Besonders wertvoll

Ist Kunstkritik mehr als ein eleganter Willkürakt? Hier legen namhafte Vertreter ihres Fachs ihre Kriterien offen.




• Nirgends sind Qualitätskriterien so diffus wie in der Kunst. Bewertungen sind abhängig von Moden, Kontextwissen und individuellen Vorlieben. Auszeichnungen spiegeln nicht zuletzt den Zeitgeschmack wider. Kritiker leben allerdings von dem Versprechen, ihre Urteile seien nicht pure Willkür, sondern zumindest der Versuch einer halbwegs nachvollziehbaren Auseinandersetzung mit dem Werk. Wir haben einige nach ihren Kriterien gefragt. Die Auswahl war übrigens streng subjektiv: Wir haben einfach die Kritiker gefragt, die wir selbst gern lesen.


Was macht eine gute Kritik aus?

Leidenschaft, sprachliches Funkeln, Genauigkeit in der Analyse, ästhetische Fundiertheit, Nachvollziehbarkeit der Argumente, Gags.

Ist Objektivität wünschenswert und überhaupt möglich?

Objektivität gibt es nicht, aber wünschenswert und möglich ist die Nachvollziehbarkeit der Kritik, sodass die Leser einschätzen können, ob sie das Urteil teilen oder eben gerade nicht.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Soweit Subjektivität dazu beiträgt, dass die Kritik lustiger und schwungvoller wird, ist sie nicht nur legitim, sondern geboten; das gilt allerdings nur insoweit, als das subjektive Urteil der Veranschaulichung des ästhetischen Erlebnisses dient. Wenn es nur dazu da ist, um über die Befindlichkeit des Kritikers zu informieren (sogenanntes Stuckrad-Barre-Modell), ist es uncool.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Nein.

Welche Frage zu dem Thema würden Sie Ihren Kollegen gern stellen?

Welches Publikum ist Ihnen wichtiger: die normalen Leserinnen und Leser? Oder die Kollegen, Konkurrenten und potenziellen Arbeitgeber aus dem Literatur-, Theater-, Kultur-Betrieb?


Was macht die Qualität eines gelungenen Werkes aus?

Von „gelingen“ würde ich sprechen, wenn es um einen Hefeteig geht, nicht wenn es um Kunst geht. Wenn die Fragen und Themen, die sich ergeben, während ich mich mit den formalen Mitteln, Leser-Erwartungen und dem Kontext beschäftige, aufregend, widersprüchlich und besonders sind, steigt die Chance eines Buches auf eine positive Besprechung enorm.

Ist Objektivität wünschenswert und überhaupt möglich?

Es gibt informiertere und reflektiertere Kritiken, die ich für objektiver halte als Geschmacksurteile.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Geschmacksurteile und subjektive Argumente kommen vor, ich glaube aber, dass man in der professionellen Kritik darüber hinausgehen muss. Das Daumen-hoch-Daumen-runter-Prinzip ist, wie die Amazon-Bewertung, überall zu bekommen. Wenn Leute für Feuilletons und Kritik bezahlen sollen, muss man mehr Arbeit, Wissen, Recherche hineinstecken und darf nicht nur Eindrücke und Meinungen abgeben.

Entwertet es Ihre Kritik, wenn Kollegen ein Werk mit guten Argumenten und Beobachtungen völlig anders beurteilt als Sie? Oder schafft jede Kritik ihre eigene Wahrheit?

Nein, wenn man über ein Buch auf zwei sehr verschiedene Arten reden kann, dann spricht das zunächst mal für die Anschlussfähigkeit und Vielschichtigkeit des Buches. Und wenn der Kollege und ich unsere Kriterien und Herangehensweisen offenlegen, profitieren auch die Leser unserer Kritiken von der Unterschiedlichkeit der Urteile.


„Irrtümer müssen möglich sein. Denn dann sind auch Einsichten möglich.“


Was macht eine gute Kritik aus?

Sie meint, was sie sagt. Sie lässt sich lesen. Sie will nur spielen, beißt aber manchmal doch zu. Sie lässt Rückschlüsse auf ihren Gegenstand zu, aber auch Gedanken, die weiterführen. Sie ist nicht so wichtig.

Was macht die Qualität eines gelungenen Werkes aus?

Es hebt die Laune und stürzt einen in Abgründe.

Gibt es objektive Kriterien?

Nein, gibt es nicht. Nicht einmal die Spieldauer lässt sich von aller Subjektivität bereinigt angeben. Minuten können sehr verschieden lang sein.

Ist Objektivität wünschenswert und überhaupt möglich?

Objektivität ist nicht erreichbar. Das bessere Ideal wäre Verlässlichkeit. Und die erreicht man erst, wenn man als Subjekt des Textes erkennbar wird und seine Kriterien benennt. Bitte nie mit Gerechtigkeit verwechseln!

Entwertet es Ihre Kritik, wenn Kollegen ein Werk mit guten Argumenten völlig anders beurteilen als Sie? Oder schafft jede Kritik ihre eigene Wahrheit?

