Wirtschaftsgeschichte

Ein Stück vom Kuchen

Als es noch keine Sozialversicherungen gab, beteiligte Johann Heinrich von Thünen seine Mitarbeiter am Gewinn.





• Der Blick nach England war für Johann Heinrich von Thünen ein Blick in die Zukunft – eine Zukunft, die er verhindern wollte.

Dort hatte die Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts längst begonnen, im Rest Europas entwickelte sie sich zögerlich. Den sogenannten Manchester-Kapitalismus lehnte von Thünen ab, die tiefe Spaltung zwischen Unternehmern und Arbeitern beunruhigte ihn. In den Fabriken dauerten die Schichten damals bis zu 14 Stunden, auch Kinder wurden zur Arbeit gezwungen. Wer krank oder alt wurde, hatte keine Absicherung, viele lebten deshalb in Armut.

Den Frühsozialisten wollte von Thünen sich jedoch ebenso wenig anschließen. Also suchte er nach einem dritten Weg. Eine Idee probierte er selbst aus: Er beteiligte seine Mitarbeiter am Gewinn und sicherte ihnen eine Rente.

Johann Heinrich von Thünen war Ökonom und Landwirt. 1810 kaufte er das Gut Tellow in Mecklenburg. Dort lebte er mit seiner Frau und den Kindern, auch seine Mitarbeiter wohnten mit ihren Familien auf dem Gelände, zeitweise mehr als hundert Menschen. Die Arbeiter halfen, Schafe und Rinder zu züchten und auf den Feldern Getreide anzubauen. Als Gutsherr regelte von Thünen weite Teile des Lebens seiner Mitarbeiter: Selbst wenn jemand heiraten wollte, brauchte er die Erlaubnis des Gutsherrn. Der sah sich auch verpflichtet, für die Mitarbeiter zu sorgen, wenn sie krank oder alt waren – ein Patriarch also, aber einer, der den Leuten wohlgesonnen war.

Akribisch notierte von Thünen sämtliche Einnahmen und Ausgaben, errechnete Gewinne und Verluste. In den Details ging es zum Beispiel darum, welche Pflanzen und welche Düngung zu welchem Ertrag führen, auch die Milchleistung der Kühe berechnete er genau und erfasste dabei sogar den Fettgehalt der Milch. Die Buchführung sei zwar eine „höchst mühsame Arbeit“, klagte er, doch die war es ihm wert. So konnte er die Landwirtschaft immer weiter optimieren, was nötig war, weil er das Gut verschuldet übernommen hatte. Eigentlich interessierte ihn jedoch etwas anderes: Indem er die wirtschaftlichen Abläufe auf dem Gut analysierte, konnte er seine ökonomischen Theorien in der Praxis überprüfen.

Aus Briefen kann man schließen, dass von Thünen nicht gerade das war, was man einen Lebemenschen nennt. Einmal war er offenbar so überarbeitet, dass er zur Kur musste. Seine Familie schlug vor, er solle sich doch im Alltag etwas mehr bewegen und ab und zu unter Leute gehen. „Du hast schon in früher Jugend fast nur mit den Gesetzen des Verstandes operirt“, schrieb sein Bruder Friedrich ihm. „Das gesellschaftliche Leben, die Künste, die Handwerke, haben Dich nur berührt so weit sie einmahl mit einer Idee zusammen trafen.“ Sprich: Von Thünen verbrachte viel Zeit am Schreibtisch.

Über viele Jahre beschäftigte er sich mit der Frage, welcher Lohn gerecht sei. Er entwickelte die Idee eines naturgemäßen Arbeitslohnes, den er anhand des Existenzminimums und dem, was der Arbeiter erwirtschaftete, bestimmte. Zuvor war der Lohn meist allein aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ermittelt worden. Was der Arbeiter brauchte oder was ihm zustand, spielte dabei keine Rolle.

Von Thünen aber zahlte seinen Mitarbeitern überdurchschnittlich hohe Löhne. Von 1848 an beteiligte er sie dann auch an dem Gewinn, den er auf dem Gut erwirtschaftete. Ein Teil der Überschüsse wurde auf verzinsten Konten angelegt. Wenn die Mitarbeiter 60 Jahre alt wurden, durften sie frei über ihr Kapital verfügen. Die Zinsen konnten sie sich jährlich auszahlen lassen.


Die Ausbeutung der Arbeiter in England lehnte von Thünen ab, den Frühsozialisten wollte er sich jedoch nicht anschließen. Also suchte er einen dritten Weg.

Was von Thünen antrieb, wird bis heute diskutiert – manche sehen in ihm einen Idealisten, andere einen Unternehmer, der im eigenen Interesse handelte. Von Thünen war unbestritten ein Humanist, er hatte Kant gelesen und wollte moralisch handeln. Das zeigt sich auch darin, dass er seine Söhne verpflichtete, das Gut weiterzuführen. Einen Verkauf untersagte er. So wollte er verhindern, dass ein Fremder „die langsam reifende Frucht“, die „Erhöhung des Wohlstandes“ der Mitarbeiter zerstören könnte. Denn das würde „ein Hauptstreben meines Lebens mit einem Schlage vernichten“.

Dass die Gewinnbeteiligung aber auch im Interesse des Gutsherrn waren, vermuten die Historiker Ilona Buchsteiner und Gunther Viereck. Sie sei wohl „kein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern durchaus kühl kalkuliert“ gewesen, schreiben sie: 1848 war das Jahr der Revolution, bereits im Frühjahr hatte es Unruhen gegeben – das Volk kämpfte für mehr Mitbestimmung. Die Gewinnbeteiligung könnte also auch dazu gedient haben, den Zorn der Massen gar nicht erst auf Tellow überspringen zu lassen.

Von Thünen dachte in moderner Weise unternehmerisch: Von der Beteiligung erhoffte er sich, dass die Arbeiter sich stärker mit dem Gut identifizierten. Sie sollten „an dem Wohl und Wehe des Gutsherrn unmittelbar teilnehmen“, so formulierte er es. Darüber hinaus kalkulierte er, dass sie sich für ihre eigene Rente schon in der Gegenwart mehr anstrengen und die Produktivität erhöhen würden.

Sozialdemokraten und Gewerkschaften sprachen sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegen die Gewinnbeteiligung aus. Sie kritisierten, mit dem Instrument werde ein Anreiz für den Arbeiter geschaffen, sich für einen höheren Gewinn des Unternehmens aufzureiben und sich selbst auszubeuten. Tatsächlich setzte sich die Gewinnbeteiligung zur sozialen Absicherung nicht durch.

Trotzdem war sie 1848, als von Thünen sie auf dem Gut einführte, ein großer Fortschritt. Erst um 1820 war in Mecklenburg die Leibeigenschaft aufgehoben worden. Bis Otto von Bismarck als Reichskanzler eine soziale Grundsicherung für Arbeiter durchsetzte, um die SPD klein zu halten, dauerte es noch vier Jahrzehnte. Johann Heinrich von Thünen nahm einen Teil dieser Sozialreformen vorweg. ---