Draußen vor der Tür

Alle reden von der Stadt. Doch Vielfalt findet sich anderswo. In der Provinz.





Berlin /
Halleluja, Berlin /
Alle wollen dahin /
Deshalb will ich das auch.
Rainald Grebe, „Brandenburg“

Der Provinzler ist, aufs Ganze gesehen,
politisch und sozial leistungsfähiger als der Großstädter
Carl Amery, 1964

1977 erschien Woody Allens vielfach ausgezeichnete Filmkomödie „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“). Darin wird die Geschichte des überzeugten Großstädters Alvy Singer (gespielt vom Regisseur selbst) und seiner Freundin Annie Hall (Diane Keaton) erzählt. Auf der Suche nach sich selbst laufen sie durch die große Stadt New York.

Die Selbstsucherei in einer anstrengenden Großstadt ist harte Arbeit. Und so verfällt Annie auf die Idee, aufs Land zu ziehen. Alvy hat dazu einen klaren Standpunkt: „Ich kann nicht auf dem Land leben (…), da ist die Manson-Familie.“

Das ist, wenn man schwarzen Humor mag, recht lustig, aber der Stadtneurotiker meint das durchaus ernst. Er wähnt sich kulturell, politisch, sozial als Bewohner der Dachterrasse der Gesellschaft.

Alles andere, was draußen vor der Stadt liegt, ist vielleicht nicht das Terrain berüchtigter Mörderbanden wie die Manson Family, die Ende der Sechzigerjahre die USA in Angst und Schrecken versetzte – wohl aber untere Etage, Souterrain. Wer will da wohnen? Die Stadt steht für große Auswahl und Vielfalt, das Land hingegen für begrenzte Möglichkeiten. In der Stadt kann man jederzeit alles, wenn man es will, jeden Tag in ein anderes Museum oder Theater gehen beispielsweise.

Die Stadt hält ihre Potenziale bereit. Und das Land? Welche Potenziale? Deshalb leben 77,3 Prozent der Menschen in Deutschland in Städten. Noch Fragen?

Jede Menge.

Es fängt schon bei unklaren Zuordnungen an. Was ist Stadt, was ist Land? Welche Städte gehören eindeutig zur Provinz, welche bilden gemeinsam mit anderen ein größeres Ganzes? Wie weit ragen Städte tatsächlich ins Land hinein – ein Thema, das angesichts von knappem Wohnraum und hohen Mieten immer bedeutsamer wird. Und wo gehören die Millionen Pendler hin? Sind das alles Landeier? Oder Stadtgeflüchtete? Wo zahlen sie ihre Steuern? Und gehen sie eigentlich ins Museum und ins Theater?

Wer Bevölkerung in Städten hört, denkt meist an Metropolen wie Berlin, Hamburg, München, Köln oder Frankfurt am Main. Oder doch wenigstens an eine der übrigen 80 deutschen Großstädte, jene Siedlungen mit mehr als 100 000 Einwohnern.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der Großteil der städtischen Bevölkerung lebt in der Provinz, in Kreisstädten, Regionalzentren, den geschmähten Käffern. Die deutschen Großstädte bringen es auf weniger als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Dann gibt es noch knapp fünf Millionen Menschen in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern, also die klassischen Dörfer und Siedlungen. Die große Masse aller Deutschen sind mit rund 50 Millionen Bundesbürgern Provinzler per definitionem.

Es ist ein deutsches Phänomen, dass sich die Mitte nie so wichtig nimmt wie die Ränder. Das gilt für Ortschaften wie für die Wirtschaft. Der Mittelstand, der meist in der Provinz sitzt, ist die bedeutendste Betriebsgröße im Land, kultur- und landschaftsprägend und immer wieder unterschätzt. Das ist irre, besonders dann, wenn über Start-ups und Transformation geredet wird. Die unternehmerische Provinz bildet eine weit stabilere und zuverlässigere Volkswirtschaft als eine, die aus einer Handvoll Konzerne plus mehreren Häuserblocks mit Start-ups besteht, auch weil ihre schiere Zahl, Verteilung und Vielfalt das Risiko großer Totalausfälle minimiert.