Vermutlich. Umgekehrt ist es jedenfalls schon vorgekommen, dass ich mit guten Argumenten die Kritiken von Kollegen entwertet habe. Recht haben ist gut. Irrtümer müssen möglich sein. Denn dann sind auch Einsichten möglich.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Nein. Wir tun alle so. Aber: nein. Bitte nicht weitersagen.

Welche Frage würden Sie Ihren Kollegen gern stellen?

Wie toll genau findet ihr meine Arbeit?


Was macht eine gute Kritik aus?

Eine gute Kritik ist Unterhaltung, im Wortsinn: ein Selbstgespräch zunächst, das heißt offenes Überlegen. Aber auch ein Gespräch mit dem Gegenstand der Kritik, der als Gegenüber verstanden werden sollte. Und natürlich ist die Kritik ein Gespräch mit dem Leser. Sie hat die Pflicht zu werten. Sie muss sich darum scheren, ob etwas gelungen ist oder nicht, sonst nimmt sie die Kunst nicht ernst.

Was macht die Qualität eines gelungenen Werkes aus?

Die Auseinandersetzung mit Kunst sollte mehr Energie freisetzen, als man hineinsteckt. Das kann langsam und stetig geschehen oder kurz und heftig. Aber was auf Dauer nur Kraft kostet und zu wenig zurückgibt, ist verschwendete Lebenszeit. Das gilt für Kühlschränke, Menschen und Kunstwerke.

Gibt es objektive Kriterien?

Natürlich nicht. Aber es gibt gut begründete und schlecht begründete Kriterien.

Entwertet es Ihre Kritik, wenn Kollegen ein Werk mit guten Argumenten völlig anders beurteilen als Sie? Oder schafft jede Kritik ihre eigene Wahrheit?

Wenn man sorgfältig argumentiert hat, findet man an der radikalen Gegenposition meistens Schwächen. Aber wo sie einem wirklich gleichermaßen plausibel erscheint, entwertet sie natürlich nichts, sondern ist ein Höhepunkt der Party. Das heißt aber nicht, dass jeder seine eigene Wahrheit schafft, sondern jeder trägt bestenfalls seinen Teil zur Wahrheit bei.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Keine Ahnung. Was schert’s mich? Ernsthafte Kritik mit Witz trägt jedenfalls zur Entfaltung von Schönheit bei. Als Gatekeeper ist sie überflüssig. In manchen Fällen kann sie Anwältin des Abseitigen, des Geschmähten, des Vergessenen, des Komplizierten sein.


Was macht die Qualität eines gelungenen Werkes aus?

Gäbe es eine richtige Antwort auf diese Frage, könnte die Arbeit der Kritiker durch Algorithmen ausgeführt werden.

Gibt es objektive Kriterien?

Nein, denn die Kritik ist nicht das Materialprüfungsamt. Trotzdem können wir nicht anders, als dem, der unserem Urteil über ein Kunstwerk nicht zustimmt, mindestens ein verfehltes Leben oder einen verklemmten Charakter zu attestieren. Oder, wie James Joyce einem Kritiker, der beim „Ulysses“ nicht einmal gelacht haben will, nachrief: Da helfe nur, die Whiskey-Marke zu wechseln. Der Leser war C. G. Jung, by the way.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Wem es nicht gelingt, so zu tun, als ginge von seinem subjektiven Gefühl eine allgemeinverbindliche Dringlichkeit aus, sollte die Feder nicht in die Hand nehmen.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Die Kunst lebt vom Gespräch über sie. Wenn nicht über sie geredet wird, ist sie tot.


Was macht eine gute Kritik aus?

Konzentrierte Beobachtung, verständliche Beschreibung, intellektuelle Tiefe, komplexe Einschätzung.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Subjektive Kriterien sind nur dann zu vermeiden, wenn sie mit dem Gegenstand nichts zu tun haben

Entwertet es Ihre Kritik, wenn Kollegen ein Werk mit guten Argumenten völlig anders beurteilen als Sie? Oder schafft jede Kritik ihre eigene Wahrheit?

Wenn satisfaktionsfähige Kolleginnen und Kollegen zu anderen Einschätzungen kommen, bestärkt mich das in meinem Vertrauen in eine funktionierende Öffentlichkeit.

Welche Frage würden Sie Ihren Kollegen gern stellen?

Machen Sie Ihre Arbeit gern?


„Die Auseinandersetzung mit Kunst sollte mehr Energie freisetzen als man hineinsteckt.“


Was macht die Qualität eines gelungenen Werkes aus?

Ein gelungenes Werk findet eine gute Balance zwischen seinem Thema und seiner Form und positioniert sich dabei auf sinnvolle Weise in den bestehenden künstlerischen Diskurs. Oder es findet einen überzeugenden Weg, genau diese Anforderungen nicht zu erfüllen.

Gibt es objektive Kriterien?

