Der Lebensfreude-Kalender

Der Lebensfreude-Kalender ist nicht nur der meistverkaufte in Deutschland, sondern auch ein Paradebeispiel ebenso unorthodoxer wie konsequenter Markenführung.





• Carlo Günther, seit etwa einem Jahr Eigentümer des PAL Verlags, präsentiert stolz den Lebensfreude-Kalender 2020, an den er – äußerst behutsam – Hand angelegt hat. Es gibt eine neue, den alten Ausgaben allerdings sehr ähnliche Schrift und ein paar Feinheiten beim Satz. Das war’s. Denn der Bestseller, von dem im vergangenen Jahr inklusive Lizenzen rund 400.000 Stück verkauft wurden, soll bleiben, was er ist. Dazu zählen der unverwechselbare Look mit den beiden Ballons auf der Aufschlagseite und vor allem die Lebenshilfe in Form von Sprüchen wie „Sei liebenswert, wenn du geliebt werden willst“.

Die beiden Psychotherapeuten Doris Wolf und Rolf Merkle haben die Marke vor mehr als 30 Jahren begründet. Weil sie keinen Verlag für ihre Publikationen fanden, gründeten sie kurzerhand selbst einen. Und so sehen das Sortiment und der Internet-Auftritt bis heute auch aus – alles handgemacht. Das publizistische Programm besteht aus Ratschlägen in einfacher Sprache: „Gefühle verstehen, Probleme bewältigen“, so der Titel eines der PAL-Bücher. Modisches Imponiervokabular wie Resilienz sucht man dort vergebens.

In der Branche wurde das Do-it-yourself-Projekt lange belächelt, auch der Buchhandel ignorierte den eher wenig opulenten Kalender weitgehend. Aber die PAL-Produkte fanden trotzdem ihre Käufer. Neben dem Kalender sind 16 Bücher im Programm und 18 Ratgeber im PDF-Format, die man sich über die fünf Websites des Hauses herunterladen kann. Dort gibt es auch allerhand Gratis-Tipps. Das Unternehmen macht alles anders als gewöhnliche Verlage: kein Marketing, keine aufwendigen Buch-Cover, kein ständig wechselndes Programm.

Genau das fand Carlo Günther interessant. Der heute 44-Jährige war seit mehr als 20 Jahren in der Branche tätig, zuletzt als Verlagsleiter bei Droemer Knaur. Und bezweifelte schon länger die dort herrschende Mengenlehre: „Wir haben allein in den Segmenten, die ich verantwortete 200 Bücher pro Jahr veröffentlicht, von denen 20 bis 30 ein Erfolg wurden.“ Ganz anders bei PAL, wo man ausschließlich auf zeitlose Longseller setzt. Zu ewigen Themen wie Angst, Trauer, Eifersucht gibt es nicht ständig etwas Neues zu sagen.

Günther lernte die Verleger kennen, man verstand sich und einigte sich auf die Übernahme. Der neue Eigentümer führt die Firma im Geiste der Gründer weiter, die nach wie vor den erbaulichen Kalender betexten. Günther investiert derzeit vor allem in den Internet-Auftritt, wo noch Luft nach oben ist, zum Beispiel bei der Conversion Rate, also dem Anteil der Besucher, die auch etwas kaufen. Seine Frau Maja, die mit ihm den Laden schmeißt, produziert mittlerweile einen eigenen Podcast mit dem Titel „Wecke deine Lebensfreude“. Günther hat auch schon Ideen für potenzielle weitere Longseller.

Das größte Kapital der Firma sind die Kunden. Viele rufen persönlich dort an, um sich „ihren Kalender“ zu bestellen und sparen nicht mit Lob: „stärkend, aufmunternd und aufbauend“. Das trägt zu Günthers persönlicher Lebensfreude bei: „Ich stelle hilfreiche Produkte her, die viele Menschen berühren – das können nicht viele Leute von sich sagen.“ ---

Rolf Merkle und Doris Wolf lassen sich in den Achtzigerjahren als Therapeuten in Mannheim nieder. Später promovieren beide über die Bibliotherapie, die auf die Heilkraft der Sprache setzt. Diese Idee verfolgen sie weiter und gründen 1984 den PAL Verlag, das Akronym steht für „praktisch anwendbare Lebenshilfen“. Cash Cow der Firma wird der Kalender, den das Paar nach sehr eigenen Vorstellungen gestaltet: So werden jeweils zehn Tage mit einem Spruch nebst kurzer Erläuterung versehen. In den ersten Jahren greifen sie auch auf Zitate anderer Denker zurück, später texten sie alles selbst. Der Kalender stillt den von dem Sozialpsychologen Heiner Keupp einmal so genannten „verrückten Hunger nach Psychologie“. Und fügt den traditionellen Kalender-Kategorien wie Natur, Kunst, Literatur und Erotik eine neue hinzu. Bis heute hat er sich circa 3,5 Millionen Mal verkauft.

Mitarbeiter: zwei; Umsatz: rund 1,8 Millionen Euro; Gewinn: „Wir schreiben seit vielen Jahren schwarze Zahlen“ (Carlo Günther).