Crafty

Wochenlanges Warten auf den Handwerker, schlechte Arbeit, Fußspuren auf dem Teppich? Das muss nicht sein. Findet ein Start-up aus München.





• Das neue Büro der Firma Crafty könnte so schön sein – wenn es endlich fertig wäre. Es liegt in bester Lage am Münchener Shopping-Boulevard Maximilianstraße, fünfter Stock. Unten der Gucci-Store und das Schickimicki-Cafe „Roma“, oben steht Christiane Wolff auf der Dachterrasse und blickt in den weiß-blauen bayerischen Himmel. Frau Wolff ist die Geschäftsführerin von Crafty, eine elegante Blondine aus der Münchener Bussi-Bussi-Society. Aber im Moment ist sie noch nicht richtig auf Besuch eingestellt. Im weitläufigen Headquarter der Firma stehen nur provisorische Möbel, die Teppiche fehlen, Maler-Vlies bedeckt den Boden, der Kaffeeautomat ist nicht angeschlossen, die meisten Räume sind unbenutzbar. Die Handwerker hatten noch keine Zeit dafür.

Nur Caroline Müllers kleines Büro, zweite Tür rechts, funktioniert schon ziemlich gut. Sie firmiert auf der Crafty-Homepage als „Hallo, ich bin Claudia. Wie kann ich Ihnen helfen?“. Daneben eine 0800er-Nummer und der Text: „Die schnelle Handwerks-Hotline für Ihr Zuhause, Ihren Garten oder Ihr Büro.“

Vielleicht sollte Frau Wolff mal kurz bei Fräulein Claudia durchklingeln und schnell ein paar Handwerker klarmachen. Dafür ist Crafty nämlich da: innerhalb von ein bis zwei Tagen einen qualifizierten Fachmann vorbeizuschicken, der unverzüglich alles repariert oder renoviert, was repariert oder renoviert gehört. Mit Qualitätsgarantie, ohne versteckte Mehrkosten.

Auftraggeber warten in Deutschland zurzeit rund elf Wochen, bis der Handwerker kommt, und wenn er wieder geht, ist beinahe jeder dritte Kunde unzufrieden, vor allem wegen verpatzter Termine, fehlerhafter Ausführung des Jobs und überhöhter Rechnungen. Das gibt sogar der Zentralverband des Deutschen Handwerks zu.

Christiane Wolff, 48, will das ändern. Crafty wurde vor gut einem Jahr dafür gegründet, das deutsche Handwerk zu revolutionieren. Kein leichtes Unterfangen: Seit langer Zeit ist die Branche straff in Kleinbetrieben mit durchschnittlich fünf Mitarbeitern organisiert und nicht so beweglich, wie es die sich rundum veränderte Lage erfordert. Zuverlässige Terminplanung, verbindliche Kostenvoranschläge, Kulanz, Qualitätssicherung, Kundenbindung – für manche Betriebe sind das noch immer Fremdworte.

Deshalb glaubt Wolff, dass man damit punkten kann. Ihr Problem ist allerdings, dass sie von Handwerk keine Ahnung hat. Sie hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert und war Jugendschutzbeauftragte beim Sender Sky. Zuletzt leitete sie acht Jahre lang die Kommunikationsabteilung von Serviceplan, der größten inhabergeführten Werbe- und Media-Agentur Europas, eine der besten Adressen des Landes. Aber ob das hilft, wenn es um Schublehre, Anpressdruck und Wandfeuchte geht? Gut, dass hinter Wolff ein Handwerksmeister steht: Jens Zabel, 55.

Zabel ist der Inhaber der Zabel Group, einem überregionalen Facility-Management-Unternehmen mit Sitz in Essen, das unter anderem Karstadt- und Ikea-Filialen in Schuss hält. Er hatte die Idee zu Crafty, die da lautet:

Wer etwas im Haus oder Garten zu erledigen hat, ruft Crafty an, egal ob es um eine Komplettrenovierung des Bades geht, um neue Farbe für das Schlafzimmer oder um eine defekte Klospülung. Innerhalb von 24 Stunden kommt ein sogenannter Koordinator vorbei, schaut sich alles an und macht gratis einen verbindlichen Kostenvorschlag. Wenn er etwas übersieht – bröckelnde Wände, feuchte Böden –, es wird keinen Cent teurer. „Wir sind keine Billigheimer“, sagt Zabel, „aber auch nicht besonders teuer. Wir liegen im Mittelfeld.“

Der Koordinator organisiert die Arbeiten, ähnlich wie ein Bauleiter. Am nächsten Tag kommt der Handwerker, er wurde vorher per E-Mail und Foto angekündigt, wie der Uber-Fahrer am Flughafen. Bei kleinen Jobs kommt der Mann mit dem Lastenrad, bei größeren parkt er den picobello aufgeräumten Transporter vor der Tür. „Wer seinen Sprinter voll mit Schrott und Müll hat“, sagt Zabel, „ist kein guter Handwerker.“ Wenn der Auftrag erledigt ist, macht der Crafty-Mann alles blitzblank und ein paar Handyfotos zum Beweis. Dann kommt der Koordinator und nimmt zusammen mit dem Kunden die Arbeit ab. Jetzt noch schnell mit Karte zahlen. Und fertig.

