Das geht

Das Wärmemobil

Viel zu viel Abwärme verpufft einfach in der Atmosphäre. Anderswo könnte sie gut genutzt werden, doch die Logistik ist komplex. Eine Möglichkeit: mobile Wärmecontainer.




• Im Kinderbecken, Wassertemperatur 30 Grad Celsius, planschen zwei Jungs unter Sonnensegeln. Durchs Sportbecken im Hallenbad, 28 Grad, zieht eine Schwimmerin einsame Bahnen, im Warmwassersprudelbecken, 34 Grad, räkeln sich Senioren. Ganz offensichtlich: Frieren muss hier keiner. Und das, obwohl im gerade sanierten Hallen- und Freibad Stampfi im Schweizer Örtchen Rothrist nirgendwo eine Heizung installiert ist. Die Wärme kommt einzig aus drei silbern glänzenden Lkw-Anhängern, die ein paar Meter weiter zwischen Fußballplatz und Almwiesen parken. Wäre sie nicht in den Containern gelandet, die Wärme wäre schlicht verpufft – ungenutzte Abwärme aus der Müllverbrennung.

In Rothrist sind seit Kurzem mobile Wärmecontainer im Einsatz, die von der Lena Service GmbH aus Landsberg entwickelt wurden. Das Prinzip ist simpel: Abwärme wird aufgefangen, gespeichert und dorthin transportiert, wo sie gebraucht wird. Vor allem für Biogasanlagen kann das Konzept attraktiv sein, denn sie sind relativ klein und befinden sich meist draußen auf der grünen Wiese. Auch Müllverbrennungs- oder Industrieanlagen kommen als Quellen infrage. Potenzielle Abnehmer sind alle, die es ganzjährig warm brauchen, etwa Schwimmbäder, Trocknungsanlagen, Gewächshäuser.

Im Nachbarort Oftringen pufft die Erzo weißen Dampf in den Himmel, die Müllverbrennungsanlage der Entsorgung Region Zofingen. Vier Rohre sind an der Rückseite installiert, daran vier dicke schwarze Schläuche. Zwei Container können hier gleichzeitig mit Wärme aufgeladen werden. Über sechs bis acht Stunden hinweg fließt dafür fast kochendes Wasser aus einem Schlauch in den Tank und durch das Rohrbündel eines Wärmetauschers hindurch; dieser erwärmt ein Speichermedium, Natriumacetat-Trihydrat. Das kennt man aus den Wärmekissen, die man sich im Winter in die Tasche steckt: Kristallisiert die enthaltene Flüssigkeit langsam aus, gibt sie Wärme ab. So funktionieren auch die großen Latentwärmespeicher.

Weniger als fünf Kilometer muss der Lkw fahren, um einen Tank voller Wärme von der Erzo zum Schwimmbad zu bringen. Vier Rohre auch dort, vier Schläuche, der gleiche Vorgang, nur rückwärts.

Ob es sinnvoll ist, Wärme auf die Reise zu schicken, hängt von der Distanz ab. Für weniger als 1,5 Kilometer vom Wärmeerzeuger zum Abnehmer sei ein Nahwärmesystem besser geeignet, sagt Tobias Schmid, Geschäftsführer der Firma Lena. Müsse der Lkw mehr als zehn Kilometer zurücklegen, verderbe dessen Spritverbrauch die Ökobilanz. Es gehe also um Distanzen im Bereich dazwischen.

„Rein energetisch kann der Wärmetransport dafür sinnvoll sein“, sagt Eberhard Lävemann vom Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung in Garching. „Von der Wirtschaftlichkeit her kann er wohl noch nicht ganz mit Gas oder Öl konkurrieren.“ Doch steigende Energiekosten und eine mögliche CO2-Steuer könnten das bald ändern. „Unser Business Case“, sagt dagegen Robert Daschner, „hat gezeigt: Für
bestimmte Anwendungsfälle funktioniert das wirtschaftlich gesehen schon ganz gut.“ Das Team um Daschner beim Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen hat 2013 ein eigenes Forschungsprojekt zum Wärmetransport per Natriumacetat-Container abgeschlossen.

„Wir wollen pro Fahrt möglichst viel Wärme transportieren“, sagt Lena-Ingenieur Henryk Bednarek. 2,3 Megawattstunden Heizwert liefert ein Container mit einer Ladung ab – so viel, wie in rund 230 Litern Heizöl stecken. Seit Anfang 2018 tüftelt er an den Containern. Begeistert erklärt Bednarek Wärmepumpen in allen Details oder diskutiert über Wirkungsgrade. Für den Autobauer BMW hat er unter anderem eine Standheizung entwickelt, die aus gespeicherter Motorwärme gespeist wird. Heute ist er „Rentner im Unruhestand“, wie er sagt, Teilhaber der Lena Service GmbH und inoffizieller Entwicklungschef des Vier-Mann-Betriebes. Im April 2017 wurde die Firma aus einem ehrenamtlichen Energiewende-Verein ausgegründet; schon dort war die effektive Nutzung von Wärme ein heißes Thema. Federführend bei der Ausgründung waren Bednarek und Schmid. Der Ingenieur vertiefte sich in die Technik, der Geschäftsführer kümmerte sich um wirtschaftliche und organisatorische Aspekte.

Inzwischen haben die Gründer Kaufverträge für acht weitere Container in der Tasche: Die teilweise vom Bundesumweltministerium geförderten Projekte laufen in Landsberg, Hannover und Saarlouis. Die Lena Service GmbH ist zwar nicht als erster Anbieter auf dem Markt, plant aber, mit einem Paket aus Containerbau und Beratung zu punkten. Außer den vier bestehenden Kunden hat das Unternehmen einige Anfragen, und so rechnet Tobias Schmid vom Jahr 2021 an mit schwarzen Zahlen für das Unternehmen.

Für einen Einsatz der Container ohne Fördermittel kalkulieren die Gründer derzeit mit einem Vollkostenpreis von sieben bis neun Cent, den sie pro Kilowattstunde Wärme verlangen müssten, durchaus vergleichbar also mit Fernwärme, Öl und Gas. Die Rechnung setzt allerdings voraus, dass die Produzenten ihre Abwärme verschenken – tatsächlich sind die oft froh darum. Bei der Stromproduktion in Biogasanlagen etwa entsteht viel Wärme. Seit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2012 sind neue Anlagen verpflichtet, mindestens 60 Prozent dieser Wärme zu nutzen.

„Wenn die Leute von der Energiewende reden“, sagt Tobias Schmid, „meinen sie oft nur den Stromsektor. Aber ein Großteil der Energie wird in Deutschland zum Heizen verbraucht.“ Und da gibt es viel ungenutztes Potenzial. Höchste Zeit also, dass auch die Wärmewende ins Rollen kommt. ---