich weiß jetzt schon: Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um all das zu produzieren, was die Chinesen sich wünschen. ---

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7 – Schachteln, die noch mit Fotopapier befüllt werden

8 – Mirko Böddecker in einem Raum, in dem eine Rollfilmspulmaschine steht. Damit man an dem Gerät arbeiten kann, ohne den Film versehentlich zu belichten, ist der Raum nur schwach mit Rotlicht beleuchtet

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9 – Dieses Ringbuch lag in den Neunzigerjahren lange auf dem Tresen des Ladens. Die Kunden sollten darin blättern, um einen Eindruck von den unterschiedlichen Papieren zu bekommen. Deshalb sieht es etwas abgegriffen aus

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10 – Um Fotopapier selbst herzustellen, haben Mirko Böddecker und seine Kollegen viele Jahre herumprobiert. Bald soll es auf den Markt kommen

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11 – Mit diesen Belichtungsgeräten wurden Tausende Bilder entwickelt, um das Fotopapier aus eigener Herstellung zu testen: Das Weiß darf nicht zu sehr ins Graue gehen, die Empfindlichkeit musste immer wieder angepasst werden

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12 – Die Lichtschleuse sorgt dafür, dass es in den Räumen dahinter stets dunkel bleibt 

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13 – Filmtest mithilfe eines Leuchtkastens

14 – Dankesbrief des New Yorker Fotografen Gilles Peress an Fotoimpex. Nachdem Agfa dichtgemacht hatte, habe er nicht gewusst, was er tun sollte – schließlich habe er immer mit dem Fotopapier der Firma gearbeitet. Nach langer Suche sei das Adox- Papier eine Entdeckung für ihn gewesen: „Home at last!“

1992 gründet Mirko Böddecker das Unternehmen Fotoimpex in Berlin, damals ist er 20 Jahre alt. 2002 sichert er sich die Rechte an der Marke Adox, unter der seit 1860 Chemikalien für die analoge Fotografie produziert werden. Die Gründung der Adox Fotowerke GmbH folgt 2009. Im Jahr 2015 erweitert Böddecker Adox um einen Standort in der Schweiz. Insgesamt arbeiten 40 bis 45 Mitarbeiter bei der Firmengruppe. Der Umsatz beträgt etwa sechs Millionen Euro.

Mit der Mischung aus Einzelhandel, Labor, Großhandel und Produktion hat die Firmengruppe ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt. Im Handel gibt es Wettbewerber, aber diese haben oft kein Fotolabor oder Ladengeschäft. Durch die hohe Marktdynamik der vergangenen Jahre treten jetzt vermehrt Nachahmer auf. In der Produktion von lichtempfindlichen Materialien wie Filmen und Fotopapier sind die Markteintrittsbarrieren jedoch sehr hoch. Wettbewerber in der Produktion sind unter anderen Ilford, Kodak und Foma.