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„Wieso sollte man ein Tor bewerten???“

Auf Portalen wie Yelp wird inzwischen wirklich alles beurteilt: das Brandenburger Tor (zu groß), Kriminalgerichte (zu ungerecht) und Meere (zu weit weg). In den USA gibt es sogar Apps, in denen Menschen mit Sternchen benotet werden. Zeit, die Zurechnungsfähigkeit der Bewerter zu bewerten.






Abbildungen: © Yelp

Ostsee 4,7 Sterne
Mittelmeer 4,5 Sterne
Nordsee 4,3 Sterne
Indischer Ozean 4,2 Sterne
Atlantischer Ozean 3,9 Sterne
Pazifischer Ozean 3,5 Sterne

Quelle: Yelp

… hat auf Yelp bereits einen Eintrag mit zwei Fotos. Ob es sich um eine gute oder eine schlechte Ampel handelt, ist noch unklar. Deshalb steht auf der Seite eine Aufforderung: „Hi Trendsetter. Du könntest den ersten Beitrag für Ampel am Schulterblatt schreiben.“


Abbildungen: © Yelp (o.); Gjonesredhill, Wikipedia (u.)

Vier Sternchen für den netten Plausch mit dem Vermieter, drei für die mäßig erfolgreiche Gehaltsverhandlung mit der Chefin. Und nur müde zwei für den One-Night-Stand in der Nacht zuvor: Ginge es nach den Gründern der amerikanischen Apps Lulu, Peeple, Sarahah, Stroovy oder Once, würde jeder per Smartphone seine Mitmenschen bewerten. Die im Jahr 2011 gegründete App Lulu (anfangs Luvise), eine Art Männer-Datenbank, erlaubte es Nutzerinnen, Facebook-Freunde auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten und ihnen Hashtags wie #DeathBreath oder #BigFeet anzuhängen. Den Männern blieb der Zugang verwehrt, weshalb die App als diskriminierend in die Kritik geriet. 2016 wurde sie von der Dating-Plattform Badoo geschluckt.

Auch gegen die als „Yelp für Menschen“ lancierte App Peeple formierte sich Widerstand – und das noch vor dem offiziellen Start 2016. Ursprünglich sollte es dort möglich sein, Personen ohne deren Zustimmung zu präsentieren, anhand ihrer Telefonnummer zu identifizieren und sie mit ein bis fünf Sternen zu bewerten. Aus Sorge, Peeple könne Belästigung einfacher machen, initiierten Kritiker sogar eine Onlinepetition gegen die App. Daraufhin änderten die Gründerinnen Nicole McCullough und Julia Cordray das Prozedere: Sie veröffentlichten die App mit der Möglichkeit, negative Bewertungen unsichtbar zu machen – planten jedoch eine Bezahlfunktion namens „Truth License“, welche diese Funktion direkt wieder ausgeschaltet hätte. 2017 wurde die App eingestellt, ein Relaunch steht Cordray zufolge jedoch an.

Keine gute Idee, findet der amerikanische Tech-Analyst und Buchautor Brian Solis.

brand eins: Warum verschwinden Apps zur Menschenbewertung immer so schnell wie- der vom Markt?

Brian Solis: Die Idee, Menschen online zu bewerten, als wären diese Restaurants oder Sehenswürdigkeiten, ist zu sehr Science-Fiction. Dass ein Algorithmus unser Verhalten beim Dating, beim Ausgehen mit Freunden oder auch beruflich analysieren soll, finde ich so gruselig wie absurd.

Was schreckt Sie daran?

Selbst bei einer so etablierten Plattform wie Facebook können wir uns nicht darauf verlassen, dass unsere Daten verantwortungsvoll genutzt werden. Wie sollen wir dann darauf vertrauen, dass Start-ups damit umzugehen wissen? Wer prüft, ob die Bewertungen ehrlich sind? Der zurückgewiesene Verehrer schreibt möglicherweise im Affekt fürchterlich emotionale Dinge. Im professionellen Umfeld trifft das unfaire Urteil vielleicht jemanden, der keine Möglichkeit hat, es richtigzustellen.

Lulu sollte angeblich vor allem das Online-Dating für Frauen sicherer machen. Hatte die App wirklich gar keine Berechtigung?

Die Intention war sicher gut. Im Gegensatz zu anderen Apps ging es wirklich um Partnersuche. Das Problem mit Lulu war, dass die App nur die Frauen zu Wort kommen ließ. Hatte beispielsweise eine Frau den Eindruck, ihr Date sei nicht an einer Beziehung interessiert, ließ sie das andere mittels der Bewertung wissen. Der Mann stand nun als Abschlepper in der Kritik – selbst wenn er ernsthaft auf der Suche war und nur diese eine Frau nicht mochte. So brachte die App jeden Mann in die Defensive. Die Männer beschwerten sich zu Recht, das sei sexistisch.

Warum reagierten die Leute auf Peeple so empfindlich?

Bei Peeple war nicht nur der Ansatz fragwürdig. Die Gründer schienen derart darauf erpicht, die App in den Markt zu drücken, dass sie sich über jede Kritik hinwegsetzten.

Wie lauteten die Vorwürfe?

