Den Beruf lieben? Muss nicht sein.

Der Jurist und Sachbuchautor Volker Kitz plädiert für eine gesunde Distanz zum Job.



© Andreas Labes


brand eins: Herr Kitz, arbeiten Sie gern?

Volker Kitz: Was ich beruflich mache, hat viele Facetten. Manches mache ich sehr gern, anderes nicht. Heute bin ich freier Autor und lebe von meinen Büchern und Vorträgen. Früher habe ich als Jurist in Unternehmen und Verbänden gearbeitet.

Sind Sie aus der Angestellten-Existenz ausgebrochen, um sich als Autor zu verwirklichen?

Überhaupt nicht. Irgendwann wurde die Doppelbelastung, Vollzeit zu arbeiten und parallel Bücher zu schreiben, zu viel. Ich hätte auch kein Problem damit, wieder als Jurist zu arbeiten.

Sie schreiben in Ihrem Bestseller „Feierabend!“, dass man „für seinen Job nicht brennen muss“. Was stört Sie daran, wenn Menschen ihre Arbeit gern machen und darin vielleicht sogar Erfüllung finden?

Daran stört mich gar nichts. Aber es wird so getan, als wäre das der Normalzustand – und als würde bei jedem, dem es nicht so geht, etwas nicht stimmen. Ich glaube nicht, dass Millionen Angestellte ein unglückliches Leben führen. Sie arbeiten in einer Buchhaltung, im Finanzamt, bei einer Versicherung, an der Supermarktkasse oder fahren eine Straßenbahn. Das ist die große Masse der Berufstätigen. Sie müssen sich angesichts all der Berichte über Leute, die sich mit ihrer Arbeit einen Lebenstraum erfüllen, vorkommen, als wären sie Idioten, die in ihrem Leben etwas Entscheidendes falsch gemacht haben. Aber das stimmt nicht. Etwas gern zu machen heißt ja auch nicht automatisch, dass man es gut kann. Dass Leidenschaft nicht zwangsläufig Fähigkeit bedeutet, sieht man in den TV-Castingshows: jede Menge Herzblut, oft bei begrenztem Können.

Was ist falsch daran, sich zu fragen, ob einem die Arbeit gefällt oder man vielleicht lieber etwas anderes machen möchte?

Niemand sollte etwas machen, das er furchtbar findet – und niemand etwas, das er nicht kann. Aber in der öffentlichen Diskussion werden die emotionalen Anforderungen an den Job sehr hoch gehängt. Wenn man nicht jeden Tag strahlt vor Glück, dann stimmt angeblich etwas nicht. Das ist eine heillose Überforderung, die weder dem Einzelnen noch den Unternehmen guttut. Ich kenne viele Menschen, die mit ihrer Arbeit vor allem ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Sie haben noch andere Inhalte in ihrem Leben, die sie glücklich machen: Freunde, Familie, Sport, Reisen. Arbeit muss bei ihnen nicht alle Bedürfnisse erfüllen.

Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich in meinem Beruf mehr sehe als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen?

Schön für Sie! Aber das ist kein Maßstab für alle. Durch die unzähligen Berichte über Leute, die aus der Job-Routine ausbrechen und stattdessen etwas Aufregendes oder Exotisches machen, wird den gewöhnlichen Angestellten der Eindruck vermittelt, es genüge nicht, was sie machen. Wie sehr sie darunter leiden, habe ich am Echo auf mein Buch gemerkt: Sie fühlen sich missachtet. Ich will mehr Wertschätzung für Leute, die mit einem normalen Job die Wirtschaft am Laufen halten.

Man hat nur ein Leben. Was ärgert Sie daran, dass Menschen aus der Routine ausbrechen?

