Energie auf den Schultern

Eine Agrartechnikerin macht Biogas mobil und schafft Erwerbsmöglichkeiten für Menschen in Entwicklungsländern.



© Stephan Minx


• Fast die Hälfte der Weltbevölkerung nutzt Holz, Abfälle, Tierdung oder Plastik als Brennstoff zum Kochen. Die Dämpfe, die die Menschen dabei einatmen, machen krank: Feine Partikel setzen sich in der Lunge ab und verursachen dort Entzündungen, chronische Erkrankungen und Krebs. Laut der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich fast vier Millionen Menschen an den Folgen, vor allem Frauen in Entwicklungsländern. Mit ihrem Sozialunternehmen Benergy möchte Katrin Pütz das ändern: Sie hat eine Biogas-Anlage entwickelt, mit der sich Menschen aus Kuhdung und organischem Abfall selbst mit Kochenergie versorgen können – und dabei sogar noch Geld verdienen.

Firmen wie ihre versuchen soziale Probleme zu lösen. Pütz will Menschen in armen Ländern befähigen, sich selbst zu helfen, indem sie Unternehmer werden.

Ein Garten im Kölner Süden. Hier, in der Nähe ihres Büros, hat sie eine kleine Anlage aufgebaut, die aussieht wie ein längliches Zelt mit jeweils einem Rohr vorn und hinten. Pütz begutachtet die braune Masse, die aus dem hinteren Rohr tropft: „Das sieht nicht so lecker aus“, sagt sie. Das Abfallprodukt, das beim Gären entsteht, sei aber ein sehr guter organischer Dünger.

Über das vordere Rohr muss die Anlage täglich mit Nachschub versorgt werden: Aus 15 Litern Abwasser oder Urin, vermischt mit 15 Kilogramm Kuhdung, entstehen ein Kubikmeter Gas und 20 Liter Dünger. Im Inneren des Zeltes fließen die Abfälle in einen gasdichten Plastiksack, in dem Bakterien die Biomasse abbauen und dabei Gas produzieren.

Dass beim Kochen mit Biogas kein gesundheits- und umweltschädlicher Rauch entstehe und für das Brennmaterial keine Bäume abgeholzt werden müssten, sei die eine Seite, sagt Pütz. „Der Hauptvorteil der Technik ist aber die Möglichkeit, damit Geld zu verdienen.“ Bei Temperaturen zwischen 20 und 40 Grad Celsius produziert die Anlage stetig neues Gas: Was nicht zum Kochen benötigt wird, kann verkauft werden. „Damit kann man 50 Cent bis 2 Euro am Tag verdienen“, sagt Pütz. „Wenn man so über den Monat 50 Euro einnehmen kann, ist das für viele Menschen ein zusätzliches Gehalt.“

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Der Rucksack wird beschwert, damit das Kochgas austreten kann

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In diesem Zelt entsteht das Biogas Fotos: © (B)energy

Um das Gas zu transportieren, hat die Agrartechnikerin einen mobilen Behälter entwickelt. Der Plastiksack wird über einen Schlauch an die Anlage angeschlossen. Nach und nach füllt er sich mit Gas und kann dann auf dem Rücken getragen werden. Ein voller Rucksack fasst einen Kubikmeter und wiegt vier Kilogramm – damit kann eine Familie drei Stunden lang kochen. Dafür wird der Rucksack an den, ebenfalls von Pütz entwickelten, Gaskocher angeschlossen. So können die Menschen weiterhin nach der traditionellen Drei-Steine-Methode kochen: Drei Steine stützen den Kochtopf, statt Holz wird darunter der Gaskocher platziert.

Auf die Idee einer Alternative zur Entwicklungshilfe kam die 38-Jährige, die zuerst eine Ausbildung zur Schreinerin gemacht hatte, während ihres Studiums der Umweltwissenschaften. Für ein Forschungsprojekt war sie in Ruanda und erlebte, wie eine Hilfsorga-nisation Hänge terrassierte, um Bodenerosion zu vermeiden. Dabei habe es keine Rolle gespielt, ob die Menschen vor Ort das wollten oder wie sie nach Ende des Projektes mit den Terrassen Geld verdienen könnten. „Danach war mir klar: Hier kann man nur etwas ändern, wenn man neue Techniken in Kombination mit Geschäftsmodellen entwickelt“, sagt sie.

Deshalb entschied sie, im Master Agrartechnik zu studieren und entdeckte dort das Thema Biogas, „eine Technik, die auf einem sehr einfachen Prinzip beruht“. Vier Dinge genügten: Biomasse, ausreichend Temperatur, die richtigen Bakterien und ein gasdichter Container. In ihrer Masterarbeit im Jahr 2010 erarbeitete sie das Konzept für den Biogas-Rucksack. Anschließend testete sie ihn in verschiedenen Pilotprojekten in Äthio- pien. Im Jahr 2013 wurde sie mit dem Empowering People Award der Siemens Stiftung ausgezeichnet, ein Jahr später gründete sie von Äthiopien aus das Sozialunternehmen Benergy. Mittlerweile betreibt sie die Firma von Köln aus.

