Korrespondentenbericht

Blick von außen auf Deutschland: Israel





• Vor Kurzem besuchte ich Festlichkeiten in Tel Aviv anlässlich des jüdischen Feiertags Simchat Tora, an dem der jährliche Zyklus der Tora-Lesung endet. Beim anschließenden Small Talk erzählte ich einem der Anwesenden, dass ich demnächst nach Deutschland flöge. „Oh, ich bin so neidisch“, seufzte der Kippa tragende junge Mann, der eben noch mit Tora-Rolle im Arm durch die Synagoge getanzt war, wie es der Brauch an diesem Tag verlangt. „Warum?“, fragte ich, „was gefällt dir so sehr an Deutschland?“ Er grinste. „Billige Drogen!“

Es war nicht eben die Antwort, die ich von einem frommen Israeli erwartet hätte. Doch in Tel Aviv geht vieles zusammen: beten und kiffen, Berlin lieben und deutsche Politik ablehnen, mit Geschichten von der Flucht aus Nazideutschland aufwachsen und vom Studium in München träumen. Der Blick auf die Bundesrepublik ist so vielfältig und widersprüchlich wie die israelische Gesellschaft selbst.

Fragt man Israelis, was ihnen als Erstes einfällt, wenn sie an Deutschland denken, antworten die meisten mit dem Holocaust. Erstaunlich ist, wie freundlich die meisten trotzdem auf Deutschland blicken. Vor vier Jahren, als sich die deutsch-israelischen Beziehungen zum 50. Mal jährten, fragten sowohl die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) als auch die Bertelsmann Stiftung nach dem bilateralen Verhältnis. Ergebnis: Gut zwei Drittel der Israelis sehen Deutschland positiv, nur ein Viertel negativ. Ebenso ist mein persönlicher Eindruck: In fünf Jahren habe ich auf die Nennung meiner Herkunft eine einzige feindselige Antwort erhalten.

Für viele junge, linksliberale Tel Aviver ist Deutschland vor allem Berlin. Und Berlin, das sind niedrige Mieten, billiges Bier und ein gut gelaunter Kosmopolitismus, der israelische Besucher von der Bürde befreit, sich mit der deutschen Sprache herumzuschlagen. In Berlin waren 2018 rund 5300 Israelis amtlich gemeldet. Die israelische Botschaft geht von insgesamt etwa 15 000 aus.

Allerdings bildet das liberale Tel Aviv nicht die Gesamtgesellschaft ab. Während der Blick der arabischen Minderheit laut Umfragen nicht wesentlich von dem der jüdischen Mehrheitsgesellschaft abweicht, bewerten religiöse Israelis die Bundesrepublik weniger freundlich. Viele halten die Bundesregierung für naiv gegenüber muslimischen Migranten und für voreingenommen gegenüber Israel.

Unternehmer, die mit deutschen Firmen Geschäfte machen, amüsieren sich oft über deren Neigung, detaillierte Pläne zu schmieden und sich anschließend auch noch daran zu halten. Israelis improvisieren lieber. Dennoch genießt Made in Germany hierzulande einen ausgezeichneten Ruf. „Für 51 Prozent ist die Tatsache, dass ein Produkt aus Deutschland kommt, ausschlaggebend für die Kaufentscheidung“, heißt es in der KAS-Studie. Auch deshalb prangen Hinweise auf „deutsche Qualität“ selbst auf Produkten wie Tee oder Brot. Vor einigen Jahren kaufte ich zufällig ein Waschmittel, auf dessen Verpackung die deutsche Fahne abgedruckt war, zusammen mit dem stolzen Versprechen in hebräischen Lettern: „Deutsche Technik“.

Auch die Klassiker der deutschen Exportwirtschaft sind beliebt: Deutsches Bier zählt zum Standardangebot der meisten Bars (zu meinem norddeutschen Bedauern meist bayerische Marken). Und auf einer Rangliste von Neuzulassungen teurer Autos steht Mercedes an erster Stelle, gefolgt von BMW und Audi. Auch Benjamin Netanjahu ist ihrem Charme erlegen: Vor einigen Jahren postete das Büro des Premierministers auf seinem offiziellen Twitter-Account das Foto eines Audi A8, ein Wagen aus der Flotte des Premiers. Ein regierungskritischer Blogger verfasste daraufhin einen wütenden Text, der mit dem Satz begann: „Als ich Kind war, kauften Juden keine deutschen Autos.“

Das ist Vergangenheit. Gewiss gibt es auch heute noch Israelis, die alles Deutsche meiden. Doch die große Mehrheit trennt zwischen Nazideutschland und der modernen Bundesrepublik. Das schließt viele der 200 000 Holocaust-Überlebenden ein, die in Israel leben. Diejenigen von ihnen, die ich kennenlernen durfte, darunter mein aktueller Vermieter, begegneten mir ausnahmslos mit großer Herzlichkeit.

Allerdings haben ältere Israelis häufig mehr Sympathien für Deutsche als die junge Generation. Vermutlich liegt das am politischen Klimawandel: Während in Deutschland die jüngere Generation nach links strebt, wählen junge Israelis weit häufiger rechte Parteien als ihre Eltern. Die Älteren haben noch die Anfänge des Friedensprozesses mit den Palästinensern erlebt, während die Jüngeren sich vor allem an militante Aufstände, Selbstmordattentate und Raketenbeschuss erinnern. Viele von ihnen halten europäische Appelle, Konflikte im Nahen Osten durch Verhandlungen zu lösen, für naiv und die Kritik an Israel vonseiten westlicher Staaten, Deutschland eingeschlossen, für überzogen.

Die genannte Bertelsmann-Studie dürfte sie darin bestärken. Darin wurde auch die deutsche Perspektive auf Israel abgefragt. Das Ergebnis: Nur 36 Prozent der Deutschen haben eine gute Meinung von Israel; 35 Prozent setzten Israels Palästinenserpolitik sogar mit dem Nationalsozialismus gleich. Zwei Generationen nach dem Holocaust blicken Israelis gnädiger auf das Land der Täter als die Deutschen auf den jüdischen Staat. ---