Solche Dezentralität finden, Stichwort Netzwerkökonomie, beim Internet alle super, wenn es aber in der realen Welt passiert, gelebte Praxis ist, gilt das vielen Leuten als spießig. Ungefähr so geht es auch den Orten in der Provinz. Nicht groß, nicht klein, so irgendwie. Die Normalität war hier immer auch eine einsame Klasse.

Aber sie hat noch ein paar Anhänger.

Zu ihnen gehört Daniel Mack, geboren in Bad Soden-Salmünster in der tiefen hessischen Provinz des Main-Kinzig-Kreises und aufgewachsen im benachbarten Bad Orb, einer, der sich selbst ein „bekennendes Landei“ nennt. Seit 14 Jahren ist der heute 32-Jährige Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und war von 2012 bis 2014 Abgeordneter im Hessischen Landtag, zuständig für Netzpolitik und Sport. Schon vorher hatte er sich mit seinem Fraktionsvorsitzenden angelegt, dem es nicht gefiel, dass Mack auf seinem Twitter-Account schrieb, wie er die Welt sah – ohne dafür die Fraktion nach ihrer Zustimmung zu fragen. Er bescheinigte seinen Kollegen eine „Zentralkomitee-Manier“, mit der sie seine persönliche Meinung genehmigen wollten. Nach dem Ausstieg aus der Tagespolitik ging Mack nach Berlin, wo er als Kommunikationsberater und Blogger lebt und arbeitet – genauer gesagt: auch lebt und arbeitet.

Wenn er seinen Standort wechselt, das Milieu am Berliner Prenzlauer Berg mit dem in seiner Heimatstadt Bad Orb – knapp 10 000 Einwohner, Kurort – tauscht, komme er, sagt Mack, „in eine andere Welt“. Und nach Jahren des Vergleichs lautet sein Urteil: Diese Welten passten immer weniger zusammen. Sie ergänzten sich nicht mehr, seien keine Alternativen, sondern zunehmend Gegensätze. Das sei ein Problem.

Dabei, so meint Mack, ist es nicht das Land, die Provinz, der dabei die Rolle der selbstgerechten konservativen Blase zukommt. Die Provinz erscheint ihm weitaus fortschrittlicher als die Großstadt. Aus einem einfachen Grund: „Die urbane Kultur hat den Anschluss an die Realität verloren. Sie versteht nicht mehr, was da draußen vor sich geht.“ Dabei zählten die, die in Berlin und anderswo in den urbanen Zentren „mit massiver Arroganz von den Abgehängten auf dem Land reden“, so Mack, allmählich selbst zu den vom Zug Abgekoppelten. Ein wesentlicher Grund für vielfach konstatierten Vertrauensschwund in die Politik liege in der Unfähigkeit der Politiker, „ihr eigenes Land zu verstehen“ – und das dürfe man ruhig wortwörtlich nehmen. „Landes- und Kommunalpolitik wird als ehrlicher empfunden. Da ist die Rückkopplung direkter und unmittelbarer.“

Die Geburtshelfer der alten Bundesrepublik hatten – aufgrund der Lehren aus der jüngeren Geschichte – die Provinz bewusst stärken wollen. Der Föderalismus, von vielen bis heute als Kleinstaaterei diskreditiert, war der kluge Versuch, ein Gegengewicht zur Zentralisierung zu schaffen, die dem Land nie Gutes gebracht hatte. Das dezentrale Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg als Provisorium gedacht, erwies sich als Modell der Vielfalt, in dem keines der Zentren so stark war, als dass es nicht auf die anderen hätte hören müssen.