Mich ärgert die romantische Verklärung bei solchen Aussteigergeschichten: vom Banker oder Werber zum Craftbierbrauer oder Biobauern. Es gibt den immer gern bemühten Fall des erfolgreichen Herzchirurgen, der kündigte, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen und Lkw-Fahrer zu werden, eine wahre Geschichte. Das Beispiel soll zeigen, dass man sich von allen Zwängen befreien und seinem Herzen folgen soll. Die romantische Verklärung lautet: Es ist so einfach. Aber für den Lkw-Fahrer, der aussteigen und Herzchirurg werden will, ist es etwas komplizierter als umgekehrt. Man braucht die intellektuellen und finanziellen Möglichkeiten für so einen Ausstieg. Wer in München für eine Familie sorgen und die Raten fürs Eigenheim tilgen muss, kann nicht mal eben eine Surfschule in Kalifornien aufmachen.

Wieso kann der Anspruch auf Selbstverwirklichung im Job für Unternehmen zum Problem werden?

Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die ihre Aufgaben beherrschen. Wenn das mit unrealistischen Ansprüchen auf Selbstverwirklichung kollidiert, wird es schwierig. Leidenschaft und Sinnerfüllung ersetzen weder Kompetenz noch Zuverlässigkeit. Ich will, dass mein Arzt oder ein Handwerker seine Arbeit gut macht, ob mit oder ohne Selbstverwirklichung. Selbst bei Chirurgen, die jeden Tag am offenen Herzen operieren, setzt irgendwann Routine ein. Viele Jobs bestehen zu einem Großteil aus Routinen. Das sorgt für große Effizienz und eine geringe Fehlerquote. Akten zu bearbeiten klingt nicht besonders aufregend. Aber als Jurist weiß ich, dass das bei aller Routine anspruchsvoll und ein durchaus kreativer Vorgang sein kann.

Wenn die Suche nach Sinn eher hinderlich ist – wären dann Roboter für Sie die idealen Arbeitnehmer?

Überhaupt nicht. Denn in vielen Berufen ist Empathie notwendig – in der Pflege, in der Erziehung, im Service. Aber professionelle Empathie und Freundlichkeit sind etwas völlig anderes als private Zuneigung oder gar Leidenschaft. Natürlich will niemand eine sinnlose Tätigkeit ausüben. Aber auch hier hängt die Latte, ab der eine Tätigkeit angeblich sinnvoll ist, viel zu hoch. Jeder findet eine Schule in Afrika sinnvoll, aber eine Grundschullehrerin in Hannover wird müde belächelt. Nur weil etwas alltäglich und nicht besonders exotisch ist, ist es nicht weniger sinnvoll.

Verschafft eine sinnvolle Arbeit automatisch Sozialprestige?

Nicht wenn sie alltäglich ist. Im Krankenhaus zu putzen ist aus hygienischen Gründen lebensnotwendig. Aber die gesellschaftliche und finanzielle Wertschätzung für solche Arbeiten ist gering. Statt unreflektiert Sinn und Leidenschaft zu feiern, sollte man mehr über eine angemessene Bezahlung reden. Ich werde misstrauisch, wenn ich in Stellenanzeigen viel über das tolle Team, Obstkörbe und das Versprechen lese, hier könne man etwas bewegen – aber nichts über die Bezahlung. Ich habe nichts gegen eine gute Atmosphäre, im Gegenteil. Aber ohne faire Bezahlung hat der Obstkorb keinen Wert.

Was Sie kritisieren, gilt nicht für Selbstständige und Unternehmer – sie leben von ihrem Engagement.

Auch da kann Überidentifikation mit dem Beruf blind machen, zum Beispiel dafür, dass ein Geschäftsmodell schon lange nicht mehr funktioniert oder auf Kosten des Privatlebens oder der Gesundheit geht. Ich kenne umgekehrt Selbstständige, die ein relativ leidenschaftsloses Verhältnis zu ihrer Tätigkeit haben und gute Arbeit machen: Ärzte, ITler, Berater und Rechtsanwälte. Die finden ihren Job weder besonders toll noch besonders schlimm, aber sie beherrschen ihn. ---

Volker Kitz, 44, ist promovierter Jurist, Sachbuchautor und Redner. Zu seinen Veröffentlichungen zählen „Stimmt’s oder habe ich recht? Welche Gesetze Sie unbedingt kennen müssen, um nicht für dumm verkauft zu werden“, „Ohne Chef ist auch keine Lösung – Wie Sie endlich mit ihm klarkommen“ und „Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss“.