Orchideenzucht

Luxus, das ist all das, womit man sich gegen die reine Zweckmäßigkeit auflehnen kann.




• Das Reden über Luxus könnte so viel leichter, präziser und schöner sein, würden doch nur drei Begriffe differenziert. Aber genau das ist in der Regel nicht der Fall. Üblicherweise wird der Begriff Luxus als Synonym für Komfort oder auch für Protz verwendet.

Im Sinne von Komfort wird Luxus jedenfalls dann verwendet, wenn gesagt werden soll, dass für sinnliche Annehmlichkeiten viel Aufwand betrieben wurde. So kann jemand etwa ein bestimmtes Hotel als Luxus bezeichnen, weil er meint, dass ein Aufenthalt darin angenehm und entspannend ist. Eine Sache oder ein Ereignis ist bei dieser Wortverwendung luxuriös – man denke an ein mehrgängiges Menü –, wenn viele Mühen betrieben und dafür aufgebracht werden, dieses Ereignis zu einem Genuss zu machen. In diesem Sinne bezeichnet Luxus die herausragende sinnliche Qualität einer Sache.

Ganz anders ist die Bedeutung, wenn etwas als Luxus bezeichnet wird, weil dieses Ding oder Ereignis sich als Statussymbol eignet. Diese Art der Verwendung des Wortes findet sich besonders in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Es ist erschreckend: Das Wort Luxus wird in der Soziologie – mir ist als Ausnahme einzig Theodor W. Adorno aufgefallen – vollkommen gleichbedeutend mit Prestige oder Protz verwendet; es wird ihm also eine ganz andere Bedeutung zugeschrieben als Komfort. Dabei haben Protz und Komfort überhaupt nichts miteinander zu tun – denn ein Statussymbol muss weder komfortabel noch sinnlich reizvoll sein.

Manch ein Auto, das hohe Prestigewerte besitzt, ist sogar regelrecht anstrengend und unangenehm zu fahren. Denn Prestige ist nicht wie der Komfort eine spürbare, sinnliche Eigenschaft einer Sache, sondern ein symbolisches Phänomen. Mittels eines Prestigeobjektes kann eine Person sich selbst in der Gesellschaft darstellen, regelrecht selbst porträtieren. Man muss sich, um den Prestigewert von etwas zu erkennen, mit den Bedeutungen und symbolischen Werten von Dingen in der Warenwelt auskennen. Und dort bestehen bekanntlich, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu sagt, die feinen Unterschiede: Schon lange geht es im ostentativen Konsum nicht mehr nur um das simple Protzen, also um das plumpe Zeigen von Kaufkraft. Weltanschauungen, politische Meinungen, Gruppenzugehörigkeiten und Charaktereigenschaften einer Person lassen sich fein differenziert mittels des Zeigens von Besitz in öffentlichen Situationen präsentieren. Kurzum: Luxus im Kontext von ostentativem Konsum ist der übliche Begriff für ein besonders schlichtes Symbol – nämlich für Protz.

Nun wird niemand in Zweifel ziehen wollen, dass es Komfort und Protz gibt. Wie sollte man das auch bezweifeln? Was man allerdings mit guten Gründen bezweifeln kann und sollte, ist, dass diese Phänomene sich sinnvoll mit Luxus bezeichnen lassen: Komfort ist Komfort, und Protz ist Protz.

Der Hauptunterschied ist leicht genannt: Komfort ist im Gegensatz zum Luxus ein ausschließlich sinnliches Phänomen. Es besagt nur, dass etwas angenehm ist. Um Komfort erleben zu können, muss man daher auch nicht gebildet sein. Man muss über die komfortable Sache jedenfalls nichts wissen, man muss nicht über sie nachdenken oder sie sonst wie beurteilen. Doch genau eine solche vorgängige Reflexionstätigkeit über das, womit man es zu tun hat, ist die Grundlage, aus der ein Erlebnis entstehen kann, das weder etwas mit Komfort noch etwas mit Protz zu tun hat, weil es eine spezifische Luxuserfahrung ist.

Luxus lässt sich nicht messen. Es sind keine objektiven Eigenschaften, welche eine Sache zu einem Luxusgut werden lassen. Ein Uhrmacher kann vielleicht sagen, welches Werk in einer Uhr tickt, wie kompliziert und einmalig sie ist, doch nicht, ob diese Uhr wahrer Luxus ist. Und das hat einen einfachen, aber entscheidenden Grund: Eine Sache ist immer nur für jemanden Luxus, und zwar für denjenigen, der die Sache als zu übertrieben aufwendig, als unvernünftig und irrational bewertet, aber – und das ist das entscheidende trotzige Moment einer jeden Luxuserfahrung – sie trotzdem besitzt.

