Alwin baut ein Schiff

Dank 3D-Druck können Kinder ihr eigenes Spielzeug konstruieren. Die Technik der Magdeburger Firma Tinkertoys begeistert auch Erwachsene.




• 3D-Drucker faszinierten Sebastian Friedrich, heute 32, schon als Student. Er setzte sich in den Kopf, dass er auch einen bräuchte, nein, am besten gleich mehrere. Gemeinsam mit Kommilitonen beantragte er Mittel und erreichte so, dass die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ein sehr gut ausgestattetes FabLab bekam. Als die Drucker dann in der IT-Werkstatt standen, stellte sich allerdings die Frage: Was damit anfangen?

Der angehende Ingenieur Friedrich wollte ein Unternehmen gründen, so viel wusste er, aber konkreter wurde der Plan lange nicht – bis er auf die Maschinenbauer hörte, die ins FabLab kamen. Die lästerten nämlich meist: „Damit kann man ja nur Spielzeug machen.“ – „Stimmt eigentlich“, dachte Friedrich. „Gute Idee.“

Gemeinsam mit zwei Kollegen gründete er 2015 die Firma Tinkertoys. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass Spielzeug aus dem 3D-Drucker eigentlich nicht konkurrenzfähig ist, sagt Sebastian Friedrich: Es ist teuer, kann wenig und sieht nicht besonders gut aus.

Der einzige Vorteil ist, dass jedes Teil anders aussehen kann. Ein gutes Verkaufsargument in Zeiten, in denen Menschen dafür zahlen, dass sie ihre Turnschuhe gestalten und ihr Müsli selbst mischen lassen dürfen. So entwickelten die Gründer eine App, mit der Kinder ihr eigenes Spielzeug konstruieren. Wenn es ausgedruckt ist, holen sie es im Laden ab oder bekommen es zugeschickt.

Das Geschäft hat sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt: Der Verkauf von individuell designtem Spielzeug trägt heute 10 Prozent zum Umsatz bei, der bei 500 000 Euro liegt. „Irgendwann haben wir verstanden, dass wir nicht nur das Spielzeug verkaufen, sondern vor allem den Prozess des Selbermachens“, sagt Friedrich.

Seitdem packt die Firma ungefähr 50-mal im Jahr Sitzsäcke und Holztische ein und stellt sie bei Geschäftskunden auf. Wenn ein Autokonzern ein neues Modell vorstellt zum Beispiel oder ein Möbelhaus mit einer Aktion Kunden anlocken will. Statt im Bällebad zu toben, konstruieren die Kinder der Kunden dann Möbel oder ein Auto. Das gefällt den Eltern, die das Gefühl haben, dass ihre Kinder sich sinnvoll beschäftigen – und den Autokonzernen und Möbelhäusern, die den Eltern dieses gute Gefühl vermitteln. Tinkertoys druckt die Spielzeuge und schickt sie per Post. Diese Sparte trägt mit 20 Prozent zum Umsatz bei.

Außerdem druckt die Firma für Industrie und Handwerksbetriebe Objekte aus, vor allem Ersatzteile und Prototypen. Dieses Geschäftsfeld macht 30 Prozent des Umsatzes aus.

Die kritischsten Kunden sind aber die Kinder. Zum Beispiel Alwin Weigelt, fünf Jahre alt. Auf dem Tisch vor ihm: ein Elefant mit einem schraubenförmigen Rüssel und eine hellblaue Tonne auf Tentakeln.

„Na, ist irgendwas anders hier als bei anderem Spielzeug?“, fragt Sebastian Friedrich. Alwin sieht ihn fragend an. „Das hier haben sich alles Kinder selbst ausgedacht. Weißt du schon, was du machen willst?“

„So ein Schiff!“ Alwin hebt einen Dampfer hoch.

Alwins Vater Martin Weigelt ist die eigentliche Zielgruppe von Tinkertoys: technikbegeisterte Eltern, die ihren Kindern diese Faszination vermitteln wollen.

Der karge Laden wirkt etwas zu groß für die paar Sitzsäcke und Holztischchen mit Touchscreens. Im Hinterzimmer klicken junge Leute auf ihren Rechnern herum. Zwei der drei Gründer arbeiten für die Firma – der dritte ist ausgestiegen –, zusätzlich sechs Angestellte. Sie entwickeln die Software, designen Objekte und kümmern sich ums Marketing.

Ohne öffentliches Geld gäbe es Tinkertoys so nicht. Sebastian Friedrich profitiert bis heute davon, dass er sich schon an der Uni mit der Förderungsbürokratie auseinandersetzte. Er stellte fast alle seiner Mitarbeiter als sogenannte Innovationsassistenten an. Dadurch übernimmt das Land Sachsen-Anhalt für zwei Jahre die Hälfte der Personalkosten. Auch für einzelne Projekte gibt es immer wieder Förderung, zum Beispiel für die Weiterentwicklung der Software.

