Dreamteam

Im Wiener Café „Vollpension“ backen Senioren Kuchen, Studenten servieren, und ein junges Publikum genießt. Zu Besuch bei einem kulinarischen Generationenprojekt.




• Seine Schicht beginnt um 13 Uhr. Aber er ist 20 Minuten früher da, setzt sich vor das Café, zündet sich eine Zigarette an und beobachtet, wer auf dem Trottoir vorbeigeht. Schüttelt hin und wieder den Kopf mit dem Vollbart, der einen gewissen Kontrast zur korrekten Krawatte bildet. Dann bindet er eine Schürze um seine graue Tuchhose und steckt einen Button ans Revers seines braun karierten Sakkos: „Opa vom Dienst“.

Michele Ricci ist 81 Jahre alt. Seine Schritte setzt er langsam schlurfend. Er ist der älteste Mitarbeiter des Generationencafés „Vollpension“ in Wien. Das Sozialunternehmen bietet Rentnerinnen und Rentnern die Chance, auch im Alter noch am Arbeitsleben teilzuhaben. Sie backen Kuchen, der wie bei Oma schmeckt, und dieser wird von Studenten serviert. Dem Opa vom Dienst kommt die Rolle eines Oberkellners zu.

Das Café befindet sich im vierten Bezirk, zwischen dem Naschmarkt und der Technischen Universität. Es ist ein Souterrainlokal, in dem der Flohmarkt stilbildend gewirkt hat: Von der Decke hängt ein Kristalllüster, die Gäste versinken in wild zusammengestellten Polstermöbeln, ein gesticktes Katzenbild hängt an der Wand aus unverputzten Backsteinen, gerahmte Familienfotos erinnern an ein trutschiges Wohnzimmer.

Junge Gäste im Café Vollpension.

„Oma-Turbo-Kitsch“ nennt Moriz Piffl diesen Stil. Er ist 40 Jahre alt, stammt aus Graz, hat sich als Designer und Markenentwickler versucht. In seinem Lieblingscafé war ihm der Kuchen zu trocken, auch sein Freund befand: „Der von der Oma war besser.“ So kam es zu einer Idee, die Piffl vor sieben Jahren umsetzte: Während der im Herbst stattfindenden Vienna Design Week eröffnete er in einer leer stehenden Schneiderei ein Café als Pop-up, in dem Rentnerinnen Kuchen backten – mit solchem Erfolg, dass es bis in die Adventszeit geöffnet blieb. Piffl kam der Gedanke, das Konzept in einem Kaffeehaus dauerhaft zu verwirklichen. „Es gab viel Zuspruch“, erinnert er sich, „aber auch Skepsis: Das funktioniert als Event zu Weihnachten, aber dann geht der Spirit verloren.“ Außerdem herrscht in Wien nicht gerade ein Mangel an Cafés.

Trotzdem gründete Piffl mit Hannah Lux und Julia Krenmayr 2014 die Vollpension Generationencafé GmbH. Die drei waren sich einig, was sie nicht wollten: Sozialarbeit für alte Menschen betreiben, die von einem Träger finanziert wird. Sie suchten auch keinen Investor, sondern nahmen einen Kredit über 500 000 Euro auf, um das Generationencafé als gastronomischen Betrieb führen zu können. Statt den geschützten Raum einer Kirchengemeinde zu suchen, gingen sie ins quirlige Freihaus-Viertel und pachteten Räume, in denen sich zuvor eine heruntergekommene Pizzeria befunden hatte.


Links: die Vollpension–Gründer Julia Krenmayr, Hannah Lux und Moriz Piffl. Rechts: Michele Ricci, der als Opa vom Dienst der Oberkellner des Generationen-Cafés ist

„Das war das Einzige, was wir uns leisten konnten“, sagt die Vollpension-Geschäftsführerin Hannah Lux. Die 32-Jährige hatte nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre und einem Master in Politischem Unternehmertum für eine Nichtregierungsorganisation gearbeitet. Ihre Erfahrung: „Es ist hinderlich für Kreativität und Innovation, wenn man sich in Förderstrukturen einfügen muss.“ Deshalb war klar: Das Generationencafé sollte nicht am Tropf eines Trägers hängen, sondern als Un- ternehmen geführt werden. „Wir sind kein Sozialprojekt, wir wollen Geld verdienen“, sagt sie. „Dabei wollen wir die sozialen und wirtschaftlichen Ziele ausbalancieren. Sie sind uns gleich wichtig.“

Michele Ricci, der Opa vom Dienst, schlurft zu einem Tisch und fragt den Gast, ob er seinen Verlängerten mit Zucker oder Süßstoff will. Dann räumt er die Spülmaschine aus, stellt die Gläser gewissenhaft zur Zapfanlage, die Tassen kommen auf die große italienische Kaffeemaschine. Als Gastgeber soll er das ganze Café im Blick haben. Aber das schafft er nicht. Es ist ein Nachmittag unter der Woche, und die Vollpension ist voll. Junges Publikum sitzt in Omas ironisch gebrochenem Wohnzimmer, und Opas Aktionsradius reicht nicht mehr bis zu den Tischen am Eingang.


