Was Wirtschaft treibt

postdigital

In Europa und den USA wächst die Wut auf die großen Tech-Konzerne. Das ist aus vielen Gründen verständlich. Doch was folgt daraus? Ideen für eine andere digitale Zukunft.





Wenn der Postbote ein Päckchen von Amazon für den Nachbarn abgeben möchte, nimmt Erik Spiekermann es freundlich an. Der Zusteller kann ja schließlich nichts dafür. Dann stellt der Gestalter und Typograf das Päckchen draußen vor die Tür seiner Werkstatt und hofft, dass es bald zu regnen anfängt. Noch besser findet er natürlich, wenn es bereits regnet. Spiekermann hat es allen Nachbarn gesagt: „Keine Päckchen von Amazon!“ Die Ansage habe bereits Wirkung gezeigt. „Es sind schon deutlich weniger geworden.“

Bei Uber ist sich Spiekermann dagegen nicht sicher, ob wir nicht doch alle ständig den Fahrdienst nutzen sollten. „Die machen ja mit jeder Fahrt Verlust. Vielleicht können wir sie so in den Ruin treiben.“ Seinen Facebook-Account hat Erik Spiekermann vor Jahren gelöscht. Nutzt er Whatsapp? Der Träger des Deutschen Designpreises für sein Lebenswerk schaut, als könne die Frage unmöglich ernst gemeint sein.

Spiekermanns Werkstatt liegt in einer Berliner Hinterhof-Remise an der Potsdamer Straße. Im Vorderhaus, im Buchladen „Analog“, kann man Bücher kaufen, die Spiekermann hinten auf alten Druckpressen mit beweglichen Lettern auf dickem Papier fertigt. Designstudenten aus aller Welt kommen zu seinen Workshops, um klassischen Druck im Wortsinn begreifen zu lernen. Sie drucken dann gern in scharfkantigen Buchstaben Sinnsprüche wie: „Die Dunstglocke lässt sich von oben gut erkennen.“

Im Hintergrund bereiten Mitarbeiter die schweren, gusseisernen Maschinen und Bleisätze für die nächste Besuchergruppe vor. Erik Spiekermann redet sich derweil in Rage über die großen amerikanischen Tech-Konzerne: „Ich verachte ihre Haltung. Ich hasse ihre perfiden Geschäftsmodelle mit ihren Überwachungstechnologien. Dieses Monopolstreben und diese offene und erklärte Absicht, ihre Konkurrenz kaputt zu machen. Dass die alle aufkaufen, die selbst was auf die Beine stellen. Ich hasse diesen Anspruch auf Weltherrschaft.“

1985 war Spiekermann einer der ersten deutschen Designer, der einen Apple-Macintosh-Computer kaufte. Er empfand das Gerät damals als große Befreiung. Mit einem Schlag besaß er alle Produktionsmittel, die er brauchte, um eine Schrift oder ein Corporate Design zu entwickeln. Im Laufe seiner langen Karriere hat er nicht nur viele Ehrungen erhalten, sondern sich auch den Ruf erworben, gelegentlich sehr emotional zu reagieren. Beim aktuellen Zwischenstand der Digitalisierung ist er mit seinen Gefühlen nicht allein. Erik Spiekermann verachtet Amazon, Facebook und Uber. Den Begriff „Techlash“ mag er hingegen sehr.

Erfunden hat den Worthybriden aus Technologie und Backlash (englisch für Gegenschlag) Adrian Wooldridge, Kolumnist des britischen Magazins »The Economist«. Wooldridge meinte es, im November 2013, noch persönlich: Techlash als Gegenwind für die Mark Zuckerbergs dieser Welt. Er sagte voraus, dass die gefeierten Stars des Silicon Valley mit ihren Milliarden-Vermögen „öffentliche Dämonen werden wie Banker und Öl-Manager“. Von 2017 an stieß der Begriff Techlash weltweit auf größere Resonanz. Nun war er nicht mehr nur persönlich gemeint: Die ganze Branche wurde zum Feindbild.

