Was Menschen bewegt

Nicht ohne mich

Er ist Vorzeige-Immigrant, Selfmademan und Medienstar, bis er Anfang 2016 nach kurzem Showdown von der Bildfläche verschwindet. Der Pleite des Touristik-Unternehmers Vural Öger gehen unglückliche Ereignisse voraus. Doch letztlich scheitert er an sich selbst.






Hat mit dem Ende seiner Karriere bis heute keinen Frieden geschlossen: Vural Öger, 77

• Das soll er sein? Im Fernsehen und in Illustrierten sah Vural Öger immer aus wie das Katalog-Model eines Herrenausstatters. Er trug schöne Anzüge mit Einstecktuch und selbstverständlich Krawatte, gern in Rosa oder Lila. Er sei eitel gewesen und habe den Luxus geliebt, sagen alle, die mit ihm zu tun hatten, bevor er alles verlor: seine Firmen, sein Vermögen, seinen Stolz. Um den Jahreswechsel 2015 /2016 war das.

Drei Jahre danach ist der Mann kaum wiederzuerkennen. Er nimmt im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“ auf einem Ledersessel Platz, unrasiert und mit einem Wollpullover bekleidet, der an einer Stelle gestopft ist. Kann er, nun mit Abstand betrachtet, seinem Scheitern etwas Positives abgewinnen? Öger blickt auf den Boden, reibt nervös seine Hände. Schweigt. Dann sagt er mürrisch: „Mein Lebenswerk ist zerstört. Was soll daran positiv sein?“

Viermal kommt er zwischen November 2018 und September 2019 zum Gespräch in den britischen Salon des „Vier Jahreszeiten“. Er hat den Ort gewählt. Früher war er oft hier, hat, umgeben von schweren Ölgemälden und gediegenen Lampenschirmen, mit Geschäftsfreunden Tee getrunken. Bei den ersten beiden Treffen wirkt er niedergeschlagen und zornig, er sieht sich als Opfer. Beim dritten Treffen im Februar dieses Jahres ist er etwas besser drauf. Es gibt zu der Zeit Leute, die für Geschäfte in der Türkei seinen Rat suchen. Das tut ihm gut. In manchen Momenten blitzt sogar der Charme auf, von dem alle erzählen, die ihn gut kennen.

„Warum machen Sie so ein böses Gesicht?“, sagt er bei diesem Treffen plötzlich in strengem Ton zu der jungen Frau, die ihm schwarzen Tee serviert. „Ich habe einfach keinen guten Tag“, erwidert sie.

Öger: „Von Schopenhauer stammt der kluge Satz: ,Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glückes und des Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen.‘ “

Er schaut die Frau lächelnd an, und sie lächelt zurück.

Nach den Gründen für seine Pleite gefragt, verfinstert sich schlagartig seine Miene. Er sagt: „Man wollte mich vernichten.“

Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Ende politische Motive den Zusammenbruch seines Imperiums beschleunigten. Eingesetzt aber hatte der Niedergang schon viel früher, bedingt durch tief greifende Veränderungen in der Tourismusbranche und Ögers Unvermögen, sich darauf einzustellen.

Wie schafft ein Erfolgsmensch rechtzeitig den Absprung? Wie merkt er, dass die Zeiten sich geändert haben und seine Masche nicht mehr zieht? Diese Fragen umreißen das Problem vieler Familienunternehmer: Der Patriarch neigt dazu, festzuhalten, den Wandel nicht wahrhaben zu wollen, den Nachfolgern wenig zuzutrauen. Menschlich ist das verständlich, gerade wenn man, wie Vural Öger, nicht einfach nur in die Fußstapfen eines Vorfahren getreten ist, sondern alles selbst aufgebaut hat.

Foto: © Privat

... oder auch als Model (ganz links) für eine Frauenzeitschrift

Der Anfang liegt ziemlich genau 50 Jahre zurück. Im Frühjahr 1969 mietet er im Hamburger Stadtteil St. Georg einen Laden. Er ist damals 27 Jahre alt und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Aufgewachsen ist er in Ankara und Istanbul, als der ältere von zwei Söhnen. Anders als man bei einem Deutschen türkischer Herkunft annehmen könnte, ist er kein Kind von Gastarbeitern, sondern stammt aus großbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater, ein Offizier, und seine Mutter, eine gebildete, weltoffene Frau, leben getrennt, als er, 18-jährig, allein seine Heimat verlässt. Er liebt die Kunst, die Musik und die Literatur, hat sich schon als Jugendlicher in die Werke von Dickens, Balzac und Dostojewski vertieft, doch in der Türkei von damals kommt für einen Muster-Abiturienten wie ihn nur ein Berufsziel infrage: Ingenieur. So kommt es, dass sein Vater ihn zum Studium nach Deutschland schickt – ein Jahr bevor die Bundesrepublik mit der Türkei ein Abkommen über die Anwerbung von Gastarbeitern schließt.

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In den Sechzigern besserte Öger sein Studenten-Budget als Verkäufer von Gartenlauben auf …

Der junge Mann lernt sehr schnell Deutsch, hängt in Cafés herum und feiert wilde Partys. Fremdenfeindlichkeit spürt er nicht: „Ich wurde von allen gemocht.“ Bei der Erinnerung an die Sechzigerjahre hebt sich seine Stimmung merklich, er beugt sich im Ledersessel nach vorn, nimmt einen Schluck aus der Teetasse und grinst in sich hinein. „Ich war als Student sogar Model.“ Eine Freundin, die schon länger modelte, habe ihn einmal zu ihrer Agentur mitgenommen. „Ehe ich mich wehren konnte, war ich Teil eines Shootings und später dann in diversen Modezeitschriften zu sehen.“ Mit dem Geld, das er sich dank solcher Nebenjobs verdient, leistet er sich einen fast neuen grellroten VW Karmann-Ghia und in den Semesterferien ausgedehnte Reisen in die USA.

Als er das Diplom der Technischen Universität Berlin in der Tasche hat, soll er eigentlich zurück in die Türkei, zum Militärdienst. Seine Aufenthaltsgenehmigung läuft in wenigen Wochen ab. Doch bevor er geht, will er unbedingt noch seine Geschäftsidee ausprobieren: einen Direktflug Hamburg–Istanbul. Den gibt es noch nicht. Für Fahrten in die Heimat nehmen seine Landsleute, von denen es inzwischen Hunderttausende in Deutschland gibt, immer den Zug.

Im Frühjahr 1969 schreibt Öger „Reisebüro Istanbul“ auf ein Plakat und hängt es an die Tür seines Ladens. Er zieht durch die Wohnheime der Gastarbeiter, die er zuvor nie betreten hat, verteilt Flyer mit der Aufschrift „Flug nach Istanbul für 395 Mark!“. Da seine potenziellen Kunden noch nie geflogen sind und Angst davor haben, verspricht er ihnen, mitzufliegen. Am Tag darauf verkauft er in seinem Laden die ersten Tickets. „Ich erstellte die einfach mit meiner Schreibmaschine. Ich hatte ja zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Flugzeug gechartert.“ Immerhin weiß er von einem Bekannten, der Verkaufsleiter von Germanair ist, dass eine Maschine mit 114 Plätzen 20 000 Mark pro Flug kostet. Binnen drei Tagen hat Öger alle Plätze verkauft. Für 45 000 Mark.

Mithilfe eines Freundes in der Ausländerbehörde schafft er es, seine Aufenthaltserlaubnis unbefristet zu verlängern. Er chartert weitere Flugzeuge und ist jetzt dauernd in den Gastarbeiter-Wohnheimen unterwegs, stellt die Tickets gleich vor Ort aus. Im ersten Jahr verkauft er 15 000 Stück, im zweiten schon 30 000. Bald stellt er erste Helfer ein, organisiert Türkeiflüge auch von Hannover, Berlin und Bremen aus. „Eine wunderbare Zeit war das“, sagt Öger. „Es gab eine große Nachfrage und keinen einzigen Konkurrenten.“

Das unbekümmerte Vorpreschen in unerschlossene Geschäftsfelder gehört zu den Hauptgründen für seinen Aufstieg. Hatte er keine Angst zu scheitern? Öger zuckt mit den Schultern. „Was sollte schon passieren? Wissen Sie: Der italienische Dichter Torquato Tasso hat einmal gesagt: ‚Nichts vollbringt, wer zu viele Dinge bedenkt‘. So habe ich es auch gehalten.“

Mitte der Achtzigerjahre erweitert er sein Geschäft, um auch die Deutschen als Kunden zu gewinnen. Die verbringen ihren Urlaub mit Vorliebe in Spanien oder Italien. Öger will ihnen die Türkei als neues Reiseziel schmackhaft machen.

Zugute kommt ihm, dass dort seit 1983 mit Turgut Özal ein Mann an der Macht ist, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Land zu modernisieren und wirtschaftlich zu öffnen. Neben der Textilindustrie soll vor allem der Tourismus als zweites Standbein aufgebaut werden. Weil es dafür viele neue Hotels braucht, veranlasst Özals Regierung, dass staatliche Grundstücke an Privatleute verpachtet werden, gegen sehr niedrige Gebühren und mit Laufzeiten zwischen 49 und 99 Jahren.

In touristischen Fragen wendet sich Özal häufig an Öger. „Der war in der Türkei der Achtzigerjahre ein Shootingstar“, sagt Hüseyin Baraner, ein Türke, der damals im Auftrag der neuen Hotelbetreiber Bettenkontingente an internationale Reiseveranstalter verkaufte und später Ögers Mitarbeiter war, bis er sich 2004 mit ihm überwarf. Fast täglich, so Baraner, sei Vural Öger in der Presse erschienen, als Experte, der den Türken die Deutschen erklärte. „Alle liebten ihn, weil er es in der Fremde zu etwas gebracht hatte und Touristen ins Land holte, die für Arbeitsplätze sorgten.“

Um den Deutschen die Türkei näherzubringen, lädt Öger Journalisten zu Reisen durch bezaubernde Dörfer und an malerische Strände ein. Er tingelt durch die deutsche Provinz, veranstaltet in schmucklosen Kulturzentren Dia-Abende. Auch in unzähligen Reisebüros im ganzen Land lässt er sich persönlich sehen, bringt den Angestellten Schokolade mit. „Er ist ein Menschenfänger“, sagt Baraner, „wo immer er auftaucht, sind die Leute beeindruckt.“

An einem Tag im Sommer 1990 ist Öger mit Hüseyin Baraner an der türkischen Ägäisküste unterwegs. Als sie durch den Badeort Kusadasi fahren, ruft Öger plötzlich: „Was für ein hässlicher Betonklotz!“ Angewidert zeigt er auf ein achtstöckiges Hotel in bester Lage, er kriegt sich gar nicht mehr ein, eilt mit Baraner in ein Restaurant am Hafen, ruft den Bürgermeister an und befiehlt ihm, sofort dorthin zu kommen. Der ist kaum eingetroffen, da schimpft Öger los, belehrt ihn, dass die Hügel von Kusadasi eine altgriechische Geschichte hätten und es beim Häuserbau unbedingt den hellenistischen Charakter zu bewahren gelte. Er lässt sich vom Kellner ein weißes Blatt Papier bringen und beginnt zu zeichnen, zweistöckige Häuser aus weißem Naturstein, mit blauen Türen und Fensterläden sowie einer Treppe, die zur mit Blumen dekorierten Terrasse führt. Er zeichnet mit der Akribie eines Ingenieurs und redet zwei, drei Stunden lang über die Bedeutung von Kultur und die Bedürfnisse der deutschen Urlauber. Die Hotelbetreiber, mit denen er an diesem Tag verabredet ist, lässt er sitzen.

„Ich habe ihn Hunderte Male so erlebt“, sagt Baraner. Öger sei ein Perfektionist gewesen, detailversessen, und darum habe er später auch angefangen, selbst Hotels zu bauen, Busfahrten und Ausflüge anzubieten. Der Bürgermeister von Kusadasi und viele andere Politiker fürchten ihn, weil er einen direkten Draht zur Regierung hat; ebenso viele Menschen in der Türkei sind ihm aber auch loyal verbunden. Er hat etliche Hoteliers beim Aufbau ihres Betriebs beraten und leistet immer sehr hohe Vorauszahlungen. Im Gegenzug kann er sicher sein, dass seine Kunden nicht betroffen sind, wenn in der Hochsaison Hotelgäste wegen Überbuchungen vorübergehend umquartiert werden müssen. Geben und Nehmen, so funktioniert Ögers Business.

Über die Jahrzehnte erschafft er so ein Touristik-Imperium. Das erleidet durch Terroranschläge, Erdbeben und Vogelgrippe zwar Rückschläge – im Jahr 1996 stürzt sogar eine von Öger gechartete Maschine der Fluggesellschaft Birgenair ab –, aber dennoch expandiert sein Unternehmen weiter.

Er nimmt Reisen nach Nordafrika und in die Karibik ins Programm auf und ist 1997 der erste deutsche Reiseveranstalter, der Kuba ansteuert. Im Geschäftsjahr 2006/07 macht er mit 722 Millionen Euro seinen höchsten Umsatz überhaupt. Er bringt mit seiner Firma Öger Turk Tur immer noch Türken in die Heimat, ist zudem mit Öger Tours nach eigenen Angaben der größte Türkeireisen-Veranstalter Europas. Die Zentrale der Holding ist eine Villa an der Elbchaussee in Hamburg. Öger beschäftigt mehr als 3000 Mitarbeiter, die meisten in der Türkei, wo er ein ganzes Firmengeflecht besitzt, darunter eine Hotelkette mit mehreren Tausend Betten und eine sogenannte Incoming-Agentur, die er aufgebaut hat, damit die Pauschalreisekunden vor Ort seinen Ansprüchen gemäß betreut werden.

Seine guten Freunde und Geschäftspartner lädt er einmal im Jahr zu einer Party auf seinem Anwesen in Istanbul ein. Es sind rauschende Feste, bei denen auf einer Bühne gesungen und getanzt wird und er selbst unaufhörlich aus seinem Leben erzählt. „Er ist ein wunderbarer Erzähler“, sagt Baraner.

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Für sein interkulturelles Engagement erhält Öger im September 2001 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz

Wann der Verfall seines Imperiums einsetzt, lässt sich nicht genau datieren. Aber das Jahr 2004 markiert in dieser Hinsicht eine Zäsur. Öger zieht, vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder protegiert, für die SPD ins Europaparlament ein. Zu dieser Zeit forciert die Regierung Schröder den Beitritt der Türkei in die Europäische Union, und der 62-jährige Öger gilt als das Paradebeispiel des modernen Türken, der sich, laizistisch und weltoffen, problemlos integriert. Ausgerechnet ein sein Renommee steigerndes Ereignis befördert seinen Abstieg.

Er verbringt nun bis 2009 drei Tage die Woche in Brüssel. Auch im Büro in Hamburg studiert er ausgiebig Akten. „Er hat seine politische Aufgabe sehr ernst genommen“, sagt Songül Göktas-Rosati, damals Callcenter-Leiterin bei Öger Tours. „Er hat den Betrieb vernachlässigt“, sagt Hüseyin Baraner.

Öger selbst wird schmallippig, wenn er den Zustand seines Unternehmens zwischen 2004 und 2010 beschreiben soll. Er senkt den Blick auf den Steinboden des Hotels: „Vieles lief nicht gut. Ich hatte ein Problem mit meiner Nachfolge.“

Im Innern seines Imperiums – so das sich aus Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern ergebende Bild – entsteht ein Führungsvakuum, es entstehen Lager, die einander misstrauen, während die Anpassung an den veränderten Markt unterbleibt. Öger beruft seine Tochter Nina zur Geschäftsführerin von Öger Tours. Sie arbeitet eng mit der seit 2002 im Unternehmen beschäftigten Vertriebsleiterin Wybcke Meier und auch Songül Göktas-Rosati zusammen. Die Truppe, die bei Öger Turk Tur die Fäden zieht, türkische Männer, die teilweise seit 20 Jahren zur Gefolgschaft des Firmenpatriarchen gehören, nehmen die drei Frauen nicht ernst. Öger selbst funkt ihnen immer wieder dazwischen. Es widerstrebt ihm, dass seine Tochter in der Presse als Juniorchefin beschrieben wird, die der Firma ihren Stempel aufdrückt. „Der Chef bin immer noch ich“, knurrt er, als 2007 die »Financial Times Deutschland« dergleichen schreibt.

Immer absehbarer ist, dass Öger Tours Probleme bekommen wird. Die Hoteliers in der Türkei sind dank des Internets weniger auf Reiseveranstalter angewiesen. Viele Kunden buchen direkt bei den Hotels oder auf Plattformen. Es gibt neue Anbieter, die Pauschalreisen nicht wie klassische Veranstalter lange im Voraus konzipieren, sondern aus einzelnen Bausteinen erst zum Zeitpunkt der Buchung zusammensetzen und dadurch oft niedrigere Preise bieten können. Hinzu kommt, dass mit Tui ein übermächtiger Konkurrent sein Türkei-Angebot ausbaut und dabei Exklusivverträge mit einigen der besten Hotels abschließt.

In dieser ohnehin schwierigen Lage erweist sich die Expansion in die Niederlande als Desaster. Öger baut eine Dependance in Amsterdam auf. Wie immer handelt er nach dem Prinzip: einfach machen. Doch die Niederländer, so die späte Erkenntnis, stehen generell nicht auf All-inclusive-Hotelurlaube. Mehrere Jahre lang will Öger den Fehler nicht wahrhaben, dann beendet er das teure Experiment.

Schon zuvor ist nicht zu übersehen, dass ihn die Doppelbelastung als Unternehmer und Politiker überfordert. Er wirkt zunehmend ermattet. Im Geschäftsjahr 2009/10 macht Öger Tours 7,3 Millionen Euro Verlust. Im Sommer 2010 kauft der britische Touristikkonzern Thomas Cook für schätzungsweise 30 Millionen Euro die Firma. Die Übernahme wird in der Branche als Rettungstat gesehen. Öger sagt im Rückblick: „Ich wollte damals kürzertreten.“

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Das Foto, das ihn im Jahr 1997 mit Fidel Castro auf Kuba zeigt, hing bis zum Schluss an einer Wand seines Büros Foto: © Privat

Die Briten kaufen allerdings nicht sein komplettes Firmengeflecht. Öger behält das Geschäft Öger Turk Tur sowie die Incoming-Agentur Holiday Plan mit knapp 300 Mitarbeitern in der Türkei. Ohne seinen Reiseveranstalter ist es jedoch schwierig, die übrig gebliebenen Sparten profitabel zu gestalten. Die Gastarbeiterflüge konnte er einst so billig anbieten, weil er sie effizient mit den Urlaubsflügen kombinierte. Und seine Incoming-Agentur betreute die eigenen Pauschalreisekunden vor Ort.

Nach dem Verkauf von Öger Tours fehlt Öger also eine tragende Säule. Die Lücke füllt er mithilfe seiner guten Beziehungen. Er macht einen Deal mit Paul Schwaiger, dem langjährigen Geschäftsführer von Sunexpress, einem Joint Venture von Turkish Airlines und Lufthansa. Öger ist seit vielen Jahren ein wertvoller Kunde der Fluggesellschaft. Schwaiger und er verstehen sich bestens, duzen sich. Sie vereinbaren, dass Öger Turk Tur als Flugticket-Agentur für Sunexpress fungiert. Das Geschäft läuft fortan so: Öger bezahlt seinen Agenten, Hunderten von Reisebüros, vier Prozent Provision für jedes verkaufte Ticket. Er selbst kassiert neun Prozent Provision von Sunexpress – und geht keinerlei Risiko ein. Hinzu kommt, dass er die Flugticket-Umsätze abzüglich seiner Provision erst dann an Sunexpress weiterreichen muss, wenn die Reisenden den Flug angetreten haben. Teilweise liegen Monate zwischen Anzahlung und Flug, Zeit, in der Öger mit dem Geld arbeiten kann.

Einen zweiten wichtigen Deal macht er mit dem Thomas-Cook-Chef Peter Fankhauser. „Er hat mir im Zuge der Verhandlung über Öger Tours das Incoming-Geschäft für alle Türkeiurlauber der Gruppe zugesichert“, sagt Vural Öger. Knapp drei Jahre verdient er dadurch viel Geld.

Im August 2013 aber ist es damit vorbei, was eine fatale Kettenreaktion auslöst. Öger erfährt, dass Thomas Cook auf eine andere Incoming-Firma statt auf seine setzt. „So etwas kann man doch nicht machen. Ich bin aus allen Wolken gefallen, ich habe noch am selben Tag meinen Aufsichtsratsposten bei Thomas Cook gekündigt“, sagt Öger zornig. Auch sechs Jahre danach vermag er nicht, das Geschehen nüchtern zu betrachten. Damals, erklärt er, habe er beschlossen, einen neuen auf die Türkei spezialisierten Reiseveranstalter zu gründen und damit seiner Ex-Firma Öger Tours Konkurrenz zu machen. „Aus Rache.“

„Was hältst du davon?“, fragt er im Herbst 2013 Geschäftspartner und Vertraute. Alle raten ihm ab. Der Markt gebe das nicht her. „Er ist richtig wütend geworden“, erinnert sich eine Ex-Mitarbeiterin, die anonym bleiben will, an das Gespräch. „Er wollte eigentlich nur in seinem Vorhaben bestätigt werden.“

Wenige Monate später gründet Öger den Reiseveranstalter V. Ö. Travel. Der ist nach dem gleichen Muster gestrickt wie 30 Jahre zuvor Öger Tours. Wieder werden ein Jahr im Voraus Betten- und Flugkontingente für die Urlaubssaison eingekauft. Wieder wird ein dicker Katalog gedruckt. Wieder tourt der Chef persönlich von Reisebüro zu Reisebüro, um mit seinem Charme den Vertrieb anzukurbeln. Seine Tochter Nina kümmert sich in der Türkei um die eigene Hotelkette. „Es gab bei V. Ö. Travel nicht die geringste Spur einer innovativen Idee“, erinnert sich eine ehemalige Mitarbeiterin.

Öger aber wird zum Fernsehstar. In der Show „Die Höhle der Löwen“ ist er Teil der Jury, die den nach Investoren suchenden Gründern knallhart sagt, was sie von ihren Geschäftsideen hält. Dass die Tage seines Erfolgs lange zurückliegen, hält ihn nicht davon ab, Tipps zu geben. Und dass er schon einmal eine schlechte Erfahrung mit einer überfordernden Doppelrolle gemacht hat, scheint ihm keine Warnung zu sein. V. Ö. Travel bleibt von Anfang an hinter den Ankündigungen zurück – und der Chef seltsam uninspiriert.

Eines Tages im Frühjahr 2015 wird Carsten Burgmann, der Vertriebs- und Marketingleiter von V. Ö. Travel, von Öger in dessen Büro gebeten.

Für die Mitarbeiter sind diese Audienzen immer etwas Besonderes. Burgmann sitzt mit seinem Team in einem Büro in der Innenstadt, Öger mit den Leuten von Öger Turk Tur in der Villa an der Elbchaussee. Als Burgmann für sein Bewerbungsgespräch das erste Mal dort war, hatte er Gänsehaut. Dieser hochgewachsene Mann, der als Grandseigneur der Branche galt; die vielen ausgestellten Auszeichnungen; das Foto von Öger beim Handschlag mit Fidel Castro – all das erfüllte ihn mit großem Respekt. An besagtem Frühjahrstag 2015 sitzt er seinem Chef gegenüber und traut seinen Ohren nicht: Öger, der mit der strategischen Planung eigentlich mehr als ausgelastet sein müsste, hat ihn herbestellt, um mit ihm über die Gestaltung der DIN-A4-Angebotszettel für eine Promotion-Aktion zu reden, es geht um Schriftgrößen und Farbtöne, er wünsche sich das vergleichbar mit früher bei Öger Tours, man habe damit immer große Verkaufserfolge erzielt.

Kann es sein, dass Ögers Persönlichkeit, die seinen Aufstieg ermöglichte, später notwendigen Veränderungen im Wege stand und damit zu seinem Abstieg beitrug? „Seine Aura hat es den Mitarbeitern oftmals nicht leicht gemacht, Dinge, die er für richtig hielt, infrage zu stellen“, sagt Burgmann.

Der endgültige Showdown im Jahr 2015 offenbart noch etwas anderes: wie fragil sein von Beziehungen gestütztes Geschäft ist. Politisch hat er in der Türkei schon länger nicht mehr den Rückhalt, den er zur Zeit des Präsidenten Özal hatte. Mit den ersten drei Nachfolgern kam er noch ganz gut aus. Seit August 2014 regiert mit dem Islamisten Recep Tayyip Erdogan jedoch ein Mann, den Öger mehrfach öffentlich kritisiert, wodurch er sich bei dessen Anhängern äußerst unbeliebt macht.

Im Juni 2015 verliert er zudem seinen wichtigsten Geschäftspartner. Paul Schwaiger räumt seinen Posten bei Sunexpress. Es dauert nicht lange, da beendet die Fluggesellschaft den lukrativen Deal, den Öger mit ihm 2010 vereinbart hatte.

Er soll von nun an die Umsätze, die er als Ticketvertreiber im Auftrag von Sunexpress macht, nicht erst weiterreichen, wenn die Kunden bereits geflogen sind, sondern immer zwei Wochen nach Buchung. Die laut Öger größte Unverschämtheit ist, dass er zu dem frühen Zeitpunkt nicht nur die bis dahin geleisteten Vorauszahlungen der Kunden abgeben soll, sondern den kompletten Flugpreis. „Geld also, das ich noch gar nicht hatte.“ Im Oktober sind es rund 17 Millionen Euro, die Sunexpress von Öger fordert.

„Glauben Sie mir“, sagt er beim dritten Treffen im „Vier Jahreszeiten“, „die wollten mich aus dem Weg räumen.“ Auf Nachfrage bestätigt Sunexpress zwar, dass die Zusamenarbeit mit Vural Öger 2015 auf eine neue Vertragsbasis gestellt wurde, begründet dies aber damit, dass sich im Lauf der Jahre „erhebliche Rückstände seitens Öger Turk Tur angehäuft“ hätten. Der neue Vertrag habe daher auch einen Rückzahlungsplan mit einer Laufzeit von 30 Monaten vorgesehen.

Für Öger ist das nicht der einzige Schlag. Nach der Pleite eines russischen Reiseveranstalters, der eine seiner Hotelanlagen exklusiv gemietet hatte, bleibt er auf acht Millionen Euro Forderungen sitzen.

Bei der Vereinbarung, die Öger mit Sunexpress trifft, begeht er einen folgenreichen Fehler: Er unterzeichnet eine Bürgschaft, die ihn mit seinem Privatvermögen haften lässt, sollte seine Firma die Schulden nicht begleichen. Als Öger einige Wochen später eine Forderung der Airline beanstandet und die fällige Rate nicht zahlt, beendet Sunexpress die Zusammenarbeit.

In der Woche vor Weihnachten, so beschreiben es ehemalige Mitarbeiter, wandelt Öger in sich versunken durch die Villa an der Elbchaussee. Er weiß: Nicht nur Öger Turk Tur, sondern auch V. Ö. Travel hängen von Sunexpress ab. „Ich konnte nachts kaum noch schlafen, ich fragte mich, ob ich meinen Mitarbeitern bald keine Gehälter mehr zahlen kann“, sagt er. Zudem habe ihm der Zorn auf die Firma, die seiner Überzeugung nach längst nicht mehr existierte, hätte er ihr nicht über viele Jahre so viele Fluggäste beschert, keine Ruhe gelassen.

Hilflos habe er dann auch noch mit ansehen müssen, wie Sunexpress den Kontakt mit seinen Agenten aufnahm, um direkt über sie die Tickets zu vertreiben. „Ganz klarer Fall: Ich sollte vernichtet werden. Aus politischen Gründen. Denn bei Sunexpress hatten nach Paul Schwaigers Ausstieg enge Vertraute des türkischen Präsidenten das Sagen.“ Fragt man Branchenkenner zu dieser Angelegenheit, weisen sie daraufhin, dass Öger viele Jahre von einem eigentlich nicht mehr zeitgemäßen Deal mit Sunexpress profitiert habe.

Das Ende dieser Geschäftsbeziehung überleben seine Firmen nicht. Am 29. Dezember 2015 beantragt er die Insolvenz für V. Ö. Travel, am 4. Januar 2016 die für Öger Turk Tur. Er überwirft sich mit seiner Tochter, die er bis heute nicht mehr gesehen hat. Zu den Gründen sagt er nichts. Anfang Dezember 2016 meldet er Privatinsolvenz an. Es ist der Tiefpunkt seiner fast 50-jährigen Unternehmerkarriere, ja seines ganzen Lebens. „Ich bin an diesem Tag an die Ostsee gefahren und habe mich gefragt, ob ich noch die Kraft habe, weiterzumachen“, sagt er leise.


Es ist schwer vorstellbar, dass Vural Öger sich dauerhaft zurückzieht

War der Abstieg vermeidbar? Beim vierten Treffen Ende September ist Öger erstmals der Frage gegenüber aufgeschlossen. Er wirkt erholt, trägt Jeans, Trachtenjanker und Stiefeletten, ein 77-Jähriger, der im britischen Salon des „Vier Jahreszeiten“ die Blicke der Gäste auf sich zieht. „Seit der Pleite von Thomas Cook steht mein Telefon nicht mehr still“, sagt er. „Mehrere Investoren fragen mich, ob ich nicht Lust hätte, bei Öger Tours wieder einzusteigen.“ Er sei traurig, dass die Firma in den Sog des Mutterkonzerns geraten sei. „Aber so gefragt zu sein ist gut fürs Ego.“ Zudem werde er bald aus der Privatinsolvenz befreit sein, „eine Frage von Wochen“.

Was den Niedergang seines Imperiums angeht, beharrt er auf dem politisch motivierten Genickbruch durch Sunexpress. Aber nun räumt er auch eigene Fehler ein: „Ich war ein Analog-Reiseveranstalter, ich habe alles mit dem Kopf gemacht, mit meinen Beziehungen und meinem Image. Die deutsche Presse hat mich geliebt, darauf war ich sehr stolz. Aber dann kam das digitale Zeitalter und hat mich überfordert. Dazu die politische Arbeit, sieben Tage die Woche immer nur Stress, ich wurde krank, ein Virus, der die Leber angreift, zwei Jahre lang, ich war physisch am Ende.“

War das vermeidbar? Vermutlich nur, wenn er andere, jüngere Leute ans Ruder gelassen, seine Nachfolge frühzeitig geplant hätte. Aber war das eine Option? War der Erhalt des Unternehmens überhaupt sein zentrales Anliegen?

Vural Öger wollte immer die Hauptrolle spielen. Er liebt die Bühne, darum kann man sich gut vorstellen, dass ihn der Gedanke, bei Öger Tours wieder mitzumischen, durchaus reizt – auch wenn er sagt: „Das will ich mir in meinem Alter eigentlich nicht mehr antun.“

Gibt es unter den Weisheiten, die er so gern zitiert, eine, die für ihn eine Art Leitmotiv ist? Öger zögert keine Sekunde, antwortet: „Wenn du möchtest, dass die Sonne scheint, verstecke dich nicht im Schatten.“ Dieser Satz stamme von Konfuzius und beschreibe ihn perfekt.

„Ich habe mich nie im Schatten versteckt.“ ---