Korrespondentenbericht

Blick von außen auf Deutschland: Südafrika





• Im Juni 1976 gingen Tausende Schüler in Soweto auf die staubigen Straßen. Sie protestierten gegen die Apartheid und gegen die Einführung der Schulsprache Afrikaans, die dem Deutschen ähnlich ist. Die Polizei rückte mit Panzerwagen an, die aus Mercedes-Teilen zusammengesetzt waren. Der erste Schüler wurde von einem Oberst namens Kleingeld erschossen – insgesamt kamen fast 700 ums Leben.

Kein Wunder, dass Deutsches bei der schwarzen Bevölkerungsmehrheit am Kap nicht hoch im Kurs steht – von BMW oder Bulthaup-Küchen einmal abgesehen. Mehr als ein Drittel der Afrikaans sprechenden Buren haben deutsche Vorfahren.

Als die Schüler in Soweto protestierten, studierte der damals 22-jährige Khulu Mbatha Philosophie an der Universität von Zululand. Dort brachte ihm ein burischstämmiger Professor deutsche Philosophen wie Immanuel Kant und Georg Friedrich Hegel nahe. Seitdem ließ den schwarzen Südafrikaner die Frage nicht mehr los, wie ausgerechnet das Land solcher beeindruckender Denker die gesamte Welt gleich in zwei verheerende Kriege stürzen konnte.

Heute sitzt der 65-Jährige in seiner Villa in einem gehobenen Wohnviertel von Pretoria, das einst Weißen vorbehalten war. An den Wänden hängen Hunderte Fotos. Sie zeigen den Hausherrn mit Nelson Mandela, Bill Clinton, Erich Honecker oder Edmund Stoiber. Mbathas Lebensgeschichte führte ihn fast um den gesamten Erdball und machte ihn zum außenpolitischen Berater des südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa. Ein Ort sei der mit Abstand wichtigste seines bisherigen Lebens, sagt er in fließendem Deutsch: Jena.

Nach dem Schüleraufstand verließ Mbatha wie Tausende andere seine Heimat, um sich dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) anzuschließen. In einem tansanischen ANC-Camp wurde er gefragt, ob er lieber kämpfen oder studieren wolle – dann könne er der Bewegung später als Experte dienen. Mbatha überlegte nicht lange und bewarb sich mit Erfolg um ein Stipendium in der DDR. Im Gegensatz zur Bundesrepublik hatte sich Ost-Berlin von Anfang an hinter den ANC gestellt.

Nach einem Jahr Deutschunterricht in Leipzig schrieb sich der Südafrikaner 1979 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena als Student der Philosophie ein – und war angetan von dem geistigen Klima dort. Seine Kommilitonen kamen aus Kasachstan, Mosambik oder dem Jemen, und selbst aus dem feindlichen Westen, den USA und Großbritannien, hatten sich Studenten eingeschrieben. „Ich fühlte mich sofort wohl“, erinnert sich Mbatha. Weder die obligatorischen Ernteeinsätze noch die Nachtschichten in einem Dresdener Stahlwerk konnten ihm die Laune verderben. „Alles, was ich heute bin, verdanke ich meiner Zeit in Jena“, sagt Mbatha. In zehn Thüringer Jahren habe er keinen einzigen rassistischen Zwischenfall erlebt.

Als einer der wenigen konnte der Student damals mühelos von Ost- nach Westdeutschland gelangen: Für Reisen musste er lediglich das Einverständnis des ANC einholen. Auf die Frage, warum er bei einer seiner Westreisen nicht einfach „drüben“ geblieben sei, erwidert Mbatha verblüfft: „Und warum hätte ich das tun sollen?“

Seinem Studium fügte der Philosoph noch eine Promotion über Südafrikas „Nationale Frage“ hinzu. Dann fiel die Mauer, und mit dem Ende des Kalten Krieges endete die Apartheid in Südafrika. Nach Nelson Mandelas Freilassung und der Aufhebung des ANC-Verbots kehrte Mbatha erstmals nach 25 Jahren wieder in seine Heimat zurück, um an den Gesprächen zwischen der weißen Minderheitsregierung und dem ANC über die künftige Verfassung des Landes teilzunehmen und anschließend den – seiner Meinung nach völlig misslungenen – Übergang der Befreiungsbewegung zur Regierungspartei zu begleiten.

Auf die Frage, was er fürs Leben aus Jena mitgenommen habe, sagt er: vielleicht die marxistische Gesellschaftsanalyse – vor allem aber Pünktlichkeit, die Bereitschaft zu harter Arbeit und die Fähigkeit zu exaktem Denken. „Ich bin ein schwarzer Deutscher.“

1996 zog Mbatha für zwei Jahre als Generalkonsul nach München. Nach weiteren Stationen in New York und Pretoria berät er seit einem Jahr Südafrikas Präsidenten in außenpolitischen Fragen. Voll des Lobes ist er für Angela Merkel, sie habe sich als „hervorragende europäische Führerin“ erwiesen: „Sie war ein Gottesgeschenk.“

In Afrika wird die Kanzlerin vor allem wegen der Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge geschätzt. Als Merkel im Oktober des vergangenen Jahres ihren Rücktritt als Parteichefin bekannt gab, war Mbatha mit seinem Chef gerade zu Besuch im Berliner Kanzleramt: „Das war ein trauriger Tag.“

Mit Khulu Mbatha sitzt heute ein in der DDR geprägter Kant- und Hegel-Verehrer an wichtiger Stelle eines der bedeutendsten afrikanischen Staaten. Hat er mittlerweile eine Antwort auf die Frage gefunden, wieso ausgerechnet das Volk der Dichter und Denker zwei Weltkriege vom Zaum gebrochen hat? Das sei in einigen wenigen Sätzen leider nicht zu beantworten, sagt Mbatha. Aber für mehr ist hier kein Platz. ---