Zweifel haben den Aufstieg der Computer und des Internets schon immer begleitet. Doch das Gefühl, die Digitalisierung richte deutlich mehr Schaden an, als dass sie Nutzen stifte, breitete sich erst nach dem Cambridge-Analytica-Skandal 2018 flächendeckend und in unterschiedlichen sozialen Gruppen aus, ergriff selbstkritische Nerds, unpolitische Intensiv-Nutzer, Intellektuelle und Politiker.

Aus einem Wortspiel wurde eine Gegenbewegung, die sich vor allem im Internet artikuliert und organisiert, aber auch eine Reihe viel diskutierter Bücher hervorgebracht hat, darunter Jaron Laniers „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“, Shoshana Zuboffs „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ oder die Facebook-Abrechung von Roger McNamee, eines frühen Mentors von Mark Zuckerberg, mit dem Titel „Zucked“.

Techlasher wie Erik Spiekermann sprechen oft wütend, und sie schreiben meist im Ton von Enttäuschten, die an individuellen und sozialen Fortschritt mithilfe digitaler Technik glaubten, diesen auch in vielen Lebenslagen erlebt haben, aber nun sehen müssen: Die Tech-Konzerne richten Unheil an. Sie erzeugen Smartphone-Sucht, verschärfen Ungleichheit, gefährden die Demokratie und beschleunigen den Klimawandel.

Digitale Anwendungen werden so programmiert, dass Nutzer möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen, möglichst oft klicken, möglichst regelmäßig zu ihnen zurückkommen, möglichst viele Daten hinterlassen. Die Verführung ist so groß, dass Kindern und Jugendlichen jede zusätzlich erlaubte Stunde vor dem Bildschirm als höchste Form der Belohnung erscheint. Fußballspielen im Garten oder der Besuch im Naturkundemuseum kommen nicht an gegen diesen digitalen Sog.

Techlasher kritisieren die von App-Anbietern gepriesene Nutzer-Orientierung als perfide Täuschung, denn es gehe gerade nicht darum, den Nutzen der Kunden zu maximieren, sondern deren Zeit oder Daten zu möglichst viel Geld zu machen. Der digitale Vordenker Jaron Lanier verdichtete diese Kritik in einer viel zitierten Formel: Nutzer sind nicht die Kunden der Online-Unternehmen, sondern deren Produkt. Der eigentliche Kunde sind die Werbetreibenden, die das Produkt Nutzer kaufen.

Empfand seinen ersten Computer als Befreiung, doch für die Internet-Giganten hat er heute nur Verachtung: der Gestalter Erik Spiekermann

Im ersten Absatz des 2013 erschienenen Techlash-Artikels geht es um die Hochzeits-Sause des Napster-Gründers und Facebook-Investors Sean Parker. Bei diesem Event, so Adrian Wooldridge, hätten alle 364 Gäste Verkleidungen aus der Fantasy-Welt J. R. R. Tolkiens getragen – von der Kostümbildnerin der Herr-der-Ringe-Filme eigens für die Feier angefertigt. Bis dato galten die erfolgreichen Gründer aus dem Silicon Valley vielen als liberale, sympathische Typen, die dank ihrer Programmierkenntnisse quasi aus Versehen reich geworden waren. So hatten etwa die Occupy-Demonstranten an der Wall Street und die Globalisierungsgegner bei G20-Gipfeln jene nicht ins Visier genommen, die ihnen die Smartphones oder Tablets lieferten, auf denen sie ihren antikapitalistischen Protest organisierten und verbreiteten.

Inzwischen jedoch wird ein Google-Vorstandsvorsitzender wohl kaum noch als jemand wahrgenommen, dessen Hauptanliegen es ist, allen Menschen dieser Welt Informationen zugänglich zu machen – sondern als Chef eines Monopolunternehmens, das so gut wie keine Steuern zahlt, und zwar nirgends auf der Welt. Aus sympathischen Nerds sind superreiche Trolle geworden, selbst wenn sie keine Herr-der-Ringe-Kostüme tragen.