Im Druckerraum ist es kühl und dunkel, zehn 3D-Drucker surren und rasseln in bierkastengroßen Boxen mit Plexiglasscheiben vor sich hin. Standardmodelle für rund 2000 Euro, die die Firma umgebaut hat, um sie leistungsfähiger zu machen.

„Das funktioniert wie eine Heißklebepistole“, sagt Sebastian Friedrich, und so riecht es hier auch. Die Maschine erhitzt Plastik – Biokunststoff aus Maisstärke, wie der Gründer betont – auf 230 Grad Celsius, es schmilzt und wird wie mit einem Stift auf eine Fläche aufgetragen. „Schicht für Schicht für Schicht, jede davon ist nur ein Zehntel Millimeter dick.“ Ein bisschen sieht es aus wie Zuckergusswürstchen, die auf eine Torte gedrückt werden.

Alwin nickt zufrieden: „Das ist eine kleine Spielzeugfabrik.“ Mit seinen fünf Jahren ist er gerade alt genug, um sich mit der Software sein Schiff zu bauen. Friedrich zeigt ihm die App, die er und seine Kollegen entwickelt haben.

Auf einem der Rechner erscheint eine weiße Fläche mit Gitternetz, die darauf wartet, bebaut zu werden. Alwin holt das Schiff vom Tisch am Eingang. „Genau das will ich machen.“ Friedrich zieht einen Würfel auf das Gitternetz, um zu zeigen, wie das Programm funktioniert. Der Junge begreift schnell, streicht mit dem Zeigefinger über den Würfel, zieht ihn zum Quader und lässt ihn um die eigene Achse rotieren. Friedrich macht vor, wie man ein Dach auf den Quader setzt. Doch Alwin lässt Quader und Dach mit der Löschtaste verschwinden. Er will endlich sein Schiff bauen.

Friedrich ist die Arbeit mit Kindern gewöhnt. Um die Software zu entwickeln, hat er immer wieder mit Kindern ausprobiert, was es braucht, damit sie intuitiv am Touch-Screen konstruieren. Der Grat zwischen Unterforderung und Frustration ist schmal, und Kinder unterscheiden sich darin, wie viel Anleitung und wie viel Spielraum sie wollen. Die App ermöglicht es deshalb, relativ frei zu konstruieren, bietet aber auch Vorlagen zum Nachbasteln an. Zum Beispiel für Alwins Boot.

Ein Tool ist besonders wichtig: der Zauberstab, mit dem man schneller ein Modell entwerfen kann. Alwin hat ihn bald entdeckt und zaubert sich Teil für Teil sein Boot. Er freut sich, dass das Modell am Schirm genauso wird wie die Vorlage. Sein Individualisierungseifer beschränkt sich darauf, am Schluss nacheinander alle Teile per Fingerklick blau zu färben. Auf Aufforderung der Erwachsenen versieht er das Schiff noch mit einem zusätzlichen Schornstein und einem Stecker, mit dem man Legomännchen befestigen kann.

Ältere Kinder sitzen manchmal stundenlang an der App und probieren aus. Ein Mädchen hat einmal ein ganzes Spielfeld für das bei Harry Potter erfundene Quidditch designt.


Sebastian Friedrich (links) und Marko Jakob, die Gründer der Firma Tinkertoys


Der fünfjährige Alwin Weigelt lässt sich ein Schiff drucken, das er am Bildschirm selbst konstruiert hat

Anfangs war die Software nur ein Mittel zum Zweck, verkauft werden sollte das Spielzeug. Heute ist sie das Herzstück der Firma. Die App fürs Tablet ist gratis, Kunden können damit Spielzeug konstruieren und zahlen erst, wenn sie es von Tinkertoys ausdrucken lassen. Bald sollen sie auch bezahlen, wenn sie das Spielzeug auf dem eigenen Gerät ausdrucken. Außerdem verkauft das Unternehmen Software-Lizenzen an Schulen, was weitere 10 Prozent des Umsatzes ausmacht.

Die intuitive Software interessiert inzwischen auch traditionelle Spielzeughersteller, die Hilfe bei der Digitalisierung brauchen. Mit dem Modellbau-Hersteller Faller entwickelte Tinkertoys im vergangenen Jahr ein Programm, mit dem die mehrheitlich erwachsenen Kunden die kleinen Häuschen der Modellbauwelt personalisieren können. Tinkertoys verdient an jedem bestellten Teil mit. 2019 trug diese Kooperation etwa 30 Prozent zum Umsatz bei. Die Kosten für Miete, Drucker und die hoch qualifizierten Mitarbeiter sind dadurch gedeckt, langfristig profitabel ist die Firma allerdings noch nicht.

Als Alwin und sein Vater zum Laden zurückkommen, sind schon alle Teile ausgedruckt. Alwin baut sie zusammen und sieht zufrieden aus, besonders als Sebastian Friedrich ihm zusätzlich das Schiff mitgibt, das er nachgebaut hat. Währenddesssen erkundigt sich Alwins Vater ganz genau, ab welchem Alter man denn Kindergeburtstage bei Tinkertoys buchen könne. Es scheint, als freue er sich am meisten darauf. ---