Die Bundesrepublik war ein moderner, offener Verbund der Provinzen, die sich deutlich voneinander unterschieden, aber sich auch gegenseitig brauchten. Das ging mit der Wiedervereinigung und der Renaissance des Zentralismus zu Ende. Nun wurde Bundespolitik gemacht, und zwar nur noch Bundespolitik. Die Provinz wurde zur Seite geschoben. Ihre Themen und Sorgen wurden vernachlässigt und kleingeredet.

Was war das schon gegen die große historische Aufgabe der Wiedervereinigung? Wie so oft steckte hinter den großen Worten allerdings wenig praktischer Sachverstand. Und die Berliner Blase machte sich alsbald selbstständig. „Der Bund sah nichts mehr außer sich selbst“, sagt Mack. Kam etwa eine aus der Landespolitik mal mit einem guten Vorschlag, so Mack, hieß es bald: „Aber kennt die sich denn in Berlin aus?“

Das war die einzig relevante Referenz. Das hat mit konkreter Politik, mit der Fähigkeit, den Wandel zu gestalten, nichts zu tun. So wenig wie die Vorstellung, dass „Start-ups die Zukunft der Wirtschaft sind“, sagt Mack, „und die kann natürlich nur in Berlin stattfinden, irgendwo in Friedrichshain, mit 60 bis 70 Wochenstunden und 50 Millionen Umsatz und null Gewinn“. Man habe hier eine „geschlossene Gesellschaft, die sich von der Lebensrealität des Landes abgesetzt hat“. Das räche sich, mit Stillstand und Rückschritten. Mack ist überzeugt: „Die Modernisierungsverlierer sitzen nicht im Mittelstand und in Provinz- und Kreisstädten.“ Sie sitzen in den hippen Quartieren und in einer Politik, die ihre Auftraggeber „die Menschen da draußen“ nennt, was bezeichnend ist.

Es sind die Leute, mit denen man nichts zu tun haben will, weil man sich lieber mit sich selbst beschäftigt. Wo sich Stadt und Land berührten, komme es zum „Clash of Culture“, sagt Daniel Mack. Das gilt nicht nur, aber vor allem für Berlin. Was als Zentrum gedacht war, wird zum Reservat.

Was Mack beklagt, hat Wurzeln, die tief zurückreichen in unsere Geschichte und Kultur. Wenn es um Stadt und Land geht, meinen wir immer Zentrum und Umland. Die Macht sitzt im Zentrum, der Rest, der diese Macht ernährt, drum herum. Der Zentralismus ist eine Ideologie, die im Römischen Imperium entstanden ist, der Schablone aller westlichen Gesellschaften bis heute.

Rom war ein straff geführter Zentralstaat. Die Eroberung der gesamten bekannten Welt diente nur dem Wohl der Stadt Rom selbst, für deren „Senatus Populusque Romanus“, also „Senat und Volk von Rom“ man sorgte. Diese Zweckformel trugen Legionäre auf Standarten voran, sie war die wichtigste Allgemeine Geschäftsbedingung. Wo sie auftauchte, wurden die Eroberten zu rechtlosen Zulieferern der bessergestellten Stadtbevölkerung und deren Führungseliten.

Alle Wegen führten nach Rom. Die Römer beraubten die Provinz aber nicht nur, sie belehrten sie auch beständig. Menschen und Völker, die kein Zentrum kannten oder dem Prinzip der Vereinheitlichung nicht so viel abgewinnen konnten, nannten die Römer Barbaren, was ursprünglich so viel wie „Stammler“ bedeutete, jemand also, der sich nicht richtig ausdrücken konnte. Stammler sind natürlich Dummköpfe.

Diesem Stigma konnte man nur entrinnen, wenn man sich Rom unterwarf, politisch, kulturell und sozial. Damit gehörte man nun zur Zivilisation, ein Wort, das sich aus dem lateinischen civis – für Bürger – ableitet. Drinnen ist zivilisiert, draußen – in der Provinz – lebt der Barbar, der Mensch zweiter Klasse.