Mitte der Neunzigerjahre hatte im World Wide Web das Versprechen einer neuen Ökonomie mit viel mehr Möglichkeiten für alle gelegen. Dank Internet wurde die Welt flach, wie der Autor Thomas Friedman es nannte. Jeder konnte mitspielen – ein unfaires Nord-Süd-Gefälle gab es im Netz nicht. Heute stellt sich die Lage eher so dar, dass es einer kleinen, digitalen Elite gelungen ist, sich ein sehr großes Stück des Kuchens zu sichern – während der Rest zur abstiegsbedrohten Mittelschicht gehört oder bereits unter miserablen Arbeitsbedingungen die Amazon-Pakete oder Lieferando-Bestellungen in die besseren Viertel ausfährt. Der Arbeitsmarkt spaltet sich in „lovely“ und „lousy“ Jobs. Das Bild mag mitunter überzeichnet sein, in Deutschland beispielsweise ist in den vergangenen Jahren die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung insgesamt konstant gestiegen. In den USA hingegen arbeiten Schätzungen zufolge bereits rund 55 Millionen Menschen in Voll- oder Teilzeit in der sogenannten Gig Economy – also jenem Bereich des Arbeitsmarktes, auf dem digital vermittelte, meist schlecht bezahlte Kurzzeitjobs vergeben werden.

Mit dem Arabischen Frühling zu Anfang dieses Jahrzehnts schien die Digitalisierung eines ihrer großen Versprechen einzulösen: dass sie demokratiefördernd wirkt. Ein offenes Netz, so die Hoffnung, führt zu einer offenen Gesellschaft im Sinne des Philosophen Karl Popper, in der die kritischen Fähigkeiten des Menschen zum Wohle aller wirken.

Knapp zehn Jahre nachdem die Demonstranten in Tunesien, Ägypten oder Jemen mit technischer Unterstützung von Twitter, Facebook und Youtube ihre Autokraten zu Fall gebracht haben, nutzen deren Nachfolger und Autokraten in aller Welt digitale Technik zur Überwachung, Unterdrückung und Manipulation. China ist unter Xi Jinping dabei, die Diktatur mit digitalen Mitteln neu zu erfinden und einen perfekten Überwachungsstaat zu schaffen. Derweil haben im Westen soziale Medien mit ihren Filterblasen und Algorithmen den Rechtspopulisten die große Bühne bereitet, Bot-Fabriken ihren Aufstieg befördert. Viele Techlasher sind überzeugt: ohne soziale Medien kein Donald Trump, kein Brexit, weniger AfD.

Eine grüne Welt wird endlich möglich, dank digitaler Systeme – auch dies war eine Verheißung. Im Detail hieß das unter anderem: Intelligente Energienetze machen die Umstellung auf regenerativen Strom möglich. Dank smarter Mobilität verbinden wir umweltfreundliche Verkehrsmittel, vermeiden Staus und brauchen weniger Autos. Mit Telearbeit und Videokonferenzen reduzieren wir Pendlerverkehr und Dienstreisen. Big Data plant so effizient, dass kein Lkw mehr leer fährt. Zugleich dematerialisieren wir physische Güter wie Briefe, CDs oder DVDs zugunsten von Umwelt und Ressourcen. Wer Netflix nutzt, fährt nicht mit dem Diesel zur Videothek. Die Steuereinheit des Smart Home regelt frühzeitig die Pelletheizung runter. So weit das Wunschbild.

Für jedes einzelne dieser Versprechen gibt es anschauliche und gut funktionierende Beispiele. Doch je stärker die Digitalisierung voranschreitet, desto offenkundiger werden sogenannte Rebound-Effekte. Der britische Ökonom und Philosoph William Stanley Jevons beobachtete solche bereits im Jahr 1865, auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution in Großbritannien. Seine später vielfach empirisch belegte These lautete: Ener-gieeffiziente Verfahren führen langfristig zu einem höheren Energieverbrauch, weil sie durch Kostensenkung den Einsatz von Technik vermehren. Jevons erläuterte sein Paradoxon am Beispiel des Brennstoffs Kohle, der in Schmelzöfen für Erze eingesetzt wurde. Heute beobachten Umweltökonomen, dass stromsparende Leuchtmittel zwar weniger verbrauchen, aber Menschen plötzlich viel mehr Lampen besitzen als zuvor, die überdies mit hohem Energieaufwand hergestellt werden. Sie sehen, dass Carsharing viele Leute aus der S-Bahn ins Auto lockt, aber nur wenige den eigenen Wagen abschaffen. Dass die neuen Elektroroller als umweltfreundliche Mikro-Mobilität vermarktet werden, aber leider keine kurzen Pkw-Fahrten ersetzen, sondern die umweltfreundlichsten aller Mobilitätsformen reduzieren, näm- lich Spaziergänge und Fahrradfahrten.

