Was wäre, wenn …

… es in Deutschland keine private Krankenversicherung mehr gäbe?

Ein Szenario.





• Fast immer, wenn von der medizinischen Versorgung in Deutschland die Rede ist, landet die Diskussion irgendwann bei dem Stichwort Zwei-Klassen-Medizin. Einerseits sind da die Privatpatienten, die der Chefarzt höchstpersönlich behandelt. Andererseits die unterversorgten Kassenpatienten, die sich auch todkrank noch ein Fünferzimmer teilen müssen – so das Klischee.

Doch was wäre, wenn es in Deutschland keine privaten Krankenversicherungen (PKV) mehr gäbe?

Deutschland ist mit seinem zweigeteilten System eine Ausnahme. Die meisten Länder setzen entweder auf eine komplett staatliche Versorgung (wie Großbritannien; siehe „Die Unzerstörbare“ in brand eins 06/2017)  oder auf gesetzliche Kassen plus private Zusatzversicherungen.

Die erste Frage wäre deshalb, ob auch die Möglichkeit abgeschafft würde, eine private Zusatzversicherung abzuschließen, zum Beispiel für den Zahnersatz. „Schafft man beides ab, muss alles, was nicht von den gesetzlichen Kassen abgedeckt wird, komplett selbst bezahlt werden“, sagt Annika Herr, Gesundheitsökonomin an der Universität Hannover. „Das dürfte die sozial ungerechteste Lösung sein, weil Einkommensunterschiede dann stärker entscheiden, wer welche Zusatzleistungen erhält.“

Gäbe es in Deutschland keine privaten Vollversicherungen mehr, müssten 8,7 Millionen Menschen in die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) wechseln. Bei diesen knapp elf Prozent aller Versicherten handle es sich um „überdurchschnittlich junge und gesunde Menschen“, sagt Herr. Dadurch würden die Mitglieder der gesetzlichen Kassen im Schnitt gesünder – was niedrigere Pro-Kopf-Kosten für die Kassen zur Folge hätte.

Allerdings verdienten Ärzte ohne Privatpatienten weniger, da sie für deren Behandlung meist mehr erhalten als bei gesetzlich Versicherten. Laut Studien der PKV fehlten dem deutschen Gesundheitssystem dadurch knapp 13 Milliarden Euro, eine durchschnittliche Arztpraxis in Deutschland hätte jährlich rund 50 000 Euro weniger zur Verfügung. Je aufwendiger die Technik einer Praxis, so Annika Herr, desto schwieriger sei es, ohne die höheren Einnahmen durch Privatpatienten zu überleben.

Die gesetzlichen Kassen müssten in diesem Fall vermutlich viele Leistungen besser bezahlen – wodurch auch die Versicherungsbeiträge stiegen. Von dem Vorwurf, die gesetzlichen Kassen wirtschafteten ineffizienter als die privaten, hält die Gesundheitsökonomin nichts: „Das mag bis in die Siebzigerjahre der Fall gewesen sein, als es in Deutschland noch etwa 1800 gesetzliche Krankenversicherungen gab“, sagt sie. „Heute sind es etwa 100. Zwischen ihnen gibt es einen starken Wettbewerb, der zu mehr Effizienz führt.“

Laut dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist es vor allem das Nebeneinander der beiden Systeme, das ineffizient ist und „zu einer Fehlallokation von knappen Ressourcen und zu Qualitätsdefiziten“ führt. Deutlich wird das bei der Versorgung auf dem Land: Da Privatpatienten häufiger in der Stadt wohnten, siedelten sich dort mehr Ärzte an, die dann auf dem Land fehlten, sagt Herr. „Die Kosten für die Versorgung in der Fläche tragen vor allem die gesetzlichen Krankenkassen.“

Die Befürchtung, ohne private Konkurrenz könnten Versicherten medizinische Leistungen öfter vorenthalten werden, teilt sie nicht: „Der Wettbewerb würde ein Zusammenstreichen der Leistungen verhindern.“ Dass viele Mitarbeiter privater Krankenkassen ihren Job verlören, ist auch nicht zu befürchten. Die Kassen könnten als gesetzliche Versicherungen fortbestehen – sie müssten nur anders abrechnen. Die knapp 200 000 Versicherungsmakler und -vertreter verlören jedoch einen Teil ihrer Provisionen.

Aber was geschähe mit den Rückstellungen, welche die privaten Krankenkassen für ihre Versicherten bilden, um deren Beiträge im Alter trotz steigendem Krankheitsrisiko stabil zu halten? Diese Verbindlichkeiten gibt es im gesetzlichen System nicht. Lange galt dieses Kapital als Garant für die Solidität der Privaten, doch in Zeiten der Niedrigzinsen erwirtschaften sie immer weniger Gewinne. Viele Vorschläge für die Einführung einer deutschlandweiten gesetzlichen Versicherung sehen vor, dass die Rücklagen mitgenommen und entweder individuell ausbezahlt oder dazu genutzt werden, die Beiträge für alle Versicherten zu senken.

Am stärksten profitieren könnten von einem Wegfall der privaten Krankenversicherung wohl diejenigen, die sie derzeit nicht verlassen können. „Es gibt zahlreiche Menschen, die die Beiträge nicht mehr aufbringen können, aber auch nicht in die gesetzliche Krankenversicherung zurückkehren dürfen“, sagt Annika Herr. „Zum Beispiel Selbstständige, deren Rente zu niedrig ist, um die steigenden Beiträge zu bezahlen.“

 

In den Niederlanden wurden 2006 die privaten Vollversicherungen abgeschafft. Seitdem müssen sich alle Bürger bei einer der rund 40 gesetzlichen Kassen versichern. Private Zusatzversicherungen sind erlaubt, der Wettbewerb zwischen den Anbietern ist durch eine jährliche Wechselmöglichkeit sichergestellt. Die Gesundheitskosten steigen trotzdem weiter.

Ob sich ein ähnliches Modell hierzulande durchsetzen kann, bleibt ungewiss. Die Deutschen sähen es gern: Zum einen spricht sich in Umfragen eine deutliche Mehrheit für die Abschaffung des zweigeteilten Systems aus. Zum anderen entscheiden sich seit einigen Jahren immer weniger Versicherte für eine private Vollversicherung. ---