Ist doch nicht möglich !

Je abgefahrener, desto besser – drei Brüder aus München verpassen der Stadt eine neue Seite. Subkultur statt Hochkultur. Sonnenenergie statt Diesel. Chaos statt Businessplan. Und es funktioniert.




• Ziemlich verrückte Idee: einen 144 Tonnen schweren Ausflugsdampfer vom Ammersee mitten in München auf eine ausgediente Eisenbahnbrücke stellen und zur Event-Location umbauen. Jeder vernünftig denkende Mensch würde die Finger von dem Projekt lassen. Zu kompliziert. Zu teuer. Zu riskant. Und wie kriegt man das Monster überhaupt in die Stadt?

Blöde Frage! Man zerschneidet einfach das fast 40 Meter lange Schiff in zwei Teile, packt es auf Schwertransporter, sperrt Straßen, montiert Ampelmasten ab, heuert Statiker an, beschafft Genehmigungen, organisiert einen Spezialkran, hievt die Teile auf die Brücke, schweißt sie wieder zusammen, baut ein Restaurant ins Schiff und in den Maschinenraum eine Diskothek. Und fertig!

So macht das zumindest Daniel Hahn, dem die „Alte Utting“ jetzt gehört. „Trau dich einfach“, sagt er, „dann klappt das schon.“ Seit dem 26. Juli 2018 hat das Party-Schiff täglich geöffnet. 30 000 Gäste waren schon da, mindestens. Ganz genau weiß das niemand, interessiert aber auch niemanden besonders. Hauptsache, die Sache läuft. Und wenn Daniel Hahn die Finger im Spiel hat, läuft es meistens.

Er ist 29 Jahre alt und Kultur-Unternehmer, genauer: Subkultur-Unternehmer. Eine Spezies, die in München extrem selten vorkommt. Die bayerische Hauptstadt ist Hochkultur: Kammerspiele, Staatsoper, Pinakotheken, Symphonieorchester. Überall glitzert und funkelt es.


Nichts für die Schickeria: das Party-Schiff „Alte Utting“ (oben) und die Event-Location „Bahnwärter Thiel“. Projekte der drei Brüder, die München ein bisschen cooler machen

Dann kommt man zu Hahns Hauptspielstätte, dem „Bahnwärter Thiel“, ein Technoclub und alternatives Kulturzentrum auf dem ehemaligen Viehbahnhof des zentralen Schlachthofs. Über schräge Betonplatten schlitterten einst Rinder und Schweine aus den Eisenbahnwaggons auf die Bolzenschuss-Apparaturen zu. Jetzt stehen hier Dutzende mit Graffiti besprühte Hochsee-Container um einen Veranstaltungspavillon, ein alter U-Bahn-Wagen und ein Baukran mit Disco-Kugel.

Hahn öffnet das Vorhängeschloss am Stahlgittertor. Er trägt ein altrosafarbenes Sweatshirt und Sneaker. Ein paar gammelige Sitzbänke stehen herum. Im Pavillon riecht es nach kaltem Rauch, Mottenkugeln und Pisse. In einem Blumentopf steckt eine Plastikrose zwischen Zigarettenkippen. Schickimicki ist das hier definitiv nicht.

Daniels Bruder Julian Hahn, 27, ist schon da. Er trägt sein Rennrad über der Schulter, der Bauschutt rund um den Bahnwärter Thiel ist nicht gut für die schmalen Reifen. Seiner Firma Gans Kreativ gehört das alternative Kaffeehaus „Gans am Wasser“ im Westpark, außerdem baut er gerade einen Blumenkiosk im Stadtteil Giesing in ein Kulturhaus mit Pizzaofen und Empore in den Bäumen um. Online kann man das schon besichtigen, unter dem Stichwort Gans Woanders.

Der jüngste Bruder Laurin Hahn, 25, hat gerade keine Zeit. Er entwickelt ein Elektroauto, das mit Sonnenenergie fahren wird, und will mit seiner Firma Sono Motors zum deutschen Tesla werden. Ab Mitte des nächsten Jahres sollen täglich bis zu 200 seiner Sion-Modelle von Nevs (National Electric Vehicles of Sweden) in der ehemaligen Saab-Fabrik im schwedischen Trollhättan montiert und an die mehr als 10 000 Vorbesteller ausgeliefert werden. Da ist noch viel zu tun, denn bislang gibt es nur zwei Prototypen des Fahrzeugs.