Die erfolgreichen Modelle der Plattformökonomie sind wirtschaftlich und kulturell auf quantitatives Wachstum ausgelegt: Sie stimulieren Konsum. Grüne Techlasher fürchten, dass sich Suffizienz, also die Beschränkung auf das Wesentliche, weder mit der turbo-kapitalistischen Digitalisierung designed in California noch mit der kontrollsüchtigen Digitalstrategie Chinas vereinbaren lassen.

Der Charme des Analogen: hölzerne Buchstaben in der Berliner Werkstatt von Erik Spiekermann

„Mich hat am Techlash eigentlich nur gewundert, wie spät er kam“, sagt Matthias Horx. Vor einigen Jahren musste der Zukunftsforscher kübelweise Spott über sich ergehen lassen, wenn er in seinen Vorträgen und Texten infrage stellte, dass Digitalisierung auch nur annähernd so viel Fortschritt bringt wie behauptet. Heute bekommt er oft die Rückmeldung: „Endlich sagt mal einer, dass es nicht funktioniert.“

Den Grund für das späte Einsetzen der Technikermüdung glaubt Horx inzwischen gefunden zu haben: „Die Banken- und Finanzkrise 2008, das Ende des linearen Kapitalismus, hat die Menschen so verunsichert, dass sie einen Heilsbringer brauchten, der alles wieder richten kann.“ Computer und digitale Technik seien von ihren Entwicklern und Verkäufern schon immer als einzig wahre Kraft des Fortschritts mythologisiert worden. Doch erst in Zeiten großer wirtschaftlicher Verunsicherung, so Horx, habe der Mythos seine Kraft voll entfalten können.

In einem Satz gebündelt, lautet die Erzählung: „Digitalisierung ist die Lösung für alle Probleme.“ Warum wird ein so offensichtlicher Unsinn geglaubt? „Weil der Mythos der Digitalisierung quasi-religiösen Status angenommen hat“, sagt Horx. „Die digitalen Jünger sind selbst zutiefst davon überzeugt. Und weil sie selbst so überzeugt sind, überzeugen sie andere. Das ist das Wesen von Religion.“

Matthias Horx prophezeit eine Ära der Postdigitalität, und damit meint er nicht das Ende der Digitalisierung, sondern ihres Mythos. Im postdigitalen Zeitalter nimmt der Mensch eine radikal pragmatische Haltung zu allem Digitalen ein. Er nutzt digitale Systeme, wenn sie das Leben einfacher machen. Wenn sie es nicht tun, fliegen sie raus.

Der postdigitale Mensch hat verstanden, dass sein Gehirn nicht mit den vielen Reizen umgehen kann, denen es durch das Smartphone ausgesetzt ist, er erlernt die „Kulturtechnik der mentalen Autonomie“. In der Achtsamkeitsbewegung sieht Horx den wichtigsten Vorboten dieser Entwicklung. Ist sie vollzogen, diskutiert die Netzgemeinde nicht mehr wie eine Urgesellschaft, die noch keine Moderationstechniken kennt. Es gilt dann nicht mehr das heutige Prinzip, dass wer am lautesten schreit, das meiste Gehör findet – während der Nüchterne eigentlich nur hoffen könne, „dass sich die Trolls gegenseitig erschießen“.

Nach Ansicht des Zukunftsforschers markiert der Techlash eine Zäsur: Die eigentliche Digitalisierung kann beginnen, wenn die Technikkritiker den Mythos entzaubert und die Jünger zum Teufel gejagt haben. Zugleich ist das Digitale vollkommen banal geworden, was Horx auf die Formel bringt: „Wir sagen ja heute auch nicht mehr: Oh schau mal, ein Fahrrad!“

Wie sähe eine postdigitale Welt aus, in der Menschen und Gesellschaften digitale Technik im doppelten Wortsinn von „souverän“ nutzen, also selbstbestimmt und gelassen? Vielleicht so: Wir greifen nur noch zum Smartphone, wenn es einen Grund dafür gibt – und nicht aus einem diffusen Impuls heraus, bei dem jede rituelle Nutzung nur neue Anlässe für das nächste Entsperren des Bildschirms schafft.

