„Oft fehlt jede Existenzgrundlage“

Maren Ernst, 52, zuvor Osteuropa-Referentin im Land Brandenburg, gründete 2007 die Initiative Uplift-Aufwind, um Waisen und behinderten Kindern im zentralasiatischen Kirgistan zu helfen. Ernst, selbst Mutter von zwei Kindern, setzt ihre ganze Arbeitskraft ehrenamtlich ein.





brand eins: Frau Ernst, was war der Auslöser für Ihr Engagement?

Maren Ernst: 2004 war ich zufällig in einem Kinderheim in Bischkek. In einem Raum saßen acht Kleinkinder, auf ihren Stühlchen festgebunden. Kinder, so alt wie meine eigenen. Ich band eines los, nahm es auf den Arm, streichelte es. Da fingen alle anderen an zu weinen. Eine Pflegerin kam, wollte mich hinausschicken, und sagte: „Das sind doch keine Hauskinder, diese Kinder werden nicht berührt.“ Der Tag hat mein Leben komplett durcheinander gebracht.

Woher kommt Ihre Beziehung zu Kirgistan?

Ich war schon 1992 als Praktikantin dort, nach dem Fall der UdSSR. Es herrschte Chaos und Elend, aber Nachbarinnen brachten mir Brot, eine bettelarme Rentnerin wollte ihr Carepaket mit mir teilen. Ich erlebte, wie sich die Frauen mit sehr viel Empathie und Solidarität organisierten, improvisierten, um zu überleben. Und bei der Gründung von Uplift habe ich sofort an diese Kirgisinnen gedacht.

Was ist Ihr Konzept?

Wir haben von Anfang an auf Frauen aus der Nachbarschaft der Kinderheime gesetzt. Und das Wunder funktionierte: Sie kümmerten sich erst stundenweise ehrenamtlich um seelisch völlig vernachlässigte Waisen, nahmen sie dann mit heim und suchten sogar Adoptiveltern für sie. Inzwischen sind viele unserer „Uplift-Mütter“ Multiplikatoren geworden, sie engagieren sich über das Heim hinaus für die Gesellschaft, setzen sich in verschiedenen Bereichen für Kinder- und Menschenrechte ein.

Was ist für Sie das Hauptproblem in Kirgistan?

Armut. Es kommt vor, dass junge Mütter ihr Kind abgeben wollen, weil es behindert geboren worden ist und sie sich nicht in der Lage sehen, das Leben damit zu meistern. Oft fehlt jede Existenzgrundlage, besonders auf dem Land. Wir unterstützen die Eltern solcher Kinder, damit diese nicht in ein Heim kommen, unter anderem geben wir ihnen ein Schaf oder eine Kuh.

Welche Wirkung hat Uplift?

Inzwischen werden praktisch alle gesunden Waisenkinder innerhalb des Landes adoptiert. In unseren Programmen, die wir mithilfe von privaten Spenden aufrechterhalten, versorgen wir tausend hilfsbedürftige Kinder pro Jahr. Aber wir haken sie danach nicht ab, sondern halten den Kontakt zu den Familien, coachen bei Bedarf. Dabei erleben wir, wie das Selbstvertrauen der Kinder wächst. „Ohne mich hättet ihr keine Kuh“, sagen manche jetzt ihren Eltern. Denn eine Kuh bedeutet auf dem Dorf so viel wie ein Mercedes bei uns. ---