Kartenmacherei

Auch mit einer scheinbar trivialen Idee kann man Millionen verdienen. Wie das geht, zeigen Jennifer und Christoph Behn mit ihrer Kartenmacherei.




• Ein Onlineshop, in dem man mit wenig Aufwand schöne Karten für Taufe, Hochzeit oder Geburtstag bestellen kann? Keine vielversprechende Geschäftsidee, könnte man meinen. Aber vor zwölf Jahren trafen die Gründer und Ehepartner Jennifer und Christoph Behn damit einen Nerv. Nicht nur, weil sie damals kaum Konkurrenz hatten.

Das Paar, das damals noch in Bayern, in Eching am Ammersee lebte, wollte die Geburt von Anton, ihrem ersten Sohn, verkünden. Die Geburtskarte einer Freundin inspirierte Jennifer Behn, damals PR-Beraterin, dazu, selbst eine zu gestalten. Das Ergebnis hängt heute als Andenken im Großraumbüro in Gilching. Eine doppelt geklappte Karte mit drei Fotos: Babyfinger, Babyfüße, ein kleiner Kopf. „Anton ist da“, steht in weißen Lettern auf himmelblauem Hintergrund. Klare Linien, satte Farben, schnörkellos. Jennifer Behn hatte viel Spaß dabei – und ihr Mann witterte ein Geschäft.

Drei Jahre später, im September 2010, gründeten sie die Firma Kartenmacherei. Auf dem Dachboden, mit zwei Tischen, inzwischen war schon das zweite Kind unterwegs. Christoph Behn kündigte seinen Job als Unternehmensberater, ihr Erspartes investierten sie in die Webseite. Im Dezember gingen sie online, im März mussten sie bereits die ersten Mitarbeiter einstellen und ein Büro anmieten. Sie erweiterten das Sortiment um Tischkarten, Adressaufkleber und Kalender. 2014 expandierten sie nach Österreich und in die Schweiz, kurz darauf nach Frankreich.

Heute ist die Kartenmacherei nach eigenen Angaben europäischer Marktführer für personalisierte Grußkarten. Die Firma hat rund 200 Mitarbeiter und drei Standorte in Gilching, München-Laim und Hamburg. Im vergangenen Jahr setzte sie mit dem Verkauf von mehr als 18,5 Millionen Karten 40 Millionen Euro um, rund ein Viertel davon im Ausland. Zehn Karten kosten zwischen 25 und 59 Euro, bei der Konkurrenz gibt es sie auch schon mal für die Hälfte. Dank eines siebenstelligen Onlinemarketing-Budget taucht die Kartenmacherei bei der Internetsuche meist schneller auf als der Wettbewerb.

Ein Treffen mit Christoph und Jennifer Behn im Hamburger Büro der Firma. Es liegt im dritten Stock direkt am Hafen, gegenüber vom berühmten Stage Theater, wo das Musical „Der König der Löwen“ läuft. Der 40-Jährige spricht schnell, es gibt viel zu erzählen, denn wenn er den Erfolg erklären will, geht es um Details. Und da soll ja keines vergessen werden. Das Gespür für diese hatte vor allem seine Frau, 45 Jahre alt, die Ruhigere von beiden. Während die Konkurrenz es mit bunten Elementen und vielen Schriftarten versuchte, setzte sie auf ein aufgeräumtes Design. Ein Manufactum für Grußkarten. Und: „Das Gefühl muss stimmen.“

Vor zwei Jahren ist das Paar mit den Kindern (mittlerweile sind es drei) in den Norden gezogen. Im Hamburger Büro befindet sich auch die Entwicklungsabteilung, die seit 2012 von Steffen Behn, Christophs Bruder geleitet wird. Jennifer Behn ist die Kreativchefin im Unternehmen und spürt neue Trends auf. Wie Kraftpapier zum Beispiel, ein Retro-Material, besonders bei Hochzeitspaaren beliebt. Ein Pool aus rund 40 Designern ist für die gestalterische Umsetzung verantwortlich.

Wenn man den beiden etwas länger zuhört, versteht man: Es waren unspektakuläre Entscheidungen, die in der Summe zum Erfolg führten. Christoph Behn nennt ein Beispiel aus den ersten Jahren: „Damals war es schwieriger, Farbflächen schön zu bedrucken.“ Seine Frau und er kannten sich mit Druck nicht aus, begriffen aber schnell, was die Qualität am meisten beeinflusst: das Papier. Herkömmliche Bögen waren anfällig für Kratzer und Streifen, die Intensität der Farbe variierte im Druck.