Drei Brüder, ein Gedanke: Sie wollen die Welt besser und bunter machen. Mit Rave-Partys, Kunst, veganem Essen und batteriebetriebenen Autos. Alles ziemlich alternativ, verrückt und sympathisch. In der Münchener Gesellschaft genießen die drei eine Art Welpenschutz, weil sie so treu gucken können und zwar anders sind, aber nicht gefährlich.


Laurins Projekt: das Sion-Modell (ein Prototyp aus 2017) von Sono Motors


Das Café „Gans am Wasser“

Angefangen haben sie schon während der Zeit auf der Waldorfschule. Daniel arbeitete im alternativen „Pathos Theater“, baute Bühnenbilder, spielte Nebenrollen, betrieb die Bar und machte schließlich eigene Veranstaltungen: Techno-Partys mit cooler Kulisse und fetten Bässen. „Das lief unheimlich gut“, sagt Sophie Wiedemann, 33, die heutige Geschäftsführerin des Theaters, „und schließlich hat es das Format gesprengt, die Räume haben das nicht mehr hergegeben, die Stadt ist nervös geworden.“ Daniel musste raus.

Er gründete 2012 mit seinen Brüdern den Verein Wannda e. V. (von: „Wenn nicht jetzt, wann dann“), kaufte ein Zelt vom Zirkus Galliano und stellte es auf Brachflächen irgendwo in der Stadt auf. Und wie alles, was Daniel anfasst, lief es wie geschmiert.

Julian sagt: „Oh Mann, der Daniel, alles, was der gemacht hat, war so wichtig. Das hat so genervt.“ Er wollte Arzt werden und hatte schon als Rettungssanitäter angefangen, um die Wartezeit für den Studienplatz zu überbrücken. Dann kümmerte er sich doch um den Märchenbasar im Wannda-Zelt, verkaufte nachts mit einem Kumpel, den er aus dem Kindergarten kennt, Pommes vor dem Bahnwärter Thiel, und ehe er sich’s versah, war er ebenfalls Veranstaltungsunternehmer. „Ja, der Daniel“, sagt Julian, „der kann ganz schön überzeugend sein.“


Eines von Daniel Hahns bisherigen Projekten: der Bahnwärter Thiel

Besuch in seinem Café im Westpark. Ein paar Food-Stände, Saitan-Bratlinge, Brezen, Kaffee und Tee. Ein Mann baut ein großes Zelt auf. „Nein“, sagt er, „das ist kein Zelt, das ist eine kirgisische Jurte, winterfest.“ Eine Frau stillt ihr Baby am Ufer des Mollsees. Es trägt Naturwollhöschen. Eine andere fragt am Kuchenstand: „Ist der Käsekuchen eigentlich vegan?“ – „Nein, nur der Nusskuchen.“ – „Dann nehme ich den. Und einen Kräutertee. Mit Ingwer.“ Ein normaler Nachmittag im Gans am Wasser. Im Laufe der Woche gibt es noch ein paar Konzerte, ein Kasperltheater für Kinder, einen Tantra-Workshop und eine Lehrveranstaltung, wie man trotz Kindern Müll vermeiden kann. Das Ticket kostet 15 Euro. Wer sagt denn, dass ökologische Korrektheit kein Geschäftsmodell ist?

Am besten sieht man das bei Sono Motors, dem Unternehmen des jüngsten Hahn-Bruders. Der Firmensitz liegt in der Nähe des BMW-Werks im Norden der Stadt. Ein schickes 500-Quadratmeter-Büro mit Konferenzräumen, Präsentationsflächen für das Modell Sion und einem Empfang. Er ist leider nicht besetzt, aber mit Cladonia rangiferina bewachsen, der Winternahrung von Rentieren und Elchen. Sie benötigen davon etwa zwei Kilo pro Tag, um durch den harten nordischen Winter zu kommen. Die Flechte ist das Signatur-Gewächs von Sono Motors, denn in jedem Sion werden ein paar Hundert Gramm hinter einer Scheibe ins Armaturenbrett eingebaut. Dort glimmt die Flechte künstlich grün beleuchtet vor sich hin und soll den Feinstaub aus der Luft in dem neuen Auto filtern. Hoffentlich wird die Nahrung für die Rentiere nicht knapp, wenn bei Sono Motors wie geplant bald jährlich 43 000 E-Autos in Schweden vom Band laufen.

Mehr als eine Million Euro hat Laurin schon auf der Nachhaltigkeitsplattform Wiwin.de per Crowdfunding eingesammelt, und angeblich mehr als 10.000 Menschen haben das Auto vorbestellt und mindestens 500 Euro einbezahlt. Macht noch mal mehr als fünf Millionen. Das ist eine andere Dimension als bei Daniel oder Julian. Wenn die Sache nicht klappt, hat Laurin nicht nur ein paar enttäuschte Partygänger oder Saitan-Fans am Hals, sondern mehr als 10.000 wütende Vorbesteller – und wenn es ganz dumm läuft, die Staatsanwaltschaft.