Viele Jahrhunderte nach Einführung dieser Ordnung von Stadt und Provinz saßen im 18. Jahrhundert im schönen Paris die Aufklärer in ihren warmen Salons und definierten die Welt neu. Eines der wichtigsten Ergebnisse war: Zivilisation, Stadt und Bürgertum wurden nun gleichgesetzt.

Wer in der Encyclopédie française die entsprechenden Stichwörter nachliest, merkt gleich: Die ganzen schönen Gesellschaftsverträge der Weltverbesserer waren für die eigenen coolen Leute gedacht, freie Bürger, die in Städten das Recht auf Selbstentfaltung einfordern durften. Alle anderen galten als doof.

Mit der industriellen Revolution wachsen die Städte rasant. Der Industrialismus fördert das Zentrale. Mobilität ist teuer, da bündelt man am besten seine Kräfte. Die Arbeit kommt nicht mehr zu den Menschen, sondern die Menschen zur Arbeit. Das schafft die Großstadt, wie wir sie kennen. Die neuen Machthaber sind die Bürger der Städte, die Bourgeois, wie sie Karl Marx und Friedrich Engels mit ihrem französischen Namen ansprechen.

In ihrem Kommunistischen Manifest von 1848 bejubeln sie die Dominanz der Stadt gegenüber der Provinz und dem Land: Die urbane Bourgeoisie „hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen“ und „enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen“. Der nüchtern schlaue Stadtbürger, der Zivilisierte, zeigt dem barbarischen Landei, wo der Hammer der Aufklärung hängt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Provinz vor den Toren der Stadt liegt oder in Übersee. Die Bourgeoisie habe nicht nur „das Land von der Stadt“, sondern auch „die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident abhängig gemacht“.

Dahinter steckt das alte Überlegenheitsgefühl der intellektuellen Städter gegenüber den vermeintlich dummen Provinzlern. Es ist diese uralte, sich immer wieder neu aufladende Geschichte, dass man nur dort klüger werden kann, wo schon alle sind. Die Zivilisation, wie sie bisher in Erscheinung trat, grenzt sich ab und andere aus. Sie ist unterentwickelt und oberflächlich und alles andere als inklusiv. Sie führt dazu, dass die Provinz als zweite Wahl gilt. Leute, die Auto fahren, Fleisch essen, die falschen Parteien wählen und nicht die gleichen Serien bei Netflix gucken wie wir.

Doch Vorurteile beruhen oft auf Gegenseitigkeit.

Die Stadt steht seit Langem für Wissensarbeit, das Land in der Tradition der Landwirtschaft, also der harten Maloche. Kopfarbeiter in der Kultur der Hemdsärmel-Aufkrempler – das ist so eine Sache. Akzeptiert werden oft nur Wissensarbeiter, die irgendetwas Praktisches basteln: Ingenieure, Maschinenbauer, Techniker halt, zupackende Macher. Intellektuelle Wissensarbeiter gelten schnell als spinnert, als Gestörte. Dass die dann nicht mal zum Feuerwehrfest kommen oder schon wieder nicht beim Karnevalsumzug dabei waren, kreidet man ihnen als Arroganz an.

Da haben wir es wieder: Kultur zählt, und damit ein toleranter Umgang mit Unterschieden.

Auch die mittelständischen Maschinenbauer brauchen ihre Kreativen und immer mehr davon. Innovationskultur ist kein städtisches Privileg. Wenn man aber immer nur nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ handelt, wird’s schwierig. Die alte Weisheit aus dem Mittelalter Stadtluft macht frei – sie gilt auch heute noch, und Freiheit, das heißt immer noch, was das Wort seit jeher bedeutete: in Ruhe gelassen zu werden. Man mag die damit einhergehende Anonymität als Gleichgültigkeit verstehen oder aber als Freiraum. Das kann die Stadt, das muss die Provinz erst noch lernen.

