Was wäre, wenn …

… es die deutsche Wiedervereinigung nicht gegeben hätte?

Ein Szenario.




• 30 Jahre ist es her, dass die Berliner Mauer fiel und die deutsch-deutsche Grenze sich öffnete. Kein Jahr später, am 3. Oktober 1990, trat die Deutsche Demo- kratische Republik (DDR) offiziell der Bundesrepublik Deutschland bei. Doch was wäre, wenn sich dies nie ereignet hätte? Wie sähe Deutschland ohne die Wiedervereinigung aus?

Eine Abzweigung, die die Geschichte hätte einschlagen können, zeichnete sich bereits vor der Maueröffnung ab. Die DDR-Führung hätte gegen die immer größer werdenden Demonstrationen für freie Wahlen sowie Reise- und Redefreiheit ähnlich wie die chinesische Führung vorgehen können – diese ließ im Juni 1989 die Proteste auf dem Tiananmen-Platz gewaltsam niederschlagen. „Von allen alternativen Szenarien ist das mit Abstand das wahrscheinlichste“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker und Autor zahlreicher Bücher (das aktuelle heißt „Die Übernahme: Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“) über die DDR und die Wiedervereinigung.

Danach hätte vermutlich das Militär die Macht an sich gerissen, wie auch bei der zweitwahrscheinlichsten Variante: „Die Mauer wäre zwar geöffnet worden, doch kurze Zeit später wäre die Nationale Volksarmee (NVA) ausgerückt und hätte mit militärischer Gewalt die Grenze wieder geschlossen“, sagt Kowalczuk. Das sei ein realer Plan der SED gewesen, der jedoch daran scheiterte, dass NVA-Generäle nicht mitzogen.

Was aber wäre passiert, wenn die DDR nach dem Mauerfall ihre staatliche Eigenständigkeit behalten hätte? Selbst der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sprach in seinem Zehn-Punkte-Programm, das er Ende November 1989, gut zwei Wochen nach dem Mauerfall, im Bundestag präsentierte, noch vorsichtig von „konföderativen Strukturen zwischen beiden Staaten“. Auch drei der vier Alliierten waren zunächst gegen einen Zusammenschluss, nur die USA plädierte dafür.

Wie hätte eine eigenständige, reformierte DDR ausgesehen? Dafür hätte die ostdeutsche Bevölkerung bei den ersten freien Volkskammer-Wahlen am 18. März 1990 anders abstimmen müssen: statt für einen schnellen Beitritt der DDR zur BRD laut Artikel 23 des Grundgesetzes für eine eigene Verfassung. Doch die wirtschaftliche Lage des Landes war desolat. Zudem schwand nach und nach die Möglichkeit, billiges russisches Erdöl aus der Pipeline „Freundschaft“ in Raffinerien zu veredeln und gegen Devisen weiterzuverkaufen, da Russland immer weniger Öl gegen Kredit zur Verfügung stellen wollte. In den Monaten zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung verließen jeden Tag Tausende Menschen den Osten. Dieser Trend hätte sich laut dem Politikwissenschaftler Jochen Staadt von der Freien Universität Berlin fortgesetzt: „Ostdeutschland als separates Land wäre entvölkert worden“, sagt er im Interview mit dem schwedischen Magazin »The Local«. „Statt der drei Millionen, die gegangen sind, wären es in einem reformierten sozialistischen Staat dreimal so viele gewesen.“

Andere Forscher zeichnen das Bild eines eigenständigen Ostdeutschlands als eine Art Billiglohnland vor der Haustür des westdeutschen Bruders. Dort investieren Firmen aus aller Welt aufgrund der Fachkräfte gern und lassen so nach und nach wieder eine prosperierende Wirtschaft entstehen, die sogar emigrierte Ostbürger nach einer Weile zurücklockt. Doch wie Staadt glaubt auch Kowalczuk nicht an diese Version: „Viele der besten Leute und vor allem der größte Teil der Jugend wären sofort abgehauen, das Land wäre leer gewesen“, sagt er. Wie in Russland oder Ungarn hätten Oligarchen die Wirtschaft kontrolliert – „einfach weil Staat und Gesellschaft keine Mittel gehabt hätten, sich dagegen zu wehren“.

Die Wiedervereinigung habe fraglos viele Fehler, Ungerechtigkeiten und sogar kriminelle Handlungen mit sich gebracht, so Kowalczuk – „aber eine Version, in der es besser gelaufen wäre, als es gelaufen ist, kann ich mir unter demokratischen Vorzeichen und angesichts der historischen Daten kaum vorstellen.“

Nicht nur für den Osten Deutschlands hätte eine ausbleibende Wiedervereinigung gravierende Folgen gehabt – auch der Westen wäre heute ein anderer: Zwischen 1,5 und 2 Billionen Euro sind im Laufe der vergangenen 30 Jahre von den alten in die neuen Bundesländer geflossen, meist in Form von Sozialtransfers. Trotzdem haben manche im Westen enorm profitiert: 80 Prozent der von der Treuhand verkauften DDR-Betriebe gingen an Westdeutsche, 14 Prozent ins Ausland, nur 6 Prozent blieben in ostdeutscher Hand. Der Bundesbürger, der politisch am meisten von der Einheit profitiert haben dürfte, ist vermutlich Helmut Kohl. Ihm wäre ohne die Aussicht auf „blühende Landschaften“ im Osten eine, wenn nicht zwei Amtszeiten verwehrt geblieben.

„Womöglich wäre eine westdeutsche Bundesrepublik in den Neunzigern früher und besser fit für die Zukunft gemacht worden“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk. In einer Art Siegestaumel des Kapitalismus habe das vereinte Deutschland die Vorboten von Globalisierung und Digitalisierung übersehen. „Vielleicht hätte man die abgehängten Gebiete im Westen früher in den Blick genommen und dort einen Strukturwandel eingeleitet.“

Auch die Europäische Union sähe heute anders aus: Ohne die Hinwendung zur Marktwirtschaft, der viele osteuropäische Staaten folgten, wäre sie wohl kleiner. Den Euro gäbe es vielleicht nicht, obwohl das Konzept älter als die deutsche Einheit ist. Ihren Widerstand gegen die gemeinsame Währung gab die westdeutsche Regierung erst auf, als Frankreichs Staatspräsident Mitterand den Euro zur Bedingung für seine Zustimmung zur Einheit machte. ---