Objektiv bedeutet für mich: argumentativ nachvollziehbar. Boris Groys hat mal gesagt, Kritiker urteilen heute nicht mehr von oben herab, sondern sie stehen auf gleicher Ebene mit dem, was sie bewerten, und können nur noch in eine bestimmte Richtung zeigen. Und immer, wenn sie auf etwas zeigen, zeigen sie gleichzeitig auch auf sich selbst.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Es gibt sehr unterschiedliche Kritikstile und Textsorten, alle haben ihre Berechtigung. Manche Autoren schreiben sehr subjektiv und machen ein Ich zum Protagonisten ihres Textes, andere nehmen sich vollkommen heraus. Beide Varianten können zu guten oder schlechten Texten führen.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Eine Erwähnung in »Monopol« kann für unbekannte Künstler und Künstlerinnen einen wichtigen Karriereschritt bedeuten. Aber insgesamt ist die Bedeutung der Kritik deutlich gesunken. In der Kunst ist der Erfolg weitgehend abgekoppelt vom Erfolg beim Publikum. Es reicht, wenn sich eine kleine Elite – mächtige Galerien und Sammler – auf eine bestimmte Kunstrichtung einigen kann. Wenn der ökonomische Erfolg da ist, ist es auch kein Problem, die Erkläraufsätze für die Kataloge zu bestellen.

Welche Frage würden Sie Ihren Kollegen gern stellen?

Ich würde gern einen weitverbreiteten Irrglauben aufklären: Nein, Kritikerinnen sind nur in den allerseltensten Fällen gescheiterte Künstlerinnen. Und nein, ihre Aufgabe ist nicht ein Service für die Künstler und Künstlerinnen, sondern ein Service für ihre Leser und Leserinnen.


Was macht eine gute Kritik aus?

Distanz zu den Akteuren und zum Zeitgeist. Die sorgfältige Durchdringung des Gegenstandes, inklusive eines Blicks für die Hintergründe und den Kontext.

Gibt es objektive Kriterien?

In formalisierter Form sicherlich nicht. In einem großen zeitlichen Abstand kristallisiert sich meist ein fachliches Urteil heraus, was Bestand hat. Wenn sich der Zeitgeist ändert, kann sich aber auch dieses Urteil verändern. Und natürlich gibt es immer wieder tolle Dinge, die aus dem Blick geraten und vergessen werden.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Meist gehen die vermeintlich subjektiven Urteile aus kollektiven Meinungsbildungsprozessen hervor – so individuell sind sie gar nicht. Oft haben wir es mit Meinungsblasen zu tun. Ein souveränes individuelles Urteil ist sehr erfrischend, aber recht selten.

Entwertet es Ihre Kritik, wenn Kollegen ein Werk mit guten Argumenten völlig anders beurteilen als Sie? Oder schafft jede Kritik ihre eigene Wahrheit?

Ich finde, andere Betrachtungen und Urteile sind eine Bereicherung. Erst in einer Multiperspektivität kann man einem Werk gerecht werden. Es wäre anmaßend, einen singulären Blick für den einzig wahren zu halten.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Es gibt viel zu wenig Kritik und fundiertes Streitgespräch. Die Grenze zwischen Kritik, Lobbyismus und Marketing ist fließend. Was mich sehr nervt, ist die Mode der Criticallity: Kunst, Theater, Architektur, Design sollen stets politisch und kritisch sein oder das zumindest behaupten. De facto ist das aber oft eher eine subtile Form der Selbstprofilierung. Politische Fragen lassen sich nicht mit den Mitteln der Kunst lösen. Das falsche Versprechen wird zur Ersatzhandlung.


Was macht eine gute Kritik aus?

Sie gibt mir mindestens einen Gedanken mit, auf den ich nicht selbst gekommen wäre.

Gibt es objektive Kriterien?

Ich halte den Grad technischer Perfektion bei Bildgestaltung, Maske, Bild- und Tonschnitt für objektiv bestimmbar. Über die Qualität des Films insgesamt sagt das nur noch nicht viel aus.

Sind in Ihrem Metier subjektive Kriterien verbreitet?

Subjektive Kriterien sind in der Filmkritik verbreitet. Ich finde sie nur dann störend, wenn sie geistlos vorgebracht werden.

Entwertet es Ihre Kritik, wenn Kollegen ein Werk mit guten Argumenten völlig anders beurteilen als Sie? Oder schafft jede Kritik ihre eigene Wahrheit?

Wenn mich ein Urteil überzeugt, aber deutlich anders ausfällt, liegt das meistens vor allem daran, dass die Kollegin einen anderen Ausschnitt oder Schwerpunkt gewählt hat. Unsere Kritiken widersprechen sich dann nicht, sondern ergänzen sich.

Ist eine Kritik in Ihrem Metier überhaupt relevant, zum Beispiel für den Erfolg, das Ansehen, das Verständnis eines Werkes?

Für Blockbuster sind Kritiken irrelevant, da entscheiden Pre-awareness und Word of Mouth über den Erfolg. Bei kleineren Filmen können Kritiken für einige Aufmerksamkeit sorgen. Wenn sich die Filme dann aber nicht in den Kinos halten, verpufft dieser Effekt nahezu vollständig.

Welche Frage würden Sie Ihren Kollegen gern stellen?

Was hilft – außer Schlaf – am besten, die eigene Aufnahmefähigkeit wiederherzustellen? ---