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Wieder da

Der Trend nach Westen ist vorbei. Seit einigen Jahren ziehen Ostdeutsche wieder zurück in jene Kleinstädte und Dörfer, in denen sie geboren wurden. Oder einfach so aufs Land. Wie ist es in der alten und doch neuen Heimat? Sechs Stadtflüchtlinge berichten.





Crinitz, Brandenburg, 1180 Einwohner



„Das Einzige, was uns hier fehlt, ist Pizza Hut.“

– Er ist in Berlin geboren und aufgewachsen, sie in Freiberg, Sachsen. Die beiden haben sich in Berlin kennengelernt. Seit zehn Jahren sind sie ein Paar und arbeiten zusammen.

– Ihr gemeinsames Modelabel heißt Lüllepop. Cathleen Reinheckel istModedesignerin und kombiniert in ihren Entwürfen Latex mit verschiedenen Stoffen. Sie fertigt die Stücke nach Maß und verkauft sie online. Ihr Mann ist Fotograf, er macht auch die Mode-Shootings.

– 2014 sind sie mit ihrer dreibeinigen Dogge, einer Katze und einer Erdnatter von Berlin nach Crinitz gezogen.

Die Gründe: Keine Lust mehr auf Berlin und jeden Morgen zwei Stunden im Stau stehen, dazu der Lärm und die Hektik. Sie wollten Ruhe, Natur und ein eigenes Haus mit Garten.

brand eins: Ist es hier so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Cathleen Reinheckel: Es ist noch viel schöner, als wir gedacht haben.

André Gawanka: Vielleicht kommen die Nachteile, wenn wir älter sind und mal schnell ins Krankenhaus müssen oder zu einem bestimmten Arzt. Oder wenn der Lebensmittelladen schließt. Jetzt gibt es hier keine Nachteile.

Sie sind als Fremde in ein Dorf gezogen. Wie war das?

André G.: Klar waren wir erst mal die Neuen. Aber als wir alles zum Laufen gebracht hatten, im Haus und mit der Arbeit, sind wir zum Osterfeuer gegangen und zum Töpfermarkt. Mittlerweile kennen wir einige Leute hier, und sie kennen uns. Der Zusammenhalt ist stark, ein bisschen wie in einer Großfamilie.

Wie waren die Reaktionen, als Sie erzählt haben, dass Sie Latex-Mode machen?

Cathleen R.: Witzigerweise hatte sich das schon vorher rumgesprochen, weil unser Logo auf unserem Auto drauf ist. Bei Latex denken viele an Masken und Ganzkörperanzüge, an Fetisch, aber so was machen wir nicht. Es haben mittlerweile sogar schon ein paar Leute aus der Region bei mir gekauft.

Hat das Leben auf dem Land Sie verändert?

Cathleen R.: Wir sind entspannter geworden. Früher haben wir sieben Tage die Woche durchgearbeitet, jetzt machen wir auch mal Urlaub. Bei Sonne natürlich am Pool in unserem Garten. Beruflich läuft es auch besser. Ich glaube, weil wir nicht mehr so gestresst sind und einen freien Kopf haben.

André G.: Stadt macht irgendwann krank. Dass hier jeder jeden grüßt, war aber eine Umgewöhnung für uns. In der Großstadt rennt ja jeder mit dem Kopf nach unten durch die Straßen.

Was genießen Sie hier am meisten?

Cathleen R.: Die Ruhe, die Natur und die Inspiration dadurch. Dass wir hier unser Eigenes haben und damit machen können, was wir wollen, ohne jemanden fragen zu müssen.

André G.: Wir sind mitten im Naturschutzgebiet, das ist wunderschön. Auch für Fotos.

Und was nervt?

Cathleen R.: Im Dorf kommt keiner auf die Idee, Model zu werden. Für Shootings müssen immer welche aus Berlin kommen.


 

Welche Schulnote würden Sie Ihrem Leben hier geben?
Beide: „Eine 1.“

Können Sie sich vorstellen, für immer hierzubleiben?
Beide: „Ja.“

Finsterwalde, Brandenburg, 16.267 Einwohner



„In der Provinz darf man kreativ sein, hier ist noch Platz für Ideen.“

– Sie ist in Finsterwalde, er in einem Nachbarort aufgewachsen. Steffi Hädicke ist Sozialpädagogin, hat in Leipzig und Cottbus studiert und in der Jugend- und Flüchtlingshilfe gearbeitet. Seit ihrer Jugend beschäftigt sie sich mit Make-up und Kosmetik.

– Sebastian Christoph hat Wirtschaftsgeografie in Berlin studiert, seine Masterarbeit in den USA geschrieben, ebenfalls in der Flüchtlingshilfe und nebenher als Fotograf gearbeitet.

– 2015 haben sie sich bei einem gemeinsamen Job in Berlin kennengelernt und beschlossen, in Finsterwalde eine Firma zu gründen.

– Seit 2016 gibt es „mir&mich“: im Angebot Make-up und Fotografie. Im April 2019 haben sie ihren zweiten Laden in Finsterwalde eröffnet.

– Steffi Hädicke hat zwei Kinder und lebt seit ihrem Studium wieder in Finsterwalde, Sebastian Christoph ist 2016 aus Berlin dorthin zurückgekehrt.

Seine Gründe: „Ich wurde so ein bisschen opimäßiger und wollte lieber sonntags mit meinen Eltern in ihrem Haus am See sitzen, Kaffee trinken und Kuchen essen, statt durch Berlin zu hetzen. Und natürlich die gemeinsame Firma.“

Sebastian Christoph: „In Berlin gibt es das, was wir machen, hundertmal, in Finsterwalde nur uns. Aber auch die Firmen und die Leute hier wollen professionelle Fotos, für Social Media, die Homepage oder ihre Hochzeit. Steffi macht das Make-up, ich die Fotos. Ich mag die kurzen Wege, und man kennt sich. Das hilft, auch beruflich. Trotzdem habe ich mich hier noch nie beengt gefühlt. Vielleicht sind die Finsterwalder nicht so kleinstädtisch, weil Berlin und Dresden nicht so weit weg sind?

Man gibt hier weniger Geld aus. In der Großstadt wird man ständig zum Geldausgeben animiert. Günstiger ist mein Leben trotzdem nicht geworden, ich habe jetzt ein Auto. Ich kann was bewegen, aber auch meine innere Spießigkeit ausleben – ich mag es hier. Und auch wenn ich nicht alle kenne: Ich fühle mich zu 100 Prozent als Finsterwalder.“

Steffi Hädicke: „Hier gibt es sehr viele aktive Menschen, die was auf die Beine stellen wollen. Mangel aktiviert, sage ich immer. Wo nichts ist, kann man viel schaffen. Für unseren Laden zahlen wir nicht mal 300 Euro Miete, da kann man sich trauen, Dinge auszuprobieren. Ein bisschen Großstadt in die Kleinstadt bringen. Wir haben Kitas, Schulen, ein Kino, Restaurants, alles Essenzielle. Was mich aber oft stört, ist das Denken: Das mache ich schon immer so, also ändere ich nichts. Hier fehlen Möglichkeiten und bei vielen auch der Wille, sich weiterzubilden.

Und leider werden Gründer nicht besonders gefördert. Das ist schade, denn wir sind mittlerweile einige. Eines muss einem natürlich auch klar sein, wenn man herzieht: Die Region Elbe-Elster ist nicht Berlin oder Köln, man verdient hier deutlich weniger.“


 

Welche Schulnote würden Sie Ihrem Leben hier geben?
Steffi Hädicke: „Eine 1– bis 2+.“ Sebastian Christoph: „Eine 2. Ein bisschen Luft nach oben muss es ja immer geben.“

Können Sie sich vorstellen, für immer hierzubleiben?
Sebastian Christoph: „Nö. Aber die nächsten Jahre auf jeden Fall.“ Steffi Hädicke: „Ich habe es schon sehr muckelig hier.“

Wilkau-Haßlau, Landkreis Zwickau, Sachsen, 9801 Einwohner



„Vielleicht ist mein Problem, dass ich so viel erlebt und immer das Tolle in einem Land und seinen Menschen erkannt habe. Das habe ich im Kopf und vermisse es in vielen Situationen. Aber natürlich gibt es keinen Ort, an dem all das vereint ist.“

– Er ist in Wilkau-Haßlau aufgewachsen, hat nach dem Abitur 1976 in Moskau Bergbau studiert und danach bis 1991 im Kombinat Kali gearbeitet, mit 31 war er dort Strategiechef.

– Weil sich nach der Wende ein Ende seiner Karriere im Kombinat abzeichnete, machte er einen zweijährigen Master of Business Adminis-tration in Harvard (Steffen Leistner: „Ich war der erste und der einzige Ossi in Harvard.“)

– Von 1993 an arbeitete er 22 Jahre lang als Berater und Partner für Booz Allen Hamilton (ab 2014 Teil von PwC) und lebte unter anderem in New York, Berlin und Moskau.

– 2016 zog Leistner nach Wilkau-Haßlau zurück, er wohnt im nahe gelegenen Zwickau.

Warum sind Sie zurückgekehrt?

„Es gab zwei Gründe: Mein Bruder Jens fragte mich, ob ich mit ihm unser Familienunternehmen weiterführen will, und ich wollte näher bei meiner Freundin sein.“

„Mit 17 bin ich von hier weg und mit knapp 60 wiedergekommen. Ich wollte meinen Bruder in unserer Druckerei unterstützen. Er leitet sie seit der Wende, mein Urgroßvater hat sie 1901 gegründet, im Grunde da, wo wir jetzt sitzen. Es ist keine einfache Branche, der Wettbewerb ist extrem. Aber wir stehen jetzt schon viel besser da als 2015, als er mich gefragt hat, ob wir das zusammen weitermachen. Auch weil wir zwei Wettbewerber aufgekauft haben. Wenn du zu klein bist, sind moderne Druckmaschinen zu teuer und zu leistungsfähig. Man braucht genügend Aufträge, damit sich die Anschaffung lohnt.

Außerdem wollte ich näher bei meiner Freundin sein, sie ist Landärztin in der Nähe von Erfurt. Das sind 170 Kilometer, im Vergleich zu Moskau ist das um die Ecke. Wir haben uns vor zwölf Jahren auf einem Klassentreffen hier wiedergesehen und gefunden. Ich war auch mal verheiratet. Aber es kam, wie mein Mentor am Anfang zu mir sagte: Als Berater wirst du ständig unterwegs sein, es gibt zwei Möglichkeiten – ihr werdet geschieden, oder ihr habt mehr als vier Kinder, das hält die Ehe zusammen. Er hatte sieben Kinder, ich hatte keine.

Im Vergleich zu meinem früheren Job und dem Leben in der Großstadt ist es hier total entschleunigt. Ein Jahr New York ist so wie drei Jahre auf dem Land, man lebt in Großstädten viel intensiver. Einfach weil das Angebot größer ist und man mehr mitnehmen will. Das hier ist zwar immer noch meine Heimat, aber das Kleinstadtmilieu ist für mich nicht einfach. Die Leute interessieren sich oft nur für sich und die lokale Situation. Und sie sind typisch deutsch: fast immer unzufrieden.

Mir fehlen kulturelle Angebote, und die Gastronomie in einer Großstadt ist auch eine andere. Unter der Woche bin ich gern hier, am Wochenende fast nie. Da fahre ich lieber mit meiner Freundin nach Berlin oder besuche Freunde in Moskau oder Istanbul. Ich engagiere mich ehrenamtlich in einem Druckverband und in einem Kunstverein. Trotzdem frage ich mich oft: Ist das genug? Was kann ich beitragen, um Sachsen nach vorn zu bringen, auch politisch gesehen? In der DDR waren alle gewissermaßen gleich, seit der Wende gibt es hier einige enttäuschte Schicksale. Wie gehen wir mit ihnen um? Was mich sehr befremdet, ist, dass vielen hier Werte wie Respekt, Offenheit und Toleranz, die früher normal waren, abhanden gekommen sind.“



Welche Schulnote würden Sie Ihrem Leben hier geben?
„Eine 2–.“

Können Sie sich vorstellen, für immer hierzubleiben?
„Schwierig. Wenn es die Firma nicht gäbe, wäre ich ganz sicher nicht hier.“

Marienberg, Erzgebirge, Sachsen, 17.117 Einwohner



„Heimat ist für mich eine blühende Frühlingswiese mit einem großen Tisch, darauf ein Riesenstrauß und mindestens zwölf Teller. Gleich kommen Freunde, wir verbringen den ganzen Tag zusammen, die Kinder spielen im Garten, abends gibt es ein Lagerfeuer. Das habe ich hier.“

– Sie wurde in Chemnitz geboren, wuchs im Umland auf, die Wochenenden verbrachte sie im Ferienhaus ihres Vaters in der Nähe von Marienberg. Nach dem Abitur studierte sie Malerei und Grafik in Halle und in Wien.

– Von 1987 bis 2000 war Steinert bei Werbeagenturen in Frankfurt am Main und in Wien, für ihre Kampagnen erhielt sie zahlreiche Preise.

– Mit 30 lernte sie in Ägypten ihren ersten Mann kennen, sie bekamen drei Kinder. Von 2001 bis 2005 arbeitete sie freiberuflich in Kairo.

– 2006 kehrte sie als alleinerziehende Mutter nach Sachsen zurück, lebte erst im Ferienhaus der Eltern und gründete ihre Werbeagentur Beduinenzelt. Dann zog sie nach Marienberg.

– 2015 heiratete sie Gerd Steinert; die Agentur betreibt das Paar gemeinsam unter dem Namen August Stark, außerdem führt es eine Pension. Im März 2018 gründete Andrea Steinert das Rückkehrernetzwerk, das Menschen unterstützt, die nach Sachsen zurückziehen wollen.

Ihre Gründe: „Ich wollte, dass meine Kinder auf eine deutsche Schule gehen, und ich wollte nicht länger Miete zahlen.“

„Es war wunderschön, wieder zurück zu sein. Das Gefühl, Ausländer zu sein, war weg. Trotzdem musste ich ganz neu anfangen. Meine Eltern waren weggezogen, hier hatte sich alles verändert. Der Ort, meine früheren Freunde und ich mich auch. Am Anfang habe ich gar nicht so gemerkt, dass ich nicht mehr dazugehöre. Als mir das klar wurde, gab es eine Phase, in der ich darüber traurig war. Dann habe ich mich neu orientiert und Gleichgesinnte gesucht. Viele meiner Freunde hier sind auch Rückkehrer oder wie mein Mann Hierbleiber, die aber sehr aktiv sind und etwas verändern wollen.

Ich wollte für meine Kinder, dass ich die Tür aufmache und sie raus in den Garten können. Hier hatte ich nie Angst, dass sie gleich überfahren werden, und ich muss sie auch nicht 20 Minuten mit dem Auto durch eine Großstadt fahren, wenn sie Freunde treffen oder zum Badminton wollen. Im Nachbarort steht gerade ein Dreifamilienhaus zum Verkauf. 800 Quadratmeter Grundstück, 35 000 Euro. Ich selbst habe 2010 eine Villa mit 2000 Quadratmetern Garten gekauft. Sie war in keinem guten Zustand, natürlich war das für mich als alleinerziehende Mutter ein Risiko. Aber hier gibt es Immobilien zu so unglaublichen Preisen – wer da nicht zugreift, ist verrückt.

Wenn ich Kunden erzähle, wo ich herkomme, denken sie, ich bin bescheuert. Sachsen: schlimm, Erzgebirge: noch schlimmer, Marienberg: schrecklich! Dabei ist die sächsische Provinz ein wirtschaftliches Kleinod. Wir haben viele mittelständische Unternehmen hier, und ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, um eine Firma zu haben. Durch die Digitalisierung kann ich vom Garten aus arbeiten, für Kunden auf der ganzen Welt.

Ich finde Marienberg nicht sonderlich attraktiv. Was die Optik anbelangt, haben viele sächsische Ortschaften Nachholbedarf. Die Leute auch. Aber die Flüsse sind jetzt sauber, die Straßen ohne Schlaglöcher, wir haben Schulen, Kindergärten, Geschäfte und ordentliche Autos. Den Leuten geht es besser als vor der Wende. Als Rückkehrerin habe ich all diese Verbesserungen und Chancen gesehen und verstehe oft nicht, warum alle so schimpfen.“



Welche Schulnote würden Sie Ihrem Leben hier geben?
„Ich bin stolz, dass ich so viele Kinder habe, ich habe einen tollen Mann und mache beruflich das, was auch mein Hobby ist. Eine klare 1.“

Können Sie sich vorstellen, für immer hierzubleiben?
„Ja.“