Auch sie beurteilt oberflächlich, nach dem Aussehen, der Form. Tatsächlich unterscheiden sich die Szene-Kieze in Friedrichshain, Kreuzberg oder Hamburg-Ottensen gar nicht so sehr von Provinzkäffern, die Einordnung und Mitmachen verlangen, soziale Unterwerfung also. Wer nicht mitmacht, ist schnell draußen. Wer das zulässt, der fördert die Dummen, die Dogmatischen, die Mitläufer – hier wie dort. Man verjagt seine Talente. Darin ist die Provinz der Stadt immer noch überlegen. Sie kann nicht gut mit „anders“.

Und das hat Folgen. Der Schriftsteller und Aktivist Carl Amery, der sich durchaus der Vorteile der Provinz bewusst war, hat 1964 in einem Essay für die »Zeit« diese Haltung als einen „Zustand permanenter Gekränktheit“ beschrieben. Das führt zu einer Paradoxie.

Sie folgt einem Reim des Satirikers F. W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche /waren früher selber welche.“ Viele arrogante Städter kommen eigentlich aus der Provinz. Ihre fast schon pathologische Urbanität baut auf dem Versuch, ihre ungeliebte Herkunft abzustreifen, den Stallgeruch also. Die Hipster-Quartiere der Großstädte sind voll von diesen Provinzflüchtlingen. Die größte Angst des Provinzlers in der Stadt ist es, als das Klischee erkannt zu werden, an dessen Aufrechterhaltung er selbst unermüdlich arbeitet.

Das ist nicht nur schlecht. Die Wut, die aus der Kränkung entsteht, setzt eine Menge Energie frei. Man will es dem Kaff zeigen. In dem Andy Warhol gewidmeten Song „Small Town“ singen Lou Reed und John Cale davon: „There is only one good use for a small town (…). You know that you want to get out.“ Der einzige Zweck eines Kaffs ist es, dass einem klar wird, dass man dort weg muss. Das ist ein Zitat Warhols, der zwar aus dem 300 000 Einwohner großen Pittsburgh stammte, aber dessen Provinzialität hasste. Stahlarbeiter, die sich über Kopfarbeiter lustig machen. Solche Biografien gibt es oft. Selbstbestimmung ist Schwerstarbeit.

Die Frage ist jedoch auch, was dieser Tätigkeit folgt: Führt die Emanzipation dazu, dass man sich weiterentwickelt, oder fällt man von einem Klischee ins nächste? Wird aus den in der Provinz unterschätzten Talenten in der Stadt dann jemand, der die Vorzüge der Provinz übersieht? Gibt es dann noch jemanden, der über die Mauern der Stadt nach draußen gucken kann?

So macht man keine Zukunft. Man macht sich Illu- sionen.

Die Wissensgesellschaft verlangt uns aber nüchternes Handeln ab. Es geht nicht um Gegensätze, es geht um Ergänzungen, um die richtige Auswahl.

Städter, die nicht erkennen, welches Potenzial die Provinz in der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft hat, werden verlieren.

Und die Provinz, die Kreative und Kopfarbeiter nicht mit offenen Armen aufnimmt und für sie Freiräume bereithält, ebenfalls. Es wird Zeit, dass die Orte sich den Menschen anpassen, nicht umgekehrt.

Passt, würde Franz Dullinger sagen. Der Regionalentwickler und Berater lebt in der bayerischen Gemeinde Niederalteich am Ufer der Donau. Die hat knapp 2000 Einwohner, ist also auch statistisch gesehen echte Provinz. Es gibt eine barocke Basilika mit angeschlossenem Benediktinerkloster und ausgesprochen unternehmerische Bewohner.