Die Frage: Was ist Luxus? ist eigentlich schon falsch, sie müsste lauten: Wann ist etwas für jemanden Luxus? Eine Sache ist so lange für jemanden Luxus, wie der Besitz dieser Sache mit dem Erlebnis verbunden ist, durch den bewussten Bruch mit einer Angemessenheitsvorstellung die eigene Autonomie zu spüren. Etwas ist nur dann Luxus, wenn es einen Zweck nicht zweckmäßig erfüllt, weil es zu aufwendig und zu kompliziert ist. Diese Bewertung muss der Besitzer aufgrund eigener Kenntnisse der Sache und eigener Reflexionen selbst fällen. Es reicht eben nicht mehr, die Praline zu essen, sondern es muss darüber abgewogen werden, ob für einen solchen kurzen Moment eines guten Geschmacks viel zu viel Aufwand betrieben wurde.

Die Erfahrung, dass etwas Luxus ist, entsteht durch ein freches, verweigerndes Verhalten gegenüber den eigenen Angemessenheitsvorstellungen. Sollten diese Vorstellungen sehr hoch sein, sollte jemand wirklich meinen, sein Apartment mit Pool und Hubschrauberlandeplatz am Londoner Hyde Park sei für ihn vollkommen angemessen, so wird er das Wohnen in ihm nicht als Luxus erleben können, weil er sich nicht als ein Subjekt erlebt, das gegenüber Angemessenheitsvorstellungen autonom ist. Die Luxuserfahrung ist an Besitz gebunden, aber nicht notwendig an großen: Ein kleines Polaroid-Foto, eine kurze Taxifahrt, altmodisches Schallplatten-Hören, ein Stückchen Kuchen können gleichermaßen dazu geeignet sein, dass Menschen mit ihnen erleben, selbst ein Mensch zu sein, der sich über Erwartungen, Üblichkeiten und Zweckmäßigkeit hinwegsetzen kann.

Diese Sachen werden für jemanden zu Luxus, wenn er trotz des Wissens um die Unvernünftigkeit in dem Akt des Besitzens eine Erfahrung macht, welche Immanuel Kant ein „Lebensgefühl“ und Friedrich Schiller die Erfahrung des „Spielens“ genannt hat. Gemeint ist in beiden Fällen das Erlebnis, ein autonomer Mensch zu sein. Ohne jede Frage lässt sich diese ästhetische Erfahrung vielerorts machen; Menschen unterscheiden sich nicht nur dadurch, dass einige diese Erfahrung suchen und andere nicht, sondern auch dadurch, wo sie sie suchen: sicherlich in der Kunst (das meinen Kant und Schiller), sicherlich im Sport (das meint der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht), sicherlich auch in der Angst und Langeweile (das meint der Philosoph Martin Heidegger), vielleicht im Krieg und durch Drogen (das meint der Schriftsteller Ernst Jünger) – doch eben auch im Luxus.

Wie gesagt: Das Reden über Luxus wäre so viel leichter, präziser und schöner, würden nur drei Begriffe differenziert. Protz ist ein Phänomen der symbolischen Selbstdarstellung, Luxus ist ein Phänomen der ästhetischen Selbsterfahrung. Für Prestige und Protz ist ein übertriebener Aufwand in der Sache – geschweige ein Wissen um den Aufwand – nicht notwendig. Ein T-Shirt in einfacher Qualität kann ein Prestigeobjekt sein, wenn es nur von der richtigen Marke und in der Gesellschaft symbolisch aufgeladen ist. Doch die ästhetische Erfahrung des Luxus lässt sich alleine, ohne Gesellschaft ganz im Privaten machen: vielleicht in einem Garten mit einer irrationalen Orchideenzucht, in einem Lesezimmer mit unvernünftig vielen Büchern, einem Bad mit einem nicht zweckmäßigen Aufwand, um sich zu duschen.

Das ist der entscheidende Punkt: Luxus und Protz senden gegensätzliche Botschaften an die Gesellschaft. Mit dem einen, dem Protz, stellt man sich innerhalb von ihr dar. Aber durch Luxus bringt man sich auf Distanz zu den Üblichkeiten und insbesondere zum Leben im Einklang mit einer Zweckrationalität. Deshalb kann man sich ganz Adorno anschließen, der treffend sagt, dass die Luxuserfahrung einer „Sehnsucht, der Sklaverei der Zwecke zu entfliehen“, entspringt. Es lässt sich ergänzen: einer Sehnsucht, die immer attraktiver wird, je mehr eine Gesellschaft von einem Diktat der Effektivität und des Optimierungsdenkens, der blanken Zweckrationalität bestimmt wird. ---

Lambert Wiesing, 56, ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Bildtheorie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Sein Buch „Luxus“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen.