„Müssen wir den hippokratischen Eid für Programmierer einführen?“

Die Digitalisierung verspricht mehr Qualität, auch im Gesundheitswesen. Aber was handeln wir uns damit ein? Mit dieser Frage beschäftigt sich André T. Nemat, Chirurg und seit einem Jahr Geschäftsführer des Institute for Digital Transformation in Healthcare.




André T. Nemat, 54,

studierte erst Ingenieurwissenschaften, dann Medizin. Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen medizinisch-technischer Innovationen begleitete ihn auch in seinen 15 Jahren als Chefarzt für Thoraxchirurgie. Als Gründer des Institute for Digital Transformation in Healthcare, einem Spin-off der Universität Witten/Herdecke, interessieren ihn vor allem die ethischen Folgen des digitalen medizischen Fortschritts.

 

brand eins: Herr Nemat, Sie haben eine Auszeit von der Position als Chefarzt in der Thoraxchirurgie genommen und ein Institut gegründet, das sich mit digitaler Transformation befasst. Warum?

Nemat: Aus dem Drang heraus, die Zukunft der Medizin mitgestalten zu wollen. Und weil mir zunehmend klar wird, dass in Zukunft Daten wichtiger sein werden als das Skalpell. Ärzte sind verantwortlich für die sogenannte letzte Meile, also den direkten Kontakt zum Patienten. Für ihn tragen wir die volle Verantwortung – obwohl wir keine Kontrolle über die Daten haben und das, was daraus folgt.

Das Versprechen ist: Je mehr Daten wir haben, desto besser können wir die Menschen verstehen und heilen, wenn sie krank sind – oder verhindern, dass sie überhaupt krank werden.

Das ist die Story. Aber haben wir tatsächlich durchdrungen, welchen Vorteil uns die Verwertung von Daten bringt? Faszination ohne Kenntnis der Tatsachen ist trügerisch, denn so öffnet sich die Schere zwischen Erwartungshaltung auf der einen und Realität auf der anderen Seite immer weiter.

Was wäre realistisch?

Dazu müssen wir zunächst definieren, was wir unter Digitalisierung verstehen: die Bereitstellung von Daten? Oder Automatisierung? Das sind zwei völlig unterschiedliche Themen.

Nehmen wir zunächst die Automatisierung, die vermutlich durchaus zu einem Mehr an Qualität führen kann.

Die Frage ist, ob sich dadurch die Struktur-, die Prozess- oder die Ergebnisqualität verbessert. Die Strukturqualität bezeichnet alles, was zur Infrastruktur gehört – also das Vorhalten von qualifiziertem Personal, gut ausgestatteten Räumen, adäquaten Gerätschaften. Das ist Fortschritt, aber eine zeitgemäße IT ist nichts Besonderes mehr, sondern schlicht Stand der Technik.

Und die Arbeitsprozesse?

Können dank IT schneller, effizienter und damit besser werden – wenn der analoge Prozess stimmt. Wenn Sie allerdings einen schlechten analogen Prozess digitalisieren, haben Sie hinterher einen schlechten digitalen Prozess. Wenn Sie dagegen den analogen Prozess vor der Digitalisierung überarbeiten, kann allein diese Transformation – auch ohne Digitalisierung – vorteilhaft sein.

Und was bedeutet das für den Patienten?

Das ist die entscheidende Frage. Die Vorstellung, dass verbesserte Strukturen und Prozesse automatisch zu besseren Ergebnissen führen, ist wissenschaftlich widerlegt. Deshalb locken die Digitalisierungs-Propheten gern mit Heilsversprechen: lebenslange Gesundheit unter Ausschluss von Krankheit, also der alte Menschheitstraum von der Unsterblichkeit. Der wird im Silicon Valley gern beschworen.

Damit wären wir bei den Daten.

Und bei den großen Hightech-Konzernen, die den Gesundheitsmarkt für sich entdeckt haben. Zugang suchen sie nicht durch den Patienten, sondern durch den Konsumenten: Jeder Bürger ist angesprochen, und wenn er ihnen seine Daten gibt, so das Versprechen, sorgen sie dafür, dass er länger und besser lebt.

Das mag übertrieben sein. Aber ist es nicht nützlich, wenn wir dank Schritt- und Pulsmesser mehr auf uns achten?

Es kann nützlich sein. Aber wohin führt das? Es ist schon kein Zukunftsszenario mehr, dass wir den Tag mit einer Urin-Untersuchung beginnen, die Informationen über den Mineralstoff- oder den Zuckergehalt liefert, dann unseren Puls prüfen, das Gewicht und so weiter. Wenn es aber so leicht wird, Informationen für eine Selbstdiagnose zu sammeln – wird dann nicht Prävention zur Bürgerpflicht? Wenn irgendwann jeder seine Lebensweise kontrollieren kann: Entsteht da nicht ein Zwang zum Gesund-Sein und Gesund-Aussehen?

Das ist der ethische Teil der Diskussion. Ökonomisch betrachtet: Brächte das mehr Qualität, oder wären möglicherweise andere Maßnahmen wirksamer?

Hände waschen und in der kalten Jahreszeit auf das Händeschütteln verzichten ist eine viel effizientere Maßnahme. Denn der ökonomische Mehrwert der Digitalisierung ist in dieser Branche noch nicht erwiesen. Wir haben die Hoffnung, dass Automatisierung für mehr Effizienz im Gesundheitswesen sorgt, das enorm ineffizient ist. Aber ob all die gesammelten Daten dem Menschen wirklich nützen, ist bislang offen.

Vermutlich kommt es darauf an, wie viele und welche Daten zusammengeführt werden.

Es ist tatsächlich zu erwarten, dass alle Gesundheitsdaten – woher sie auch kommen mögen – zusammengeführt werden. Die technischen Möglichkeiten, mit diesen Daten zielgerichtet umzugehen, haben allerdings nur einige wenige multinationale Großunternehmen in den USA und China.

Google, Apple oder Alibaba haben aber noch nicht den Zugriff.

Auf die Tracker-Daten haben sie ihn bereits. Mit unserem Institut wollen wir nun eine notwendige Diskussion anstoßen: Wie weit soll der Zugriff solcher Konzerne auf Patientendaten gehen? Wie stellen wir sicher, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt?

Was sind Ihre Einwände?

Nehmen wir zunächst die ökonomische Seite: Die einzelnen Daten, etwa die Laborwerte und Röntgendaten, sind zumindest im deutschen Gesundheitssystem bereits solidarisch bezahlt. Diese Daten geben wir nun ab, sie werden monetarisiert – und der Mehrwert fließt nicht ins deutsche Gesundheitssystem zurück, sondern Sie als Patient haben eine Applikation, die Ihnen – im günstigsten Fall – einen persönlichen Mehrwert liefert.

Selbst wenn es jemals eine elektronische Patientenakte geben sollte, ist nicht zu erwarten, dass die deutschen Behörden amerikanischen Konzernen den Zugriff darauf erlauben.

Und dafür bin ich dankbar. Das ist ein Schutz, keine deutsche Behäbigkeit. Aber die Digitalisierung hat weitere Folgen: Sie verringert das Informationsgefälle zwischen Arzt und Patient.

Das ist doch zu begrüßen.

Durchaus. Bislang hatte der Patient gegenüber dem Arzt ein absolutes Informationsdefizit: Der Mediziner stellte irgendetwas mit ihm an, und der Patient hatte kaum eine Möglichkeit, die Qualität der Diagnostik und der Behandlung in irgendeiner Weise zu messen und zu beurteilen. Heute haben wir Portale, in denen Ärzte bewertet werden, wir können uns über Leitlinien und Behandlungsoptionen informieren. Heutzutage ist jeder Arztbesuch bereits die Einholung einer Zweitmeinung.

Und wo ist das Problem?