Dullinger, der mal Ashoka-Stipendiat war, ist auch im Gemeinderat tätig, als Mitglied im Haupt-, Sozial- und Finanzausschuss. Ein Funktionär? Im Gegenteil, sagt er: „Wir sind ja nicht in der Bundespolitik, wo es nur abstrakte Bürger gibt, um die man sich kümmern muss. Wir kennen uns untereinander, haben einen Vor- und Zunamen und reden miteinander.“

Sein Job sei es, anderen etwas zu ermöglichen, sagt er. „Das ist im Grunde genommen ein Prinzip, das in Kleinstädten, Dörfern, auf dem Land, in der Provinz immer schon normal war. Große Politik ist es gewohnt, für die Leute vornewegzudenken, und die müssen das dann nachvollziehen. Das ist die Logik der Zentrale. So etwas haben wir hier aber nicht.“

Dafür haben sie in Niederalteich eine Realität, die ein anderes Menschenbild pflegt. Das heißt: Die Leute wissen schon selber, was gut für sie ist. Sie brauchen keine Zentrale, die ihnen das erklärt. Deshalb sage er, so Franz Dullinger, auch immer: „Wir tun nix. Ihr tut was. Und wir unterstützen euch dabei, dass ihr es tun könnt.“

„Supportive Leader“ heißt das. „Die Provinz hat das, was in einer komplexen Welt jeder vermisst: Übersichtlichkeit. Wir haben kurze Wege, wir wissen, wer was kann, Fachleute sind schnell ausgemacht.“

Für jede unternehmerische Tätigkeit sei das ideal, sagt Dullinger: „Die Leute, die lieber fest angestellt bei einem Konzern arbeiten wollen, die machen in der Stadt Karriere – das ist völlig okay. Aber diejenigen, die was verändern wollen, was unternehmen, die kommen immer öfter raus in die Provinz.“ Das liege nicht nur an den niedrigeren Mieten und an der Ruhe, die für Wissensarbeiter eine wichtige Ressource ist. „Man sieht hier einfach die Zusammenhänge schneller“, meint Dullinger.

Zusammenhang, das ist die freie Sicht auf die Praxis. Ein Durchblick, der in Zeiten wie diesen Veränderung möglich macht – ohne dass man sich darin verliert.

Für den Zukunftsforscher Klaus Burmeister von der Initiative D2030 ist das der springende Punkt, wenn er von der Kraft der Provinz spricht, von den Transformationspotenzialen, die Kleinstädte haben – und die „ein Modell für die ganze Gesellschaft sein können. Kleinstädte schaffen eine hohe Vertrautheit für ihre Bürger, und das heißt: Man weiß, was man ist, und auch, was man kann.“ In Zeiten der Veränderung und Desorientierung sei das entscheidend: „Man lernt in der Provinz, wie man mit knappen Ressourcen Lösungen findet. Man weiß sich zu helfen, weil man die Probleme direkt und unmittelbar kennt.“

Ob man nun Initiativen für Schulen, Kitas, die Belebung der Innenstadt oder besseres Breitband-Internet ins Leben ruft, ob man pfiffige Ideen für Mobilität ausprobiert – im Milieu der Provinz finden die Menschen, die das tun wollen, leichter zusammen. „Unsere Provinz kann uns allen, auch den Städtern, beibringen, wie man Transformation robuster gestaltet, sich nicht ausgeliefert fühlt, wenn sich die Rahmenbedingungen grundsätzlich ändern. Das betrifft alle.“

So gesehen wären die Provinzler die „Agenten des Wandels“, denen man viel genauer zusehen müsse – statt, wie die städtischen Eliten, hochnäsig über das Land zu schwadronieren oder sich in „Landlust-Illusionen zu verlieren“, sagt der Zukunftsforscher.

Burmeister spricht sich gegen eine „von oben gelenkte Ansiedlungspolitik“ aus und will lieber die Mittel den Kommunen direkt zur Verfügung stellen. Die wüssten besser, was man damit machen kann. Und er setzt auf die Gründung einer „Kleinstadt-Akademie“, die noch in diesem Jahr realisiert werden soll. „Es geht darum, dass die Kleinen voneinander erfahren, dass die Provinz sich austauscht und vernetzt. Es gibt unzählige großartige Lösungen“, sagt Burmeister. Hier könne man lernen, wie die real existierende Zivilgesellschaft aussieht. Ganz praktisch.

Sie liegt draußen, vor der Tür. ---