Unternehmen digitalisieren ihre Prozesse und Kommunikation nicht mehr deshalb, weil es das Management-Gebot der Stunde ist, sondern überprüfen jeden Schritt anhand des wichtigsten Kriteriums von Wertschöpfung: Was bringt diese Veränderung unter dem Strich wirklich? Scheininnovationen, welche die Dinge in Wahrheit nur verkomplizieren, verschwinden. Die Politik sorgt mit intelligenter Regulierung dafür, dass auf digitalen Märkten wieder Wettbewerb einkehrt und die Tech-Konzerne endlich Steuern zahlen. Damit ließe sich unter anderem öffentliche Infrastruktur finanzieren, welche die digitalen Superstars für ihre Geschäftsmodelle nutzen. Möglicher- weise würden einige sehr wichtige digitale Dienste gar so reguliert wie heute Wasserwerke, Gasversorger oder andere Unternehmen der Daseinsvorsorge. In diese Richtung denkt zumindest der linke Flügel der US-Demokraten, angeführt von der Senatorin Elizabeth Warren.

Der demokratische Diskurs braucht online wie offline Moderation. Der Wert der Meinung im Diskurs ist deutlich geringer, als jene meinen, die permanent ihre Meinung kundtun. Es wird weiter unmoderierte Foren geben. Rezo wird auf Youtube weiter die Chance haben, ordentlich Bambule zu machen. Aber im postdigitalen Zeitalter finden die politisch wesentlichen Debatten auf Plattformen statt, auf denen ernsthaft diskutiert wird: faktenorientiert und differenziert, mit Klarnamen und Faktencheck, Unwahrheiten würden einer Art Super-Wikipedia nicht standhalten.

Auf diesen Plattformen äußern sich dann auch die Mächtigen und nicht mehr auf Affekt-Medien wie Twitter oder Portalen zur ästhetischen Selbstinszenierung wie Instagram. Vielleicht kommen dann auch Software-Produkte und Portale wie Liquid Democracy zum Einsatz, mit denen neue Formen direkter, basisdemokratischer Entscheidungsfindung möglich werden, besonders auf lokaler Ebene.

Technik ist nie gut oder schlecht – es kommt darauf an, wofür wir sie nutzen. Diese Aussage ist naiv. Technik wird in der Regel für einen bestimmten Zweck entwickelt. Für diesen Zweck eignet sie sich besser als für andere, und deshalb ist sie nicht neutral. Auf der anderen Seite stimmt es, dass Technik Fluch und Segen sein kann. Man kann maschinelles Lernen nutzen, um den Verkauf von Produkten mit miserabler Ökobilanz zu fördern. Mithilfe sehr ähnlicher, aus Daten lernender Systeme lässt sich aber auch Angebot und Nachfrage in dezentralen Energienetzen effizienter zusammenführen.

In einer besseren Welt wäre der Kampf gegen den Klimawandel ein wichtiges Ziel, vielleicht das wichtigste bei der Entwicklung neuer Technik. Matthias Horx geht davon aus, dass Digitalisierung im Kampf gegen die Klimaerwärmung „eine zweite Chance bekommt: mit dezentralen Energienetzen, autonomen, energieeffizien- ten Fahrzeugen und einer digital gesteuerten Cradle-to-Cradle-Wirtschaft“. Neue grüne Technik könnte so den Klimawandel verlangsamen. Immer wichtiger werden Innovationen, die auf Resilienz abzielen, es also den Menschen erleichtern, mit den in jedem Fall eintretenden Folgen des Klimawandels besser zurechtzukommen. Gleichzeitig würde man viel stärker als bisher versuchen, Rebound-Effekte zu vermeiden. Nur so gelänge eine Ausrichtung der Systeme, die dem Planeten wirklich nützt.