Links: ein Gast im Stammhaus der Vollpension. Rechts: Hilde Bilek, Oma vom Dienst im Ableger, der im Oktober in der Wiener Privatuniversität für Musik und Kunst aufgemacht hat

Gespräche schwirren durch den Raum, Studenten arbeiten am Laptop. Sie sitzen lange an einem Heißgetränk und füllen kostenlos ihre Wasserflaschen auf. Hinter dem Tresen stehen zwei Rentnerinnen mit weißen Schürzen und backen Mohnkuchen und Nutella-Gugelhupf. Hinter ihnen hängen vier Heißluft-Backöfen an der Wand. Sie sind mit Neonröhren futuristisch bunt beleuchtet. Ein Gast wählt aus der Vitrine eine Malakofftorte. Marie Scheuer bringt sie ihm an den Tisch, sie ist 25 Jahre alt und Studentin, wie die meisten Servicekräfte im Generationencafé. Vor zwei Jahren suchte sie einen Nebenjob als Kellnerin. Rings um die Vollpension hatte sie reichlich Auswahl: Sushiladen, Italiener, Bars, Kneipen. Sie bewarb sich in ihrem Lieblingscafé. Und schwärmt von den Senioren, mit denen sie hier zusammenarbeitet. Zora Kucakova, die Mohnkuchenbäckerin, hat in Bratislava gelebt, bevor sie als Rentnerin nach Österreich zog. Und Michele Ricci hat früher internationale Geschäfte gemacht, Genaues will er nicht verraten. „Wenn sein Dienst zu Ende ist, verabschiedet er sich rührend von allen“, erzählt Marie, „und die Gäste kriegen einen Eierlikör.“

Die Vollpension beschäftigt 80 Mitarbeiter. Gut die Hälfte sind Rentner oder Frührentner, Mindestalter: 55 Jahre. Wer zweimal die Woche arbeitet, bekommt 400 Euro im Monat. Ein gelernter Kellner in Vollzeit verdient 1750 Euro. Als Backleiterin wurde eine junge Konditorin eingestellt, die zuvor im Hotel Sacher gearbeitet hat. Im vergangenen Jahr verkaufte man 85 000 Stück Kuchen, und das Sozialunternehmen machte 1,15 Millionen Euro Umsatz. Aufgrund des Erfolgs hat die Vollpension seit Oktober einen Ableger: Das Café befindet sich in der Privatuniversität für Musik und Kunst, zwischen Staatsoper und Stephansdom. Das ehemalige Konservatorium wollte seine unterkühlte Kantine verschönern und auch für Gäste von außen attraktiv machen.

Auch hier setzt Piffl auf Nostalgie in einem coolen Rahmen. Über einem neonblauen Kamin hängen Kitschbilder, die Kuchen werden in einem gläsernen Flügel präsentiert. Die Oma vom Dienst heißt Hilde Bilek. Sie ist 77 Jahre alt und führte früher ein Gasthaus im 14. Bezirk. „Vor fünf Jahren ist mein Mann gestorben. Ein Jahr später kam meine Enkelin und sagte: Jetzt schau dir mal dieses Kaffeehaus an!“, erzählt sie. Sie wirkt freundlich resolut, das Leben als Wirtin hat sie geprägt. „Ich hab’ gelernt, die Goschn zu halten“, sagt sie. „Du darfst nicht alles sagen, manches darfst du bloß denken. Und als Oma darfst du nicht alles besser wissen.“

Eingestellt wurde sie von der Mitgründerin Julia Krenmayr, die im Sozialunternehmen für das Generationenmanagement zuständig ist, in einem herkömmlichen Betrieb wäre sie die Personalerin. Die 32-Jährige hat zuvor als Kunsttherapeutin und Organisationsentwicklerin gearbeitet. Für das ungewöhnliche Café bekam sie 350 Bewerbungen. „Die jungen Alten suchen neue Angebote“, sagt sie, „die wollen nicht nur über Krankheiten reden und zum Taubenfüttern in den Park geschickt werden. Die Arbeit ist wichtig – weil sie den Knotenpunkt für soziale Kontakte bildet.“

Krenmayr sieht die Vollpension als Experimentierfeld für das Miteinander der Generationen. Sie staunt, wie selten die alten Leute sich krank melden. Wenn, dann gehe es allerdings um längere Ausfallzeiten, weil jemand zum Beispiel eine neue Hüfte braucht. Zwar habe man eigens einen Sozialarbeiter eingestellt, ziehe aber bei aller Empathie auch Grenzen: „Wir können keine längerfristige therapeutische Begleitung leisten. Wir verteilen keine Almosen, sondern befinden uns in einem Arbeitsverhältnis.“ Von einer Rentnerin hat man sich getrennt – es war nicht klar, ob ihre Sturheit von einer Altersdemenz herrührt.

„Wir wollen aber nicht die normale Logik der Gastronomie über unseren Betrieb stülpen“, sagt die Generationenmanagerin. Sie hat sich an Lösungen herangetastet, die in diesem Sozialunternehmen funk- tionieren. Wenn Michele Ricci nicht das ganze Kaffeehaus im Griff hat, ist das nicht schlimm – die Jungen kompensieren das. Die Arbeitszeit wurde an die Leistungsfähigkeit der Alten angepasst. Eine Schicht dauert jetzt nur noch fünf Stunden.

Oma Hilde wirkt so lebendig, als könnte sie den ganzen Tag durchs Café springen. „Die Leut’ sekkieren, das tu’ ich gern“, sagt sie mit Schmäh, das bedeutet, sie stichelt gern ein bisschen. Aber sie spürt auch die Anstrengung. „Nach fünf Stunden bin ich froh, dass ich heimgehen kann. Dann setz’ ich mich auf die Couch und freu’ mich auf den Fernsehschlaf.“ ---