Eine schwere Bürde für einen 25-jährigen Jung- unternehmer. Vielleicht tut sich Sono Motors deshalb schwer, konkrete Auskünfte zur CO2-Belastung durch die Autoproduktion, zur Herkunft der Flechten oder zur genauen Zahl der Vorbesteller zu geben. Die mangelnde Transparenz macht auch die Anleger nervös. Als die Firma vergangenes Jahr den Preis für das Auto von 20 000 Euro auf 25.500 Euro heraufsetzen musste, weil man die Batteriekosten falsch berechnet hatte, gab es Abbestellungen und einen wahren Shitstorm im Internet.

Dabei ist der Fünfsitzer auch mit dem neuen Preis konkurrenzfähig. Das Batteriepaket kommt vom Hersteller Elring-Klinger, enthält allerdings 20 Prozent Kobalt – dessen Abbau-Praxis immer wieder in der Kritik ist –, beim neuen Elektroauto von VW sind es 14 Prozent, bei Tesla nur 2,8 Prozent. Der Motor stammt von Continental, die Elektronik von Bosch – eine sichere Bank. Der Motor ist gut für eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h, die Batterien für 250 Kilometer Reichweite, die 248 Solarzellen auf Dach, Kühlerhaube und Türen liefern bei Sonnenschein noch mal 34 Kilometer extra.

Laurins Bruder Julian freut sich schon auf seinen Sion. Er war einer der ersten Vorbesteller. „Wir fahren damit ohnehin nur in der Stadt rum und holen Sachen für das Café. Das sind keine 34 Kilometer pro Tag. Also sind wir nur mit Solarenergie unterwegs und brauchen nicht an die Steckdose. Geil.“

Für Daniels neues Projekt reicht so ein kleiner Elektroflitzer allerdings kaum. Er hat sich wieder etwas angelacht, für das man Schwertransporter, Sondergenehmigungen und Nerven wie Stahlseile braucht. Diesmal handelt es sich um zwei Fluggastbrücken inklusive verglaster Boardingstationen und Rolltreppen vom Vorfeld des Münchener Flughafens. „Millionen Menschen sind da durchgegangen“, sagt er, „die Dinger sind geladen mit Erinnerungen und Emotionen.“ Blöd nur, dass die Konstruktionen jetzt schon abgebaut werden müssen, er aber wieder mal nichts hat, wo er sie aufbauen kann, außer einer Idee.

An der A9 hinter der Allianz Arena und den Faultürmen der Kläranlage steht ein besonders hässliches Brückenbauwerk. Die Münchener nennen es Tatzelwurm. Hier will Daniel seine Fluggastbrücken für Events und Ausstellungen aufbauen.

Klingt unmöglich. Aber wetten, dass die Dinger bald hier oder sonst wo in München rumstehen und davor eine Schlange von Menschen, die reinwollen? Alles andere wäre vollkommen verrückt. ---


Nun im Visier: die Fluggastbrücke des Münchener Flughafens

1. Sono Motors GmbH
2. Sono Motors Crowd Investment UG
3. Sono Motors Investment UG

Zahl der Mitarbeiter der Sono-Gruppe: 100 intern, 300 extern

1. Hole dir Sparringspartner. Teile deine Idee mit ihnen. Höre die Gegenargumente. Aber lass dich nicht entmutigen.
2. Bringe dich in eine Situation, in der du nicht mehr zurück kannst, zum Beispiel durch Crowdfunding.
3. Mache immer etwas, das der Gesellschaft hilft.

1. Gans Kreativ GmbH
2. Kreativ Wirtschaft UG

Zahl der Mitarbeiter der Gans-Kreativ-Gruppe: 10 Festangestellte, 35 Mini-Jobber und Werkstudenten

1. Spiele niemals alle Risiken durch. Das entmutigt nur.
2. Mache nicht, was der Markt braucht. Mache das, auf was du Lust hast.
3. Suche die richtigen Leute.

1. Bahnwärter Kulturstätten GmbH
2. Interdisziplinär Projekt GmbH
3. Alte Utting GmbH

Zahl der Mitarbeiter von Bahnwärter und Utting: je rund 100

1. Finde heraus, was dich beschäftigt – und beschäftige dich damit.
2. Erwarte Rückschläge und lerne daraus.
3. Gehe an deine Grenzen.