Ähnlich wie bei Lulu konnte in der ursprünglichen Version jeder eine Bewertung angehängt bekommen, ohne zuvor gefragt zu werden. Es gab zuerst auch kein Opt-out, also keine Möglichkeit, gar nicht in der App aufzutauchen. Entsprechend vehement wehrten sich viele Leute dagegen. Der Charakter eines Menschen lässt sich nun mal nicht mit einem bis fünf Sternchen beschreiben. Oft posten wir unsere Meinung, wenn wir extrem sauer sind. Was uns hilft, unsere schlechte Laune zu verarbeiten, kann anderen gegenüber jedoch unfair, wenn nicht sogar gefährlich sein. Ironischerweise reagierten die Gründerinnen auf jegliches Feedback extrem aggressiv. Mir drohten sie nach einem kritischen Artikel zum Beispiel, die Polizei hätte mich wegen meines „Cyber Crimes“ schon im Visier. Verrückt, dass ausgerechnet jemand, der selbst so schlecht mit Kritik umgehen kann, eine App entwickeln wollte, in der Menschen einander bewerten können.

Brian Solis ist Publizist und Digital-Analyst bei der Altimeter Group. Jüngst erschien von ihm „Lifescale – How to Live a More Creative, Productive and Happy Life“ (Wiley).

Auf Tripadvisor avancierte die Gartenlaube eines Reporters des »Vice«-Magazins zum besten Restaurant Londons. Oobah Butler, so der Name des Reporters, hatte es von langer Hand geplant. Die Zutaten: eine Website, ein Logo und Exklusivität (keine Adresse, Tische nur nach Vereinbarung). Butler lud weich gezeichnete Fotos seiner Gerichte hoch, die er „Besinnlichkeit“, „Begierde“ und „Liebe“ nannte. In Wirklichkeit bestanden diese aus Rasierschaum, eingefärbten Toilettensteinen und Spülschwämmen. Bestellte 5-Sterne-Bewertungen seiner Freunde sorgten dafür, dass „The Shed at Dulwich“ im Tripadvisor-Ranking immer weiter aufstieg. Nach wenigen Wochen war Butlers Gartenlaube unter den besten 10 000 Restaurants der Stadt, nach drei Monaten auf Platz 156. Nach sechs Monaten war die Laube vom letzten (18 149) auf den ersten Platz geklettert – obwohl ein Restaurant bis dato gar nicht existierte und nie ein Gericht serviert hatte. „Wenn ich meinen Garten in das beste Restaurant Londons verwandeln kann, dann ist so gut wie alles möglich“, befand Butler.

Davide Cerretini, Eigentümer des italienischen Restaurants „Botto Bistro“ in Richmond, Kalifornien, ging den umgekehrten Weg. Er wollte das Restaurant mit der schlechtesten Bewertung auf Yelp werden. Etwa 250 US-Dollar hatte Cerretini pro Monat für Werbung auf dem Portal ausgegeben, bis er merkte, dass das nicht viel brachte. Als er keine Anzeigen mehr buchte, seien 5-Sterne-Bewertungen verschwunden, 1-Stern-Bewertungen hätten zugenommen, so erinnerte er sich später. Er fühlte sich schikaniert und fragte sich: Was passiert eigentlich, wenn ich die Macht des Portals einfach umkehre? Er gab jedem Gast, der sein Restaurant mit nur einem Stern bewertete, bis zu 50 Prozent Rabatt auf eine Pizza. Mehr als 3000 1-Stern-Bewertungen kamen so zusammen. Die Idee ging auf: Das Bistro wurde zum schlechtesten Restaurant auf Yelp – und zum viralen Hit. Cerretini sagte: „Es braucht große Köche, großes Talent und große Erfahrung, um einen Michelin-Stern zu bekommen, aber um eine 1-Stern-Bewertung bei Yelp zu bekommen, braucht es viel mehr.“

Ein Schweizer Onlineshop für Elektrogeräte warb mit negativen Bewertungen der eigenen Kunden, Tippfehler inklusive: Drohnen („Flog davon > nicht mehr gefunden“), Mini-PCs („Leider allzu Mini“), Kopfhörer („Die Dinger sind riiiisig, ich weiss nciht wer so grosse Ohren haben soll“) und PC-Netzteile („Enteuschend :-) bei kleinste belastung jodle der nezteil wie baier in die berge“) – mehr Authentizität sah man selten. Die Rückmeldungen der Kunden auf die Kampagne seien „fast nur positiv“ gewesen, sagt Martin Walthert, CMO des Onlineshops Digitec Galaxus. Auf Hersteller- und Lieferantenseite seien die Reaktionen zunächst gemischt gewesen. Die habe man aber auch überzeugt.

Wie dreht man eine schlechte Bewertung ins Positive? Für den »Guardian«-Autor Benjamin Lee war „Legend“, ein Krimi über die Londoner Unterwelt in den Sechzigerjahren, einfach nur „enttäuschend flach“ – zwei von fünf Sternen. Für den Vermarkter des Films kein Problem. Denn die zwei Sterne passten auf dem Filmplakat noch wunderbar zwischen die Köpfe der beiden Hauptfiguren, beide gespielt von Tom Hardy. So sah eine schlechte Bewertung plötzlich aus wie eine gute, da sich die restlichen Sterne vermeintlich hinter den Köpfen befanden. Irreführend? Absolut. Aber auch ziemlich clever. ---