Daher entschieden sie, Feinstpapier zu verwenden, obwohl es viel teurer war. Christoph und Jennifer Behn fanden eine Druckerei im Schwarzwald, deren Produkte ihren Vorstellungen entsprach. Mittlerweile lassen sie ihr eigenes Papier herstellen, manche Sorten bei der Büttenpapierfabrik Gmund am Tegernsee. Sieben Arten von Papier verkauft die Kartenmacherei heute, fast doppelt so viele wie ihre Konkurrenten. Jede wird im Shop beschrieben, es gibt kostenlose Musterexemplare, Bestellungen kommen in Seidenpapier eingewickelt an.

Die Detailversessenheit setzte Christoph Behn im Umgang mit Kunden fort. In den ersten sechs Monaten telefonierte er mit fast jedem, um das Produkt noch besser zu machen. „Irgendwann hatte ich 80-Stunden-Wochen, aber wir haben viel dabei gelernt.“ Etwa dass Kunden es simpel mögen.

Der Mann mit Gespür für den Kundenservice: Christoph Behn

Der einfach zu bedienende Online-Konfigurator war von Beginn an eine ihrer Besonderheiten. Die Leute können hier kreativ werden, Format, Papier und Farben bestimmen. Aber: „Sie können relativ wenig kaputt machen“, sagt Christoph Behn. Weil die Designs feststehen, Textfelder und Schrift vorgegeben sind. Viele ließen sogar die vorgeschlagenen Sprüche stehen.

Manche kritisieren die Einschränkungen, aber die meisten sind zufrieden. Das kann man auf der Bewertungsplattform Ek lesen. Rund 150.000 Kunden geben der Kartenmacherei hier im Schnitt 4,9 von 5 Sternen.

Dort werden auch immer wieder die schnelle Lieferung und das sorgfältige Prüfen der Aufträge gelobt. „Tipps zur Gestaltung und besseren Lesbarkeit wurden erteilt, und auch Nachbestellung und Entfernung vom Kartenmacherei-Logo war kein Problem!“, schrieb eine Nutzerin Ende September. Mit ein bisschen Unterstützung fühlen sich die Kunden – die meisten sind Frauen – ein wenig wie Künstler.

Die Frau fürs Design: Jennifer Behn

Die Firma investiert viel Geld in ihren Kundenservice. Dort arbeiten 60 Mitarbeiter, die jeden Auftrag prüfen, sogar die Rechtschreibung. Wenn es schnell gehen muss, werden die Karten auch über Nacht geliefert oder per Kurier.

Manchmal geht auch etwas schief, dann beschweren sich die Kunden. Darüber, dass die Karten unsauber gestanzt wurden oder die Farben nicht so aussehen wie auf dem Bildschirm. Dafür übernimmt die Firma die Verantwortung. Im vergangenen Jahr riefen die Chefs persönlich bei rund hundert Kunden an, weil technische Probleme die Lieferzeit verzögert hatten.

Christoph und Jennifer Behn sind längst nicht mehr die Einzigen mit einem Onlineshop für Grußkarten. Aber die Konkurrenz mache ihm keine Sorgen, sagt der Gründer. „Viele haben uns kopiert. Dafür gibt es jetzt im Schnitt bessere Karten und Kundenerfahrungen auf dem Markt.“ Und ergänzt, eher selbstbewusst: „Wir haben die Industrie zum Besseren verändert.“

Das will die Familie nun auch in anderen Branchen schaffen. Im vergangenen Jahr hat Behn die Better Group gegründet, mit der er rund 100 Millionen Euro in neue Firmenideen investieren will – im Kosmos der Kartenmacherei, die seither Teil der Unternehmensgruppe ist. Eine App namens Celebrate gibt es bereits: Mit der sollen Hochzeitspaare und ihre Gäste unkompliziert Bilder in hoher Auflösung miteinander teilen können. Außerdem haben sie eine Manufaktur für Eheringe übernommen. „Die Kunden haben wir schon. Wir müssen also kein zusätzliches Marketing machen“, sagt Christoph Behn. Ein weiteres Thema, das ihn umtreibt, sei smarte Technik für Eltern – Parent-Tech.

Die Aufgabenverteilung in der Better Group bleibt dieselbe: Christoph Behn entwickelt Ideen, seine Frau kümmert sich darum, dass die Produkte gut aussehen. Sein Bruder Steffen, der wie Patrick Leibold zum vierköpfigen Geschäftsführerteam der Kartenmacherei gehörte, ist ebenfalls an Bord. Bis auf Leibold haben sich alle aus der Geschäftsführung des Karten-Shops zurückgezogen und Nachfolger für ihre Positionen gesucht. Das Loslassen sei ihnen schwergefallen, ihr mehr als ihm. „Als Chef muss ich vorangehen“, sagt Christoph Behn. Für seine Frau gebe es noch keine direkte Nachfolgerin. Sie sagt: „Das Gespür zu übergeben ist keine einfache Sache.“ ---