Im Gegensatz zu Portalen wie MyHammer oder Blauarbeit vermittelt Crafty keine Handwerker, sondern schickt eigene Leute. Wenn alles so läuft wie geplant, ist die Firma bald nach Fielmann, den Mercedes-Werkstätten und ein paar Bäckereiketten einer der größten Handwerksbetriebe in Deutschland.

Klingt gut, aber woher bekommt Zabel die Handwerker? In fünf Jahren will er bis zu 5000 auf der Gehaltsliste haben, jetzt hat er sechs. „Tja“, sagt Zabel, „schwieriger Fall.“ In Deutschland herrscht in den meisten Branchen Facharbeiter-Mangel. Lehrlinge fehlen, Gesellen fehlen und Meister erst recht. Aber für schwierige Fälle ist Zabel Spezialist. Er hat kurz vor dem Mauerfall in Magdeburg mit einem Westwischeimer vom Onkel aus Berlin, einem Bodenwischer von Unger und einem Jute-Tuch zum Polieren gegen den Widerstand der DDR-Bürokratie mit dem Reinigen von Gebäuden angefangen. Er hat die Wende überlebt, als plötzlich die westdeutschen Saubermacher-Konzerne mit Dumpingpreisen im Osten einfielen. Er hat Steuer- und Zollfahndungen überstanden und jetzt 8000 Mitarbeiter in der Zabel Group. Von denen kann Crafty erst mal profitieren.

Und dann heuert er neue Leute an, denen er 15 Prozent über Tarif zahlt. „Das Geld hol’ ich mir im Einkauf wieder rein“, sagt Zabel. Er gilt als knallharter Verhandler. Im bayerischen Furth bei Landshut, wo er seit Kurzem in einem 700 Quadratmeter großen Haus wohnt und 2000 Hektar Wald bewirtschaftet, ist er als Sparfuchs bekannt, seit er für den Nachbarbauern beim Landfahrzeug-Händler für den neuen Trecker 30 Prozent Rabatt herausgeholt hat. Das macht schon was aus bei 140 000 Euro. Ohne Zabel macht dort keiner mehr eine größere Anschaffung. Er kriegt dafür frische Eier und ab und zu ein Blech mit Zwetschgendatschi. Und wenn selbst mit der übertariflichen Bezahlung nicht genug Leute anbeißen, dann kauft er einfach bestehende Handwerksunternehmen auf. Viele finden keinen Nachfolger mehr, Zabel verhandelt jetzt schon mit Kandidaten. Dafür hat er ein paar Millionen bereitgelegt.

Und wie sorgt er dafür, dass die Qualität stimmt? Erstens lässt er sein Qualitätsmanagement nach ISO 9001 zertifizieren, eine internationale Norm. Aber viel wichtiger ist der persönliche Einsatz. Zabel fährt bis zu 150.000 Kilometer im Jahr durch die Republik, unter anderem, um morgens um fünf Uhr bei Karstadt in Magdeburg hinter einer Säule zu stehen, wenn seine Leute dort arbeiten. „Die sollen wissen, dass da einer hinter ihnen ist und guckt, ob sie alles richtig machen.“ Bei Schlamperei wird Zabel zornig. Wenn der Installateur die Dichtmasse am Waschbecken nicht vollkommen plan aufträgt, dann kann er schon mal ausflippen.

Früher war er für seine Wutreden berüchtigt, heute ist er nach sieben Hörstürzen ein wenig ruhiger geworden. Statt zu brüllen, greift er jetzt eher zum Feudel und wischt selbst noch mal nach oder schnappt sich ein Werkzeug und sorgt für den optimalen Sitz der Duschstange. „Der Jens“, sagt Christiane Wolff, „ist ein sehr spezieller Typ.“ (So speziell übrigens, dass die beiden unterdessen zusammenleben. Sonst wäre der Wechsel von der Mega-Agentur Serviceplan mit 4200 Mitarbeitern an 24 Standorten weltweit zum Crafty-Start-up mit derzeit zehn Mitarbeitern in München nur schwer zu erklären).