Dass solche Ziele schwer zu erreichen sind, gesteht auch Gesche Joost ein, obwohl sie eigentlich Berufsoptimistin ist, was das Digitale betrifft. Die ehemalige Internetbotschafterin der Bundesrepublik Deutschland hat eine Professur für Designforschung an der Universität der Künste Berlin inne und ist Mitglied der Aufsichtsräte bei SAP und der Bank ING. Ihre Analyse der sozio-technischen Ausgangslage in Zeiten des Techlashs fällt etwas anders aus als jene von Erik Spiekermann und Matthias Horx. Sie empfindet die aktuelle Technologiekritik „oft nicht als sehr konstruktiv“.

Zuversichtlich, sofern das Richtige geschieht: Die Digitalexpertin Gesche Joost fordert eine „europa-zentrische Datenpolitik“

Was die Diskussion in Deutschland angeht, hat sie folgenden Eindruck: „Im Diskurs nehmen diejenigen, die schon immer dagegen waren, den amerikanischen Techlash zum willkommenen Anlass, um ihre alten, ermüdenden und detailversessenen Diskussionen erneut zu führen, zum Beispiel zu absolutem Datenschutz und Datensparsamkeit.“ Diese Haltung hält Joost wegen der notwendigen digitalen Innovation für Wohlstand, Demokra- tie und Umwelt für „toxisch“. Es fehle den deutschen Kritikern an konstruktiven Ideen. „Denn die Antwort auf den Techlash kann ja nun nicht heißen, Europa wird ein technisches Museumsdorf“, sagt Joost. „Sie muss digitale Souveränität lauten.“

Digital souverän kann handeln, wer nicht nur über Technik verfügt, sondern auch die Kompetenz hat, sie zu nutzen. Die Schlussfolgerungen aus diesem einfachen Gedanken sind unter anderem wegen der Abhängigkeit bei digitaler Technik von den USA und zunehmend auch von China kompliziert. Europa kann, so Joost, nur Souveränität zurückgewinnen, wenn es auf drei Feldern mehr unternimmt:

Europa müsse erstens massiv und koordiniert in eigene technologische Entwicklung investieren. In der Diskussion um den Aufbau der G5-Mobilfunknetze und mögliche chinesische Spionage oder gar Obstruktion durch Huawei sei eine Frage viel zu kurz gekommen: Warum gibt es keine europäischen Unternehmen, die in Sachen Qualität und Preis mithalten können?

Die zweite Forderung beschreibt Joost mit dem Satz: „Wir brauchen einen Kickstart bei der digitalen Bildung von der Grundschule an.“ Dazu gehöre Datenkunde, Unterricht im Programmieren und die Vermittlung von Wissen darüber, wie soziale Medien wirken und wie die Plattformökonomie funktioniert. Die pädagogischen Konzepte hierzu seien erprobt und nachweislich erfolgreich, doch leider würden sie selten in staatlichen Schulen genutzt, sondern eher in privaten oder gemeinnützigen Initiativen wie den digitalen Bildungsangeboten der Open Knowledge Foundation oder bei Nachwuchs-Förderprogrammen wie „Jugend hackt“.

Handlungsbedarf sieht Joost drittens in der „Förderung und Regulierung der digitalen Märkte“. Europa könne global nur wieder mitspielen, wenn der digitale Binnenmarkt endlich Wirklichkeit werde. Ein wichtiges Element dabei wäre eine konsequent „europa-zentrische Datenpolitik“. Die Zugangsrechte zu Daten müssen gewährleistet sein, wenn Konzerne Datenmonopole aufbauen. Offene technische Standards, zur Not vom Gesetzgeber erzwungen, zielten in die gleiche Richtung. Das Europä-ische Kartellrecht müsste weiterentwickelt werden, um wieder für gesunden Wettbewerb auf digitalen Märkten sorgen zu können. Und selbstverständlich müssten die großen Digitalisierungsgewinner angemessen Steuern zahlen. International diskutiert werden zurzeit eine Digitalsteuer nach französischem Vorbild und eine globale Mindestbesteuerung mithilfe internationaler Abkommen, wie sie das deutsche Bundesfinanzministerium favorisiert.

Gesche Joost wäre nicht Gesche Joost, wenn das Gespräch nicht mit dem Satz endete: „Das alles kriegen wir hin, wenn wir es wirklich wollen.“ ---

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