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Das Gas wird auf dem Rücken transportiert

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Katrin Pütz erklärt, wie die Biogas-Anlage aufgebaut wird

Bislang hat Pütz rund 350 Anlagen und 1000 Rucksäcke verkauft, unter anderen nach Kenia, Guinea und Malawi. Zunächst hatte Pütz die Vorstellung, dass Personen vor Ort Franchise-Nehmer ihres Unternehmens werden, und die Anlage importieren, installieren und sie dann in Eigenregie betreiben. Doch sie stellte fest, dass das zu viel für eine Person ist. Deshalb hat sie ihr Geschäftsmodell kürzlich noch einmal umgestellt: Unternehmer importieren die Technik in ihre Heimatländer und gründen vor Ort eine eigene Firma. Sie verkaufen die Anlagen an Familien, die nicht benötigtes Gas wiederum an ihre Nachbarn weiterverkaufen. Den Aufbau der Anlagen übernehmen selbstständige Handwerker.

Pütz’ Einfraufirma machte 2018 einen Netto-Umsatz von 65 000 Euro. „Ich komme mit einem kleinen Gehalt aus und habe nur ein Büro. Die Produktion läuft auf Anfrage, die Kunden zahlen per Vorkasse“, sagt sie. Das billigste Paket, bestehend aus der kleinsten Biogas-Anlage, zwei Rucksäcken und einem Gaskocher, kostet 288 Euro. Wer sich das nicht leisten kann, kann die Investition über einen Mikrokredit abbezahlen. Katrin Pütz ist überzeugt: Geschenke erzeugen Abhängigkeiten. Und wer selbst investiert, wertschätzt die Dinge auch mehr. Dafür bietet sie ihren Partnern „jegliche nicht finanzielle Unterstützung“ – dazu gehört unter anderem, dass sie bei Fragen und Problemen erreichbar ist. Außerdem gibt es eine App, in der jeder Installationsschritt erklärt ist. Bald soll auch noch ein Online-Training hinzukommen.

Zweimal im Jahr bietet sie einen dreitägigen Workshop in Köln an. Dort lernen die Teilnehmer, selbstständig eine Anlage aufzubauen. Dafür nimmt Pütz 570 Euro plus Mehrwertsteuer.

Zu den Unternehmern, die mit der Technik eine Firma in ihrem Heimatland aufbauen wollen, zählt auch der 36-jährige Michael Nganga. Der gebürtige Kenianer kam für sein Studium nach Aachen, heute lebt er in Ostfriesland und arbeitet als Ingenieur für erneuerbare Energien. Im Juni 2019 war er einer von zehn Teilnehmern – darunter Interessierte aus Tansania, Somalia und Spanien, mit denen Nganga weiterhin über eine Facebook-Gruppe in Kontakt steht. Die ersten zwei Anlagen hat er nach Kahuho und Sigona verkauft, rund 30 Kilometer nördlich von Nairobi. Seine Kunden hat er mit diesen Argumenten überzeugt: kein giftiger Rauch, keine rußschwarzen Wände – und mit Gas lassen sich Speisen schneller zubereiten als mit Holz.

Bislang betreibt Nganga das Geschäft nebenberuflich. Er plant, von Katrin Pütz eine Lizenz zu erwerben, um die Herstellung nach Kenia zu verlagern. Davon erhofft sich der Ingenieur, zusätzliche Jobs zu schaffen und das Gas billiger anbieten zu können. Katrin Pütz unterstützt das: „Wenn meine Partner das Geschäftsmodell unabhängig umsetzen, habe ich mein Ziel erreicht“, sagt sie.

Biogas könnte das Leben vieler Menschen positiv beeinflussen – dafür müssten sich aber Gewohnheiten verändern. Gerichte vom Holzkohlegrill gehören in vielen afrikanischen Ländern zur Tradition: In Kenia beispielsweise ist Nyama Choma, zu Deutsch „gegrilltes Fleisch“, ein sehr beliebtes Essen.

Dass manche Speisen besser schmecken, wenn sie auf Holz gekocht werden, sei kein Problem, sagt Katrin Pütz, der Kocher könne auch nur bei manchen Gerichten eingesetzt werden. Wichtig sei vor allem, dass die Menschen mit eigenen Augen sehen: Es funktioniert. Deshalb setzt sie nun auf das Prinzip Tupper-Party: Wenn die Anlage das erste Gas produziert, laden die Besitzer ihre Nachbarn ein und zeigen ihnen, wie das Gas-to-go funktioniert. ---