Zur Qualität im Handwerk gehört für Zabel neben einer möglichst zügigen und perfekten Ausführung des Jobs die ständige Erreichbarkeit der Chefs, Sauberkeit am Arbeitsplatz, Einsatz von Fachkräften statt Billiglöhnern und die Erledigung von Reklamationen am selben Tag. „Da bleibt alles liegen, und wir kommen und regeln das“, sagt Zabel. „Das Geld holen wir uns dann vom Hersteller zurück.“

Gerade haben Zabel und Wolff einen Monsterauftrag akquiriert. Wolff als bundesweit bekannte Netzwerkerin (Nettwerk.com) hat die Kontakte, Zabel die Gabe, Leute von sich und der Qualität seiner Arbeit zu überzeugen. Jetzt ist es ihm gelungen, 3000 Wohnblöcke mit Renovierungsstau aus dem Portfolio einer Investmentbank an Land zu ziehen. Crafty wird den Stau jetzt sukzessive abbauen. Darauf leistet sich Herr Zabel im Steakhaus „Maredo“ nebenan einen Salat mit Selters, seit ein paar Monaten ist er Vegetarier, die Restaurantauswahl hat er noch nicht angepasst.

Auch eine Hightech-Kanzlei in München hat er am Haken. Beim Pitch saß er neben lauter Vertretern der Konkurrenz im schnieken Anzug. Er dagegen kam in Jeans und Hemd, wie immer. Kurz lagen die anderen beim Kunden vorn, aber dann kam der monströse Kronleuchter im Foyer ins Spiel, der einmal im Jahr für 80.000 Euro demontiert und gereinigt werden muss. Jetzt war Zabel im Vorteil. Er kletterte auf die Leiter, schaute sich den Leuchter an, holte einen Mitarbeiter herein und ließ ihn das Prunkstück mit einem Spezialprodukt einsprühen, der Dreck tropfte auf ein paar Filzbahnen, der Kronleuchter strahlte wie neu und die Controller der Kanzlei auch. Zabel hatte für die Aktion 500 Euro berechnet. 79 500 Euro gespart. Pitch gewonnen. Eine Win-win-Situation.

Schon im ersten Jahr behauptet Crafty, eine schwarze Null zu schreiben. In fünf Jahren sollen es grün leuchtende 100 Millionen sein. Dann will Crafty neben Berlin, Frankfurt am Main und München in allen größeren Städten Deutschlands präsent sein.

Jetzt muss es die Firma aber erst mal schaffen, Handwerker für das eigene Büro zu organisieren. Am besten bei Crafty. Warum nicht mithilfe von Claudia? ---

Handwerksbetriebe in Deutschland: 1 Million
Handwerker in Deutschland: 5,5 Millionen
Umsatz in Deutschland, in Euro: 612 Milliarden

Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks ZDH, Zahlen für 2018

– Betrieb ist während der üblichen Arbeitszeit telefonisch erreichbar – Kostenvoranschlag nach Vorort-Besichtigung, nicht per Telefon – Termine werden eingehalten – Auto aufgeräumt und nicht vermüllt – Handwerker sauber gekleidet – Arbeitsort danach so sauber wie zuvor – reagiert schnell und kostenlos bei Reklamationen

Quelle: Jens Zabel, Crafty

Fenster: zwei Kappen Spülmittel in fünf Liter Wasser, mit Lammfell-Einwascher auf Fenster auftragen, abziehen
Holzböden: mit Holzseife feucht wischen
Laminat: Reiniger mit 30 Prozent Alkohol verwenden, nebelfeucht wischen
Toilette: Reinigung nach dem Sinnerschen Kreis-Prinzip: einmal pro Woche drei Kappen Dr. Schnell Toilettenreiniger drei Stunden einwirken lassen, Gummihandschuhe anziehen, Abfluss mit Haushaltsschwamm per Hand reinigen (grüne Seite verwenden, niemals die schwarze), vor dem Spülen einen Schuss Seife in die Toilette geben

Quelle: Jens Zabel, Crafty

gegründet 8. Oktober 2018
aktuelle Mitarbeiterzahl: 10
geplante Mitarbeiterzahl 2024: 5000
aktuelle Zahl der fest angestellten Handwerker: 6
geplante Zahl der fest angestellten Handwerker 2024: 4500
aktueller Umsatz pro Jahr in Euro: 500.000
geplanter Umsatz im Jahr 2024 in Euro: 100.000.000

Quelle: Crafty GmbH