Die eine Informationsasymmetrie wird durch eine andere ersetzt: Google, Facebook und Co werden die neuen, allwissenden Ärzte. Aber in der Medizin spielt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient eine entscheidende Rolle. Die Digitalisierung kann diese Beziehung bis auf Weiteres nicht ersetzen, aber in hohem Maße unterstützen oder stören. Je nachdem, wie wir in die Zukunft sehen.

Möglicherweise müssen Ärzte mehr in diese Beziehung investieren – aber inwieweit ist Zugang zu medizinischem Wissen eine Gefahr für Patienten?

Nehmen wir zum Beispiel das menschliche Genom. Es gibt nichts, was Ihre Person in ähnlichem Maße definiert. Die Entschlüsselung war bis vor Kurzem ein aufwendiger und teurer Prozess. Mittlerweile bekommen Sie für 99 Dollar ein Starter-Kit, und eine Speichelprobe liefert Ihren genetischen Datensatz.

Und was habe ich davon?

Das ist das Problem: Nur wenige Erkrankungen lassen sich auf die Veränderung einzelner Gene in Ihrem Genom zurückführen. Der Informationsgehalt geht also gegen null. Aber mit Ihrer Bestellung geben Sie – ähnlich wie bei Trackern und anderen Applikationen – die Rechte an Ihren Daten ab. Sie können nicht von der Firma verlangen, sie zu löschen.

Was wäre Ihre Idealvorstellung?

Vollständige Souveränität über die eigenen Daten.

Begeben wir uns damit nicht der Chance auf medizinischen Fortschritt?

Fortschritt kann es auch geben, wenn Menschen über ihre intimsten Daten verfügen können. Bei den Hightech-Kon-zernen im Silicon Valley zählt zweierlei: schnelle Skalierung und Börsenkapitalisierung. Dabei helfen die ganz großen Versprechen. Es geht nicht darum, bestimmte Krankheiten zu heilen – man hält sich erst gar nicht mit mühsamer Therapie auf. Es muss gleich das ganz große Versprechen sein: unendliches Leben und Singularity, also die Verschmelzung von Mensch und Maschine, bis 2048.

In dieser Logik ist Datensouveränität nicht vorgesehen. Sollten wir also auf deren mög- liche Segnungen verzichten?

Müssen wir nicht. Zurzeit gibt es eine interessante Debatte darüber, unter welchen Bedingungen Menschen medizinische Daten spenden sollten. Denn wir brauchen gute Datensätze in ausreichender Menge, um Fortschritte in der Medizin zu erzielen. Wir sollten dann aber auch diskutieren, ob wir für Programmierer, die an den entsprechenden Algorithmen arbeiten, den hippokratischen Eid einführen müssen, denn hier verschiebt sich die Kompetenz weg von den Ärzten und hin zu den Technikern.

Was wäre ein gutes Ergebnis?

In der radiologischen Diagnostik zeigt sich, was die Digitalisierung leisten kann. Die Bilderkennung ist weit fortgeschritten, und besonders bei Lungentumoren, was ja mein Spezialgebiet ist, so akkurat, dass wir uns bald fragen müssen, ob wir uns nicht schuldig machen, wenn wir die Technik nicht einsetzen. Zwar braucht es für die Diagnose noch eine Gewebeprobe und das Wissen des Arztes – aber wie lange noch? Die Maschine macht es erstens besser und zweitens billiger als ich. Im Moment braucht es mich nur, weil jemand die Haftung übernehmen muss.

Die Maschine wird bald auch zur Diagnose fähig sein?

Das ist noch Zukunftsmusik, aber ich gehe davon aus, dass wir dahin kommen werden.

Wird die Medizin dann besser sein?

Wenn wir das wollen, sollten wir nicht nur die Technik im Blick behalten. Wenn es zum Beispiel um das Thema Versorgung in einer alternden Gesellschaft geht, können wir nicht darauf warten, dass die Apples, Googles oder Facebooks dieser Welt irgendetwas dafür entwickeln. Es sind eher die ökonomischen Rahmenbedingungen und Ressourcen, die den Ausschlag geben werden, wenn die Qualität in Krankenhäusern und in der Krankenversorgung ganz allgemein verbessert werden soll. ---